Als Abkomme
eines alten
Adelsgeschlechts
wurde Ewald
Friedrich
von
Hertzberg
1725 in
Hinterpommern
geboren.
Wäre er der
Familientradition
gefolgt, so
hätte er
wohl den
Berufsweg
eingeschlagen,
der im 18.
Jahrhundert
einem
pommerschen
Landedelmann
gewissermaßen
vorgezeichnet
war: den
Offiziersdienst
in der Armee
oder die
Betätigung
als
Landwirt.
Statt dessen
war er vom
Vater für
ein
Universitätsstudium
ausersehen,
auf das er
schon im
Knabenalter
durch den
Besuch des
Gymnasiums
in Stettin
vorbereitet
wurde. Im
Jahre 1742
bezog er die
Universität
Halle, um
sich dem
Studium der
Rechte zu
widmen. Er
hörte
Vorlesungen
bei
Christian
Wolff, dem
berühmtesten
Vertreter
der
deutschen
Aufklärungsphilosophie,
und bei
Johann Peter
Ludewig,
einem der
führenden
Staatsrechtslehrer
seiner Zeit.
Als
Dissertation
legte er
eine
Abhandlung
über das
"Jus
publicum
Brandenburgicum"
vor. Da ihr
das
Preußische
Kabinettsministerium
aus
politischen
Gründen die
Druckerlaubnis
versagte,
verfaßte er
in kürzester
Frist eine
zweite
Dissertation
über
Kurfürstentage
und
Kurfürstenvereine,
mit der er
1745 den
juristischen
Doktorgrad
erwarb.
Auf Grund
seiner
gediegenen
juristischen
Vorbildung
erlangte
Hertzberg
seine erste
Anstellung
als
Hilfsarbeiter
beim
Geheimen
Kabinettsarchiv
in Berlin -
eine
Verwendung,
die für sein
gesamtes
späteres
Wirken
bedeutsam
werden
sollte. Das
Geheime
Kabinettsarchiv
war die
außenpolitische
Rüstkammer
des
Preußischen
Staates. Es
diente in
erster Linie
der Sammlung
von
Rechtstitel
verbürgenden
Dokumenten,
mit denen
sich die
älteren
Erwerbungen
Preußens
begründen
und aus
denen sich
neue
Ansprüche
ableiten
ließen. Dem
jungen
Hertzberg
eröffnete
sich hier
ein
Arbeitsfeld,
das er bald
wie kein
anderer
beherrschen
sollte. Er
erwarb sich
eine
bewundernswerte
Kenntnis
aller
Rechtsansprüche
und
Erbverträge
des
Hohenzollernhauses
sowie seiner
genealogischen
Verbindungen,
die ihm
stets
gegenwärtig
waren. Als
ihn in
späteren
Jahren
Friedrich
Wilhelm II.
mit
Nachforschungen
über die
Verwandtschaft
der
Kurfürsten
von
Brandenburg
mit den
Königen von
Ungarn
beauftragte,
konnte er
stolz von
sich sagen:
"Ich habe es
nicht nötig,
darüber
Nachforschungen
anzustellen,
ich weiß das
alles
auswendig."
Wie sehr
auch die
archivarische
Tätigkeit
seinen
besonderen
Anlagen
entsprach,
so vermochte
sie ihn doch
nicht voll
zu
befriedigen.
Er sah darin
nur eine
Vorstufe für
den Eintritt
in den
diplomatischen
Dienst, den
er mit
brennendem
Ehrgeiz
erstrebte.
Nach Meinung
seines
Vorgesetzten,
des
Ministers
Heinrich von
Podewils,
fehlte ihm
aber für den
diplomatischen
Dienst, der
andere
Qualitäten
erfordert
als
gelehrtes
Wissen und
entsagungsvollen
Fleiß, die
rechte
Eignung.
Nicht ohne
Bedenken
genehmigte
der König
1747 seine
Ernennung
zum
Legationsrat
unter
Beibehaltung
seiner
Stelle im
Archiv, mit
dessen
Leitung er
1750 als
Nachfolger
Ilgens
betraut
wurde. Um
ihm die Ehe
mit einer
Dame aus
vornehmem
Hause, einer
Tochter des
Ministers
Dodo von
Knyphausen,
zu
ermöglichen,
wurde er
1752 zum
Geheimen
Legationsrat
ernannt. Im
Ministerium
oblag ihm
seit 1754
die
Redaktion
der
wichtigeren
Depeschen an
die
Auslandsvertretungen
Preußens.
Der Ausbruch
des
Siebenjährigen
Krieges
eröffnete
ihm neue
Wirkungsmöglichkeiten.
Er war der
Verfasser
des
berühmten
Mémoire
raisonné,
mit dem
Friedrich
der Große
den
Einmarsch in
Sachsen
nachträglich
zu
rechtfertigen
suchte. Auch
während des
Krieges
hatte er den
preußischen
Standpunkt
publizistisch
zu
vertreten,
um
schließlich
bei
Kriegsende
selbst als
diplomatischer
Unterhändler
in
Erscheinung
zu treten.
Im Frühjahr
1762 hatte
er den
Vertrag
vorzubereiten,
der den
Krieg mit
Rußland
beendete. Im
Jahr darauf
führte er in
Hubertusburg
mit den
österreichischen
und
sächsischen
Bevollmächtigten
die
Verhandlungen
über den
endgültigen
Friedensschluß.
Er erwarb
sich dabei
die volle
Zufriedenheit
des Königs.
In
Anerkennung
seiner
Verdienste
wurde er im
April 1763
zum 2.
Etats- und
Kabinettsminister
neben dem
Grafen Finck
von
Finckenstein
ernannt.
Im Rückblick
auf sein
Leben hat
Hertzberg in
seiner
Beteiligung
am
Hubertusburger
Friedensschluß
den
Höhepunkt
seiner
Laufbahn
gesehen. Er
erreichte
den
ersehnten
Aufstieg zum
Ministeramt,
doch blieb
trotz der
bedeutenden
Rangerhöhung
sein Einfluß
auf die
Führung der
preußischen
Außenpolitik
eng
begrenzt.
Die von
Friedrich
dem Großen
ausgebildete
Form der
monarchischen
Selbstregierung
beließ
seinen
Ministern
nur wenig
Handlungsspielraum.
Da er alle
wesentlichen
Entscheidungen
selbst traf,
waren seine
Außenminister
nicht mehr
als
hochrangige
diplomatische
Gehilfen des
Königs.
Schon daß es
im
friderizianischen
Preußen
immer zwei,
zeitweise
sogar drei
Kabinettsminister
gab,
kennzeichnet
das
Unselbständige
ihrer
Stellung.
Dazu
gesellten
sich bei
Hertzberg
noch weitere
Hemmnisse,
die seinem
politischen
Einfluß
entgegenstanden.
Sie lagen
zum Teil in
seiner
Person,
ergaben sich
aber vor
allem aus
der
eigenartigen
"Janusköpfigkeit
seiner
Existenz" (Klueting).
Auch als
Staatsmann
blieb
Hertzberg
immer der
gelehrte
Archivar,
der die
politischen
Verwicklungen
der
Gegenwart
von seinem
Studienzimmer
aus
betrachtete.
Wie
Friedrich
der Große
selbst, war
auch
Hertzberg
durchdrungen
von der
Überzeugung,
daß
Österreich
Preußens
Hauptgegner
sei und
bleibe. Er
vertrat sie
jedoch mit
einer
doktrinären
Schärfe, die
ihm oft
genug den
Blick für
das
politisch
Mögliche
verschloß.
So mußte er
mit
wachsender
Verbitterung
feststellen,
daß seine am
Kartentisch
erklügelten
Tausch- und
Teilungspläne
unbeachtet
blieben.
Ihre
zunehmende
Entfernung
von den
Gegebenheiten
der
spätfriderizianischen,
auf die
Bewahrung
des
Erreichten
gerichteten
Außenpolitik
zeigte sich
bei der
ersten
polnischen
Teilung,
erst recht
aber bei der
Regelung der
bayerischen
Erbfolgefrage.
Zu den
Friedensverhandlungen
in Teschen
(1779) wurde
er nicht
herangezogen
und immer
deutlicher
bekam er zu
spüren, daß
er bei
Friedrich
dem Großen
in keinem
hohen
Ansehen
stand.
Erst der
Thronwechsel
von 1786
leitete hier
einen Wandel
ein.
Friedrich
Wilhelm II.
war
Hertzberg
gewogen und
zeichnete
ihn durch
die Erhebung
in den
Grafenstand
und die
Verleihung
des
Schwarzen
Adlerordens
sichtbar
aus. Die
Jahre 1786
bis 1789
waren dann
auch "der
kurze
Höhepunkt
seiner
langen
Ministerzeit"
(Klueting).
Hertzbergs
"großer
Plan", der
französisch-österreichischen
Allianz
einen
"Nordbund"
zwischen
England,
Preußen und
Rußland
entgegenzustellen,
entsprach
bis zu einem
gewissen
Grade dem
natürlichen
Anlehnungsbedürfnis
des
bündnislosen
preußischen
Staates.
Durch das
englisch-preußische
Bündnis von
1788 wurde
er teilweise
verwirklicht,
ist aber als
Ganzes
gescheitert.
Die
komplizierten
Tauschprojekte,
auf denen er
beruhte,
wurden von
den
beteiligten
Mächten
nicht einmal
diskutiert,
und er war
vollends
überholt,
als der
König 1790
die
Konvention
von
Reichenbach
mit
Österreich
abschloß.
Die damit
eingeleitete
Wende der
preußischen
Politik -
die
Annäherung
an
Österreich -
widersprach
dem
Grundgedanken
von
Hertzbergs
System. Sie
hat ihn dem
Monarchen
entfremdet
und zu einer
schrittweisen
Ausschaltung
des
Ministers
von den
politischen
Geschäften
geführt.
Schon 1791
reichte er
sein
Entlassungsgesuch
ein. Es
wurde zwar
nicht
angenommen,
doch blieb
ihm die
Leitung der
auswärtigen
Geschäfte
entzogen.
Hertzberg
hat diese
Zurücksetzung
als schweres
Unrecht
empfunden.
Er konnte
sich nicht
damit
abfinden und
hat den
König
weiterhin
mit
unerbetenen
Ratschlägen
und
Denkschriften
bestürmt.
Enttäuscht
und
verbittert,
mit seinem
Schicksal
hadernd und
zuletzt von
schwerer
Krankheit
heimgesucht,
ist er knapp
70jährig
gestorben.
Hertzbergs
Wirken im
Dienste des
preußischen
Staates
erschöpfte
sich nicht
in seiner
wenig
erfolgreichen
Tätigkeit
als
Außenminister.
Daneben
widmete er
sich einem
Aufgabengebiet,
das den
besonderen
Gaben seiner
Gelehrtennatur
sehr viel
besser
entsprach.
Was ihn vor
allen
anderen
preußischen
Ministern
seiner Zeit
auszeichnete,
waren die
Vielseitigkeit
und der
weite Umfang
seiner
geistigen
Interessen.
Mit Recht
hat man ihn
als den
gebildetesten
Minister
bezeichnet,
den Preußen
vor Wilhelm
von Humboldt
besessen
hat. Das ihm
angemessene
geistige
Wirkungsfeld
fand er in
der Akademie
der
Wissenschaften,
der er seit
1752
angehörte
und zu deren
Kurator er
nach dem
Thronwechsel
1786
bestellt
wurde. In
dieser
Eigenschaft
hat er eine
Reform der
Akademie
eingeleitet,
die -
jedenfalls
in einer
Hinsicht -
bewußt mit
der
friderizianischen
Tradition
brach: in
der
Verdrängung
des
französischen
Elements,
das in der
Akademie so
lange
vorgeherrscht
hatte, durch
fünfzehn
Neuberufungen,
von denen
zwölf
Deutsche
waren und
nur drei der
französischen
Kolonie
angehörten.
Was aber
seinem
Wirken im
Schoße der
Akademie
besonderes
historisches
Interesse
sichert,
sind die
berühmten
Festreden,
die er
zwischen
1780 und
1793 an den
jährlichen
Gedenktagen
der Akademie
gehalten hat
- dem
Geburtstag
Friedrich
des Großen
und seit
1786 auch
Friedrich
Wilhelms II.
Was diese
Vorträge so
denkwürdig
macht, ist
nicht ihr
durch den
Anlaß
gebotenes
Herrscherlob,
sondern die
darin
entwickelte
Auffassung
von der
stabilen
Grundstruktur
und
gesellschaftspolitischen
Überlegenheit
des
spätabsolutistischen
Preußen.
Sind doch
alle seine
"Akademiereden
ein großer
und in sich
zusammenhängender
Versuch" (Klueting),
die Kritiker
des
preußischen
Staatswesens
zu
widerlegen.
Was
Hertzberg
vor allem zu
entkräften
suchte, war
der von
manchen
Zeitgenossen,
am
wirkungsvollsten
von Mirabeau
in seiner
Monarchie
Prussienne
geäußerte
Zweifel an
der
Fortdauer
des
preußischen
Staates in
seiner durch
Friedrich
den Großen
geschaffenen
Gestalt. Als
künstliche
Schöpfung
eines
einsamen
Genies durch
überdimensionale
Rüstung und
gnadenlose
Überanstrengung
der
Untertanen
emporgetrieben,
könne
Preußen
angesichts
seiner
geringen
Bevölkerungszahl,
seines
geringen
Umfanges und
seines
Mangels an
natürlichen
Ressourcen
seinen Platz
als Jüngste
unter den
europäischen
Großmächten
in Zukunft
nicht
behaupten.
Es sei
gewissermaßen
dazu
verurteilt,
wieder zur
Bedeutungslosigkeit
eines
deutschen
Territorialstaates
herabzusinken.
Demgegenüber
suchte
Hertzberg in
seinen
statistisch
untermauerten
Darlegungen
die
Festigkeit
und
Dauerkraft
der
preußischen
Monarchie zu
erweisen.
Sie war für
ihn keine "puissance
éphémère".
Vielmehr
trug ihr Bau
"in allen
Teilen den
Stempel der
Beständigkeit"
(Dilthey).
Es mag für
Hertzberg,
den als
Staatsmann
so oft und
so bitter
Enttäuschten,
eine späte
Genugtuung
bedeutet
haben, daß
er sich als
Apologet des
preußischen
Machtstaates
durch die
Zeitläufte
bestätigt
fühlen
durfte.
Stand doch
der Staat
Friedrichs
des Großen
noch immer
unerschüttert
da, als die
älteste
absolute
Monarchie
Europas im
Strudel der
Französischen
Revolution
versank. Es
liegt
historische
Symbolik in
dem
zeitlichen
Zusammentreffen,
daß
Hertzberg
seinen
letzten
Vortrag in
der Akademie
am 24.
Januar 1793
gehalten hat
- drei Tage
nachdem
Ludwig XVI.
in Paris das
Schafott
bestiegen
hatte.
Lit.:
P Bailleu:
Graf
Hertzberg,
in: Ges.
Aufsätze,
1924,
61-104. - W.
Dilthey:
Friedr. d.
Gr. u. die
deutsche
Aufklärung,
Ges. Schr.
III, 1927,
191-200. -
St. Skalweit:
Hertzberg,
in: Neue
Deutsche
Biographie
8, 715 -
717. - H.
Klueting:
Hertzberg,
in: Die
Lehre von
der Macht
der Staaten,
1986,
236-273. -
Ders.: Ewald
Friedr. v.
H. - preuß.
Kabinettsminister
unter
Friedrich d.
G. u. Friedr.
Wilhelm II.,
in: J.
Kunisch
(Hg):
Persönlichkeiten
im Umkreis
Friedr. d.
Gr., 1988
135-152.
Bild: Kupferstich von I.S.
Klauber nach
einem
Gemälde von
F.
Schroeder.
Bildarchiv
Preußischer
Kulturbesitz.
Stephan
Skalweit