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1534 schrieb Johannes
Heß (Hesse, Hessus) zum Entwurf einer neuen evangelischen
Kirchenordnung: „Wir Pfarrherren und Prediger sind wie Fuhrleute, die
nicht fahren können, wohin sie gern wollten, sondern auf Pferd und Wagen
sehen, wie weit sie kommen könnten.“ In diesem realistisch-nüchternen
Votum drückt sich die ganze Eigenart jenes Mannes aus, der auf
mancherlei Umwegen zu einer der Führungsgestalten der Reformation in
Breslau werden und deren Charakter maßgebend bestimmen sollte. Der
süddeutsche Patriziersohn studierte in Leipzig (1505/10) und Wittenberg
(1510/12) an der artistischen und juristischen Fakultät, gewann Anschluß
an den mitteldeutschen Humanismus und 1513 eine erste Position als Notar
in der Kanzlei des Breslauer Bischofs Johann Thurzo in Neisse, der ihn
bald darauf mit Kanonikaten in Neisse und Brieg auszeichnete. Seit 1514
widmete sich Heß auch der Erziehung des Sohnes Joachim des Herzogs Karl
von Münsterberg/Oels, der später als evangelischer Bischof von
Brandenburg wirken sollte. Kanonistische und theologische Studien
führten Heß 1517 im Anschluß an einen Aufenthalt in Wittenberg nach
Bologna und Ferrara, wo ihm, der inzwischen auch ein Kanonikat an der
Breslauer Kreuzkirche innehatte, das theologische Doktorat zuteil wurde.
Auf der Rückreise von Italien machte Heß zur Jahreswende 1519/20 erneut
Station in Wittenberg, wo er mit Luther in nähere Verbindung trat und
Melanchthons Freundschaft gewann. Als Heß am 3.6.1520 Breslau ordiniert
wurde, waren seine reformatorischen Neigungen bekannt, so daß er nach
dem Tod seines Gönners, Bischof Thurzo von Breslau, nach Oels an
den Hof des Herzogs auswich, bis ihn am 19.5.1523 der Breslauer Rat
aufforderte, eine Predigerstelle an der Stadtkirche St. Maria Magdalena
zu übernehmen. Trotz des Widerstandes des Breslauer Bischofs, Johann von
Salza, konnte Heß am 21.10.1523 als Prediger durch den Rat, der damit
entscheidenden Schritt für die Durchsetzung der Reformation in Stadt
wagte, installiert werden. Als Heß im Februar 1524 seine „Axiomata“ über
das Wort Gottes im Gegensatz zu Menschensatzungen, Christi Priestertum
im Gegensatz zum Meßopfer und die göttliche Einsetzung des Ehestandes im
Gegensatz zum Zölibat erscheinen ließ, wurde damit die endgültige
Durchsetzung der Reformation in Breslau eingeleitet. Im Ergebnis der in
der Breslauer Dorotheenkirche vom 20. bis zum 22.4. abgehaltenen
feierlich-akademischen Disputation über die „Axiomata“ beschied der Rat
die breslauer Prediger, sie hätten in der Evangeliumspredigt sich an dem
Vorbild von Heß zu orientieren, nur durch die Schrift Belegtes vorragen
und deshalb alle menschlichen Traditionen und Auslegungen der
Kirchenväter fortzulassen. In der Folgezeit bemühte sich Heß konsequent
– unter fortdauernder Anerkennung der Jurisdiktion des nicht zur
Reformation übergegangenen Bischofs – um die Erneuerung des städtischen
Kirchen- und Schulwesens. In Liturgie und kirchlichen Gebräuchen wurden
nur die unbedingt erforderlichen Änderungen vorgenommen. Mustergültig
war Heß' Einsatz für die Verbesserung des Sozialwesens in Breslau. Als
der Rat hierbei zögerte, soll Heß in einen Predigtstreik getreten sein
und erklärt haben, er wolle nicht „über seinen lieben Herrn Christum,
der vor den Kirchenthüren liege, hinüberschreiten“. Daraufhin wurde am
7.5.1525 eine Armenordnung erlassen, durch die dem Straßenbettel
abgeholfen wurde. Im gleichen Jahr noch entstand als schönstes Denkmal
für die soziale Gesinnung der reformatorisch gesinnten Kräfte das
Breslauer Allerheiligenhospital (heute: Wojewodschaftskrankenhaus „J.
Babiński“). Heß, der zweimal verheiratet war, blieb sein ganzes Leben
Pfarrer an St. Maria Magdalena, „nahm aber faktisch die Rolle des
leitenden Geistlichen des reformatorisch gewordenen Territoriums wahr“
(Seils). Am 5.1.1547 starb er, den man nicht ohne weiteres als
„Reformator“ Breslaus oder gar Schlesiens bezeichnen darf, würde man
damit doch den Charakter der Breslauer Kirchenerneuerung, an deren
Zustandekommen etwa auch der Rat so entscheidenden Anteil hatte,
verzeichnen. In gelehrten Studien beschäftigte sich Heß insbesondere mit
dem Alten Testament, den Kirchenvätern, der Territorialgeschichte und
der Archäologie unter Einschluß der Numismatik. Zu größeren und
weiterwirkenden Veröffentlichungen hat es der hochgebildete und über
weitreichende wissenschaftliche Beziehungen verfügende Humanist jedoch
nicht gebracht. Seine Geschichtsdarstellung „Silesia magna“ blieb
ungedruckt und ist seit langem verschollen. Weithin noch ungenutzt sind
die – allerdings weit verstreuten – Heß-Briefe, aus denen die Eigenart
ihres Verfassers genauer zu erfahren wäre. Ebenfalls noch nicht
gründlich ausgewertet worden ist die Bibliothek von Heß, deren Bestände
– mit vielen Marginalien von seiner Hand – hauptsächlich in Dresden und
Ottobeuren erhalten geblieben sind.
Die Bedeutung, die der
Nürnberger Johann Heß für Breslau und darüber hinaus dann auch für
Schlesien gewann, kann nicht überschätzt werden. Er vereinigte Klarheit
in der Sache mit dem entschiedenen Willen zum Ausgleich, wie schon aus
seinem Antwortschreiben an den Breslauer Rat hervorgeht, mit dem der
1523 auf dessen Berufung reagierte: „Das Amt eines Predigers des Kreuzes
Christi, nicht des Ruhmes der Welt ist es, nicht sich selbst zu predigen
und das Seine zu suchen, sondern das, was zum Heile der Glaubenden
dient.“ Und weiter: „Am meisten muß man sich davor hüten, daß nicht aus
dem Evangelium des Friedens durch unsere Schuld uns eines der Zwietracht
wird.“ So rasch sich auch der Einfluß Luthers in Schlesien bemerkbar
gemacht hatte, so sehr muß doch auch die Eigenständigkeit der
schlesischen Entwicklung betont werden. Typisch dafür ist etwa die
Anweisung des Breslauer Rats an seine Vertreter auf dem Grottkauer
Fürstentag 1524: „Würde Luthers und seiner Bücher gedacht, so sei zu
antworten, man habe damit nichts zu schaffen. Schreibe aber Luther dem
Worte Gottes gemäß, so habe man das Wort Gottes angenommen, nicht die
Person.“ Die „Kleinstaaterei“ im Schlesien des 16. Jahrhunderts
verhinderte die Etablierung einer zentralen Reformatorengestalt. Und das
– zutiefst humanistisch motivierte – Insistieren auf dem Wort Gottes
allein, ohne alle Bindung an Führungspersönlichkeiten nach dem Schlage
Luthers, beförderte eine „schonsam-konservative Form“ der Reformation,
„die keine neue Unordnung aufkommen ließ“ (Kretschmar), ermöglichte es,
daß Obrigkeit und Bevölkerung gemeinsam für die Erneuerung der Kirche
wirkten.
Gewiß hat Heß nicht von
der existenziellen Sünden- und Rechtfertigungserfahrung Luthers her
Theologie getrieben, ihm öffnete sich der Zugang zu dem „reinen Wort
Gottes“ auf jenen Wegen, die der Humanismus geebnet hatte. Daß die
Reformation in Breslau und Schlesien trotz ihres vermittelnden und
ausgeglichenen Charakters in Stadt und Land, im Adel, bei Bürgern und
Bauern wirklich heimisch geworden war, sollte sich in den Stürmen der
Gegenreformation zeigen, in denen das schlesische Luthertum seine
härteste Bewährungsprobe durchzustehen hatte.
Lit.: Werner Bellardi:
Johann Heß, in: Schlesische Lebensbilder 4, Sigmaringen 1985 (l2.
Aufl.), S. 29-39; Kurt Engelbert: Die Anfänge der lutherischen Bewegung
in Breslau und Schlesien, in: Archiv f. Schlesische Kirchengeschichte
18, 1960, S. 121-207; 19, 1961, S. 165-232; 20, 1962, S. 291-372; 21,
1963, S. 133-214; 22, 1964, S. 177-250; Manfred P. Fleischer:
Späthumanismus in Schlesien. Ausgewählte Aufsätze = Silesia 32, München
1984; Johannes Köstlin: Art.: Heß, Johann, in: Realencykloplädie für
protestantische Theologie und Kirche 7, Leipzig 1899 (3. Aufl.), S.
787-793; Georg Kretschmar: Die Reformation in Breslau I. Ausgewählte
Texte = Quellenhefte zur ostdeutschen und osteuropäischen
Kirchengeschichte 3/4,Ulm 1960; Werner Laug: Johannes Heß und die
Disputation in Breslau von 1524, in: Jb. für Schlesische
Kirchengeschichte NF 37,1958, S. 23-33; Peter Maser: Die Reformation in
den ostdeutschen Ländern, in: Deutsche Ostkunde 29, S. 59-73, bes.
S.
67 ff; Martin Seils: Art.: Heß, Johannes, in: Theologische
Realenzyklopädie 15, Berlin/ New York 1986, S. 260-263 (Lit.).
Peter Maser
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