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David Hilbert entstammte
einer Familie von Kleinbürgern, Handwerkern und Handelsleuten, die im
18. Jahrhundert aus Brand in Sachsen nach Königsberg gekommen war.
Hilberts Vater wird als „ein etwas einseitiger Jurist, von so
regelmäßigen Gewohnheiten" geschildert, „daß er täglich den gleichen
Spaziergang machte..., wenig zufrieden mit der ungewöhnlichen Laufbahn,
die sein Sohn einschlug, und lange Zeit voll Mißtrauen in ihren Erfolg."
Demgegenüber wird die Mutter, die der Königsberger Kaufmannsfamilie
Erdmann entstammte, „eine eigenartige Frau" genannt, „die mit Vorliebe
philosophische und astronomische Schriften las und Primzahlen
berechnete."
Von 1870 an war
David Hilbert Schüler des Friedrichskollegs in Königsberg. 1879
wechselte er auf das Wilhelms-Gymnasium über, wo er 1880 das Abitur
bestand. Sein Universitätsstudium absolvierte er,
vom zweiten Semester, das er in Heidelberg
verbrachte, abgesehen, ebenfalls in Königsberg. Die Königsberger
Mathematiker standen in jenen Jahren im „Banne" Hermann Minkowskis, der,
1864 zu Alexotas bei Kowno geboren und somit noch zwei Jahre jünger als
Hilbert, jedoch ein halbes Jahr früher als dieser immatrikuliert, da er
mit nur 15 Jahren sein Abitur bestanden hatte, „bereits bahnbrechend auf
zahlentheoretischem Gebiet hervorgetreten war
und im April 1883 den Großen Preis der Pariser Akademie erhalten hatte".
Hilbert freundete sich mit Minkowski an; die ungemein befruchtende
Freundschaft sollte bis zu dessen frühem Tod im Jahre 1909 währen.
Am 11. Dezember 1884
promovierte Hilbert bei dem seit 1883 in Königsberg wirkenden
Mathematiker Ferdinand von Lindemann. Im Mai 1885 legte er das
Staatsexamen in den Fächern Mathematik und Physik ab. Nach
Studienaufenthalten in Leipzig und Paris habilitierte sich Hilbert 1886
in Königsberg mit der Arbeit. Über einen allgemeinen Gesichtspunkt
für invariantentheoretische Untersuchungen im binären Formengebiete.
Die folgenden Jahre, die er Privatdozent in Königsberg verbrachte, sind
durch eine rege Publikationstätigkeit gekennzeichnet. Nach fast
sechsjährigem Wirken als Privatdozent wurde Hilbert 1892 zum
Extraordinarius an der naturwissenschaftlichen Fakultät der Königsberger
Universität berufen. Im Oktober desselben Jahres heiratete er Käthe
Jerosch. Sie entstammte wie seine Mutter einer Königsberger
Kaufmannsfamilie.
1895 erfolgte Hilberts
Berufung auf einen mathematischen Lehrstuhl der Universität Göttingen.
Seine Lehrtätigkeit nahm er hier am 22. Juni 1895 auf. 1899
veröffentlichte er das Werk Grundlagen der Geometrie, dessen
großer Erfolg vor allem seiner „philosophischen Richtung, der radikalen
Abstraktion von der Anschauung und ihrem Ersatz durch logische
Verknüpfungen" zugeschrieben worden ist. Daß die Grundlagen den
glanzvollsten Abschnitt in Hilberts wissenschaftlicher Karriere
eröffneten, verdeutlicht eindrucksvoll der Internationale
Mathematiker-Kongreß in Paris im Jahre 1900. An ihm nämlich nahm Hilbert
nicht nur als Vorsitzender der Deutschen Mathematiker-Vereinigung teil,
sondern er vermochte hier auch mit dem Vortrag, der „Mathematische(n)
Probleme(n)" gewidmet war, zu brillieren.
Neben Hilbert wirkten
damals in Göttingen noch Hermann Minkowski, der von Königsberg zunächst
nach Zürich und von dorther berufen worden war, Felix Klein und Carl
Runge. Es waren diese vier, die Göttingens Ruf als Hochburg der
Mathematik begründeten. In einem derartigen Umfeld entfaltete sich auch
die Hilbert-Schule. Zwischen 1901 und 1914 gingen aus ihr mehr als 40
Dissertationen hervor, darunter die der nachmals bedeutenden
Mathematik-Professoren Hermann Weyl (Professor in Zürich, Göttingen und
Princeton/USA), Richard Courant (Professor in Göttingen und Washington)
und Erich Hecke (Professor in Göttingen und Hamburg).
Hilberts Intelligenz war
überragend. Es verwundert daher nicht, daß er unter anderem wesentliche
Beiträge zur Relativitätstheorie beisteuerte. 1907 veröffentlichte er
seinen berühmten Zahlenbericht (Theorie der algebraischen
Zahlkörper), 1908 bestätigte er die Vermutung von Warning (1770), daß
sich jede ganze Zahl als Summe einer festen Anzahl n-ter Potenzen
darstellen läßt. Einen hohen Bekanntheitsgrad erreichten seine 1924
zusammen mit Richard Courant veröffentlichten Methoden der
mathematischen Physik. Ehrungen sind Hilbert in vielfacher Form
zuteil geworden. Sieht man von mehreren durch ihn abgelehnten Berufungen
einmal ab, sind die zu seinem 60. und zu seinem 70. Geburtstag
ausgerichteten eindrucksvollen Feierlichkeiten zu nennen; 1930 verlieh
ihm seine Vaterstadt Königsberg die Ehrenbürgerrechte. Zur Analyse der
mathematischen Begabung wird unterschieden zwischen „Erfindungsgabe",
welche „neuartige Denkgebilde" hervorbringt, und „Spürkraft", welche „in
die Tiefen der Zusammenhänge eindringt und die vereinheitlichenden
Gründe findet." Die Bedeutung Hilberts basierte auf seiner überragenden
„Spürkraft".
Werke:
Gesammelte Abhandlungen,
3 Bde., Berlin 1932-35.
Lit.:
Otto Blumenthal, in:
Naturwissenschaften, Bd. 10 (1922), S. 65-104. - Ders.,
Lebensgeschichte, in: David Hüben,
Gesammelte Abhandlungen, 3. Bd., Berlin
1935, S. 388-429.
Konrad Fuchs
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