Das erste
„Fundament der Wissenschaft“ legte Gebhard Himsel(ius) nach eigenem
Bekunden in den Schulen der Heimatstadt Salzwedel. Im Anschluß
besuchte er unter dem Rektor Sigismund Evenius das Gymnasium in
Magdeburg und bezog 1625 die Universität Leipzig, wo er Medizin
studierte und durch den Licentiaten Philipp Müller in der
Fortifikation unterrichtet wurde. Im Anschluß war er als Konrektor
in Tangermünde an der Elbe tätig und lernte hier beim Obristen
Lohausen (unter General Fuchs) die Festungsbaukunst. Die erworbenen
Kenntnisse erweiterte Himsel u.a. bei der zehnmonatigen Belagerung
Magdeburgs und durch Wallensteins Obrist Arnheimb, in Wittenberg
unterrichte ihn Ambrosius Rhodius in der Fortifikation. Schließlich
nahm er in Helmstedt bei einem Italiener namens Vincentio, der unter
Obrist Cereboni diente, Privatunterricht.
Spätestens seit November 1631 hielt er sich in Reval auf und beriet
den Rat bei der Befestigung der Stadt. Vermutlich hatte ihn sein
ehemaliger Lehrer Evenius, der
aus dem zerstörten Magdeburg fliehend einem Ruf in das Rektorat am
Revaler Gymnasium folgte, zur Mitfahrt nach Livland bewegen können.
Obwohl Evenius Reval noch im selben Jahr wieder verließ, blieb
Himsel und wurde 1632 als Schreib- und Rechenmeister an das
Gymnasium berufen. Bereits im Juni des folgenden Jahres ging er
jedoch nach Åbo, um seine medizinischen Kenntnisse zu erweitern und
vermutlich den Doktorgrad zu erwerben; schon 1634 war er wieder als
Mathematiklehrer (Arithmeticus) am Revaler Gymnasium zu finden, wo
er bis mindestens 1648 tätig war. Da er sich aber 1665 und auch in
weiteren Jahren bis mindestens 1670 als „Professor honorarius“ für
Mathematik bezeichnete, arbeitete er wohl auch weiterhin
- zumal
nach der verheerenden Pest von 1657
- als
Arithmeticus.
Nach
seiner Rückkehr 1634 trat Himsel zugleich das vakante Amt des
städtischen Medicus und Physicus an, nachdem der vorherige Stadtarzt
Johann Andreae die Anstellung aufgekündigt hatte, weil der Rat den
wiederholten Bitten um Abstellung der Kurpfuscherei und anderer
Mängel im Gesundheitswesen nicht nachgekommen war. Im Gegensatz zu
seinem Vorgänger band Himsel sich durch Eid an die Stadt, wurde
Mitglied der Großen Gilde und heiratete am 19. Juni 1637 die Tochter
eines Revaler Ratsherrn, Brigitta von Schoten. Nach deren Tod ging
Himsel am 18. November 1658 mit Elisabeth Stampeel, der Schwester
des Bürgermeisters Andreas Stampeel, die Ehe ein. Wie zahlreiche
Eingaben an den Rat belegen, hatte der Medicus unter vielen
Unzulänglichkeiten und Verletzungen seiner Privilegien durch
Wanderärzte zu leiden. Probleme bereitete darüber hinaus die
Apotheke der Stadt, deren Oberaufsicht Himsel nach dem Tod des
Apothekers Johann Burchart im Jahre 1636 übernahm, da der
vorgesehene Nachfolger und Erbe noch unmündig war. Die Verwaltung
führten ehemalige Gesellen, doch da es zum Streit zwischen dem
Verwalter und der Witwe Burcharts kam, infolgedessen der Verwalter
sein Amt verließ, beschloß der Rat 1638, die Apotheke künftig selbst
zu verwalten. Himsel beklagte 1640 jedoch das nicht länger haltbare
Fehlen eines Verwalters, so daß der Rat den Arzt Theodor Olitzschius
aus Narva berief und mit der Leitung der Apotheke beauftragte. Man
gestand diesem zusätzlich die übliche Befreiung von bürgerlichen
Abgaben sowie die freie Ausübung von ärztlicher Tätigkeit in Reval
zu, was selbstverständlich für Himsel erneute Konkurrenz bedeutete.
Olitzschius trat das Apotheker-Amt nicht an, nutzte hingegen die
Privilegien bereitwillig. Während er sich
- ganz
offensichtlich mit Zustimmung des Rates
- bis
1646 als Arzt in Reval betätigte, pachtete Himsel nun von 1640 bis
1649 die Apotheke vom Rat und führte sie auf eigene Rechnung.
Auch die
Tätigkeit als Ingenieur für den städtischen Festungsbau führte
Himsel fort. 1636 fertigte er ein Gutachten über die Stadtmauer
zwischen der Lehm- und der Schmiedepforte an, seit 1637 leitete er
dann die Arbeiten an der Stadtbefestigung, die allerdings aufgrund
unterschiedlicher Probleme immer wieder für längere Zeit
unterbrochen wurden. Im Jahre 1647 erschien in Reval Himsels „Florilegium
Fortificatorium tripartitum“, eine mit zahlreichen Kupfertafeln
ausgestattete deutsche Anleitung zur Kriegsbaukunst. Daraufhin wurde
Himsel im August des Jahres mit dem Entwurf und der Durchführung
eines Verteidigungswerkes vor der Großen Strandpforte beauftragt,
gleichzeitig verpflichtete man
ihn als städtischen Ingenieur, wofür er ab 1651 ein jährliches
Gehalt von 200 Reichstalern erhielt. Obwohl aus Bemerkungen des
schwedischen Reichsschatzmeisters de la Gardie von 1658
hervorgeht, daß Himsel bei der Konstruktion der Wallanlage Fehler
gemacht hatte, arbeitete dieser bis in die siebziger Jahre an den
Befestigungsanlagen der Stadt mit.
Schon bald
nach seiner Ankunft in Estland muß Himsel außerdem mit der
Herstellung von Kalendern begonnen haben, so daß im
Juni 1637 in einem
Hochzeitsgedicht schon von einem „jährlichen Calender-Buch“
gesprochen werden konnte. Nachweisbar sind einzelne Exemplare von
kleinen und großen „Schreib-Kalendern“, ein „Tage-Büchlein
oder Kleiner Kalender“ auf 1671
und ein schwedischsprachiger „Almanach“ auf dasselbe Jahr. Ein „Calendarium
perpetuum“ (ca. 1645) in Kupfer ist nur dem Titel nach
bekannt. Die Vielseitigkeit wurde Himsel in Reval nicht nur positiv
angerechnet. So warfen ihm Widersacher 1638 vor, er sei „nur ein
Kalendermacher und kein rechter Medicus“. Gleichwohl führte er diese
Tätigkeit fort und bemühte sich im Jahre 1642, unterstützt von
etlichen Personen aus Stadt und Land, insbesondere guten Freunden
unter den Landräten und aus der Ritterschaft, beim Revaler Rat sogar
um ein Privileg zum alleinigen Vertrieb von Kalendern. Es ist nicht
bekannt, ob diese Supplikation beim Rat Erfolg hatte, mußte sie doch
erbitterten Widerstand bei Buchbindern und Krämern auslösen, die
fortan keine Kalender mehr verkaufen sollten.
Der
astronomischen Beschäftigung Himsels entsprang zudem eine 1665 in
Hamburg gedruckte „Cometologia
oder Anmerckung und Natürliche Muthmassung von den Cometen“,
die den Bürgermeistern und dem Rat der Stadt Reval gewidmet ist. Mit
dieser deutschen Abhandlung reagierte Himsel auf die Erscheinung
eines Kometen im Dezember des Jahres 1664 und präsentierte nicht nur
akkurat die astronomischen Beobachtungen und Berechnungen des
Ereignisses, sondern behandelte vor allem drei konkrete
Fragestellungen, die auf dem Titelblatt genannt sind. Eine solche
ausgesprochen wissenschaftliche Schrift stellt innerhalb der Revaler
Literatur jener Zeit eine Seltenheit dar. An der städtischen
Gelegenheitsdichtung beteiligte sich der exponierte Gelehrte
indessen nur selten, bekannt sind lediglich drei Hochzeitsgedichte,
die Himsel 1640 auf seinen Schwager Benedikt von Schoten verfaßte.
Himsel
verstarb am 7. Januar 1676 und hinterließ vier Söhne und mindestens
eine Tochter. Sein gleichnamiger Sohn, der bis 1692 Medicus et
Physicus in Reval war und 1704 als Kronsarzt in Riga starb,
begründete die Rigaer Linie der Familie. Die Sammlungen dessen 1764
in Riga als Arzt verstorbenen Enkels Nikolai Himsel bildeten den
Grundstock des Rigaer städtischen Museums und der medizinischen
Abteilung der Stadtbibliothek. Bücher aus dem Besitz Gebhards d.Ä.
befinden sich heute noch in Tallinn.
Lit.:
Recke/Napiersky: Schriftsteller- und Gelehrtenlexikon II, 1829,
S. 309. – Napiersky/Beise: Schriftsteller- und Gelehrtenlexikon,
Nachträge und Fortsetzungen I, 1859, S. 272. – A. J. Berting
(Hrsg.): Lehrer-Album des Revalschen Gymnasiums 1631-1862. –
Programm des Gymnasiums Reval 1862, S. 8f. – J. W. Dehio:
Mitteilungen über die Medicinalverhältnisse Alt-Reval [und]
Berichtigungen und Nachträge, in: Beiträge zur Kunde Ehst-, Liv- u.
Kurlands 4 (1894), S. 219-294 und 439-449. – E. Seuberlich: Die
ältesten Apotheken Liv- und Estlands II., in: Sitzungsberichte der
Ges. f. Gesch. u. Altertumskunde d. Ostseeprovinzen Rußlands aus dem
Jahre 1912 (1914), S. 205-345. – J. Brennsohn: Die Klageschrift des
Stadtphysikus Gebhard Himsel an den Rat in Reval gegen einen
Wanderarzt (1638), in: Sitzungsberichte der Ges. f. Gesch. u.
Altertumskunde d. Ostseeprovinzen Rußlands aus dem Jahre 1914
(1914-20), S. 31-37. – I. Brennsohn: Die Aerzte Estlands. Riga 1922,
S. 210f. – G. Adelheim: Revaler Ahnentafeln. Tallinn 1935, S. 237,
239, 259f. – E. Gierlich: Reval 1621 bis 1645. Bonn 1991, passim. –
A. Weinmann: Reval 1646 bis 1672. Bonn 1991, S. 50-58. – T. Reimo:
Gebhard Himseli raamatuannetus Tallinna raamatukogule Oleviste
kiriku juures, in: Raamatukogu (2002) Nr. 2, S. 34-35. – M. Klöker:
Literarisches Leben in Reval in der ersten Hälfte des 17. Jh.
Tübingen 2005, S. 226-333 und 681f.
Werke:
Hochzeitsschrift auf Benedikt von Schoten u. Elisabeth Grote,
Reval 1640. – Calendarium perpetuum, Reval [um 1645]. – Grosser
Schreib-Calender auff das M.DC.XLVI. Jahr [inkl. Prognosticum],
Reval 1645. – Florilegium fortificatorium tripartitum oder kurtze
leichte jedoch gründliche vnd richtige Anweisung zu der jetzigen
Zeit üblichen Krieges-Baw-Kunst, Reval 1647. – Alter und newer
Schreib-Calender auf das ... M.DC.XXXV. Jahr [inkl. Prognosticum],
Berlin 1634 – Alter und Newer Schreib-Calender auff das ... M.DC.L.
Jahr [inkl. Prognosticum], Lübeck 1649. – Kleiner Schreib-Calender
auff das ... M.DC.L. Jahr, Reval 1649. – Cometologia oder Anmerckung
und Natürliche Muthmassung von den Cometen. Jn dreyen Fragen ...
vorgestellet, Hamburg 1665. – Jahr-Buch Oder Schreib-Calender ...
Auff dass ... M.DC.LXVII. Jahr [inkl. Prognosticum], Reval 1666. –
Tage-Büchlein Oder Kleiner Calender auf das ... M.DC.LXXI. Jahr,
Reval 1670. – Almanach På thet Åhret ... M.DC.LXXI, Linköping 1670.
Bild:
Privatarchiv des Autors
Martin Klöker