Otto Hintze,
von dessen
wissenschaftlichem
Oeuvre immer
noch eine
nachhaltige
Wirkung
ausgeht,
stammt aus
Pommern, wo
er als Sohn
eines
mittleren
Verwaltungsbeamten
in Pyritz
geboren
wurde. In
seiner
Geburtsstadt
absolvierte
er das
Gymnasium
und bezog
anschließend
1878 die
Landesuniversität
Greifswald,
um
Geschichte,
deutsche
Philologie
und
Philosophie
zu
studieren.
Entscheidend
für seine
geistige
Entwicklung
wurde jedoch
der 1880
vollzogene
Wechsel an
die
Universität
Berlin. Er
löste ihn
nicht nur
äußerlich
aus den
heimatlichen
Bindungen,
vielmehr
erhielt
Hintze hier
durch
herausragende
akademische
Lehrer die
entscheidenden
Eindrücke,
die seine
wissenschaftlichen
Interessen
und
Arbeitsweisen
nachhaltig
geprägt
haben.
Obwohl er
1884 bei dem
Mediävisten
Julius
Weizsäcker
mit einer
Arbeit zur
politischen
Geschichte
des 13.
Jahrhunderts
(„Das
Königtum
Wilhelms von
Holland")
zum Dr. phil.
promoviert
wurde, sind
seine
eigentlichen
Lehrer
Johann
Gustav
Droysen und
Wilhelm
Dilthey
gewesen.
Damit geriet
er unter den
Einfluß der
nationalpolitisch
engagierten
borussischen
Geschichtsschreibung,
die ihn auf
das
Themenfeld
lenkte, das
er sein
Leben lang
bearbeitet
hat: die
brandenburgisch-preußische
Geschichte
der frühen
Neuzeit und
besonders
des 18.
Jahrhunderts.
Gleichzeitig
jedoch
legten diese
beiden
Lehrer,
Droysen, der
Verfasser
der
„Historik"
und der
Philosoph
Wilhelm
Dilthey, den
Grund für
die
geschichtstheoretischen
Interessen
Hintzes.
Juristisch-staatswissenschaftliche
Studien
folgten auf
Anregung des
Mediävisten
Georg Waitz
im Anschluß
an die
Promotion.
Ein weiteres
Feld der
Geschichtswissenschaft
erschloß
sich dem
jungen
Gelehrten,
als Gustav
Schmoller,
der
Hauptvertreter
der
historischen
Schule der
Nationalökonomie,
ihn 1888 für
die
Mitarbeit an
dem großen
Quellenwerk
der „Acta
Borussica"
gewann, das
die
Dokumente
und
Materialien
zur
Verwaltungs-
und
Wirtschaftsgeschichte
des
Preußischen
Staates der
wissenschaftlichen
Benutzung
zugänglich
machen
sollte.
Hintze hat
in diesem
Rahmen
zunächst die
Akten zur
Entwicklung
der
preußischen
Seidenindustrie
in der Zeit
Friedrich d.
G.
bearbeitet
(1892) und
anschließend
das
Aktenmaterial
zur
Entwicklung
der
preußischen
Behördenorganisation
von 1740 bis
1756
zusammen mit
einer
grundlegenden
einleitenden
Darstellung
publiziert
(1901-1910).
Die Arbeit
über die
Seidenindustrie
wurde auch
die
Grundlage
für seine
Habilitation
an der
Universität
Berlin 1895,
die ihm die
akademische
Laufbahn
eröffnete.
Die rasche
Folge von
Studien zur
Wirtschafts-
und
Verwaltungsgeschichte
Preußens
begründete
seine
Ernennung
zum
außerordentlichen
Professor an
der
Universität
Berlin. Im
Jahre 1899
und 1902
errichtete
man dort für
ihn ein
persönliches
Ordinariat
für
Verfassungs-,
Verwaltungs-,
Wirtschaftsgeschichte
und Politik.
Sein
wissenschaftliches
Oeuvre
schien so
sehr mit der
Erforschung
der
Geschichte
Preußens
verbunden,
daß man ihn
zum
500jährigen
Jubiläum des
Herrschaftsantritts
der
Hohenzollern
in der Mark
Brandenburg
1915 mit der
Abfassung
der
offiziellen
Festschrift
beauftragte,
die unter
dem Titel
„Die
Hohenzollern
und ihr
Werk"
herauskam
und noch
heute als
grundlegende
Übersichtsdarstellung
gelten darf.
Doch Hintze
selbst hat
sich
keineswegs
ausschließlich
als
Historiker
Preußens
verstanden.
In der Rede,
die er 1914
anläßlich
seiner
Aufnahme in
die
Preußische
Akademie der
Wissenschaften
hielt,
bezeichnete
er als das
eigentliche
Ziel seiner
wissenschaftlichen
Bemühungen
„eine
allgemeine
vergleichende
Verfassungs-
und
Verwaltungsgeschichte
der neueren
Staatenwelt,
namentlich
der
romanischen
und
germanischen
Völker". Aus
„vergleichenden,
verfassungsgeschichtlichen
Studien"
wollte er
„ein
typisches
Bild des
modernen
Staates in
seinen
gleichförmigen
Grundzügen
und
Entwicklungstendenzen,
wie in
seinen
verschiedenen
historischen
Phasen und
individuellen
Ausgestaltungen"
gewinnen.
Diese
Konzeption
wollte er
ausdrücklich
als
Ergänzung
zum „großen
Lebenswerk
Rankes" mit
seinem
Primat der
politischen
Geschichtsschreibung
verstanden
wissen.
In der Tat
ist die
Preußische
Geschichte
mehr und
mehr nur das
Ausgangsparadigma
für solche
allgemeine
Studien
geworden,
die eine
Synthese von
empirisch-historischer
Forschung
und
theoretischer
Durchdringung
unter
Rezeption
der sich neu
entwickelnden
Soziologie
darstellen.
Längsschnittstudien,
wie die
Aufsätze zur
Entstehung
der modernen
Staatsministerien
oder über
den „Commissarius"
und seine
Bedeutung in
der
allgemeinen
Verwaltungsgeschichte,
stehen neben
typologischen
Arbeiten wie
„Das
monarchische
Prinzip und
die
konstitutionelle
Verfassung"
(1911),
„Wesen und
Verbreitung
des
Feudalismus"
(1929) oder
„Typologie
der
ständischen
Verfassungen
des
Abendlandes"
(1930). Auf
eine knappe
Formel
gebracht:
Sein Oeuvre
untersuchte
die
Verstaatlichung
der
Gesellschaft
in der
modernen
Zeit.
Otto Hintze
ist stets
auch ein
homo
politicus
gewesen,
ohne sich,
wie andere
seiner
Kollegen,
aktiv in der
Tagespolitik
zu
betätigen.
Im äußeren
Habitus am
Preußentum
orientiert,
dem
gemäßigten
Kathedersozialismus
nahestehend,
aus
liberal-konservativer
Haltung sich
demokratischen
Reformen mit
der Zeit
öffnend,
traf ihn die
Niederlage
von 1918 und
der
Zusammenbruch
der
Monarchie
tief.
Krankheit
trat hinzu,
und 1920
ließ er sich
vorzeitig in
den
Ruhestand
versetzen,
ohne die
wissenschaftliche
Forschung
aufzugeben.
Dem
Nationalsozialismus
stand er
ablehnend
gegenüber.
Schon 1933
brach er mit
der
Schriftleitung
der
„Historischen
Zeitschrift"
und trat
1938 aus der
Preußischen
Akademie der
Wissenschaften
aus. Seine
Frau Hedwig
Hintze,
ebenfalls
promovierte
und
habilitierte
Historikerin,
die einer
jüdischen
Bankiersfamilie
entstammte
und
politisch
der
deutschen
Linken
verbunden
war, mußte
1938 ins
niederländische
Exil gehen,
wo sie sich
unter
deutscher
Besatzung
1942 das
Leben nahm.
Otto Hintze
selbst ist
1940
vereinsamt
gestorben.
Sein Werk,
dem in der
deutschen
Geschichtsforschung
der ersten
Jahrhunderthälfte
eher eine
Außenseiterposition
zukam, ist
seit den
60er Jahren
neu ediert
worden und
hat bei der
zunehmenden
Hinwendung
zu einer
theoretisch
fundierten
Sozial- und
Verfassungsgeschichte
starke
Impulse
ausgeübt.
Lit.: Jürgen
Kocka, Otto
Hintze, in:
Hans-Ulrich
Wehler,
Deutsche
Historiker,
Bd.
III, Göttingen
1972, S.
41-64;
Pierangelo
Schiera,
Otto Hintze,
Napoli 1974;
Otto
Busch/Michael
Erbe, Otto
Hintze und
die moderne
Geschichtswissenschaft,
Berlin 1983;
Wolfgang
Weber,
Biographisches
Lexikon zur
Geschichtswissenschaft
in
Deutschland,
Österreich
und der
Schweiz,
Frankfurt/Main
1984, S. 241
f.; Otto
Hintze,
Gesammelte
Abhandlungen,
Bd. I-III,
hg. von
Gerhard
Oestreich,
Göttingen
1962-1967
(mit
Schriftenverzeichnis
in Bd. I, S.
567-586);
Winfried
Schulze,
Otto Hintze
und die
deutsche
Geschichtswissenschaft
um 1950/Pierangelo
Schiera,
Otto Hintze
und die
Krise des
modernen
Staates, in:
Notker
Hammerstein
(Hg.),
Deutsche
Geschichtswissenschaft
um 1900,
Wiesbaden-Stuttgart
1988, S.
323-355.
Peter
Johanek