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Mit dem Untergang
Königsbergs im Frühjahr 1945 sank die Nacht des Vergessens auf eine
siebenhundertjährige Kultur und Zivilisation. Und wenn nicht der Name
Immanuel Kants und teils auch derjenige Johann Georg Hamanns gewesen
wären, so wären weltweit das Interesse und das Wissen um die ehemalige
Hauptstadt Ostpreußens seitdem wohl
mehr oder
weniger ganz verweht. Daß auch die Bedeutung des verdienstvollen
Lokalpolitikers und einst vielgelesenen Dichters Hippel dem Bewußtsein
der Historiker und Literaturforscher entschwand, gehört zu den
bedauerlichen Folgen der Ereignisse.
Der in ärmlichen, streng
pietistischen Verhältnissen geborene Sohn eines Gerdauer Schulrektors
studierte ab 1756 an der Albertina in Königsberg unter schwierigsten
Umständen Theologie und Jura. Nach einer erlebnisreichen Reise an den
Zarenhof nach St. Petersburg und einer sentimentalen Tragödie, die sein
ganzes künftiges Leben prägen sollten, wurde er ein erfolgreicher
Advokat. Als Senkrechtstarter brachte er es nacheinander zum Meister vom
Stuhl in der lokalen „Dreikronenloge“ (1768), zum Kriminalrat, Stadtrat,
Hofhalsrichter sowie zu großem Reichtum und gesellschaftlichem Ansehen,
bis ihn Ende 1780 Friedrich II. aufgrund seiner überdurchschnittlichen
Intelligenz und organisatorischen Tüchtigkeit zum Dirigierenden
Bürgermeister und Polizeidirektor der administrativ verkommenen
Provinzhauptstadt ernannte. Schon in diesen Jahren des Aufstiegs
versuchte er sich in vielseitigen dichterischen Versuchen, so als
Mitarbeiter der seit 1764 erscheinenden Königsbergschen Gelehrten und
Politischen
Zeitungen,
als Dichter der geistreich geschriebenen Komödien Der Mann nach der
Uhr (1765, zu dem Kant oder dessen Freund Green , das Modell
lieferten) und Die ungewöhnlichen Nebenbuhler (1768), als
Verfasser von Freimaurerreden (1768) und Geistlichen Liedern
(1772) sowie als Autor der avantgardistisch ausgerichteten
humoristischen Abhandlung Über die Ehe (1774), die, da sie wie
die meisten weiteren Schriften aus beruflichen Rücksichten anonym
erschien, ein Bestseller wurde und bis zum Ende des Jahrhunderts ein
verbissenes Ratespiel um die Identität des unbekannten Dichters in Gang
brachte. Den Höhepunkt dieser landesweiten literarischen Aufregung
provozierte Hippel mit dem von 1778 bis 1781 herausgegebenen
vierbändigen Roman Lebensläufe nach aufsteigender Linie. Dieser
überaus kunstvoll, aber in verwirrender Umständlichkeit nach der
Erzählweise Sternes angelegte autobiographische Schlüsselroman ist heute
ein einmaliges kulturhistorisches Dokument, da sich die Erlebnisse der
Romanhelden mit eingehenden Lokalbetrachtungen und Sittengemälden
ausschließlich im preußisch-baltischen Raum zutragen. Bereits vor
Erscheinen der Kritik der reinen Vernunft beurteilte Hippel darin
u.a. unter den satirischen Zügen des „Professors vater“ die frühe
Erkenntnisphilosophie Kants äußerst kritisch zugunsten der
gefühlsbetonten Gottesergründung des wesensverwandten Freundes Hamann.
Dazu präsentiert er sich mit der Einführung der vampirhaften Figur des
sogenannten „Sterbegrafen“ und der Schilderung zahlloser unterschiedlich
erfolgender Sterbefälle als Vater der modernen Todespoesie im Roman.
Letztere fand in Jean Paul, Goethe, Zacharias Werner, Stifter und Raabe
gelehrige Nachahmer. In den achtziger Jahren widmete sich der im
Privatleben vereinsamende und einer krankhaft hypochondrischen
Verfassung verfallende Hagestolz mit harter Hand dem Wiederaufbau der
zerrütteten Stadtverwaltung. Hippels bedeutendste Leistungen waren
diesbezüglich die Reorganisation der Polizei und des Feuerlöschwesens,
die Verbesserung des Waisen- und Armenwesens sowie eine ansatzweise in
die Wege geleitete Stipendienpolitik zugunsten begabter unbemittelter
Studenten, wobei er Kant wertvolle Hilfe leistete. Wiederholt nutzte die
Zentralregierung in Berlin seine Erfahrung selbst außerhalb Ostpreußens,
so anläßlich der Neueinrichtung der nacheinander annektierten polnischen
Gebiete. Auch arbeitete er für die Berliner Minister Carmer und
Hertzberg an der Reform des „Allgemeinen Preußischen Landrechts“ mit. In
Kants Tischkreis wie auch in den glänzenden Salons der Gräfin Keyserling
genoß er als faszinierender Gesellschafter den Ehrenplatz. Friedrich
Wilhelm II. bedachte ihn für seine Verdienste mit dem Titel eines
(Stadtpräsidenten und einer Ehrenmedaille, und um 1790 verlieh er ihm
den begehrten Adel. In den neunziger Jahren erschlafften jedoch mit
schweren Krankheiten die physischen und geistigen Kräfte. Dennoch gelang
es dem unermüdlich Weiterarbeitenden, die Vollendung zahlreicher
literarischer Entwürfe zu betreiben. So erschienen neben den an Rousseau
orientierten Handzeichnungen nach der Natur und der Satirre
Zimmermann der I. und Friedrich der II. (beide 1790) die auf lokale
Fragen bezogenen Essays Das Königsbergsche Stapelrecht (1791),
Über die Mittel gegen die Verletzung öffentlicher Anlagen und Zierathen
und Nachricht, die v. K*sche Untersuchung betreffend
(1792), letztere eine Rechtfertigung der Todesstrafe in Ausnahmefällen.
Zwei für die Zeit kühne Einsätze zugunsten der Frauenemanzipation in
modernem Sinn: eine völlig umgestaltete Fassung des Buchs Über die
Ehe (1792f.) und die Abhandlung Über die bürgerliche Verbesserung
der Weiber (1792), belebten aufs neue die Frage nach der immer noch
versteckten Autorschaft. Ein anderer, großangelegter, dem politischen
Gedankengut Rousseaus und Montesquieus verpflichteter Entwurf Über
Gesetzgebung und Staatenwohl wurde postum gedruckt (1804).
Schließlich veröffentlichte Hippel noch einen weiteren satirischen
Schlüsselroman unter dem Titel Kreuz- und Querzüge des Ritters A bis
Z (1793-94), der in kraus verschnörkelten Paragraphenkapiteln die
Verirrungen deutscher Geheimbünde verspottete und nach dem bewährten
Muster Cervantes' und Sternes einmal mehr der Frage nach den letzten
Wahrheiten nachgeht. Dann überaschte ihn, der wie kein anderer Dichter
der deutschen Literatur den Tod gefürchtet hatte, das Ende am 23. April
1796. Kant verteidigte ihn übers Grab hinaus gegen späte verbale und
literarische Racheakte vormaliger Gegner.
In seiner beruflichen
und literarischen Vielseitigkeit wie in seinem widerspruchsvollen,
zwischen gefühlsbetontem Glaubensbedürfnis und kritisch untersuchender
Vernunft hin und her gerissenen Wesen war der Freund Kants und Hamanns
ein typischer Vertreter des ausklingenden aufgeklärten Jahrhunderts.
Aber Hippels Blick richtete sich zugleich mit seltener Originalität in
die Zukunft. Durch seine mustergültigen Leistungen im Dienst seiner
Stadt und seiner Regierung, mit seinen eigenwilligen
Auseinandersetzungen mit philosophischen, religiösen, freimaurerischen
und politischen Fragen, mit seiner Experimentierfreude in Sachen
dichterischer Ästhetik und seinem meisterhaften aphoristischen Stil und
nicht zuletzt als erster Vorkämpfer der Frauenemanzipation in
Deutschland nahm er viele Erkenntnisse unserer Zeit vorweg. Er ist der
einzige wahrhaft große Dichter gewesen, den Königsberg hervorgebracht
hat.
Werke:
Der Mann nach der Uhr,
oder der ordentliche Mann, Königsberg 1765 ff. – Die
Ungewöhnlichen Nebenbuhler, Kgbg. 1768. – Geistliche Lieder, Berlin
1772. – Über die
Ehe,
Berlin 1774 (Erweiterte u. umgeänderte Ausgabe, 1792f.). –
Lebensläufe nach
Aufsteigender Linie nebst Beylagen A, B, C. 3 Theile, 4 Bde., Berlin
1778-81. – Handzeichnungen nach der Natur, Berlin 1790. – Zimmermann der
I. und Friedrich der II., Berlin (1790). – Nachricht, die v. K*sche
Untersuchung betreffend, Königsberg 1792. –
Über die
bürgerliche Verbesserung der Weiber, Berlin (1792). - Kreuz- und
Querzüge des
Ritters A
bis Z. 2 Bde., Berlin 1793 f. – Biographie des Kgl. Preuß. Geheimen
Kriegsraths
zu
Königsberg Theodor Gottlieb von Hippel, Gotha 1801. – Über Gesetzgebung
und
Staatenwohl,
Berlin 1804. – Sämtliche Werke.
14 Bde.
(Bd. 13-14 = Briefwechsel Hippel-Scheffner), Berlin 1827-39 (Reprint,
Berlin-New York 1978).
Lit.:
Hamilton H. H. Beck: Hippel and the eigtheenth Century novel. Cornell
University 1980. – Ders.: The Elusive „I” in the Novel. Hippel, Sterne,
Diderot, Kant.
New York, Bern, Frankfurt a. M., Paris 1987. – Uwe Grund: Studien zur
Sprachgestaltung in Theodor Gottlieb von Hippels Roman „Lebensläufe nach
aufsteigender Linie nebst Beilagen A.B.C.“, Berlin 1970. – Joseph
Kohnen: Theodor Gottlieb von Hippel.
1741-1796.
L’homme et l'oeuvre. 2 Bde.
Bern, Frankfurt a.M.,
New York, Nancy 1983. – Ders.: Theodor Gottlieb von Hippel. Eine
zentrale Persönlichkeit der Königsberger Geistesgeschichte. Biographie
und Bibliographie, Lüneburg 1987. – Ders.: Ehe-Streit unter Freunden.
Johann Georg Hamann als „Korrektor“ des Buchs „Über die Ehe“, in:
Recherches Germaniques 18, Strasbourg 1988, S. 47-65. – Ders.: „Kreuz-
und Querzüge des Ritters A bis Z." Theodor Gottlieb von Hippel als
Kritiker der Geheimen Gesellschaften des ausgehenden achtzehnten
Jahrhunderts, in: Aufklärung, Jg. 3, H. l, 1988, S. 49-72. – Ders.:
Sterbe- und Grabespoesie im deutschen Roman. Zur intertextuellen
Überlieferung des, Themas von Martin Miller bis Wilhelm Raabe.
Bern,
Frankfurt a.M., New York, Paris 1989. – Robert Losno: Theodor
Gottlieb von Hippel.
1741-1796, Thése d'État,
Paris 1981.
– Paul
Peterken: Gesellschaft und fiktionale Identität. Eine Studie zu Theodor
Gottlieb von Hippels „Lebensläufen“, Stuttgart 1981. – Ursula Schröder:
Theodor Gottlieb von Hippels
„Kreuz-
und Querzüge des Ritters A bis Z“, Hamburg 1972.
Bild:
Nach einem anonymen Gemälde (bis zur Zerstörung Königsbergs im
Prussia-Museum. Vorlage: J. Kohnen.
Joseph Kohnen
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