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Im Zeitalter des Barock entstand eine deutsche Kunstdichtung, die den
Vergleich mit der übrigen europäischen Literatur nicht mehr zu scheuen
brauchte. Daß neben Gryphius und Lohenstein der Breslauer Ratsherr
Hoffmannswaldau dazu in hervorragendem Maße beigetragen hat, stand schon
am Ende dieser Epoche außer Frage. Als Benjamin Neukirch 1695 die
umfangreiche und weit verbreitete Sammlung erotischer Gedichte zu
edieren begann, nannte er bereits im Titel den Namen des Mannes, der
zahlreiche Nachahmer fand und als eigentlicher Begründer galanter Poesie
in Deutschland angesehen wurde.
Lohenstein, der zur Beerdigung Hoffmannswaldaus am 30. April 1679 eine
Lobrede verfaßte, rühmte vor allem die Verdienste, die er als Politiker
im Rat der Stadt Breslau erworben hatte. Dies entsprach dem
Selbstverständnis des Kaiserlichen Rates, bekennt er doch in der Vorrede
zu seinen erst nach seinem Tode erschienenen gesammelten Werken, daß er
zur Publikation seiner Dichtungen, die er „allein zur eigenen
Belustigung“ aufgesetzt habe, durch äußere Umstände gedrängt worden sei.
Zweifelsohne war er nicht – wie zahlreiche zeitgenössische Poeten –
darauf angewiesen, durch literarische Arbeiten auf sich aufmerksam zu
machen. Der am 25. Dezember 1616 Geborene entstammt dem Breslauer
Patriziat. Sein Vater hatte als schlesischer Kammersekretär bereits ein
bedeutendes Amt inne, das ihm die Erhebung in den erblichen Adelsstand
und den Titel eines Kaiserlichen Rates einbrachte, und sah auch für den
Sohn eine politische Karriere vor. Auf dessen außergewöhnliche
Fähigkeiten wurden schon bedeutende Lehrer des Breslauer
Elisabeth-Gymnasiums aufmerksam. Von 1636 an studierte er im
Akademischen Gymnasium von Danzig „die Weltweisheit und
Staatswissenschaft“. Dort trat er auch in Verbindung mit dem
Dichtungsreformer Opitz, aus dessen Exempeln er die Regeln für seine
späteren poetischen Arbeiten ableitete. Eine Bildungsreise führte ihn
1638 nach Leiden, wo er bei berühmten Gelehrten Vorlesungen hörte, doch
schon bald zog er weiter, weil er „wol wüste: daß nützlich Reisen die
beste Schule des Lebens were“. In Begleitung eines Fürsten besuchte er
England, Frankreich und Italien, wo er sich mit der jeweiligen Sprache
und Literatur intensiv vertraut machte und im Umgang mit angesehenen
Persönlichkeiten eine Weltgewandtheit erwarb, die seiner späteren
politischen Tätigkeit zum Wohle Breslaus zugute kam und von zahlreichen
Zeitgenossen bewundert wurde. Als er auch noch an den türkischen Hof
weiterreisen wollte, rief ihn der Vater 1641 zurück. Um ihn „unbeweglich
zu machen“, drängte man ihn zur Ehe, die er 1643 mit Marie Webersky
einging, deren Mutter aus dem Ratsgeschlecht derer von Artzat stammte.
Mit der Wahl zum Ratsmitglied und Scholarchen im Jahre 1647 begann seine
politische Tätigkeit, die er bis kurz vor seinem Tode am 18. April 1679
mit großem Erfolg ausübte. Gleich zu Beginn war er für die Kultur und
das Schulwesen verantwortlich, und diese Aufgaben erforderten
Standhaftigkeit und diplomatisches Geschick. Da Breslau sich als Bastion
des gesamten lutherischen Schlesien verstand, bemühte sich
Hoffmannswaldau darum, den wachsenden Einfluß der Katholiken zu
begrenzen. Vor allem im Schul- und Kulturbereich entwickelten die
Jesuiten Aktivitäten, und 1659 erreichte der Orden den Einzug in die
Kaiserliche Burg. Die Protestanten kämpften für den Erhalt ihrer
Gotteshäuser und erhielten 1654 zwei Friedenskirchen zugesichert. 1657
wurde Hoffmannswaldau Consul und 1677 übernahm er das Amt des Praeses
bzw. Bürgermeisters. Bei drei Legationen an den Wiener Hof 1657, 1660
und 1669/70 vertrat er erfolgreich die Interessen der Protestanten gegen
kaiserliche Behörden und die katholische Kirche. Kaiser Leopold I.
belohnte den fähigen Diplomaten 1657 mit der Ernennung zum Kaiserlichen
Rat.
Als Übersetzer und Dichter war Hoffmannswaldau bemüht, die deutsche
Sprache und Poesie auf das Niveau besonders der romanischen
Länder zu heben. Vor allem italienischen Vorbildern fühlte er sich
verpflichtet, und bereits mit den Poetischen Grabschriften gelang
es
ihm, die Kunst der Vorgänger zu übertreffen. Den Höhepunkt seines
Schaffens bilden die 1664 entstandenen Heldenbriefe, die man
schon
bald wegen ihrer „Wunder-Rede“ pries. Dabei knüpfte er an Ovids
Heroides
an, betonte aber mit vollem Recht die Originalität dieses
artistischen Meisterwerkes, das ebenso wie seine erotischen Gedichte
zahlreiche Nachahmer fand.
Am Beginn des 20. Jahrhunderts bekannte sich Arno Holz im Dafnis
zu dem begabten Barockpoeten, den er den ‚Venus Secretarius' nannte und
von dessen Liedern er glaubte, daß sie „noch brännen werden, wenn wir
alle schon längst werden zu Staub und Asche werden“. Trotz mehrerer
Versuche, Hoffmannswaldaus Dichtungen modernen Menschen nahe zu bringen,
sind sie leider bis heute eine Domäne der Forschung geblieben. Die
Zeitgenossen, denen erst nach seinem Tode die meisten Dichtungen
zugänglich waren, verehrten den erfolgreichen Politiker und großartigen
Menschen. Wenn ein zweiter Lobredner vorschlug, ihn nicht mit dem
Beinamen „der Große“, sondern „der Gute" zu ehren, so bestätigt dies die
Aussagen des Ratskollegen Lohenstein:
„Aber unser freundlichster Herr Praeses, welcher wol wüste: daß im
Regimente man mit einem Gran Liebe mehr / als mit einem Pfunde Furcht
ausrichtete / war die selbstständige Anmuth. Er redete mit iedem Bürger
wie mit seines Gleichen / und mit dem geringsten aus dem Pöbel / wie mit
seinen Kindern.“
Ausgaben:
Sämtliche Werke. 5 Bde. Hrsg. von Franz Heiduk. Hildesheim/Zürich/New
York 1984ff. – Benjamin Neukirchs Anthologie. Herrn von Hoffmanswaldau
und andrer Deutschen auserlesener und bißher ungedruckter Gedichte.
Hrsg. von Angelo George de Capua und Ernst Alfred Philippson. T. 1-2.
Tübingen 1961-65.
Lit.:
Heinrich Dörrie: Der heroische Brief. Berlin 1968. – Hedwig Geibel: Der
Einfluß Marinos auf Christian Hofmann von Hofmannswaldau. Diss. Gießen
1938. – Franz Heiduk: Hoffrnannswaldau und die Überlieferung seiner
Werke. In: Jahrbuch des Freien Deutschen Hochstifts. 1975, S. 1-72. –
Ders.: Unbekannte Gedichte von Hoffmannswaldau. In: Daphnis 7 (1978) S.
697-713. – Ders.: Christian Hoffmann von Hoffmanswaldau. In: Deutsche
Dichter des 17. Jahrhunderts. Ihr Leben und Werk. Hrsg. von Harald
Steinhagen und Benno von Wiese. Berlin 1984. S. 473-496. – Eberhard
Mannack: Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau. In: Deutsche Dichter
Bd. 2. Reformation, Renaissance und Barock. Hrsg. von Gunter E. Grimm
und Frank Rainer Max. Stuttgart 1988. S. 251-265. (= Reclams Univ.-Bibl.
Nr. 8612[6]. – Erwin Rotermund: Christian Hofmann von Hofmannswaldau.
Stuttgart 1963. (Sammlung Metzler. 29.). – Ders.: Affekt und Artistik.
Studien zur Leidenschaftsdarstellung und zum Argumentationsverfahren bei
Hofmann von Hofmannswaldau. München 1972. – Paul Stöcklein: Vom barocken
zum Goethischen Liebesgedicht. In: Ders.: Wege zum späten Goethe.
Hamburg 21960. S. 316-330. – Max von Waldberg: Die galante
Lyrik. Straßburg 1885.
Bild:
Kupferstich von Phil Kilian nach einem Gemälde von Georg Schulz aus dem
Jahre 1667
Eberhard Mannack
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