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Den
detailliertesten Einblick in die literarische Welt Jochen Hoffbauers
gewährt sein jüngstes und bislang umfangreichstes Werk, der 1991
erschienene Roman Schwalbental, dessen Untertitel Eine
Jugend in Schlesien
den autobiographischen Hintergrund des Buches anzeigt. Die zahlreichen
Episoden und Erfahrungen eines heranwachsenden Jungen in einer
niederschlesischen Kleinstadt sind in den brisanten Zeitbogen von der
Machtergreifung Hitlers am 30. Januar 1933 bis zum Ausbruch des Zweiten
Weltkriegs am 1. September 1939 gespannt.
An
diesem Hauptwerk läßt sich jetzt auch der das Schreiben Hoffbauers wohl
am meisten prägende Zug, der nahezu vollständige Verzicht auf
reflektierende oder kommentierende Darstellungsweise, in seiner
vielfältigen Wirkung erkennen. So sind die persönlichen wie die
politischen Ereignisse des Schwalbental-Buches in einer solchen
Ausschließlichkeit aus dem Blickwinkel des zu Erzählbeginn zehnjährigen
Protagonisten dargestellt, daß insbesondere die Nazi-Vorkommnisse
hauptsächlich von ihrem Vorgangscharakter her festgehalten werden. Aber
auch im Gefühlsbereich legt sich der Autor größte Zurückhaltung auf. Die
einzige Mädchengeschichte von Belang, die dem sechzehnjährigen Norbert
zustößt, endet in der für ihn bislang größten Enttäuschung. Lakonisch
heißt es dazu im Text: „Mir wurde hundeelend, ich stürzte zur Toilette.
Und schloß mich ein." Ein geschwätziges und larmoyantes Wundenlecken
gibt es bei diesem Erzähler nicht. Ganz im Gegensatz zu den zahlreichen
Adoleszenz-Geschichten unseres Jahrhunderts seit Hermann Hesses
Unterm Rad fehlen in Schwalbental auch alle sensations- oder
skandalträchtigen Pubertätserfahrungen. Statt dessen breitet Hoffbauer
die kleinen Alltagsbegebenheiten seines Helden in Schule, Jugendgruppe,
Kirche und Freizeit aus bis zu den ersten Berufserfahrungen in einer
Anwaltspraxis. Letztere erfordern es, Jochen Hoffbauer in der noch
ausstehenden Biographie über Arno Schmidt zu berücksichtigen; denn in
jenem Rechtsanwaltsbüro des Dr. Praxler (alias Dr. Pantke), in dem
Norbert (alias Jochen Hoffbauer) seine Lehre beginnt, war auch Alice
Murawski, Arno Schmidts spätere Ehefrau, beschäftigt. Schwalbental ist
also Greiffenberg, wohin auch Arno Schmidt 1934 (zur Zeit, da Hoffbauers
Jugend in Schlesien spielt) kam.
Hier
absolvierte Jochen Hoffbauer von 1937 bis 1940 eine Rechtsanwalts- und
Notariatslehre. Seit 1952 lebt er als Versicherungsangestellter in
Kassel-Harleshausen. Ausgezeichnet mit dem Eichendorff-Literaturpreis
(1963), dem Hörspielpreis des Ostdeutschen Kulturrates (1970) und dem
Medienpreis Bayern (1986) liefert der
Erzähler und Lyriker seit
Jahrzehnten Beiträge
für den Hörfunk, für Jahrbücher und Anthologien sowie für verschiedene
Zeitschriften. Insbesondere hervorzuheben ist Hoffbauers
Herausgebertätigkeit, da er mit seinen (großenteils sehr erfolgreichen)
Sammelwerken maßgeblich dazu beiträgt, die reiche kulturelle Tradition
Schlesiens den Nachgeborenen zu bewahren. Sommer gab es nur in
Schlesien (mit bisher sieben Auflagen!), Die schönsten Sagen aus
Schlesien (sechs Auflagen) oder Riesengebirge. Eine Landschaft im
Bild ihrer Dichter (1982) führen auch die Vielfalt des Anthologisten
vor Augen. Der eigentliche Hoffbauer aber ist letztlich doch der
Lyriker. Darauf verweisen schon die Tendenz zur Verknappung und der
weitgehende Verzicht auf episches Ausgreifen in seiner Erzählprosa.
Bereits Winterliche Signatur, das 1956 in der Eremitenpresse
erschienene erste Gedichtbändchen, läßt Thematik und Form der
Hoffbauerschen Lyrik klar erkennen. Die kleine Sammlung eröffnen (Jahrhundert)
und beschließen (Lied der Zeit) Gedichte mit Problemen von
weltgeschichtlicher Dimension. Doch bei allen „Konferenzen, Aufruhr und
Freiheitsgesang" endet auch das Schlußgedicht beim Naheliegenden: „Über
die Wiese duftet das Heu". Zwischen diesen beiden weitperspektivierten
Klammergedichten entfaltet sich Hoffbauers lyrische Welt: der Alltag im
Wechsel der Jahreszeiten (Wäscheboden im Winter), die nähere
Umgebung (Wilhelmshöhe) oder die eigene Lebensgeschichte (Nächtlicher
Schulhof). Die nachfolgenden Lyrikbände, Passierscheine 1976
und Scheinwerferlicht 1982, reichern diese Thematik in großem
Ausmaß an und führen vor Augen, wie facettenreich die alltäglichen
Vorgänge sind, die im und vor dem Hause liegen. Die schlesische
Herkunft, die Erfahrungen des Krieges und der Nachkriegszeit ziehen sich
dabei unaufdringlich durch alle Bände. Immer wieder trifft man auch auf
Adaptationen großer Dichter bzw. Dichtungen. Eine der interessantesten:
Aus dem Leben eines Taugenichts.
Wenn
es angebracht ist, läßt
es jedoch dieser auf den ersten Blick so zurückhaltende Lyriker nicht an
Deutlichkeit und Engagement fehlen. Im Song wider die Gewalt heißt es
unmißverständlich: „Ich bin gegen die Gewalt." Nachdem besonders
schlimme Stationen von Brutalität in der jüngsten Geschichte zur Sprache
gekommen sind, wird erneut die Entschlossenheit zum Widerstand
formuliert:
„Gegen die brutale Gewalt
Bei den anderen
Und in mir."
Ähnlich wie bei Reiner Kunze sind die vom Prinzip Reduktion geformten
Texte Jochen Hoffbauers die eindrucksvollsten. Hier stimmen Inhalt und
Form umstandslos überein. Auf knappstem Raum wird die größte Wirkung
erzielt. Ein solches Beispiel vollendeter Einfachheit ist das Gedicht
Für Wilhelm Liefland aus Scheinwerferlicht, in dem
Betroffenheit und Selbstzweifel in unüberbietbarer Prägnanz gestaltet
sind:
Zerbrochen,
doch nicht zu leicht befunden.
Weggegangen
mit der Gewißheit
des Scheiterns.
Fragen an uns.
Ich fürchte
die Antwort.
Weitere Werke:
Voller Wölfe und Musik. München: Delp 1960. - Abromeit schläft im
Grünen. Erzählungen. München: Delp 1966. - Glut aus der Asche.
Erzählungen. Husum 1987. - Unter dem Wort. Ostdeutsche evangelische
Dichtung nach der Vertreibung. Leer: Rautenberg 1963. - Hüte das Bild.
Liegnitz und seine Dichter. Lorch: Weber 1985. - Schlesische
Märchenreise. Alte Volksmärchen aus Schlesien neu erzählt. Mit
Illustrationen von Ernst Scholz. München/Landshut: Aufstieg 21988.
Bild: privat
Walter Dimter (1993)
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