Lothar
Hoffmann-Erbrecht ist der Sohn des Tierarztes Dr. Alfred Hoffmann
und seiner Ehefrau Martha, geborene Erbrecht. Er erhielt früh
Klavierunterricht und legte in seiner mittelschlesischen
Geburtsstadt das Abitur 1943 ab.
Er wurde zum Kriegsdienst verpflichtet und half dann etwa ein
halbes Jahr als kanadischer Kriegsgefangener in Ostfriesland bei der
Ernte. Er studierte zunächst an der Musikhochschule Weimar und
anschließend hauptsächlich Musikwissenschaft bei Heinrich Besseler
in Jena. Nach seiner Promotion im Jahre 1951 war er Oberassistent an
der Jenaer Universität und ging dann in ähnlicher Eigenschaft an die
Universität Frankfurt am Main, habilitierte sich dort 1961 und blieb
als Professor an der Frankfurter Universität bis zu seiner
Pensionierung im Jahr 1990, lehrte aber weiter bis 1994. Daneben
vertrat er die Musikgeschichte an der Technischen Universität in
Darmstadt bis 2005 und wirkte etliche Jahre zusätzlich an der
Frankfurter Hochschule für Musik und Darstellende Kunst. Er betreute
zahlreiche Promovenden, aus denen auch später Professoren
hervorgingen. Seine Tochter Gundula, verheiratete Anders, ist als
Konzertsängerin tätig.
In der
Forschung hat Hoffmann-Erbrecht als einer der Spezialisten für die
Musikgeschichte ab der Renaissance (u. a. Stoltzer und Finck) bis
zur Epoche des Barocks erfolgreich gewirkt. Auch veröffentlichte er
Untersuchungen zu Leben und Werk russischer Komponisten des 19.
Jahrhunderts. Zusätzlich besaß Hoffmann-Erbrecht Interesse und
Gespür für die Erhellung regionaler Musikgeschichte entsprechend
seinen jeweiligen Aufenthaltsorten: zunächst von Thüringen, dann des
Frankfurter Main-Rhein-Raumes. Außerdem legte er viele Publikationen
zur Musikgeschichte Schlesiens, dem Herkunftsland seiner Vorfahren,
vor. Er schloß sich 1964 aktiv dem Arbeitskreis für schlesische
Musik an und gab u. a. im Jahre 2001 das wichtige Schlesische
Musiklexikon im Auftrag des Instituts für deutsche Musik im Osten
e.V. in Bergisch Gladbach heraus, das mit dem Arbeitskreis für
schlesische Musik als Träger seine Arbeit begann. Dieses
Bergisch-Gladbacher Institut ist 1998 durch das neu begründete
Institut für deutsche Musik im östlichen Europa e.V. in Bonn ersetzt
worden; aber auch dieses existiert jetzt in dieser Form nicht mehr.
Im Schlesischen Musiklexikon hat Hoffmann-Erbrecht die meisten
Stadtartikel und die Beiträge über musikgeschichtliche Epochen
selbst verfaßt.
Hoffmann-Erbrecht hat zahlreiche ältere deutsche Musikwerke
herausgebracht (siehe Rubrik Ausgaben). Er betreute die
Musikalienreihen: Mitteldeutsches Musikarchiv, Organum, Silesia
cantat. Anzuführen ist auch seine musikwissenschaftliche Reihe: Neue
musikgeschichtliche Forschungen, Wiesbaden ab 1968. Er war
Vorstandsmitglied des Arbeitskreises für schlesische Musik sowie des
Instituts für deutsche Musik im Osten und etliche Jahre der
Arbeitsgemeinschaft für mittelrheinische Musikgeschichte. Auf Grund
seines starken Einsatzes für die Erforschung und Darstellung der
Musik deutscher Komponisten in Ostmitteleuropa wurde ihm 1997 das
Bundesverdienstkreuz am Bande verliehen.
Gesundheitliche Probleme führten vor einigen Jahren dazu, daß er
sich von der Öffentlichkeit mehr und mehr zurückgezogen hat.
Werke:
1. Selbständige Schriften: Deutsche und italienische Klaviermusik
zur Barockzeit (Diss.) (Jenaer Beiträge zur Musikforschung 1),
Leipzig-Wiesbaden 1954. – Thomas Stoltzer. Leben und Schaffen (Die
Musik im alten und neuen Europa, hrsg. von Walter Wiora 5), Kassel
1964. – Die Sinfonie, Köln 1967, 2. Aufl. 1969, englische
Übersetzung 1969 (Das Musikwerk 29). – Henricus Finck – musicus
excellentissimus (1445-1527), Köln 1982. – Musikgeschichte
Schlesiens (Die Musik der Deutschen im Osten Mitteleuropas 1),
Dülmen 1986 – (Hrsg.), Schlesisches Musiklexikon, Augsburg 2001.
2. Aufsätze (zusammenfassende
Auswahl): Ein ausführliches Verzeichnis bis 1987 siehe Festschrift,
ferner Lexika in der Rubrik Literatur. – Er schrieb Beiträge für
folgende Kongressberichte: Bamberg 1953. – Hamburg 1956. – Köln
1958. – Kassel 1962. – Bonn 1970. – III. Internationales Bach-Fest
der DDR 1975. – Internationale wissenschaftliche Konferenz anläßlich
des 8. Telemann-Festtags der DDR 1984. – Rastatt 1988. – Zahlreiche
Aufsätze in den folgenden Fest- und Gedenkschriften: Heinrich
Besseler 1961. – Helmuth Osthoff zum 65. Geburtstag 1961, diese
Festschrift gab er auch heraus. – Erich Schenk 1962. – Walter Wiora
1967. – Helmuth Osthoff zu seinem siebzigsten Geburtstag 1969. –
Wolfgang Schmieder 1972. – Leo Schrade 1973. – Helmuth Osthoff zum
80. Geburtstag 1979. – Heinrich Hüschen 1980. – Hermann Beck 1982. –
Alfred Dürr 1983. – Helmut Rahn 1987. – Hellmut Federhofer zum 75.
Geburtstag 1988. – Franz Krautwurst 1989. – Martin Just 1991. –
Werner Braun 1993. – Zahlreiche Aufsätze in Fachzeitschriften und
Jahrbüchern: Acta musicologica 1955, 1956. – Archiv für
Musikwissenschaft 1953, 1957, 1959. – Augsburger Jahrbuch für
Musikwissenschaft 1987, 1989, 1990. – Concerto 1984, 1985. –
Deutsches Jahrbuch für Musikwissenschaft 1971. – Jahrbuch der
schlesischen Friedrich-Wilhelms-Universität zu Breslau 1985, 1988. –
Jahrbuch für schlesische Kirchengeschichte 1988, 1997. – Musica
(Kassel) 1960. – Musik des Ostens 1962, 1971. – Musik und Medizin
1979-1982. – Die Musikforschung 1952, 1957, 1970, 1971, 1974, 1983.
– Neues musikwissenschaftliches Jahrbuch 1993. – Schlesien
1979-1982, 1985, 1986, 1994, 1995. – Hoffmann-Erbrecht
veröffentlichte weitere Beiträge in einigen Sammelpublikationen und
war Mitarbeiter von folgenden Lexika und Enzyklopädien: Die Musik in
Geschichte und Gegenwart ab Bd. 5 1956; 2. Aufl. Personenteil ab Bd.
8 2002. – Lexikon für Theologie und Kirche ab 1959. – Neue Deutsche
Biographie ab Bd. 5 1961. – Brockhaus Enzyklopädie ab 1966. –
Dictionaire de le Musique 1970. – Das große Lexikon der Musik ab Bd.
1 1976. – The New Grove Dicitionary of Music and Musicians, London
1980, 2. Aufl. 2001. – Dizionario Enciclopedico universale della
Musica e dei Musicisti ab 1982. – Schlesisches Musiklexikon 2001. –
Ferner die Artikel Esaias Reusner der Jüngere und Silvius Leopold
Weiß, in: Josef Joachim Menzel/Ludwig Petry (Hrsg.), Schlesier des
15. bis 20. Jahrhunderts (Schlesische Lebensbilder 6), Sigmaringen
1990.
3. Ausgaben (in Auswahl):
Heinrich Finck, Ausgewählte Werke, in: Das Erbe deutscher Musik 1
als Bd. 57, Frankfurt 1961; 2 als Bd. 70, ebd. 1981. – Thomas
Stoltzer, Ausgewählte Werke, in: Das Erbe deutscher Musik 2 als Bd.
66, ebd. 1969; 3 als Bd. 99, ebd. 1983. Er edierte ferner u. a.
Ludwig van Beethoven, Sonaten für Klavier zu zwei Händen, Urtext,
hrsg. zusammen mit Claudio Arrau, Frankfurt 1973.
Lit.: In Lexika
seit Riemann Musiklexikon 1959. – Zuletzt in: The New Grovel
Dictionary of Music and Musicians 2001. – Schlesisches Musiklexikon
2001. Die Musik in Geschichte und Gegenwart, 2. Aufl.
Personenteil 9 2003. In diesen drei Musiklexika sind weitere
ausführliche Werkverzeichnisse von Hoffmann-Erbrecht zu finden. – In
Publikationen: Maria und Gotthard Speer, 20 Jahre Arbeitskreis für
Schlesisches Lied und Schlesische Musik, Dülmen (Westf.) 1975. –
Anke Bingmann/Klaus Hortschansky/Winfried Kirsch (Hrsg.), Studien
zur Instrumentalmusik. Lothar Hoffmann-Erbrecht zum 60. Geburtstag
(Frankfurter Beiträge zur Musikwssenschaft 20), Tutzing 1988,
Werkverzeichnis bis 1987 ebd. S. 525-534.
Bild:
Privatbesitz Lothar Hoffmann-Erbrecht.
Hubert Unverricht