Karl von
Holtei zählt
zu den
umtriebigsten
Autoren der
deutschen
Literatur-
und
Kulturgeschichte
des 19.
Jahrhunderts.
Der
Aktionsradius
seiner
vielfältigen
Unternehmungen
umspannt
Europa nach
allen
Himmelsrichtungen
hin: von
Breslau über
Berlin,
Leipzig und
Hamburg bis
nach Paris,
Wien, Riga
und Graz.
Von
gigantischem
Ausmaß ist
auch sein
schriftstellerisches
Werk. Allein
37 Bände
Erzählende
Schriften
erschienen
schon zu
seinen
Lebzeiten
(1861 –
1866). Mit
leichter
Hand
verfaßte er
darüber
hinaus
zahlreiche
Bühnenstücke,
Lieder und
Gedichte
sowie
Abhandlungen
zu Literatur
und Theater.
Hinzu kommt
eine rege
Herausgebertätigkeit
von Blättern
wie dem
Obernigker
Boten
über das
Jahrbuch
deutscher
Bühnenspiele
bis zur
Bearbeitung
von
Shakespearestücken
und der
Edition der
Briefe an
Ludwig Tieck.
Berührungsängste
mit welchem
literarischen
Genre oder
welchem
Stoff auch
immer schien
Holtei nicht
zu kennen.
Neben einem
Breslauer
Commersbuch
(1819)
finden sich
Festspiele,
Prologe und
Theaterreden
(1823) oder
das
«Liederspiel
in einem
Akt» Die
Wiener in
Berlin,
das am 24.
Juni 1824 im
Königlichen
Hoftheater
zu Berlin
uraufgeführt
wurde. Der
dramatische
Bogen spannt
sich weiters
von
Lenore.
Vaterländisches
Schauspiel
mit Gesang
in drei
Abtheilungen
(1829) über
Don Juan.
Dramatische
Phantasie in
sieben Akten
(1834) bis
zum
Schauspiel
Shakespeare
in der
Heimath
(1840) oder
«dem
Mährchen in
drei Akten»
Die
beschuhte
Katze
(1843). Mit
diesen
Hinweisen
sind jedoch
längst nicht
alle von
Holtei
praktizierten
dramatischen
Gattungen
benannt.
Allein diese
Bandbreite
im
Bühnenbereich
legt jedem
halbwegs mit
der überaus
vielgestaltigen
Situation
des
literarischen
19.
Jahrhunderts
Vertrauten
Zurückhaltung
auf
hinsichtlich
der gängigen
Etikettierung
Holteis als
eines
Trivialautors.
Eine
objektive
Würdigung
seiner
Aktivitäten
– und
Schriftenfülle
ist nur
unter
Berücksichtigung
der
Zeitverhältnisse
möglich.
Literarisch
hat Karl
Immermann in
seinem
zeitsymptomatischen
Roman Die
Epigonen
(1836) das
Grundgefühl
der Autoren
nach dem
Ausklang der
«Kunstperiode»
mit ihren
klassisch-romantischen
Gipfelleistungen
prägnant zum
Ausdruck
gebracht.
Karl von
Holtei ist
diesbezüglich
– paradox
gesprochen –
ein
klassischer
Epigone. Und
dem
Nachgeborenen
der
Kunsttitanen
eröffnet
sich im
spielerischen
Umgang mit
den zu
höchster
Vollendung
geführten
Dichtungsgattungen
eine
bescheidene
Möglichkeit
eigenständiger
Artikulation.
Holtei hat
sie weidlich
genutzt.
Sein
umfangreiches
Werk bietet
(so gesehen)
die
Gelegenheit,
sich ein
detailliertes
Bild von den
außergewöhnlichen
Umständen
nach der
Klassik von
Weimar und
der Romantik
von Jena zu
machen. Im
Falle
Holteis
erklären
sich
auffällige
Verhaltensweisen
aber auch
aus der
Biographie.
In seinem
aus heutiger
Sicht wohl
wichtigsten
Werk, den
Lebenserinnerungen
Vierzig
Jahre
(1843-1850),
berichtet er
über seine
Kindheit in
Schlesien:
«Meine
Mutter
starb,
nachdem sie
mich
geboren;
mein Vater,
Husaren-Offizier,
wußte nicht,
was er mit
einem
schreienden
Kinde
beginnen
sollte? So
kam ich in
das Haus des
alten
Freiherrn
von Arnold,
dem nur aus
erster Ehe
noch eine
Tochter
lebte und
dessen
zweite
Gattin die
Schwester
meiner
Großmutter
von
väterlicher
Seite,
folglich
meine
Großtante
war. Ich
wurde als
Pflegesohn
auf- und
angenommen,
ohne
förmlich
gerichtlich
adoptiert zu
sein.»
Nie und
nirgends
«förmlich»
fest
verankert,
wurde auch
Holteis
Erziehung,
wie es in
Vierzig
Jahren
weiter
heißt, «bei
der besten
Meinung und
liebevollsten
Gesinnung,
doch aus
Mangel an
Einsicht so
konfuse
geleitet,
daß man es
nicht
künstlicher
hätte
anlegen
können, wäre
der Wunsch
vorhanden
gewesen,
mich aus dem
Grunde und
in den Grund
zu
verderben.»
Vorprogrammiert
sind hier
nicht nur
die
Schulprobleme
auf dem
Breslauer
Magdalenäum,
sondern vor
allem sein
lebenslanger
Hang zum
ungebundenen
Künstler-
und
Abenteurerdasein.
Die Welt des
Theaters
erwies sich
(auch
diesbezüglich)
als adäquate
Auffangstätte.
Eröffnet
wurde sie
ihm schon im
Alter von
sechs Jahren
durch einen
Besuch des
Stadttheaters.
Endgültig
sprang der
Funke über,
als er mit
13 Jahren
Ludwig
Devrient auf
der
Breslauer
Bühne als
Karl Moor
und König
Lear
erlebte.
Holtei blieb
dem Theater
rundum
verbunden:
als
Schauspieler
am
Schloßtheater
Grafenort
(bei
Habelschwerdt),
als
Theaterdirektor
in Riga
(1837 –
1839), als
Richard
Wagner
ebendort
Kapellmeister
war, und
nicht
zuletzt als
Stückeschreiber.
Mit Wagners
musikdramatischen
Vorstellungen
konnte der
dem
Singspiel
verbundene
Holtei
allerdings
nichts
anfangen,
und er blieb
bis zum Ende
seines
Lebens ein
Antiwagnerianer.
Weber
dagegen lag
ihm sehr. In
seiner
Schrift
Karl Maria
von Weber
(1854) zeigt
er sich
bestens
informiert
über die
musikalische
Großwetterlage
im ersten
Drittel des
19.
Jahrhunderts
und urteilt
kompetent
über heute
erst
allmählich
wieder in
unser
Bewußtsein
tretende
Weber-Opern
wie
Euryanthe
oder
Oberon.
Nebenbei
kommt hier
auch ein
seltener
erwähnter
Wesenszug
Holteis zur
Wirkung, den
Gustav
Freytag
bemerkte,
wenn er von
Holtei als
dem
«feinfühlenden
Mann» von
großer
Zurückhaltung
sprach. Als
es um eine
direkte
Begegnung
mit Weber
geht, wird
dieser
Wunsch
«zurückgedrängt
durch ein
Gefühl
ehrerbietiger
Schüchternheit,
welches mich
mein
Lebenlang
abhielt,
berühmten,
von mir
verehrten
Leuten ohne
Weiteres
entgegen zu
treten.»
Dies gilt
natürlich
auch für die
wichtigste
Begegnung:
die mit
Goethe.
Deren
Schilderung
in
Vierzig
Jahre
gehört zu
den
Höhepunkten
von Holteis
Autobiographie.
Wegen ihrer
Authentizität
zählt sie
überdies zu
den
bedeutendsten
Berichten
über den
alten Goethe
und das
Weimar
dieser Zeit.
Zu einem
wirklichen
Gespräch kam
Holtei nur
mühsam. Das
Zusammentreffen
ereignete
sich im
Rahmen der
vorgesehenen
Empfangszeit
(11 Uhr):
«Verbindliche
und
möglichst
schön
gestellte
Redensarten
von meiner
Seite
schienen
keinen
Eindruck zu
machen;
wenigstens
lockten sie
keine
Erwiderung
hervor.
(...) Ein
guter Geist
gab mir die
Erinnerung
ein, daß ich
in Paris den
Duval’schen
‹Tasso›
spielen
sehen, den
machte ich
zu meinem
Zauberstabe,
– und siehe
da, der Fels
gab Wasser.»
Die Audienz,
die Holtei
sich
höchstens
für «zehn
Minuten»
erhofft
hatte,
erweiterte
sich auf
«eine rasch
genug
durchplauderte
Stunde». Und
es folgte
eine
Einladung zu
«Goethes’s
Mittagstisch,
wo acht bis
zehn
Personen
versammelt
wurden.
(...) Zum
Trinken
nötigte der
hohe Greis
selten mit
Worten, –
wohl aber
durch die
That und
Beispiel,
denn er
trank wie
ein Alter,
und mich hat
es immer in
meinem
Herzen mit
gelabt, wenn
ich ihn
seinen
Würzburger
voll Andacht
schlürfen
sah. (...)
Dagegen
redete
sich’s nicht
besonders,
denn was man
sagte,
schien wenig
Eindruck zu
machen,
schien
vielmehr an
der Glätte
seines
Stahlpanzers
abzugleiten.»
Wir besitzen
wenige
Schilderungen
ähnlicher
Detailgenauigkeit
aus Goethes
spätem
Weimarer
Alltag.
Unschätzbar
ist nicht
zuletzt das
Porträt des
einzigen,
von den
zeitgenössischen
Größen wenig
beachteten
Goethe-Sohnes
August, mit
dem Holtei
nach
anfänglicher
Abneigung
eine enge
Freundschaft
schloß. Im
allgemeinen
Bild der
Goethe-Verehrung
stellte
August von
Goethe einen
nicht
unerheblichen
Störfaktor
dar. Auch
Holtei war
von der
ersten
Begegnung
alles andere
denn
angetan.
Doch schon
beim zweiten
Mal änderte
er seine
Ansicht, und
nach Augusts
Tod sah er
es als seine
Pflicht an,
«ihm vor den
Augen der
Welt die
Gerechtigkeit
widerfahren
zu lassen,
die ihm, –
freilich zum
Teil durch
seine eigene
Schuld,
nicht werden
sollte, als
er lebte.
Gewiß hat er
selbst das
meiste dazu
beigetragen,
daß alle
Leute mit
ihm
zerfielen;
er forderte
in
krankhaftem
Trotze die
üble Meinung
heraus. Das
erfuhr ich
ja an mir
selbst, denn
durch seine
erste
Begegnung
ward mir
mein erster
Tag in
Weimar total
verdorben.»
In der
Folgezeit
bekam Holtei
jedoch einen
Blick für
die Vorzüge
Augusts: «Er
hielt sich,
ging, stand,
saß,
gebärdete
sich wie ein
feiner
Hofmann;
seine
graziöse
Haltung
blieb stets
unverändert,
und auch
wenn er
berauscht
war, wenn er
tobte, fiel
er nie aus
dem Maße
äußerer
Schicklichkeit.
Er wußte
viel und
mancherlei
(...), und
hielt
namentlich
die vom
Vater
angelegten
Sammlungen
jeder
Gattung in
bester
scientivischer
Ordnung.»
Populär
wurde Holtei
weit über
Schlesien
hinaus als
Rezitator
großer
Dichtung.
Zur
Vortragskunst
scheint er
ausgesprochen
begabt
gewesen zu
sein.
Jedenfalls
blieben
seine
Deklamationen
Goethes,
Schillers
und vor
allem
Shakespeares
noch lange
im
Gedächtnis
der
zeitgenössischen
Zuhörer
haften. Den
Schlüssel
zum
Verständnis
Shakespeares
vermeinte er
in seiner
großen
Abhandlung
Shakespeare
als Vorbild
für moderne
Theaterdichtung
(1866)
in folgender
Beobachtung
gefunden zu
haben: «Er
bleibt,
indem er der
objectivste,
lebenstreueste
aller Poeten
ist,
wundersamer
Weise z u g
l e i c h
der
subjectivste,
eigenthümlichste,
unvergleichbarste.»
Sein
unstetes
Wanderleben
beschloß
Holtei im
Hospiz der
Barmherzigen
Brüder in
Breslau, in
dem er 1876
für die
letzten vier
Jahre seines
Lebens
untergekommen
war. Sein
80.
Geburtstag
wurde in
Breslau noch
festlich
begangen,
unter
anderem mit
einer
Ansprache
des
Germanisten
Karl
Weinhold.
Werke:
Karl von
Holtei:
Ausgewählte
Werke. 2
Bände. Hrsg.
von J. Hein
und H.J.
Koning.
Würzburg:
Bergstadtverlag
1992. –
Dreihundert
Briefe aus
zwei
Jahrhunderten.
Hrsg. von
Karl von
Holtei. 2
Bände. Bern:
neu verlegt
bei Herbert
Lang 1971. –
Briefe an
Ludwig
Tieck.
Ausgewählt
und
herausgegeben
von Karl von
Holtei.
Breslau 1864
(4 Bände). –
Karl von
Holtei: Die
Eselsfresser.
Roman in
drei Theilen.
Breslau
1861. – Karl
von Holtei:
Erlebnisse
eines
Livreedieners.
Roman in
drei Theilen.
Breslau
1868. – Karl
von Holtei:
Simmelsammelsurium
aus Briefen,
gedruckten
Büchern, aus
dem Leben
und aus ihm
selbst.
Breslau
1872. – Karl
von Holtei:
Der letzte
Komödiant.
Roman in
drei Teilen.
Leipzig:
Reclam. –
Karl von
Holtei: Die
Vagabunden.
Roman in
zwei Bänden.
Leipzig:
Reclam o.J.
– Karl von
Holtei:
Jugend in
Breslau.
Hrsg. von H.
Koopmann.
Berlin:
Nicolai
1988.
Lit.:
Kurt Kaiser:
Schlesische
Possendichtung
in der
ersten
Hälfte des
19.
Jahrhunderts.
Diss.
Breslau
1940. –
Irmgard
Weithase:
Die
Geschichte
der
deutschen
Vortragskunst
im 19.
Jahrhundert,
Weimar 1940.
– Wilhelm
Menzel:
Mundart und
Mundartdichtung
in
Schlesien.
München
21976.
– Karl
Weber:
Geschichte
des
Theaterwesens
in
Schlesien.
Daten und
Fakten – von
den Anfängen
bis zum
Jahre 1944.
Redaktion
Bärbel
Rudin.
Dortmund
1980. – Arno
Lubos:
Schlesisches
Schrifttum
der Romantik
und
Popularromantik.
München
1978.
Bild:
Carl von
Holtei,
1845.
Kupferstich
von Franz
Xaver Stöber
(1805 –
1858).
Walter
Dimter