Zu
Weihnachten
1834 traf
ein
orientalisch
gewandeter
Reisender in
Kronstadt
ein. Zum
Erstaunen
aller sprach
er sie in
ihrer
siebenbürgisch-sächsischen
Mundart an.
Aus seinen
Erzählungen
ergab sich,
daß es sich
um einen
Landsmann
handelte,
der zwei
Jahrzehnte
zuvor die
"Stadt im
Osten"
verlassen
hatte und
nach
mehreren
Etappen in
Lahore
gelandet
war.
Johann
Martin
Honigberger
war als
20jähriger -
nachdem ihn
sein Vater
nach nur
vier
Gymnasialjahren
zu einem
Apotheker in
die Lehre
geschickt
hatte - über
die Bukowina,
Moldau und
Walachei ans
Schwarze
Meer
gekommen, wo
er von Varna
aus nach
Konstantinopel
aufbrach.
Hier
angekommen,
gab er sich
als Arzt
aus, hatte
er sich doch
während
seiner
Ausbildung
auch
medizinische
Kenntnisse
angeeignet.
Ein Jahr
später nahm
ihn der
Gouverneur
von Tokat
als seinen
Leibarzt ins
Innere der
Türkei mit.
Honigberger
bereiste
Anatolien,
bestieg das
Libanon-Gebirge,
durchquerte
Palästina
und gelangte
nach
Ägypten. In
Kairo
betrieb er
eine
medizinische
Praxis, und
im Nil-Delta
bekämpfte er
die Pest. In
Syrien
führte
Honigberger
zum ersten
Mal die
Kuhpocken-Impfung
durch. In
den
Küstengegenden
erforschte
er die
Heilpflanzen
und suchte
mineralogische
Raritäten.
Über
Damaskus und
Bagdad
machte sich
Honigberger
auf den Weg
nach Indien.
Auf
Kamelrücken,
im
Pferdesattel,
durch Wüsten
und
Dschungel
gelangte er
über
Karatschi
1829
schließlich
nach Lahore
(heute
Pakistan).
Einer der
mächtigsten
und
reichsten
Könige des
indischen
Subkontinents,
Rendschit-Singh,
nahm ihn als
Leibarzt im
Ministerrang
auf,
ernannte ihn
zum
Verwalter
einer
Pulver- und
Gewehrfabrik
sowie zum
Inspektor
der Marine
in
Admiralsrang.
Da die
sanitären
Verhältnisse
des Landes
jeder
Beschreibung
spotteten,
organisierte
Honigberger
ein
einigermaßen
geregeltes
Gesundheitswesen.
Für die
Bewohner der
Hauptstadt
wurde ein
Spital
errichtet,
bald darauf
erfolgte der
Bau eines
Krankenhauses
für die
Gefangenen,
und
schließlich
wurde auf
seine
Anregung hin
eine Anstalt
für
Geisteskranke
ins Leben
gerufen.
Große
Schwierigkeiten
bereitete
ihm die
Ausbildung
einheimischer
Hilfsärzte,
da er gegen
den
tiefverankerten
Aberglauben
anzukämpfen
hatte und
eine
jahrelange
Aufklärungsarbeit
erforderlich
war. Einen
großen
Erfolg, über
den 1831
auch die
englischsprachige
Zeitung in
Kalkutta
berichtete,
hatte er mit
einer
selbstentwickelten
Methode zur
Bekämpfung
der an
Wassersucht
erkrankten
Soldaten.
Damit wurde
Honigberger
erstmals
breiten
Fachkreisen
bekannt.
Seine Arbeit
ließ
Honigberger
Zeit,
Indien, vor
allem
Kaschmir zu
bereisen und
eine
reichhaltige
Pflanzensammlung
anzulegen.
1833 trat er
- von
Heimweh
geplagt -
die
Heimreise
an. Über
Afghanistan,
dessen
Hauptstadt
Kabul er als
einer der
ersten
Europäer
betrat,
Persien, den
Kaukasus und
Rußland
gelangte er
wieder nach
Europa.
Seine
wertvollen
Münzfunde
aus
archäologischen
Grabungen
schenkte er
teilweise
den Museen
in Paris,
London, St.
Petersburg
und Wien.
Ebenfalls in
Wien
hinterließ
er bei dem
Botaniker
Professor
Joseph von
Jacquin
seine
wertvolle
Pflanzensammlung
zur
Auswertung.
Einen Teil
der
archäologischen
Funde trat
er der
Asiatischen
Gesellschaft
in Paris ab,
die ihn in
Anerkennung
seiner
Leistung in
die Reihe
ihrer
Mitglieder
aufnahm.
In Paris
wollte er
jedoch vor
allem die
Bekanntschaft
mit Dr.
Samuel
Hahnemann
machen.
Dieser, der
Begründer
der
Homöopathie,
war dem
Kronstädter
wohl
gewogen,
hatte ihn
doch
seinerzeit
der
Gubernator
von
Siebenbürgen,
Samuel von
Brukenthal,
von Wien
nach
Hermannstadt
mitgenommen,
wo er in den
Jahren 1777
bis 1779 bei
diesem als
Hausarzt und
Aufseher
seiner
ansehnlichen
Bibliothek
wirkte und
seine
"unvergleichliche
Sammlung
antiker
Münzen"
(Hahnemann)
ordnete.
Honigberger
machte sich
mit der
Homöopathie
vertraut und
wurde
Ehrenmitglied
des Vereins
homöopathischer
Ärzte in
Leipzig.
Mit den
neuen
Kenntnissen
begab sich
Honigberger
erneut nach
Asien. Es
wurde sein
zweiter von
insgesamt
fünf
Aufenthalten
in Indien,
was ihn
bewog,
Indien seine
zweite
Heimat zu
nennen.
Während all
dieser Jahre
dort
durchwanderte
er das Land,
sammelte
Pflanzen,
erprobte
seine
neuesten
Heilmittel
und machte
archäologische
Grabungen.
Während
einer seiner
Fahrten nach
Europa, die
zwei Jahre
gedauert
hatte,
nutzte er
die Zeit, um
an seinem
Hauptwerk zu
arbeiten,
das 1851 in
Wien
erschien.
Der
langatmige
Titel
lautet:
Früchte aus
dem
Morgenland
oder
Reise-Erlebnisse
nebst
natur-historisch-medizinischen
Erfahrungen,
einigen
hundert
erprobten
Arzneimitteln
und einer
neuen
Heilart, dem
Medial-System.
Das 590
Seiten und
40
lithographische
Tafeln
umfassende
Buch enthält
neben einem
rein
medizinischen
Teil und der
Darstellung
seines
neuen,
Medial-System
genannten
Heilverfahrens
(ein
goldener
Mittelweg
zwischen
Allopathie
und
Homöopathie),
auch ein
medizinisches
Wörterbuch
in neun
Sprachen
(Lateinisch,
Deutsch,
Französisch,
Englisch,
Türkisch,
Arabisch,
Persisch,
Pendschabi
und
Indisch-kaschmirisch).
Hervorzuheben
ist, daß er
die
Fachausdrücke
in den
indischen
Sprachen
meist selbst
prägen mußte,
wodurch
Honigberger
als
Mitbegründer
der
jeweiligen
Fachsprachen
gilt. Der
große Erfolg
dieses
Buches, das
1853 eine
zweite
vermehrte
Auflage
erlebte und
1852 auch in
London
erschienen
war, erklärt
sich aber
auch durch
die
aufschlußreichen
Schilderungen
der sozialen
Zustände in
Indien,
einschließlich
der
religiösen
Bräuche, die
es enthält.
Der
Philosoph
Mircea
Eliade
befaßte sich
in seinem in
rumänischer
Sprache
geschriebenen
Buch
Geheimnisse
des Doktor
Honigberger
mit dessen
Stellungnahme
zum
Okkultismus,
hatte doch
Honigberger
als erster
Europäer "zu
dem
Lebendigbegrabenwerden
eines Fakirs
und zu
anderen
einzigartigen
Leistungen
der Fakire
als
Wissenschaftler
Stellung
genommen".
Als 1855 in
Kalkutta die
Cholera
wütete,
setzte
Honigberger
ein
wirkungsvolles
Mittel als
Impfstoff
ein, das er
aus der
Pflanze
Quasia amara
gewonnen
hatte.
Darüber
berichtete
er in seiner
Broschüre
Cholera, its
cause and
infailible
cure and on
epidemics in
general
(Kalkutta
1857).
Daraus geht
hervor, daß
Honigberger
erkannt
hatte, daß
die Cholera
und andere
Infektionskrankheiten
durch
Bazillen ("Aufgußtierchen")
hervorgerufen
werden.
Somit zählt
er zu den
verdienstvollen
Vorläufern
der
Bakteriologen
Pasteur und
Koch.
Als
Honigberger
1868 von
seiner
letzten
Asienreise
zurückkam,
die er
hauptsächlich
in einem
Badeort am
Fuße des
Himalaja
verbracht
hatte, war
er schwer
erkrankt. Er
ließ sich in
seiner
Heimatstadt
nieder und
erlag wenige
Monate
später einem
Krebsleiden.
Dieser
"Selfmademan
der
Romantik"
(Hans Bergel),
den die
Bombay Times
als den
"berühmtesten
und
angesehensten
Arzt
Indiens"
feierte und
der in der
Reihe der
Indienforscher
einen
ehrenvollen
Platz
einnimmt,
hat seinem
Gymnasium
und
gemeinnützigen
Einrichtungen
in Kronstadt
testamentarisch
namhafte
Mittel
vermacht und
damit seine
Heimatliebe
zum Ausdruck
gebracht.
Lit.:
Josef
Trausch:
Schriftsteller-Lexikon,
2. Bd.,
Kronstadt
1870, S.
184-196. -
Oskar
Wittstock:
J.M.H., ein
siebenbürgisch-sächsischer
Kulturpionier
in Indien.
In: Jb.
1971,
Siebenbürgisch-Sächsischer
Hauskalender,
München, S.
71-74. -
Hans Bergel:
J.M.H. Ein
Albert
Schweitzer
des 19. Jh.
In: Ders.:
Würfelspiele
des Lebens.
München
1972, S.
35-55. -
Hans Barth:
J.M.H. In:
Von Honterus
zu Oberth.
Bukarest
1979, S.
187-221.
Bild:
Honigberger;
Archiv des
Verfassers.
Udo W. Acker