Georg
Hoprich war
ein
Bauernsohn
aus Thalheim
bei
Hermannstadt.
Die
Lebenswelt
des
siebenbürgisch-sächsischen
Dorfes
prägte ihn
und sein
Werk von
Anfang an.
Nach dem
Gymnasium in
Hermannstadt
studierte er
Germanistik
in Bukarest.
Als ich ihn
1957/58
kennenlernte,
studierte er
im zweiten
Jahr. Er
beeindruckte
durch seinen
schwermütigen
Ernst und
seine
überlegte
Zurückhaltung
– eigenartig
für einen
Menschen in
diesem
jugendlichen
Alter.
Richtig zu
schreiben
begann er
1958/59 im
Studentenheim.
Wir belegten
eines der
üblichen
14-Mann-Zimmer,
in dem u.a.
auch Richard
Adleff, der
spätere
Autor von
Herr Flöte
und seine
Schneider
und anderer
Kurzprosa
wohnte.
Nachdem
Georg
Hoprich
Oskar
Pastior
näher
kennengelernt
hatte –
Oskar
Pastior
besuchte
damals das
vierte
Studienjahr
der
Germanistenfakultät
– und auch
in dessen
Hause
freundschaftlich
verkehrte,
schrieb er
fast täglich
einen
lyrischen
Text, den er
uns –
Richard
Adleff und
mir –
vorlas.
Daraus
ergaben sich
lange,
intensive
Diskussionen.
Auch bei
seinen
anderen
Kommilitonen
war er als
Lyriker
bekannt und
der
Lehrstuhlinhaber,
der spätere
stellvertretende
Unterrichtsminister
Jean Livescu,
wollte ihn
fördern,
indem er
mehrere
Gedichte
Hoprichs im
Literaturkreis
vortragen
ließ.
Hoprichs
leidenschaftliches
Streben nach
dem tieferen
Zusammenhang,
nach dem
„tiefen
Vergleichslosen“,
war die eine
Seite seiner
dichterischen
Begabung.
Diese sollte
dann nach
den
tragischen
Ereignissen
der Haft und
ihren Folgen
allein
bestimmend
werden. Die
andere Seite
seines
poetischen
Schaffens
war durchaus
gegenwartsbezogen
und er
suchte sich
in den
komplexen
Gegebenheiten
jener Zeit
einen
eigenständigen
lyrischen
Standpunkt
zu
erschreiben.
Der
vorsichtige
und
umsichtige
Dieter Roth
studierte
damals in
derselben
Gruppe mit
Hoprich,
Adleff und
übrigens
auch mit dem
banatschwäbischen
Publizisten
Heinrich
Lauer.
Gleichzeitig
war er auch
Redakteur
bei der
Tageszeitung
Neuer
Weg.
Dieter Roth
war der
erste, der
es „wagte“,
über Georg
Hoprich
einen
Artikel im
Neuen Weg
zu
veröffentlichen.
Allerdings
tat er es
anonym und
mit dem
Hinweis
darauf, dass
Georg
Hoprich
nicht nur
ein
vorbildlicher
Student und
schöpferisch
tätiger
Jugendlicher
sei, sondern
auch
Sprecher des
staatlichen
Jugendverbands
seiner
Gruppe.
Trotz der
1956
gehaltenen
Entstalinisierungsrede
Chrutschows
dauerte es
in Rumänien
bis zum
Beginn der
1960er
Jahre, dass
hier zaghaft
eine
Lockerung
der
dogmatischen
Verkrustungen,
gerade auch
auf
künstlerisch-ästhetischem
Gebiet
eintrat. Aus
diesen
Gegebenheiten
heraus ist
bei Hoprich
das
siebenbürgisch-sächsische
Dorf nicht
nur Sinnbild
des Rückzugs
in eine
„heile Welt“
von ehedem,
sondern auch
ein Hort
normalen
menschlichen
Zusammenlebens
in der
Großfamilie.
Der
Natürlichkeit
dieser
gewachsenen
Welt
entsprang
Hoprichs
außergewöhnliche
Sensibilität,
wie sie in
dem Gedicht
Thalheim,
seinem
Heimatort
gewidmet,
zum Ausdruck
kommt. Die
Rückkehr in
die
Geborgenheit
eines
natürlich
hervorgegangenen
Allzusammenhangs
wird auch
später immer
wieder als
eine
Möglichkeit
des
Weiterlebens,
gewissermaßen
als Flucht
in die
Transzendenz
des Alltags
besungen. In
Heimkehr
(ursprüngliche
Fassung)
heißt es in
der ersten
Strophe
bezeichnenderweise:
„Mit
meiner
Fremde steh’
ich hier /
Und trete
Kreise
nieder / Der
Wein umrankt
die schwere
Tür. / Der
Maulbeerbaum
trägt
wieder.“
Eine
Möglichkeit
war beim
jungen
Hoprich
immer da,
wenn auch
äußerst
gefährdet
durch das
grausame
Chaos der
Welt von
draußen, an
die er sich
nur zögernd
heranzutasten
vermochte.
Stützen
konnte ihn
dabei die
Erinnerung
an die in
Not und Leid
zusammehaltende
Dorfgemeinschaft.
Unlösbare
Bande wie
Familie,
Freunde und
Geliebte
fand er da.
In seinen
Liebesgedichten
gelingt es
ihm, selbst
im herben
Alltag Halt
und
Orientierung
zu finden.
Dieser allen
Regungen der
Veränderung
in den
menschlichen
Beziehungen
nachgehende
Dichter
versucht, im
grauen
Alltag der
Diktatur
immer wieder
poetischen
Widerstand
zu leisten.
Hoprich
wollte
zunächst, so
gut es eben
ging,
durchaus
beitragen
zur
allmählichen
Vermenschlichung,
zur
ständigen
künstlerischen
Erweiterung
des
dogmatisch
verengten
Kulturhorizontes.
Auch sein
Weg schien
vorgeschrieben,
schien
eingeplant,
wie es sich
für die
administrative
Kommandowirtschaft
„gehört“.
Nach
Beendigung
des
Germanistikstudiums
sollte er –
das war
schon im
letzten
Studienjahr
ausgemacht –
Redakteur
der
deutschsprachigen
Abteilung
des
Bukarester
Jugendverlags
werden. Er
freute sich
schon
darauf,
hatte auch
Projekte
bereitliegen.
Eine
Anthologie
der jüngsten
deutschsprachigen
Lyrik
Rumäniens
aus allen
auch von
Deutschen
besiedelten
Landesteilen
wollte er
zusammenstellen
– und
natürlich
auch einen
Gedichtband
des damals
33-jährigen
Oskar
Pastior, den
er sehr
schätzte.
Nun schlug
indes das
Schicksal
unbarmherzig
zu und
bewies, wie
gefährdet
jeder
einzelne
durch die
Willkür
einer
Diktatur
sein kann.
Ein Jahr
vorher war
Hoprich im
Wohnheim in
ein „kleines
Zimmer“ mit
sechs
Studenten
gekommen.
Vier
rumänische
Kommilitonen
und noch ein
Deutscher
waren nun
seine
Zimmergenossen.
Einer der
rumänischen
Kommilitonen
hatte eine
Postkarte
nach Hause
geschrieben,
man möge mit
der Waffe in
der Hand
gegen die
völlige
Kollektivierung
der
Landwirtschaft
– gerade
jetzt 1960
sollte diese
erreicht
werden –
kämpfen. Ein
vollkommen
sinnloses
Aufbegehren
vor dem
Unvermeidlichen,
denn die
Geheimpolizei,
die
Securitate,
holte den
Postkartenschreiber
umgehend und
verhörte ihn
„intensiv“
eine Nacht
lang mit
ihren
bekannten
Methoden.
Danach hatte
dieser über
alle seine
Zimmerkameraden
Belastendes
ausgesagt.
Diese wurden
nun
ihrerseits
verhört.
Einige kamen
mit Rügen
davon,
andere
trafen schon
Umerziehungsmaßnahmen
durch
Arbeit, und
allein Georg
Hoprich
wurde zu
fünf Jahren
Haft
verurteilt.
Buchstäblich
aus der Luft
gegriffen
hatte man
ihm ein
nationalistisch-chauvinistisches,
feindseliges
Verhalten
angedichtet,
um doch noch
einen
Sündenbock
zu finden.
In der breit
angelegten
Dokumentation
des
Südostdeutschen
Kulturwerkes
über die
Verurteilung
von fünf
siebenbürgisch-sächsischen
Autoren 1959
in einem
spätstalinistischen
Schauprozess
berichtet
einer der
Betroffenen,
Harald
Siegmund,
dass er
Georg
Hoprich zwei
Stunden lang
in einer
Durchgangskatakombe
traf.
Hoprich
teilte
Siegmund
mit, dass er
sozusagen
als
„Einzeltäter“
wegen eines
ganz
bestimmten
Gedichts
verhaftet
worden sei.
Dies müsste
letztlich
das Gedicht
Wir sind
ein bleiches
Volk
über die
schwierige
Lage der
Siebenbürger
Sachsen
sein. Wir
haben dieses
Gedicht als
tieftraurig,
aber
keineswegs
feindselig
empfunden,
auch wenn
Aussagen wie
„Der
Nächste
schleppt
sich wie
gebrochen“,
„Wir
haben immer
leis’
gesprochen“
und
besonders
das Ende
„Wir ernten
die Tränen
auf dem
Bitterfeld“
zeigen,
dass Hoprich
die Zukunft
der
Siebenbürger
Sachsen
illusionslos
sah, weil
sie seiner
Einschätzung
nach unter
den neuen
Zeitumständen
all den
Schicksalsschlägen
nicht mehr
gewachsen zu
sein
schienen. In
den
politischen
Zusammenhang
des
„bewaffneten
Kampfes“
gezerrt,
führte dies
zu fünf
Jahren Haft.
Dass er sich
nach seiner
Haftentlassung
nun ganz
seiner
tiefsinnigen
Veranlagung
hingab, war
nur noch
eine
Konsequenz
seines immer
schon
schwermütigen
Ernstes.
Jetzt
dichtete der
25-Jährige
„Auf
einen
Grabstein
einzumeißeln:
Aus
Stillsein
ging die
Flamme auf /
Die Wirrnis
wurde
Lebenslauf,
/ Der Irrtum
leitete das
Spiel, / Der
Tod war das
geschmückte
Ziel.“
Kurz nach
seinem 30.
Geburtstag
erhängte er
sich und
wurde in
seiner
Heimatgemeinde
Thalheim
beerdigt.
Ingmar
Brantsch