Eigentlich sollte das eine Würdigung des Journalisten und
Politikers Dr. Herbert Hupka werden aus Anlaß seines 90.
Geburtstages. Nun wird es zugleich eine dankbare Würdigung des
so plötzlich noch vor dem Redaktionsschluß dieser Ausgabe der
Ostdeutschen Gedenktage für die Jahre 2005 und 2006 von uns
Gegangenen.
Als der
große Barockdichter Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau,
Präses des Rates der Stadt Breslau, im Jahre 1679 gestorben war,
begann sein Dichterkollege Daniel Casper von Lohenstein,
Syndikus der Stadt Breslau, seine „Leichabdankung“, wie man
damals in Schlesien den Nekrolog auf eine bedeutende
Persönlichkeit nannte, mit dem lapidaren Satz: „Der große Pan
ist tot.“ Damit brachte der Dichter mit altrömischer Kürze und
Prägnanz zugleich Bedeutung und Eigenart des Mannes wie die
Erschütterung über seinen plötzlichen Tod zum Ausdruck. Man
spürte: Es bleibt eine Lücke zurück – für immer.
Auch
Herbert Hupka war eine Persönlichkeit von unverwechselbarer
Prägung. Seine hohe, aufrechte Gestalt war Abbild seines weiten
Bildungshorizontes, seiner Überzeugungstreue und seines
Durchblicks auf Wesentliches. Es mußte schon gleichsam ein Blitz
einschlagen, um diesen tief in seiner schlesischen Heimat und in
deutschen Geistestraditionen verwurzelten Baum berstend zu Fall
zu bringen. Keine Kuraufenthalte, kein Siechtum, vielmehr
Aktivität bei hellwachem Geiste bis zum Schluß.
Kurz vor
Ausbruch des Ersten Weltkrieges hatte sein Vater, ein
habilitierter Physiker, einen Ruf an die deutsch-chinesische
Hochschule in Tsingtau erhalten. Mit seiner jungen Frau trat er
die Schiffsreise an. In Colombo auf Ceylon wurde des Paar von
der britischen Kolonialmacht interniert. In Diyatalawa ist der
Sohn Herbert am 15. August 1915 zur Welt gekommen. Auf der
Rückreise nach Deutschland 1919 erlag der Vater vor der Küste
Südafrikas einer Influenza-Epidemie. So wuchs der Junge unter
der Obhut seiner Mutter im heimatlichen Ratibor auf als
Schlesier in dem Teil Oberschlesiens, der trotz der neuen
Grenzziehung zu Polen und der Abtrennung des Hultschiner
Ländchens zugunsten der neugeschaffenen Tschechoslowakei beim
Deutschen Reich verblieben war. Da die neue Grenze nach
polnischen Aufständen unter Mißachtung des
Abstimmungsergebnisses festgelegt worden war, entstand in dem
jungen Menschen früh eine Sensibilität für Ungerechtigkeiten und
ungebändigte nationalistische Emotionen.
Doch
dieses frühe Unrechtserlebnis war begleitet von einer
gründlichen Schulbildung. Die wachsende kulturelle Bedeutung von
Hupkas Heimatstadt Ratibor in der Zeit zwischen beiden
Weltkriegen hat Alois Maria Kosler in der von Helmut Neubach und
Hans-Ludwig Abmeier 1985 herausgegebenen Festschrift zum 70.
Geburtstag („Für unser Schlesien“) treffend beschrieben. So ging
der Abiturient 1934 wohl gerüstet zum Studium zunächst nach
Halle und dann nach Leipzig, wo er 1940 zum Dr. phil. promoviert
wurde. Sein Hauptfach war die Germanistik mit dem Schwerpunkt in
der Altgermanistik. Daneben studierte er Geschichte,
Kunstgeschichte und Geographie. Seine Dissertation trägt den
Titel „Gratia und misericordia im Mittelhochdeutschen. Zur
Geschichte ethisch-religiöser Begriffe im Mittelalter“.
Auf dem
Hintergrund einer so breit im Bereich von Sprache, Literatur,
bildender Kunst und Geschichte angelegten akademischen
Ausbildung, frei von aller zeitbedingten Deutschtümelei, konnte
Hupka nach Krieg und Vertreibung auf sicherem Fundament seinen
journalistischen Weg gehen: vom Bayerischen Rundfunk bis zur
Position eines Programmdirektors bei Radio Bremen.
Daneben
war er früh politisch aktiv. Er gehörte schon 1948 zu den
Gründern der Landsmannschaft Schlesien, deren Bundesvorsitz er
1968 übernahm und bis 2000, immer mit überwältigender Mehrheit
gewählt, innehatte. 1969 wurde er auf der Liste der SPD in den
Deutschen Bundestag gewählt. Im Zuge der Diskussionen um die
Ostverträge wechselte er 1972 zur CDU, für die er dann bis 1987
ein ebenso würdiger wie mutiger Repräsentant der deutschen
Vertriebenen im Bundestag war. Der Abgeordnete Dr. Hupka mußte
für sein unbeirrbares Eintreten für die Offenhaltung der
deutschen Frage auch im Hinblick auf die endgültige Festlegung
der deutsch-polnischen Grenze Beschimpfungen als Revanchist, ja
als Faschist und Kriegstreiber über sich ergehen lassen. Das war
besonders verletzend für einen Mann, der während der letzten
Jahre des NS-Regimes als „jüdischer Mischling“ die „Entlassung“
aus der Deutschen Wehrmacht, einen monatelangen Aufenthalt im
Torgauer Militärgefängnis und eine Verpflichtung zu zivilem
Kriegsdienst hatte ertragen müssen. Bei Kriegsende ging es
ähnlich weiter. Kosler schreibt am bereits genannten Ort darüber
mit unüberbietbarer Knappheit: „So erlebte er den Einmarsch der
Russen am 30. März 1945 und die Zerstörung der Stadt in den
Tagen und Wochen danach. Er konnte seine Mutter aus
Theresienstadt herausholen und nach München bringen. Im August
1945 verließ er Ratibor, kehrte aber noch einmal zurück ... Er
wurde mehrfach von den neuen Diktatoren inhaftiert und geriet in
Gefahr, verschleppt zu werden. Am 14. Oktober 1945 mußte er
Ratibor endgültig verlassen.“ Der langjährige Fraktionskollege
Hupkas, Bundesminister a. D. Heinrich Windelen, hat in seiner
Rezension des autobiographischen Werkes „Unruhiges Gewissen“
Hupkas politisches Wirken im Deutschen Bundestag und in der
Landsmannschaft Schlesien angemessen gewürdigt (Zeitschrift
„Schlesien“, Heft 3, Jahrgang 1996). Entscheidend ist, daß sein
Eintreten für das Menschenrecht der Vertriebenen stets neues
Unrecht ausdrücklich aus schloß. „Eine Vertreibung ist immer
schon eine Vertreibung zuviel.“ Man mag über einzelne seiner
politischen Vorstellungen, Urteile und Initiativen
unterschiedlich denken, den Respekt und die menschliche
Anerkennung hat dieser aufrechte Demokrat auch von seinen
Gegnern verdient.
Es
entsprach seinem Bildungsfundament, seinem Ideenreichtum und
seinem vielfältigen publizistischen Wirken, daß er von 1982 bis
1999 als Präsident der Stiftung Ostdeutscher Kulturrat seine
Kraft auch in den Dienst der Bewahrung, Erforschung, Darstellung
und Pflege des großen Beitrags der Deutschen im Osten zur Kultur
stellte. Die elfbändige Studienbuchreihe „Vertreibungsgebiete
und vertriebene Deutsche“ geht auf seine Anregung zurück. Die
Ausstellung „Große Deutsche aus dem Osten“ war seine Idee. Die
Städtebuchreihe über Königsberg, Elbing, Frankfurt/Oder,
Liegnitz, Lodz, Troppau und Hermannstadt hat er initiiert. Die
Krönung aber seiner kulturhistorischen Unternehmungen waren
zweifellos die „nachgeholten Wiedergutmachungen“, die vor allem
bedeutenden jüdischen Persönlichkeiten galten, die in
Wissenschaft, Literatur und bildender Kunst Ehre für ihr
deutsches Vaterland eingelegt hatten, das sie in ideologischem
Rassenwahn verstieß und oft ermordete. Unvergeßlich ist sein
Vortrag, den er im vorigen Jahr im Rahmen der OKR-Tagung über
„Die Verfolgung der Juden im Osten vor dem Holocaust“ gehalten
hat. Darin würdigte er mehr als dreißig Persönlichkeiten, deren
Vertreibung zu einer Verarmung wissenschaftlichen und
kulturellen Lebens in Deutschland führte.
Wieviel
hat er durch die von ihm herausgegebenen Sammelwerke „Große
Deutsche aus Schlesien“, „Leben in Schlesien“, „Meine
schlesischen Jahre“, „Schlesisches Panorama“, „Schlesisches
Credo“ und „Letzte Tage in Schlesien“ zu einer getreuen
Dokumentation der schlesischen Wirklichkeit vor der Vertreibung
beigetragen! Ohne seine Anregungen wäre vieles von den Autoren
gar nicht ins Bewußtsein zurückgeholt und für die Nachwelt
einnehmend und überzeugend zugleich dargestellt worden. Seiner
Autobiographie hat er schließlich mit dem erst jüngst
erschienenen Sammelband eigener Schriften „Schlesien lebt“ ein
neues Bekenntnis zu seiner Heimat in Vergangenheit, Gegenwart
und Zukunft hinzugefügt.
Mit
Rezensionen und Würdigungen aus gegebenem Anlaß hat Herbert
Hupka sich von seinen Anfängen beim Bayerischen Rundfunk bis zu
seinen Beiträgen zur „Kulturpolitischen Korrespondenz“, die erst
mit seinem Todestag enden, als ein Meister des Feuilletonismus
erwiesen. Marcel Reich-Ranicki hat das Feuilleton den „bisweilen
etwas leichtsinnigen Bruder des Essays“ genannt und als Erfinder
dieser Gattung Heinrich Heine in Anspruch genommen. Das darin
sich ausdrückende Lob einer gewissen Virtuosität in diesem Genre
kann auch auf Hupka bezogen werden. Aber damit nicht genug. Wer
die Essays Hupkas z. B. über seine Heimatstadt Ratibor, über den
Prälaten Ulitzka oder über den Maler-Poeten Ludwig Meidner
gelesen hat, wird zugeben, daß hier mit der Radiernadel
gearbeitet wurde, um Grundlagen und Konturen gültig und
einprägsam sichtbar werden zu lassen. So hat sich der nun von
der Bühne des Lebens Abgetretene als Homme des lettres et des
beaux arts mit ehernen Lettern in die Annalen der Kennzeichnung
und Weitergabe deutscher Kulturleistungen im Osten eingetragen.
Kulturleistungen verbinden die Völker. Und so ist es geradezu
die Vollendung der Lebensleistung dieses tapferen Mannes, daß er
die in den letzten anderthalb Jahrzehnten sich bietenden
Möglichkeiten der Begegnungen und des Dialogs mit den polnischen
Nachbarn bei gleichzeitiger stärkender Belebung der Verbindung
mit den in der Heimat verbliebenen deutschen Oberschlesiern
unermüdlich und fast immer erfolgreich genutzt hat. Die schönste
Frucht dieses versöhnlichen Wirkens war 1998 die Ernennung zum
„Verdienten Bürger“ der Stadt Ratibor. Damit war einer der
treuesten Söhne Schlesiens in seine oberschlesische Heimatstadt
ideell zurückgekehrt. Per aspera ad astra – durch Finsternisse
zu den Sternen!
Bild:
Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen.
Eberhard Günter
Schulz