Viele
Bundesbürger
ahnen nicht,
daß es
selbst nach
dem Exodus
von über
einer
Million
Rußlanddeutschen
seit dem
Umbruch im
Ostblock von
1989 in der
ehemaligen
Sowjetunion
noch immer
über zwei
Millionen
Deutsche
gibt, deren
Vorfahren
größtenteils
schon vor
225 Jahren
dem Ruf der
Zarin
Katharina
II, einer
gebürtigen
Prinzessin
von
Anhalt-Zerbst,
folgten und
das durch
den
Siebenjährigen
Krieg
(1756-1763)
verwüstete
Deutschland
verließen,
um in den
Steppengebieten
an der Wolga
und dem
Schwarzen
Meer Neuland
unter den
Pflug zu
nehmen,
blühende
Dörfer und
Städte zu
errichten
und
ehemaliges
Brachland in
Kornkammern
Rußlands zu
verwandeln.
Die
Nachkommen
leben heute
vor allem in
den
G.U.S.-Nachfolgestaaten
Rußland,
Kasachstan,
Kirgistan,
Usbekistan,
und in der
Ukraine.
Rudolf
Jacquemien,
aus einer
Kölner
Handwerkerfamilie
gebürtig,
war früh
Waise
geworden und
hatte in
einem
Kloster-Waisenhaus
eine streng
katholische
Erziehung
erhalten. Er
folgte 1932
als eine Art
Nachkömmling
dem
deutschen
Auswanderungszug
nach Rußland,
nicht
zuletzt auch
aus
politischen
Erwägungen
heraus, da
der
heraufziehende
Nationalsozialismus
ihm, dem
idealistischen
deutschen
KPD-Mitglied,
diesen Weg
nahelegte.
1936 wurde
er
eingebürgert.
Er nahm
sowjetischerseits
am
Finnlandfeldzug
1939 bis
1940 teil
sowie am
Zweiten
Weltkrieg
bis 1942.
Von 1942 bis
1946 wurde
er wie alle
Sowjetdeutschen
zum
Arbeitsdienst,
das heißt
zur Arbeit
an der
Heimatfront,
im
Hinterland
unter
militärischer
Bewachung
abkommandiert,
und 1946
erwischte es
ihn dann
besonders
hart, als er
auf Grund
falscher
Zeugenaussagen
zu acht
Jahren
Freiheitsentzug
und
Zwangsarbeit
verurteilt
wurde, die
er, wie er
selbst in
einer
deutsch
geschriebenen
autobiographischen
Skizze,
veröffentlicht
in der
Moskauer
Wochenzeitung
Neues
Leben
vom
17.2.1988,
erzählt,
„trotz
zahlreicher
Proteste und
Eingaben
‘schön brav’
absitzen
mußte.“
Doch auch
dieser
neuerliche
Schicksalsschlag
konnte
Jacquemiens
„rheinische
Frohnatur“
nicht
brechen. Er,
der bis zu
seiner
Internierung
deutsch
geschrieben
hatte – die
„Sowjetdeutschen“
besaßen vor
dem Zweiten
Weltkrieg
eine eigene
Wolgadeutsche
Autonome
Republik mit
einem regen
Kulturleben
–, begann
nun im Lager
russisch zu
schreiben,
da Deutsch
dort nicht
geduldet
wurde.
Später
nützte ihm
dies dann
bei seinen
zahlreichen
Übersetzungen.
So kam
Jacquemien
in das
typische
Dilemma der
„Volksdeutschen“,
der
Auslandsdeutschen,
das der
doppelten
Loyalität:
einerseits
Loyalität
dem neuen
„stiefmütterlichen“
Vaterland
gegenüber
und
andererseits
gegenüber
seiner
eigenen
Muttersprache,
seiner
eigenen
nationalen
Identität.
Er suchte
diesem
Dilemma zu
entgehen,
indem er wie
die meisten
seiner
Landsleute
durch
fleißige
Arbeit dem
„Vaterland“
von Nutzen
war und
durch
Festhalten
an der
deutschen
Sprache, an
der
deutschen
kulturellen
Tradition
sich selbst
gegenüber
treu blieb.
1954 aus der
Haft
entlassen,
wurde
Jacquemien
erst 1956
rehabilitiert,
1959 konnte
er wieder
veröffentlichen.
Von 1966 bis
1970 war er „Stilist“ bei der deutschsprachigen Zeitung
Freundschaft
in
Zelinograd
in
Kasachstan,
wohin
900.000 der
weit über
zwei
Millionen
Deutschen
zwangsumgesiedelt
worden
waren. Hier
leistete
Rudolf
Jacquemien
der jungen
sowjetdeutschen
Journalistik
unschätzbare
Dienste, da
er als
ehemaliger
„Reichsdeutscher“
die deutsche
Sprache von
Kindesbeinen
an
beherrschte
und so den
jungen
„sowjetdeutschen“
Journalistenkollegen,
die durch
die
Verbannung
ihre
nationalen
Schulen
verloren
hatten und
nun mühsam
Hochdeutsch
lernen
mußten,
zumal sie
zuhause
meist nur in
einer
deutschen
Mundart
(meist
Hessisch und
Schwäbisch)
gesprochen
hatten, auf
die Sprünge
helfen
konnte. Er
bearbeitete
die
journalistischen
Arbeiten
seiner
Kollegen,
und wenn es
heute in
Kasachstan
noch immer
eine
deutschsprachige
Zeitung gibt
– Die
Deutsche
Allgemeine,
die aus der
Freundschaft
hervorging
–, so hat
Rudolf
Jacquemien
einen
beträchtlichen
Anteil an
der Existenz
dieser
einzigen
deutschen
Zeitung in
dieser
Region. Die
beiden
anderen
deutschsprachigen
Zeitungen
sind das
Neue Leben,
eine
ehemalige
deutsche
Ausgabe der
Prawda in
Moskau, die
wöchentlich
für die
rußlanddeutsche
Bevölkerung
erscheint,
und die
ehemalige
Rote Fahne
aus
Slawgorod im
Altai, heute
Für Dich,
eine
Regionalzeitung,
die
außerhalb
der Region
leider kaum
verbreitet
ist.
1963 wurde
Rudolf
Jacquemien
in den
Schriftstellerverband
der
damaligen
UdSSR
aufgenommen
und war
somit einer
der
20 deutschen Verbandsmitglieder dieser kulturpolitisch so
wichtigen
Vereinigung.
Bei der
Herausgabe
der ersten
großen
Anthologie
der
sowjetdeutschen
Literatur
nach dem
Zweiten
Weltkrieg
1981 in drei
Bänden in
Alma Ata –
heute Almaty
– in
Kasachstan
hat Rudolf
Jacquemien
federführend
mitgewirkt,
indem er die
Verantwortung
für den
zweiten
Band, der
die
sowjetdeutschen
Lyrik
beinhaltet,
übernahm.
Rudolf
Jacquemien
schrieb
selbst viele
Gedichte,
die
teilweise
etwas
plakativ,
oberflächlich
optimistisch
anmuten.
Erst in
letzter Zeit
sind ihm
auch
differenziertere
Aussagen,
kritische
Anspielungen
gelungen. In
seiner Prosa
allerdings
war Rudolf
Jacquemien
schon lange
vor „Perestroyka“
und
„Glasnost“
ein Pionier
der
sowjetdeutschen
Literatur.
Als einer
der ersten
veröffentlichte
er
wissenschaftlich-phantastische
Prosa, so
Troni der
Roboter.
Dieser Titel
ist in Band
3 der
genannten
Anthologie
der
sowjetdeutschen
Literatur
erschienen,
der die
Prosa umfaßt.
Sogar eine
Art
wissenschaftlich-phantastischer
Roman,
Ronak, der
letzte der
Marsianer,
erschienen
1976 in Alma
Ata in
Kasachstan,
stammt von
ihm.
In der
wissenschaftlich-phantastischen
Prosa, wo er
seiner
Phantasie
die Zügel
schießen
lassen
konnte,
überwandt
Jacquemien
seine etwas
einseitige,
fast
engstirnige
Auffassung
vom
realistischen
Schreiben,
das nicht
einfach ein
Abbild, eine
Kopie der
Wirklichkeit
sein darf,
wie es
stellenweise
besonders in
einigen
Anfangswerken
rußlanddeutscher
Schriftsteller
anzutreffen
ist.
Jacquemiens
phantastische
Literatur
bleibt immer
gegegenwartsbezogen
und ist im
Grunde
genommen
nichts
anderes als
eine Art
erweiterter,
von Dogmen
unbelasteter
Realität.
Rentner seit
1970, lebte
Jacquemien,
inzwischen
zur
Vertrauensperson
geworden,
als einer
der ganz
wenigen
Deutschen in
Königsberg-Kaliningrad
und wurde
anläßlich
seines 80.
Geburtstages
am 16.
Februar 1988
vom Vorstand
des
Schriftstellerverbandes
der UdSSR
und der
Kommission
für
sowjetdeutsche
Literatur in
der Presse
beglückwünscht.
Schade war
nur, daß
Jacquemien
so „abseits“
leben mußte,
tausende von
Kilometern
von den
heutigen
Siedlungen
der
Sowjetdeutschen
in
Kasachstan
und
Westsibirien
entfernt, wo
er mit
seinem
ausgezeichneten,
lebendigen
Deutsch so
dringend
gebraucht
worden wäre.
Denn gerade
nach dem
Umbruch ist
der Bedarf
an
Deutschlehrern,
an deutschen
Journalisten
und
überhaupt an
des
Deutschen
Kundigen
noch viel
größer als
früher, als
die
rußlanddeutsche
Kultur
vernachlässigt
wurde.
In einem
seiner
letzten
Gedichte,
veröffentlicht
im Neuen
Leben
vom
15.6.1988,
klingt das
Bestreben
an, sich für
die
Wiederherstellung
einer
rußlanddeutschen
Autonomie an
der Wolga
einzusetzen.
In dem
Gedicht
„Gemeinsamkeit
der
Völkerfreundschaft“
heißt es
unter
anderem:
„Gemeinsamkeit
der
Völkerfreundschaft“:
Gemeinsam
haben wir
die Last
getragen,
die
unverdiente
Schuld, das
„Feinde“-sein,
geächtet und
beschimpft,
doch ohne
Klagen,
die
Deutschen
von der
Wolga, der
vom Rhein.
Gemeinsam
wollen wir,
daß unsere
Sprache
den fernsten
Nachkommen
erhalten
bleibt,
daß sie
nicht wird
zur
ungenutzten
Brache
und
nichts sie
je aus Herz
und Sinn
vertreibt.“
Die
Völkerfreundschaft
ist die
hehre Fahne,
die uns
voran auf
allen Wegen
geht,
und die bei
allem, was
wir tun und
planen,
sieghaft und
stolz zu
unsern
Häupten
weht.
Rudolf
Jacquemien
hoffte, daß
die
Sowjetdeutschen,
wie die
anderen
„Sowjetvölker“
auch, wieder
ihre
kulturelle
Autonomie im
Sinne einer
echten und
gerechten
Völkerfreundschaft
erhalten
würden, wozu
auch sein
Werk und
sein Wirken
ein nicht zu
übersehender
Beitrag sein
sollten.
Es war ihm
nicht
vergönnt,
seine
Heimatstadt
am Rhein,
Köln, heute
die
Partnerstadt
Wolgograds,
als Gast,
als Partner,
als
„Spätheimkehrer“
wiederzusehen.
Ehe es dazu
kommen
konnte, nahm
der Tod
diesem trotz
aller
schweren
Schicksalsschläge
fröhlich
gebliebenen
rheinländischen
Rußlanddeutschen
die Feder
für immer
aus der
Hand, jedoch
nicht bevor
seine alte
Heimat Köln
(1989 in der
Kulturzeitschrift
Neues
Rheinland,
Februarausgabe
Nr. 2) in
einem
Aufsatz
ihres (doch)
nicht
verlorenen
Sohnes
gedachte.
Ingmar
Brantsch