Franz Karl
Ginzkey, der
in Pola
geborene,
aus Nordböhmen
stammende
Dichter, hat
in der
Einführung
zur 1950
erschienenen
Ausgabe von
Jellineks
„Gesammelten
Novellen“
nachdrücklich
festgestellt:
„Sie gehören
zum festen
Bestand der
deutschen
Literatur.“
Und er sagt
über das
Lebenswerk
dieses
Dichters,
„jeder Satz
ist vom
Herzschlag
einer
menschlichen
Besonderheit
begleitet
... den man
dankbar in
sich
aufnimmt im
Bewußtsein
einer neu
gewonnenen
seelischen
Geleitschaft.
Aus den
Büchern
Oskar
Jellineks
dokumentiert
sich
unumstößlich,
daß Kunst,
daß Dichtung
aus
Schmerzen
geboren
wird. Er ist
ein Sänger
des Leids,
nicht nur
seines
eigenen,
sondern auch
des Leids
seiner
Menschenbrüder
und
-Schwestern,
und das
verleiht
seinen
Werken jenen
adeligen
Rang, der es
um seiner
hohen
Humanität
willen aus
Gleichwertigem,
von dem es
übrigens
nicht
allzuvieles
gibt, um ein
Wesentliches
herauszuheben
vermag.“
Die Lektüre,
vor allem
der
Novellen,
weckt
Zustimmung
zu dieser
Einstufung
durch
Ginzkey.
Kein
Zweifel,
Jellinek ist
fast
vergessen,
so
vergessen,
daß er
selbst in
Josef
Mühlbergers
umsichtiger
und
verdienstvoller
„Geschichte
der
deutschen
Literatur in
Böhmen“ (die
den ganzen
sudetischen
Bereich
einschließt)
keine
Aufnahme
fand.
Jellineks
Leben ist
rasch erzählt.
Der Brünner
Gymnasiast
und Wiener
Jurastudent
diente in
Wien der
Justiz, war
nach dem
Kriegsdienst
im Ersten
Weltkrieg
noch eine
Zeitlang
Richter.
Sein Dasein
als freier
Schriftsteller
beendete
abrupt der
Anschluß
Österreichs.
Er ging in
die
Vaterstadt
zurück,
mußte aber
schon im
Frühjahr
1939
emigrieren.
Nach der
Internierung
in
Frankreich
(bei
Kriegsausbruch)
gelingt die
Ausreise in
die USA.
Dort kann er
frei leben.
Doch die
Entwurzelung
des ganz in
der
deutschen
Sprache
Lebenden
verstärkt
seine
Tragik, die
nur durch
die Wiener
Gattin
Hedwig
gemildert
wird. Die
Übersiedlung
nach Los
Angeles
(1943)
bringt
bessere
Lebensbedingungen.
Doch können
die wenigen
verbleibenden
Jahre nicht
mehr die
tiefen
Wunden
heilen.
Jellinek
fühlt sich
der Kultur
und dem
Schicksal
Österreichs
zutiefst und
leidvoll
verbunden.
In der
Hauptstadt Mährens,
dann beim
Wiener
Jurastudium
bringt ihm
das Theater
entscheidende
Eindrücke.
Seine
Erstveröffentlichung
„Das
Burgtheater
eines
Zwanzigjährigen“
verarbeitet
seine
Theaterleidenschaft
und zeichnet
Erlebnisporträts
großer
Mimen. Sein
eigentliches
Metier
bleibt die
Prosa. Die
erste
Novelle,
vielleicht
sein
stärkstes
Werk
überhaupt,
„Der
Bauernrichter“,
wird 1924 im
Preisausschreiben
von Velhagen
und Klasing
ausgezeichnet.
Hier taucht
er in seine
literarische
und
menschliche
Existenz
ein, in die
Landschaft
Mährens, vor
allem der
tschechischen
Dörfer,
mitleidend
und
mitverstehend
zugleich aus
der
Erfahrung
des
Juristen.
Nicht ohne
Grund sind
Parallelen
zu dem
jüdischen
Bauerndichter
Jakob Julius
David (1850
Mährisch-Weißkirchen
– 1906 Wien)
gezogen
worden.
Außerordentliche
Schicksale
in einfacher
Welt
erreichen,
wie Ginzkey
richtig
feststellt,
die „Wucht
antiker
Dramen“, das
gilt für die
auch heute
noch sehr
lesenswerten
Novellen
„Die Mutter
der Neun“,
„Der Sohn“,
„Valnocha,
der Koch“,
„Hankas
Hochzeit“,
„Die Seherin
von
Daroschitz“
und „Der
Freigesprochene“.
Die aus dem
Nachlaß
veröffentlichten
Gedichte und
Erzählungen,
ein
Romanfragment,
unaufgeführte
und
ungedruckte
Dramen –
zwischen der
Sehnsucht
nach der
Welt der
Antike und
neuromantischer
Lyrik –
erweitern
das
Gesamtbild
des Autors
wesentlich
und
sympathisch,
erreichen
aber
insgesamt
nicht die
Originalität
seiner
Novellen.
Das meiste,
was er auch
hier
geschrieben
hat, ist
humanes,
humanistisches
Bekenntnis.
Hervorgehoben
werden aber
muß
das
„gesprochene
Buch“, „Die
Geistes- und
Lebenstragödie
der Enkel
Goethes“.
Dieser
anrührende
Vortrag
wurde
zunächst an
der
deutschen
Masaryk-Volkshochschule
in Brunn,
dann
mehrfach in
Wien,
schließlich
in der
amerikanischen
Emigration
gehalten.
Zur
Buchveröffentlichung
schrieb der
Autor in
einer
Vorbemerkung:
„Das Leben
der
Schattengänger“
des Namens
Goethe wird
hier als
eine unter
einzigartiger
Gesetzesgewalt
stehende
Schicksalseinheit
gezeigt und
gedeutet.“
Das ist
nicht nur
geistesgeschichtlich
und
psychologisch
aufschlußreich,
sondern auch
– bei aller
objektivierenden
Formulierungskunst
– von einer,
das ganze
Wesen und
Schaffen
Jellineks
durchziehenden
Mitleidensfähigkeit
getragen,
die er als
„eine alte
Hingezogenheit
zu Goethes
müder
Nachhut“
kennzeichnet.
Lit.: Oskar Jellinek: Gesammelte Novellen. Mit einer Einführung
von Franz
Karl Ginzkey,
Wien 1950;
Oskar
Jellinek:
Gedichte und
kleine
Erzählungen.
Mit einem
Nachwort von
Richard
Thieberger,
Wien 1952;
Oskar
Jellinek:
Die Geistes-
und
Lebenstragödie
der Enkel
Goethes. Ein
gesprochenes
Buch, Wien
1938 und
1953,
Zürich 1938.
Ernst
Schremmer