Keine andere
Sängerin
wird in dem
über 700
Seiten
umfassenden,
für die
deutsche
Kulturgeschichte
so überaus
wichtigen
Korrespondenz-Band
„Richard
Strauss –
Hugo von
Hofmannsthal/Briefwechsel“
öfter
namentlich
genannt als
die
Sopranistin
Maria
Jeritza; und
schon die
erstmalige
Erwähnung
läßt auf
Außerordentliches
schließen.
Denn Strauss
fordert in
schnörkelloser
Direktheit
und
Verknappung
der Worte im
Januar 1914:
„Jeritza
meine
Bedingung“,
meint damit,
daß ihr bei
der Wiener
Neueinstudierung
der Oper
„Elektra“
die Rolle
der
Chrysothemis
übertragen
werden soll
– und setzt
dies auch
durch.
Sie
– von
Strauss
generell
ohne
Vornamen und
ohne Artikel
schlicht als
„Jeritza“
bezeichnet –
hat die in
sie
gesetzten
Erwartungen
offenbar
voll
erfüllt,
denn sie
wird in den
folgenden
Jahren mit
immer
größeren
Aufgaben
betraut, und
manchmal
werden „alle
Hebel“ in
Bewegung
gesetzt, um
sie zur
Übernahme
einer
wichtigen
Strauss-Partie
zu bewegen.
So
interessant
es auch wäre,
den
Stationen
dieser
Entwicklung
aus der
Sicht von
Strauss und
Hofmannsthal
im einzelnen
zu folgen –
der
gebotenen
Kürze wegen
müssen wir
uns es
jedoch
versagen
bzw. uns
darauf
beschränken,
nur die
wichtigsten
musikhistorischen
Fakten ohne
weitere
Erläuterungen
zu nennen:
Sie sang bei
den
Uraufführungen
der beiden
Ariadne-Fassungen
(Stuttgart
1912 und
Wien 1916)
jeweils die
Titelpartie,
und in der
Uraufführung
der „Frau
ohne
Schatten“
(Wien 1919)
„kreierte“,
d. h.
verkörperte
sie erstmals
die Rolle
der
Kaiserin.
Der
Briefwechsel
gibt auch
deutliche
Hinweise
darauf,
worin ihre
Stärke lag
und womit
sie das
Publikum so
beeindruckte,
ja
anscheinend
geradezu
überwältigte.
Hofmannsthal
nennt sie
einmal – im
Hinblick auf
die Rolle
der Helena –
„die
geborene Darstellerin“,
und Strauss
merkt
realistisch
und
wirkungsbewußt
an: „Jeritza
ist in der
Erscheinung
unersetzlich.“
Aus der
Tatsache,
daß im
Briefwechsel
nicht
„expressis
verbis“ von
der Stimme
und
Gesangskultur
der Jeritza
die Rede
ist, wird
man
sicherlich
schließen
können, daß
sie den
nicht eben
geringen
Anforderungen
Straussscher
Partien
jeweils
mühelos
standhielt,
also
keinerlei
gesangstechnische
Mängel
offenbarte.
Aber auf dem
Hintergrund
der bereits
zitierten
Äußerungen
wird man
sich gewiß
keiner
Fehldeutung
schuldig
machen, wenn
man
konstatiert:
Stimme und
Gesangskunst
allein
reichen
nicht aus,
das Phänomen
ihres
internationalen
Ruhmes und
Erfolges zu
erklären.
Dazu müssen
in
entscheidendem
Maße auch
darstellerische
Qualitäten
wie
Bühnenpräsenz,
Rollengestaltung
und
Theatertemperament
hinzugekommen
sein.
Ziemlich
deutlich
geht das
auch aus
einer Kritik
anläßlich
ihrer ersten
Auftritte in
der New
Yorker „Met“
hervor
(1921): Als
Marietta
(Korngold:
Die tote
Stadt) rief
sie
Bewunderung
hervor, aber
als Tosca
(Puccini)
überwältigte
sie Publikum
und Kritik.
Der New
Yorker
Rezensent
berichtete,
daß sie – in
der
Auseinandersetzung
mit dem
Polizeichef
Scarpia –
gedemütigt
und am Boden
liegend, die
Arie „Vissi
d'arte“ (Nur
der
Schönheit
weiht' ich
mein Leben)
sang, an
deren Ende
verzweifelt
in Tränen
ausbrach –
und einen
Teil des
Publikums
zur gleichen
Reaktion
mitriß.
Sicher ein
Beweis
dafür, daß
sie dem
Typus nach
eine
Singschauspielerin
bzw.
dramatische
Sängerin
war, weniger
eine
Stilistin
der
Gesangskunst
(Mozartpartien
hat sie denn
auch nie
gesungen).
Die Annahme,
daß ihr
Singen
allein nicht
den Ruhm
erklärt, den
sie in
reichem Maße
und
unbezweifelbar
genoß,
bestätigt
sich beim
Abhören
ihrer nicht
wenigen
Schallaufnahmen:
Ihre Stimme
ist
imponierend
groß,
leuchtkräftig
und
höhensicher,
aber feinere
gesangliche
Differenzierungen
sind eher
die Ausnahme
als die
Regel. Am
überzeugendsten
ist ihr der
Ariadne-Monolog
„Es gibt ein
Reich“
gelungen;
gewiß ist
noch die
eine oder
andere
Arienaufnahme
(Verdi,
Puccini,
Wagner,
Goldmark u.
a.)
beeindruckend,
aber eher
bloßer
Stimmentfaltung
halber als
aufgrund
differenzierter
Gestaltung
bzw.
Wortausdeutung.
Die angelsächsischen
Experten für
historische
Gesangsaufnahmen,
J.B. Steane
(„The Grand
Tradition“)
und M. Scott
(„The Record
öl
Singing“,
Bd. 2),
kommen denn
auch bei der
Beurteilung
dez.
Z.
vorliegenden
bzw.
wiederveröffentlichten
Jeritza-Aufnahmen
(ab 1913) zu
Recht zu
einem
ziemlich
kritischen
Resümee. So
müssen wir
uns also mit
der
Feststellung
begnügen,
daß die
erhaltenen
akustischen
Tondokumente
die
nachweisbar
überragende
Bedeutung
der Sängerin
nicht zu
repräsentieren
vermögen. Ob
Maria
Jeritza
derartige
Aufnahmen –
überwiegend
noch in der
alten
„Trichter-Technik“
– für
unwichtig
und
nebensächlich
hielt oder
ob sie die
Bühnensituation
als
Herausforderung
für
außergewöhnliche
Leistung
benötigte,
kann man
heute nur
mutmaßen.
Sicher ist
aber, daß
sie – nach
der
Ausbildung
in Brunn und
Prag und
ersten
Erfolgen in
Olmütz und
München – in
Wien, Prag,
Budapest,
Berlin,
Bremen,
Stockholm,
London und
vor allem in
New York
(1921-32)
Triumphe
feierte.
Nach dem
Zweiten
Weltkrieg
ist sie –
längst nach
ihrem
eigentlichen
Bühnenabschied
(1935) –
noch
mehrfach, u.
a. als Tosca
und Santuzza,
aufgetreten;
nach der
Überlieferung
sei es ihr
auch dann
noch
gelungen,
„ihre
Bewunderer
in Wien zu
verzaubern“
(Anton
Odelga).
Hans-Jürgen
Winterhoff