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In der geistigen Nähe der jungen Reformgeister um
Karl Rosenkranz stand mit seinen ersten Schriften der aus Rastenburg
gebürtige, ebenso produktive wie letztlich erfolglose Alexander Jung. In
seinen zahlreichen gesellschaftskritischen und literaturgeschichtlichen
Publikationen, die meist in der Form von „Vorlesungen“ oder „Briefen“
gehalten sind („Vorlesungen über die neueste Literatur der Deutschen“,
1842; „Vorlesungen über soziales Leben und höhere Geselligkeit“, 1844),
bemühte sich Jung darum, seinen Zeitgenossen die großen denkerischen und
dichterischen Leistungen der Epoche des deutschen Idealismus als Vorbild
für die eigene Zeit und für den Bau einer besseren Zukunft vor Augen zu
halten. Alle seine Bücher meinen die eigene Gegenwart im
gesellschaftlichen und literarischen Leben. In seinen Arbeiten über
Goethes „Wilhelm Meister“ und über Hölderlin wird das schon im Titel
ausdrücklich betont: „Friedrich Hölderlin und seine Werke. Mit
besonderer Beziehung auf die Gegenwart“ (1848) und „Goethes Wanderjahre
und die wichtigsten Fragen des 19. Jahrhunderts“ (1854).
Nicht zu ihrem Vorteil bereicherte Jung seine wissenschaftlichen
Publikationen durch temperamentvolle Ergänzungen und Ausschmückungen und
gab ihnen damit den Charakter von phantasiebestimmten Improvisationen,
in denen die unmittelbare Beziehung zum eigentlichen Gegenstand der
Abhandlung dem Verfasser wiederholt aus den Augen zu geraten scheint.
Umgekehrt beeinträchtigte der ideologische und philosophierende
Einschlag den Erfolg der als Dichtungen gemeinten Bücher des „doctor
ecstaticus“, wie seine Königsberger Freunde ihn nannten. 1850 erschien
Jungs Novelle „Der Bettler von James Park“, 1862 sein stark
autobiographischer Roman „Rosmarien oder die Schule des Lebens“, 1873
„Darwin. Ein komisch-tragischer Roman in Briefen an einen Pessimisten“,
und aus dem Nachlaß 1885 „Die Harfe von Discatherine. Bekenntnisse eines
Dichter-Philosophen“. In allen Büchern Jungs erscheint die eigene
Gegenwart als tadelnswert. Sie kann vor der Größe der Goethezeit nicht
bestehen. Erst in einer wieder an der großen Vergangenheit – vor allem
an Goethe – orientierten Zukunft wird die menschliche Gesellschaft ihre
gottgewollte Lebensform finden. Bezeichnenderweise lautet der Titel
einer der späten Schriften Alexander Jungs „Panacee und Theodizee.
Illustrationen, Carricaturen der Gegenwart und Grundlinien einer neuen
Weltanschauung“ (1875). Schon 1847 hatte er ein Buch „Frauen und Männer
oder über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der beiden Geschlechter;
ein Seitenstück zu den Vorlesungen über sociales Leben und höhere
Geselligkeit“ veröffentlicht. Sein Standpunkt und seine Urteile über
seine Zeit blieben über dreißig Jahre unverändert. Alexander Jungs
„Darwin. Roman in Briefen an einen Pessimisten“ (2 Bde., 1873) besteht
unter Verzicht auf jede zusammenhängende Handlung aus einer Reihe von
philosophischen Reflexionen. Über den Titel sagte Jung selbst, „daß die
satirischen, die sarkastischen Partien meines Romans nirgends auf Darwin
gerichtet sind. Nur da der genannte Naturforscher das Ende der alten und
somit der Anfang einer neuen Metamorphose in der Entwicklung meines
Freundes (an den diese ,Briefe an einen Pessimisten' gerichtet sind)
war, so habe ich jenen Namen und Titel für mein Werk gewählt, wie man
etwa den Namen eines gefeierten Helden in eine Fahne stickt, oder ein
Dampfschiff mit solchem Namen bezeichnet ... Übrigens wird der gerechte
Leser sich davon überzeugen, daß dieser Roman auf keine Utopien
hinarbeitet, sondern auf die Wirklichkeit des vollendeten Reiches
Gottes.“ In dem posthum erschienenen Roman „Die Harfe von Discatherine“
(1885) findet sich auf den Anfangsseiten das phantastische
Selbstportrait Alexander Jungs: Er sei Germane, wenn auch mit starken
Hinneigungen und präexistenzialen Vorempfindungen, unverlierbaren
Erinnerungen an Ostindien, Ägypten, das alte Griechenland, an die
nordische, skandinavische, altgermanische, „ja an die gloriose Zeit, in
welcher in Spanien Lope de Vega, Cervantes, Calderön, Herrera blühten.
Es ist mir immer so, als hätte ich mit jenen vortrefflichen Männern
jahrelang den intimsten Umgang gehabt, nichts ausgenommen, was mir die
Allerweltszauberin Phantasie, in ewigen Gestalten nicht vorgeführt hätte
...“.
Aus: Ostpreußische Literaturgeschichte, München 1977, S. 286-287.
Helmut
Motekat
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