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„Jung-Deutschland hier“. Mit diesem im ersten Moment ungewöhnlichen Gruß
meldet er sich meist am Telefon und in diesen Worten läßt sich eine Art
von Programm erkennen, das bereits zu seinem 60. Geburtstag vor zehn
Jahren mit dem Slogan „Er heißt Jung – er ist jung – er bleibt jung“ auf
den Punkt gebracht wurde. Obwohl er sein siebtes Lebensjahrzehnt
vollendet, ist der Visitator für die Katholiken aus der Grafschaft Glatz
(Schlesien), Prälat Franz Jung, im Geiste jung geblieben, und er hat
sich im kirchlichen Raum als unermüdlicher Streiter für die Anliegen der
heimatvertriebenen Deutschen einen Namen gemacht. Weniger am
Schreibtisch, sondern vielmehr unter den ihm anvertrauten Menschen fühlt
er sich zu Hause. Ohne Scheu und fern jeglicher Eitelkeit geht er auf
Heimattreffen der einzelnen Städte und Dörfer der Grafschaft Glatz und
bei den Glatzer Wallfahrten in West und Ost, in Telgte und Werl und
nicht zuletzt in der alten Heimat, auf die Gläubigen zu. Kein Weg
scheint ihm dabei zu lang, keine Mühe zu groß, wenn es um Menschen geht,
welche die Grafschafter Arbeit unterstützen. Franz Jung zeigt dabei
besonders für die Sorgen und Nöte der so genannten kleinen Leute ein
offenes Ohr und vermag deren Sprache ausgezeichnet zu sprechen. Jedoch
gerät er niemals in Gefahr, zu einem Populisten zu werden, weil er es
zugleich versteht, seinen Standpunkt stets deutlich darzulegen. Prälat
Jung ist aber nicht nur durch seinen unermüdlichen Einsatz für die
heimatvertriebenen Grafschaft Glatzer zu einer zentralen Gestalt in der
Vertriebenenarbeit geworden, sondern auch als einziger Träger des Titels
Großdechant in der katholischen Weltkirche. Um eine größere
Unabhängigkeit vom Prager Erzbischof, zu dessen Sprengel die Grafschaft
Glatz seit dem Mittelalter gehörte, zu erreichen, hatte die preußische
Regierung 1810 diesen Titel für den Dechanten von Glatz eingeführt. Seit
1920 bekleidete er den Rang eines Generalvikars des Erzbischofs von Prag
und wurde nach 1946 zu einem Kristallisationspunkt in der
Vertriebenenseelsorge. Dabei verblieb auch den seit 1962 eingesetzten
Kanonischen Visitatoren für die Priester und Gläubigen aus der
Grafschaft Glatz die Bezeichnung Großdechant als Ehrentitel. Nicht
selten erzählt Franz Jung von seiner großen Überraschung, als er im
Spätsommer 1983 vom Vorsitzenden der Deutschen
Bischofskonferenz, Joseph Kardinal
Höffner, in das Visitatorenamt berufen wurde. Damit war er
zugleich der 14. Großdechant und der 50. Dechant der Grafschaft Glatz
seit der ersten Erwähnung dieses Amtes in der Mitte des 13.
Jahrhunderts.
Geboren wurde
Großdechant Jung am 3. Dezember 1936 in Neundorf/Kreis Habelschwerdt.
Als Kleinkind kam der Landwirtssohn in das nahe gelegene Gläsendorf in
der Pfarrei Schönfeld am Rand des Glatzer Schneegebirges, wo der Vater
einen anderen Hof übernahm. 1946 von dort vertrieben, fand die Familie
zunächst Aufnahme in Liesborn/Kreis Warendorf. Später konnten die Eltern
eine landwirtschaftliche Stelle in Lüdinghausen/Kreis Coesfeld
übernehmen. Seine höhere Schulbildung erhielt er zunächst in Xanten, wo
der Breslauer Priester Dr. Paulus Tillmann eines seiner zahlreichen
Internate für heimatvertriebene Schüler ins Leben gerufen hatte. Nach
dem in Lüdinghausen absolvierten Abitur erregte Jung zunächst das
Mißfallen des damaligen Großdechanten Generalvikar Dr. Franz Monse, weil
er sich zum Theologiestudium in Münster entschloß. Monse hingegen legte
Wert darauf, daß sich alle Priesteramtskandidaten aus Grafschafter
Familien für die Erzdiözese Prag aufnehmen ließen und dann in der Regel
in Osnabrück die Priesterweihe erhielten. Obwohl er bald in
freundschaftlichen Kontakt mit den für Osnabrück studierenden Glatzer
Theologen kam, hielt Franz Jung an Münster als Heimat- und Weihediözese
fest, wo er am 29. Juni 1964 durch Bischof Joseph Höffner zum Priester
geweiht wurde. Es folgten drei Kaplansstellen in Wesel (St. Mariä
Himmelfahrt), Moers (Hochstraß St. Marien) und in Goch (St. Maria
Magdalena), bevor der inzwischen fast vierzigjährige Geistliche 1976 als
Pfarrer nach St. Elisabeth in Duisburg-Walsum-Vierlinden ging. Sein
Engagement in dieser Bergarbeitergemeinde empfahl ihn 1982 für die
Aufgabe eines Diözesanpräses der Katholischen Arbeitnehmer-Bewegung
(KAB) im Bistum Münster. Nach dem Tod des Großdechanten Prälat Paul
Sommer folgte schon ein Jahr später die zusätzliche Aufgabe des Glatzer
Großdechanten. Da beide Ämter mit einer intensiven Reisetätigkeit
verbunden waren und ihren gesundheitlichen Tribut forderten, wechselte
Franz Jung im August 1989 von der KAB-Arbeit auf die Pfarrstelle der
kleinen Innenstadtgemeinde St. Aegidii in Münster. Inzwischen war er
1984 zum Päpstlichen Ehrenprälaten ernannt worden und erhielt 1990 die
höchste Prälatenwürde eines Apostolischen Protonotars. Nach dem
Ausschluß der Visitatoren aus der Deutschen Bischofskonferenz wurde
Franz Jung 1998 und 2003 auf jeweils fünf Jahre als Visitator der
Glatzer Katholiken bestätigt. Gleichzeitig nimmt er auch die Aufgabe
eines Sprechers der Visitatorenkonferenz wahr, der alle inzwischen zehn
Visitatoren für die ehemaligen deutschen Ostgebiete bzw. deutschen
Siedlungsgebiete in Ostmitteleuropa angehören. Zum Jahresende 1999
verabschiedete er sich aus der Gemeindeleitung in St. Aegidii, um sich
hauptsächlich der Grafschafter Arbeit widmen zu können. In
Münster-Mecklenbeck fand er nicht nur eine adäquate Wohnung als
Rückzugspunkt aus der Hektik der vielen Reisen, sondern auch die
Möglichkeit der seelsorglichen Mitarbeit in der dortigen Pfarrei St.
Anna. Am 2. Oktober 2001 erhielt er im historischen Rathaus der Stadt
Münster das Bundesverdienstkreuz am Bande verliehen. Damit sind nur die
äußeren Stationen seines Wirkens im Dienste der katholischen
Vertriebenenseelsorge aufgezeigt und die kirchlichen wie weltlichen
Ehrungen benannt.
Die innere
Wirkung dieses vielfältigen Engagements in allen Facetten zu ermessen,
erscheint zumal aus der gegenwärtigen Perspektive kaum möglich. Dennoch
seien einige Schwerpunkte in der kirchlichen Vertriebenenarbeit von
Prälat Franz Jung skizziert. Da ist zunächst der Einsatz für die
priesterlichen Mitbrüder, die jedes Jahr Ende August im Vorfeld der
Grafschafter Wallfahrt nach Telgte zu einer Tagung zusammenkommen, sowie
die Gewinnung von Theologiestudenten für die Glatzer Arbeit. Dutzende
von Neupriestern aus Grafschafter Familien haben in den letzten beiden
Jahrzehnten bei der Telgter Wallfahrt den Primizsegen erteilt. Des
Weiteren ist insbesondere die Ausweitung des Laienengagements
hervorzuheben, die sich in der 1985 erfolgten Einsetzung eines
Pastoralrates ebenso zeigt wie in der Begleitung der einzelnen Gruppen.
Neben den schon 1967 gegründeten „Kreis Grafschafter Familien“ trat 1985
der „Kreis Grafschafter Gemeinschaft“, der sich ebenso wie die
Jugendorganisation „Junge Grafschaft“ der tatkräftigen Unterstützung
durch den Großdechanten erfreut. Als Ende der 1990er Jahre der Ruf nach
einem zentralen Mitteilungsorgan laut wurde, entwickelte Jung den
„Rundbrief der Jungen Grafschaft“ zu einem „Rundbrief des Großdechanten“
weiter. Sein besonderes Augenmerk aber legte Prälat Jung auf den
Seligsprechungsprozeß für den 1942 im KZ Dachau umgekommenen
Grafschafter Jugendseelsorger Kaplan Gerhard Hirschfelder, der 1998 im
Dom zu Münster eröffnet wurde und dessen Abschluß in naher Zukunft
erhofft wird. Hirschfelders Grab liegt in Bad Kudowa, nahe der
Grafschafter Grenze zu Tschechien. Von der Seligsprechung erhofft sich
der Großdechant deshalb nicht nur einen nachhaltigen Impuls für eine
dauerhafte Verankerung der Grafschafter im deutschen Katholizismus,
sondern er sieht ihn zugleich als zentralen Baustein der
Völkerverständigung zwischen Deutschen, Polen und Tschechen. Nur in
diesem Miteinander und nicht in Verbitterung oder gar Revanchegelüsten
der Vertriebenen – so sein Credo – liegt eine Chance, um die durch das
Aussterben der Erlebnisgeneration bedrohte Grafschafter Kultur für
kommende Generationen weiterzutragen. Programmatisch für den Visitator
der Glatzer Katholiken in Deutschland ist dabei die Erfahrung, daß
„gerade die ... Wallfahrten das Ventil waren, wo wir Dampf ablassen
konnten, aber auch auftanken durften, wenn der Aku leer war“, wie er es
einmal bildlich formulierte. So zeigt sich Franz Jung auch zutiefst
„davon überzeugt, daß ... Wallfahrten uns davor bewahrt haben,
Revoluzzer als Heimatvertriebene zu werden“.
Werke: (Hrsg.)
Rundbrief des Großdechanten 1999ff. – (Hrsg.) Personalschematismus des
katholischen Klerus aus der Grafschaft Glatz, Münster 1985 und 1994. –
(Hrsg.) Personalschematismus der Ordensschwestern aus der Grafschaft
Glatz, Münster 1991 und 1999. – (Hrsg.) Katholische Kirchenlieder aus
der Grafschaft Glatz, 3. Aufl., Emsbüren 1997. – (Hrsg.) Sie gehören zu
uns. Totengedenkbuch III der Grafschaft Glatz, Münster 1989. – (Hrsg.)
Kaplan Gerhard Hirschfelder. Ein Märtyrer aus der Grafschaft Glatz,
Münster 1989. – Art. Leo Christoph; Joseph Buchmann, Johannes Taube,
Paul Sommer, in: Johannes Gröger u. a. (Hrsg.), Schlesische Kirche in
Lebensbildern, Sigmaringen 1992, S. 215-219, 298-303, 338-341. – Art.
Glatz: Großdechanten/Visitatoren, in: Erwin Gatz, Die Bischöfe der
deutschsprachigen Länder 1945-2001. Ein biographisches Lexikon, Berlin
2002, S. 237-239. – Art. Leo Christoph, in:
Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon, Bd. XXII (2003), Sp.
194-201. – Die Kirchengeschichte der Grafschaft Glatz von 1840-1940, in:
Arno Herzig (Hrsg.), Glaciographia Nova. Festschrift für Dieter Pohl,
Hamburg 2004, S. 250-264. – (Hrsg.) Auf dem Weg durch die Jahrhunderte.
Beiträge zur Kirchengeschichte der Grafschaft Glatz, Münster 2005 (2.
Aufl. 2006). – Zahlreiche Beiträge, in: Grofschoaftersch Häämtebärnla.
Jahrbuch der Grafschaft Glatz.
Lit.:
Art. Jung, Franz, in: Aloys Bernatzky, Lexikon der Grafschaft Glatz, 2.
Aufl., Leimen 1994, S. 126. – Michael Hirschfeld, Kanonische Visitatur
Glatz, in: Neuanfang in Münster. Eingliederung von Flüchtlingen und
Vertriebenen in Münster von 1945 bis heute, Münster 1996, S. 375-380. –
Ludwig Adelt, Er heißt Jung – er ist jung – er bleibt jung – Unser
Großdechant wurde 60, in: Grafschafter Bote 12/1996, S. 5. – Michael
Hirschfeld/Markus Trautmann, Nach 1945 geweihte Priester ostdeutscher
Herkunft, in: Dies. (Hrsg.), Gelebter Glaube – Hoffen auf Heimat.
Katholische Vertriebene im Bistum Münster, Münster 1999, S. 373-389,
hier S. 381. – Johannes Güttler: Unser Großdechant wird 65 Jahre, in:
Grafschafter Bote 12/2001, S. 4. – Jung, Franz, in: Erwin Gatz (Hrsg.),
Die Bischöfe der deutschsprachigen Länder 1945-2001, Berlin 2002, S.
239. – Michael Hirschfeld: Grafschafter Katholiken auf der Suche nach
Identitätsbewahrung in der Fremde und in der alten Heimat (1946-2005),
in: Franz Jung (Hrsg.): Auf dem Weg durch die Jahrhunderte. Beiträge zur
Kirchengeschichte der Grafschaft Glatz, Münster 2005 (2. Aufl. 2006), S.
155-169.
Bild: Archiv
Visitator Glatz, Münster.
Michael Hirschfeld
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