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Das
Elternhaus, eine Uhrmacherei, bietet dem begabten Knaben mannigfache Förderung;
der Vater, ein vielseitig engagierter Autodidakt, zieht Gelehrte,
Literaten und Musiker in sein Haus. Der Sohn musiziert mit, sehr zur
Freude der Mutter, die ihn als zukünftigen Virtuosen sieht.
Aber
eine wild-verlockende Schicksalsparze reißt
den Sohn, nun Student der Nationalökonomie, fort in die Großstadt, zu
Burschenschaftlern, Soldaten, Expressionisten, Dadaisten, in
marxistische und anarchistische Kreise. Unter diesem Dickicht sprießt
Literatur, höchst sonderbare allerdings: wirre Szenen zwischen
Liebenden; Leidenschaft und Brutalitäten in recht schwierigem
Sprachduktus; Wortfetzen, Erzählerberichte, direkte Rede und innerer
Monolog in nahtlosem Nebeneinander. Aber das erregt die Gemüter des
literarischen Um- und Aufbruchs, die den Autor als den Protagonisten
einer „neuen Primitivität“, „Blöckeschleuderer“ und „Mann mit dem großen
Wurf“ begeistert begrüßen. Tagebücher zeigen die Breite seiner damaligen
Lektüre; am intensivsten beschäftigten ihn aber Nietzsches
„Zarathustra“, die Bibel und die „Nachfolge Christi“ des Thomas von
Kempen. Bald überlagert politische Agitation die Literatur, und der Name
Franz Jung erscheint wegen der Schiffsentführung nach Murmansk
in den Schlagzeilen der Tagespresse. Verhöre,
Inhaftierungen folgen und ein längerer Aufenthalt in Rußland, wo Jung
zunächst als Funktionär der Internationalen Arbeiterhilfe, dann als
Fabrikdirektor tätig ist. Nach Bespitzelungen und Verdächtigungen der
Partei verläßt er, bitter enttäuscht und heimlich, den jungen
Sowjetstaat.
Ab
Beginn der 20er Jahre widmet sich Jung auch dem Drama, das er in den
Dienst der Politik stellt. Diese Stücke,
zum Teil auf der Experimentierbühne Piscators aufgeführt und von der
Roten Presse gerühmt, verfehlten allerdings, der schwierigen Konzeption
wegen, ihr Zielpublikum, die Arbeiterschaft. Die späteren Arbeiten, die
beiden Dramen „Legende“ (1927 in Dresden uraufgeführt) und „Heimweh“
(uraufgeführt in Berlin von Piscator 1928) sowie der Roman „Hausierer“
(1931), entbehren dagegen sowohl expressionistischer Attitüde wie auch
politischer Belehrung.
Die
ersten Hitlerjahre verbringt Jung unbehelligt und unter falschem Namen
in Deutschland, emigriert aber 1936, nachdem er von der
Reichsschrifttumskammer als
„Autor unerwünschten Schrifttums“ gebrandmarkt wurde. Paris, Genf, Wien,
Budapest sind die Stationen, wo er für eine internationale Organisation
zur Bekämpfung nationalsozialistischen Wirtschaftseinflusses arbeitet.
Von Italien reist er 1948 in die USA. New York und später San Francisco
sind die Aufenthaltsorte. Der geplante Neueinstieg in die Literatur –
nach fast 20 Jahren – ist nicht leicht im fremden Land; materielle und
gesundheitliche Probleme kommen hinzu. Unter dem Eindruck des tragischen
Schicksals seiner Tochter Dagny, die vermutlich von den Nazis bei der
Evakuierung einer Wiener Klinik vergiftet wurde, reift der Gedanke an
eine Autobiographie. Aber es ist ein langer und mühevoller Kampf, bis
diese 1961 endlich in der Bundesrepublik erscheint.
Die
letzten Jahre verbringt Jung in Europa, pendelt zwischen Italien,
Frankreich, Österreich und der
Bundesrepublik, immer noch beseelt von einer Menge literarischer Pläne:
Blaise Cendrars, Oskar Panizza, die hl. Theresia von Avila, die
Albigenser und andere religiöse Gruppierungen finden sein Interesse.
Am 21.
Januar 1963 geht die Pilgerreise dieses um den Erdball Geschobenen in
Stuttgart zu Ende. Der katholische Geistliche, der den
Trauerfeierlichkeiten auf dem Neuen Friedhof vorstand, zitierte in
seiner Grabrede Jungs Landsmann Max Herrmann-Neiße,
der seinem Kollegen mit dem Roman „Cajetan Schaltermann“
ein literarisches Denkmal gesetzt hatte.
Werke (Auswahl): Das Trottelbuch (1912); Kameraden ...! Ein Roman (1913):
Gnadenreiche, unsere Königin
(1918); Reise in Rußland (1920); Der Fall Groß. Novellle (1921); Wie
lange noch? – Die Kanaker. Zwei Schauspiele (1921); Am Schauspiel
(1922); Der Weg nach unten (Autobiographie 1961). Die meisten Werke
Jungs sind von der Edition Nautilus des Verlags L. Schulenburg, Hamburg,
wieder aufgelegt worden.
Lit.: Imhof, A.: F. Jung, Leben, Werk, Wirkung.
– Bonn: Bouvier 1974.
Arnold Imhof
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