Ist es denn eine Art
von
geistesgeschichtlichem
Luxus, in Zeiten des
modernen Tourismus
Griechenland-Bücher
von Erhart Kästner
im Reisegepäck
mitzuführen, um sich
in Hellas, auf dem
heiligen Berg Athos
oder auf Kreta
zurechtzufinden?
Durchaus bringe das
Gewinn, erklärte
Benno von Wiese, da
Erhart Kästner doch
ein Autor sei, „der
abseits von allem
Lauten, Betriebsamen
und
Propagandistischem
die verborgensten
Seiten unserer von
Verschüttungen
bedrohten Seele
wieder zum Klingen
bringe.“ Orte, zu
denen uns Kästner
führen möchte, sind
so etwas wie „Inseln
der Ruhe“, und sie
schenken uns die
tröstliche Gewißheit,
wie wir die
steigenden Verluste,
die wir erfahren,
vielleicht besser
ertragen. Und gar
mancher Leser von
Kästners
Aufzeichnungen
dürfte sich wohl
kaum der
ursprünglichen
Formgebung, die
Lebendigsein
ausstrahlt,
entziehen. Erhart
Kästners Bücher sind
Zeugnisse einer
Liebe auf den ersten
Blick und auch
Ausdruck einer
ebenso
traditionellen wie
existentiellen
Sehnsucht nach den
Ursprüngen des
europäischen Geistes
und seiner Kultur.
Erhart Kästner wurde
am 13. März 1904 in
Schweinfurt geboren,
wo sein Vater, der
einer alten
fränkischen
Theologenfamilie
entstammte, als
Gymnasialprofessor
unterrichtete. Als
die Familie 1911
nach Augsburg
übersiedelte, trat
sein Sohn Erhart in
das traditionsreiche
Gymnasium bei St.
Anna ein, an dem
auch sein Vater
unterrichtete.
Erhart Kästner war
ein guter Schüler;
schon früh zeigte
sich ein starkes,
unabhängiges
Urteilsvermögen und
eine bemerkenswerte
geistige Kraft. Kurz
vor dem Abitur, das
er 1922 ablegte,
wurden diese
Eigenschaften in
einem Referat über
Gerhart Hauptmann
erkennbar. Wie hätte
damals der junge
Gymnasiast ahnen
können, daß er gut
zehn Jahre später
den Dichter in
Dresden kennenlernen
würde, ja daß ihn
der „Vater Gerhart“
als sein Sekretär
auf den
„Wiesenstein“ holte!
In den Jahren
1922-1924 machte
sich Kästner mit den
Gepflogenheiten der
Verlagsarbeit in
einem Leipziger
Antiquariat bekannt,
um freilich in den
Abendstunden schon
Vorlesungen an der
Universität zu
hören. Das Studium
der Germanistik,
Geschichte und
Geographie, das er
1924 in Freiburg
aufnahm, in Kiel
weiterführte,
beendete er 1927 in
Leipzig mit einer
Dissertation über
das Thema „Wahn und
Wirklichkeit im
Drama der
Goethezeit“, die der
bedeutende Germanist
der Universität
Professor Hermann
August Korff
betreute, „zu dem
man mit gehörigem
Respekt, Ehrfurcht
und Bewunderung
aufblickt ...“, in
dem der junge Doktor
phil. Erhart Kästner
einen
„Richtungspunkt“
erblickte. Aber
nicht die
wissenschaftliche
Arbeit an der
Universität war sein
Bestreben, sondern
die Arbeit am Buch:
Seine berufliche
Existenz erblickte
er in der Bewahrung
und Darstellung von
„geistigen
Denkmälern“
vergangener Epochen.
Sein Arbeitsplatz
wurde die Sächsische
Landesbibliothek in
Dresden, die sich
damals im
Japanischen Palais
befand. Der
Direktor, Professor
Martin Bollert,
förderte die
speziellen Neigungen
seines neuen
wissenschaftlichen
Mitarbeiters, in dem
er ihm die
Gestaltung der
Lessing-Jubiläumsausstellung
von 1929 im
Dresdener Rathaus
übertrug sowie die
Konzeption und die
Ausarbeitung des
Kataloges zur
Goethe-Ausstellung
1932 auf der
Brühlschen Terrasse.
Ihm wurde die
Leitung der
Handschriften-Abteilung
in den
neugestalteten
Räumen im Palais
übertragen, und als
ein Buchmuseum in
der Bibliothek
eingerichtet wurde,
betraute man den
erfolgverwöhnten
Bibliothekar mit der
Leitung dieser für
Sonderausstellungen
vorgesehenen Säle.
„Die Bibliotheken
besinnen sich wieder
darauf, daß sie
Kunstsammlungen sind
... so will man
jetzt wieder fühlen
lassen, daß die
alten
Büchersammlungen
doch auch
Kunstinstitute von
alters her sind, daß
sie mit ihrem
Illustrationsschatz
und ihrem Besitz an
Buchmalerei neben
den graphischen
Kabinetten stehen
...“ Als Kästner
darüber
entsprechende
Veröffentlichungen
(„Ein festlicher
Kalender für alle
Zeit“) vorlegt,
erreichte ihn das
zustimmende Echo von
Professor Anton
Kippenberg, den
Leiter des
Insel-Verlages. Mit
Wehmut erinnerte
sich Erhart Kästner
in seinem Beitrag
zur Festschrift für
den 75jährigen
Professor Bollert
„auf diese Dresdener
Jahre.“ Auf ihnen
liegt „ein Glanz auf
der Welt, der
verscherzt ist.
Gewiß, es ist der
Glanz der verlorenen
Stadt, es ist
Freundschaft,
Jugend, Liebe, es
ist aber auch der
sonntägliche Werktag
auf dieser
Bibliothek im
Japanischen Palais,
die Reichtum und
Fülle ausstrahlte.“
In einem Brief an
Elisabeth Jungmann
(Sekretärin Gerhart
Hauptmanns
1922-1933) berichtet
Kästner von seinem
Besuch in Dresden
1947: „Es ist schon
das Schlimmste, was
ich bisher sah ...“
Nach einer Begegnung
Kästners mit Gerhart
Hauptmann Ende 1934
in Dresden, hatte
der Dichter den
Wunsch geäußert, den
gescheiten
Bibliothekar als
Sekretär bei sich zu
haben – und seit
Juni 1936 steht er
dem Dichter zur
Seite, begleitete
ihn auf seinen
Reisen, nach Rapallo,
Hiddensee. Er nahm
regen Anteil an
seiner dichterischen
Produktion, leistete
Vorarbeiten zur
Weiterführung oder
Vollendung solcher
Dichtungen wie „Die
Tochter der
Kathedrale“, den
„Ulrich von
Lichtenstein“ oder
das „Wiedertäufer“-Fragment
und den „Großen
Traum“ – eine
Dichtung, die
Kästner zur Frage
evoziert, ob sie
überhaupt an Leser,
an Hörer gerichtet
ist. Aufschlußreich
Kästners Bericht zum
Entstehen der
„Finsternisse“, das
Requiem für
Hauptmanns jüdischen
Freund Max Pinkus:
Was es eigentlich
bedeutet hat sein
damaliger Sekretär
wohl am Tiefsten
ausgelotet. Ende
1937 sind die
Dienste bei
Hauptmann beendet.
Aber auch der Dienst
in Dresden ist schon
abgesteckt. Im
Januar 1940 erhielt
er die Einberufung
zum Kriegsdienst,
wobei es ihm gelang,
während der
Abkommandierung nach
Griechenland den
Auftrag zur
Niederschrift eines
Buches über „die
Denkwürdigkeiten
Griechenlandes“ für
die deutschen
Soldaten zu
erhalten. Das Buch
kam im Januar 1943
zur Auslieferung:
Freilich war es kein
Reiseführer im
üblichen Sinne –
vielmehr
Mosaiksteine, die
wesentliche Bereiche
der griechischen
Landschaft und ihrer
Menschen aufzeigen
möchten und mit dem
Klischee vom
„klassischen
Altertum“ kaum etwas
anfangen können.
Kästner ging es
darum, die
spezifische
Atmosphäre, jenen
narkotischen Brodem
der Erde transparent
zu machen, die
Hirten und
Herdenwelt, die
Naturerscheinungen
zu durchleuchten:
Dabei drängen sich
gelegentlich
Parallelen zum
„Griechischen
Frühling“ Hauptmanns
auf. Später diente
das Buch als Vorlage
für eine Neufassung
des Titels, der sich
nun als „Ölberge,
Weinberge“ (1953)
präsentierte. Das
Thema Griechenland
bleibt auch in
solchen Büchern
präsent: „Die
Lerchenschule“,
Aufzeichnungen von
der Insel Delos
(1964). Auch hier
gibt der Autor kein
romantisches
Stimmungsbild von
der antiquierten
Antike – vielmehr
ist es weitgehend
immer eine
unmittelbare,
elementare Begegnung
mit sehr konkreten,
alltäglich-naturhaften
Erscheinungen,
eingeflochten sind
Reflexionen zu
Personen (wie
Hauptmann) und
Büchern. Und „Die
Stundentrommel vom
Heiligen Berg Athos“
(1956) stellt wohl
Kästners poetischtes
Buch dar – in einer
bezwingenden
Intensität der
Beschreibung der
Landschaft im
Spannungsbereich von
Tälern und Bergen
und vor allem mit
den Klöstern. Daraus
erwuchs die Kritik
an den fragwürdigen
Werten der Welt,
vornehmlich der
westlichen: Die
übrigens auch in
seinen
„Byzantinischen
Aufzeichnungen“
(1964) anklingt:
„Ich begriff,
welcher Abgrund
besteht zwischen
unserem
erfolgreichen Leben,
das vollgestopft ist
mit Taten, Untaten,
Fortschritt und
ewigem Rückfall, und
dem alten
untergehenden Osten,
der die zu voll
gekritzelte Tafel zu
löschen suchte, um
sie frei zu machen
für etwas, was
Weisheit zu nennen
schon zu tüchtig, zu
stolz klänge.“ Blind
würden die Menschen
durch diese Welt
stolpern – und sie
wie ein Stück Ware
verbrauchen,
mißbrauchen, diese
Verfügung über die
Dinge, die totale
Steuerung der
Verläufe; totale
Verfügung über die
Vergangenheit, über
die Zukunft und
selbstverständlich
über den Menschen
...“ Und doch muß
diese Mahnung uns
aus der Lethargie
reißen: „ ... mit
Wehmut, mit bloßer
Traurigkeit war
nichts getan. Wie es
bei allen den
vielerlei Unglücken
ist, deren
Herannahen wir
sehen, deren
Ausbleiben wir
hoffen, deren
Eintreffen aber zu
unserem Leben
gehört, so können
wir der
Vernichtungsgewalt
nicht begegnen,
indem wir klagen
oder uns Mühe geben,
schnell zu
vergessen, sondern
nur, indem wir unser
Lebendigsein um so
stärker behaupten.
Wir leben im Ansehen
der Toten. Je
stärker wir beides
erfüllen: von ihnen
angesehen werden und
dennoch unser Leben
zu leben, um so eher
haben wir das Unsere
getan.“
Im Oktober 1944 war
Kästner auf der
Insel Rhodos
stationiert, wo er
auch in britische
Gefangenschaft
geriet, die er in
der ägyptischen
Wüste bis November
1946 verbrachte. Aus
England wurde er im
Februar 1947 nach
Augsburg entlassen.
Hier schrieb er an
seinem „Zeltbuch von
Tumilad“: Darin
leuchtet die
Erkenntnis, daß man
eigentlich recht
wenig benötigt, um
zu-sich-selbst-zu-kommen,
auf
sich-selbst-zu-besinnen,
und wie viele
Verluste man zu
tragen imstande ist.
Auch in diesem Buch
löst die Nachricht
vom Tode Gerhart
Hauptmanns eine
Fülle an
Erinnerungen und
Vorstellungen über
den von ihm so
geliebten Dichter
aus. Auch die
Nachrichten von der
Zerstörung Dresdens
nehmen breiten Raum
ein.
Im März 1950
erreichte ihn die
Berufung zum
Direktor der
Herzog-August-Bibliothek
in Wolfenbüttel, der
einstmals Lessing
und Leibniz
vorstanden. In den
folgenden achtzehn
Jahren, in denen
Erhart Kästner die
Leitung dieses
traditionsreichen
Hauses innehatte,
gelang es ihm, durch
umfangreiche
Umbauten diese
berühmte Bibliothek
zu einer
hervorragenden
Forschungsbibliothek
von internationaler
Bedeutung
auszubauen.
Nach der
Verabschiedung im
Oktober 1968 ließ
sich Erhart Kästner
in Staufen (bei
Freiburg/Breisgau)
nieder, wo er am 3.
Februar 1974
verstarb.
Bild: Erhart
Kästner: Was die
Seele braucht. Insel
Taschenbuch
Günter Gerstmann