Johannes Kaps kam
als Sohn eines Volksschullehrers und späteren
Konrektors zur Welt, hatte zehn Geschwister und
bekam, weil seine Mutter starb und der Vater erneut
heiratete, zwei Halbgeschwister. Wie alle Jungen der
Familie ging er nach der Volksschulzeit auf das
Königliche Katholische St.-Matthias-Gymnasium zu
Breslau, eine fruchtbare Saatstätte für den
schlesischen Priesternachwuchs, das er Ostern 1925,
von der mündlichen Prüfung befreit, mit dem Zeugnis
der Reife verließ. Anschließend wandte er sich
nicht, wie zuerst geplant, dem Medizinstudium zu,
sondern studierte Rechts- und Staatswissenschaften,
zuerst zu Königsberg i. Pr., wo er einer Korporation
des Cartell-Verbandes der (farbentragenden)
katholischen deutschen Studentenverbindungen
beitrat, und dann in Breslau. Zwischendurch erlernte
er – aus heute nicht bekanntem Grunde – das
Sattlerhandwerk und legte die Gesellenprüfung ab. Im
Juni 1929 folgte das erste juristische Staatsexamen,
dann kamen die in Schlesien verbrachte
Referendarzeit, im Juni 1930 die Promotion zum Dr.
iuris utriusque an der Schlesischen
Friedrich-Wilhelms-Universität zu Breslau. Aus einer
sehr religiösen Familie stammend und selber stark
der katholischen Kirche verbunden, schlug Kaps als
Vierundzwanzigjähriger eine neue Laufbahn ein und
begann 1930 mit dem Studium der Theologie, das er
nicht, wie sonst bei den Breslauer Priesterstudenten
üblich, weitgehend in Breslau absolvierte, sondern
bis auf eine kurze Alumnatszeit an der Innsbrucker
Universität, deren kath.-theol. Fakultät von
Mitgliedern des Jesuitenordens geleitet wurde, für
den er große Sympathien empfand. Am 27. Januar 1935
empfing Kaps in Breslau durch Erzbischof Adolf
Kardinal Bertram die Priesterweihe. Von 1935 bis
1936 wirkte der junge Geistliche anderthalb Jahre,
jeweils kurze Zeit, als Religionslehrer in
Münsterberg und als Kaplan in Lauban, Fellhammer und
Guhrau, und danach gehörte er zu den Teilnehmern des
ersten Jahreskursus des im Jahre 1936 vom Kardinal
in das Leben gerufenen „Instituts für kirchliche
Verwaltung und Finanzwirtschaft“ in Breslau. Obwohl
er nach dessen Beendigung und aufgrund des
vorhergegangenen Jurastudiums, das naturgemäß bei
Klerikern eine absolute Seltenheit darstellte, in
hervorragender Weise für eine Beschäftigung in der
Diözesanverwaltung geeignet war, führte sein Weg
zuerst in die Seelsorge, und zwar im Oktober 1937
als Kaplan in Grottkau und im September 1938 als
Kaplan nach Leuthen, Kreis Neumarkt, wo einst im
Schlachtenjahr 1757 die Truppen Friedrichs d. Gr.
den berühmten Sieg über die Österreicher errangen
und dann den heutzutage nicht nur in der
evangelischen sondern auch in der katholischen
Kirche beliebten „Choral von Leuthen“ („Nun danket
alle Gott ...“) sangen.
Mit Wirkung vom
22. Oktober 1939, also bald nach dem Beginn des
Zweiten Weltkrieges, wurde der inzwischen zum
Pfarr-Administrator Ernannte nach Breslau
zurückgerufen, wo er eine der Domvikarsstellen
erhielt, wenig später auch als Notar beim
Erzbischöflichen Konsistorium und 1940 auch als
Ordinariats-Assessor am Generalvikariat tätig wurde,
aber als Domvikar nach nur halbjährigem Wirken
ausschied. 1941 wurde Kaps zum Ordinariatsrat
befördert. „In dieser Eigenschaft hatte er ... mit
Regierungsstellen und der Geheimen Staatspolizei
wegen der vom Regime verfolgten und inhaftierten
Priester zu verhandeln“, konnte Verhafteten zur
Freiheit verhelfen oder ihnen das schwere Schicksal
erleichtern, was ganz dem Wunsche Kardinal Bertrams
entsprach und auch polnischen Priestern zugute kam.
Er versuchte auch, Juden und „Mischlinge“ vor der
Überführung in das KZ Theresienstadt zu schützen und
für ausländische Arbeiter seitens der Geheimen
Staatspolizei die Genehmigung zur Seelsorge in der
Muttersprache zu erreichen. Hier ist manches wenig
dokumentiert (Aktenverluste!). Bei der Belagerung
der zur Festung erklärten Stadt Breslau gehörte Kaps
zu den 40 katholischen Geistlichen, die gemäß
Vereinbarung mit Gauleiter Karl Hanke in der
Hauptstadt Schlesiens verbleiben durften und diente
als Lazarettpfarrer.
Nach der
Kapitulation Breslaus am 6. Mai 1945 bemühte sich
Kaps, die Verbindung der desolaten
Diözesanverwaltung mit den Geistlichen im Erzbistum
wieder aufzunehmen, was nicht nur wegen der sehr
schwierigen Verkehrsbedingungen nur mit viel Mühen
versucht werden konnte. Im Auftrage seiner Behörde
begab er sich auch zu dem vor der Front in das
Schloß Johannesberg bei Jauernig ausgewichenen
Kardinal Bertram, dem er über die Zerstörungen in
Breslau und die Ereignisse unter der
sowjetrussischen und polnischen Herrschaft Bericht
erstattete. Da es erforderlich war, die anderen
deutschen Bischöfe und den Vatikan über die Lage zu
unterrichten, reiste er im Einklang mit
Kapitelsvikar Ferdinand Piontek im August 1945 auf
abenteuerliche Weise aus Breslau in den „Westen“
Deutschlands, wo er u. a. mit dem Kölner Erzbischof
Joseph Frings sprach, dank dessen Hilfe er
Unterlagen über die Hungersnot in Schlesien und über
die Vertreibung der Deutschen sowie über die vom
polnischen Kardinal Hlond getroffenen Maßnahmen dem
Papst zugehen lassen konnte. Kaps fuhr dann selbst
nach Rom und informierte Papst Pius XII., sicherlich
als einer der ersten Überblick besitzenden
Augenzeugen. Von 1945 bis 1951 arbeitete Kaps
hauptamtlich als Beauftragter des amtsverdrängten
Bischofs Maximilian Kaller von Ermland und des vom
gleichen Schicksal getroffenen Prälaten Franz Hartz
von Schneidemühl für die seelsorgerische Betreuung
der katholischen Schlesier in Süddeutschland, bis er
am 1. Januar 1952 die Leitung des auf Beschluß der
Fuldaer Bischofskonferenz zu errichtenden
Katholischen Kirchenbuchamtes und Archivs für
Heimatvertriebene in München übernahm, das der
Sammlung und Sicherung von z. B. für das Anfertigen
von Personenstandsurkunden benötigter Materialien
diente und vielen Ostdeutschen den Neustart im
Westen erleichterte.
Sehr große
Verdienste erwarb sich Kaps durch das Sammeln und
Publizieren von Berichten über die deutsche
Katastrophe im Osten. Das Aufzeichnen und
Bekanntmachen von Einzelschicksalen (wie Plünderung,
Vergewaltigung, Ermordung) beeindruckt meist mehr
als allgemeines Behaupten. So erschienen, von ihm
zusammengestellt, die Bücher „Vom Sterben
schlesischer Priester“ (1950), „Die Tragödie
Schlesiens 1945/46 in Dokumenten unter besonderer
Berücksichtigung des Erzbistums Breslau“ (1952/53)
und „Martyrium und Heldentum ostdeutscher Frauen“
(1954) – eine schlesische Trilogie, die zum Teil
auch in das Englische, Französische, Italienische,
Spanische und Portugiesische übersetzt wurde und
dadurch dazu beitragen konnte, die Thematik aus dem
nur ostdeutschen bzw. nur deutschen Bewußtsein über
Ländergrenzen hinauszutragen und dort Verständnis
für den besonders schwer getroffenen
Bevölkerungsteil des Landes zu wecken, von dem der
Zweite Weltkrieg ausgegangen war. Diese Versuche
lagen ganz auf der Linie des damaligen
Bundesvertriebenenministers Hans Lukaschek zur
Internationalisierung des Vertriebenenproblems.
Für die
Kontaktaufnahme der am Ende der Kampfhandlungen und
danach aus Schlesien geflohenen bzw. verjagten
Priester untereinander und mit ihren Angehörigen
sehr nützlich war, daß Kaps Anschriftenlisten und
1951 das „Handbuch für das katholische Schlesien“
veröffentlichte. Bereits 1948 gab er – der Not der
Zeit entsprechend auf erbärmlich schlechtem Papier
hektographiert – eine Sammelbroschüre über Kardinal
Bertram heraus, und 1949 vereinte er Beiträge
qualifizierter Autoren zum sehr schönen Gedenkband
„Heilige Heimat“. Über eine immense Arbeitskraft
verfügend, erlangte er 1953 in Salzburg die Würde
eines Doktors der Theologie, habilitierte 1956
ebenda im Kirchenrecht und begann zu dozieren. Doch
schon am 24. November 1959 starb der hochbegabte und
bescheidene Priester, den seit 1955 das Große
Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland
schmückte, erst 53 Jahre alt, in München. Die
Beisetzung erfolgte auf dem Haidhausener Friedhof.
Der frühere Breslauer und damalige Kölner
Weihbischof Joseph Ferche zelebrierte in Anwesenheit
von Josef Kardinal Wendel, dem Erzbischof von
München-Freising, das Pontifikal-Requiem.
Nicht nur für die
Heimatvertriebenen war der frühe Tod des Juristen,
der den Priesterberuf ergriffen hatte, ein großer
Verlust. Kaps war nicht Rechtsanwalt geworden, aber
Anwalt des Rechtes, auch des Rechtes auf die Heimat.
Wahrscheinlich hätte ihm in der Kirche und/oder in
der Wissenschaft eine bedeutende Zukunft
bevorgestanden.
Werke: Das Testament des Geistlichen, Breslau
1938, 3. Aufl., ebd. 1941. – (Hrsg.), Erinnerungen
an Adolf Kardinal Bertram, Fürsterzbischof von
Breslau, vervielfältigtes Manuskript, München
(1948). – Aus der Geschichte des Erzbistums Breslau.
Ausschnitte aus der Kirchengeschichte Schlesiens,
ohne Ort 1948. – (Hrsg.), Heilige Heimat. Von
Schlesiens Gnadenstätten, Stuttgart 1949. – Vom
Sterben schlesischer Priester 1945/46. Ein
Ausschnitt aus der schlesischen Passion, München
1950, 3. Aufl., von Emil Brzoska, Köln 1990. –
(Hrsg.), Handbuch für das katholische Schlesien,
München 1951. – (Hrsg.), Die Tragödie Schlesiens in
Dokumenten. Unter besonderer Berücksichtigung des
Erzbistums Breslau, München 1952/53, gekürzte
Ausgabe unter dem Titel „Die Tragödie Schlesiens
1945/46“, München 1962 (dtv dokumente 62). –
Martyrium und Heldentum ostdeutscher Frauen. Ein
Ausschnitt aus der schlesischen Passion 1945/46,
München 1954. – Das Testamentsrecht der
Weltgeistlichen und Ordenspersonen in
Rechtsgeschichte und Bürgerlichem Recht
Deutschlands, Österreichs und der Schweiz, zugleich
Salzburger Habilitationsschrift, Buchenhain vor
München 1958. – Handbuch über die katholischen
Kirchenbücher in der ostdeutschen Kirchenprovinz
östlich der Oder und Neisse und dem Bistum Danzig
nach dem Stande vom 8. Mai 1945, München 1962.
Lit.: Paul Tillmann, Ein priesterliches Leben
für Wahrheit und Recht, Erinnerungsskizzen an DDr.
Johannes Kaps, in: Schlesisches Priesterjahrbuch
3/4, 1964, S. 110-137. – Joseph Gottschalk, Johannes
Kaps (1906-1959), in: Joseph Gottschalk (Hrsg.),
Schlesische Priesterbilder 5, Aalen/Württ. 1967, S.
221-225. – Joachim Köhler (Hrsg.), Romberichte des
Breslauer Konsistorialrats Dr. Johannes Kaps aus dem
Jahre 1945, in: Archiv für schlesische
Kirchengeschichte 38, 1980, S. 1-91 u. 39, 1981, S.
21-96. – Hans-Ludwig Abmeier, Kardinal Bertrams
Domvikare, in: Oberschlesisches Jahrbuch 16/17,
2000/2001, S. 151-191, hier über Kaps v. a. S.
183-185.
Hans-Ludwig Abmeier