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Die Biographie dieser aus einfachen (und dazu bildungsfeindlichen)
Verhältnissen stammenden, immer wieder mit widrigen Umständen aller Art
konfrontierten außergewöhnlichen Frau mutet wie die Parodie auf einen
kitschigen Schicksalsroman an.
Der frühe Tod des Vaters, eines Gasthofpächters, beendet vier
glückliche Jahre (1728 bis 1732), die das Kind in dem damals zu Polen
gehörenden Städtchen Tirschtiegel (Kr. Meseritz/Posen) bei einem
verwitweten anhanglosen Großonkel zubringt, von dem es lesen und
schreiben gelernt hat Denn nach baldiger Wiederverheiratung holt die
Mutter die Zehnjährige zurück, die nach einem Intermezzo als Magd bei
einem nach Polen verheirateten Bürgermädchen fortan bei den sich
einstellenden Halbgeschwistern als Kinderwärterin fungieren muß, nach
Übersiedlung auf ein Vorwerk bei Tirschtiegel auch als Hirtin. Durch
einen Hütejungen gerät sie an Lektüre: Robinson, Märchen, erbauende
Schriften.
1738 wird sie an den geizig-amusischen Tuchmacher Hirsekorn
verheiratet, nach der von ihm gewollten Scheidung (der ersten
Ehescheidung in Preußen) 1749 zur Ehe mit dem trunksüchtig-haltlosen
Wanderschneider Karsch gedrängt. Mit ihm lebt sie zunächst im damals
noch polnischen Fraustadt (Posen), ab 1755 im schlesischen Glogau. 1760
wird Karsch zum Militärdienst herangezogen, den er als Deserteur
quittiert und nach Polen geht. In die von ihm wegen beabsichtigter
Wiederverehelichung erbetene Scheidung willigt die Verlassene, wie sie
später ihrem Idol, Preußens Friedrich II., in Privataudienz mitteilen
wird, wegen ausbleibender Unterhaltsmittel nicht ein. Was diese Frau das
Martyrium zweier unglücklicher Ehen, aus der sieben Kinder hervorgingen,
und ein oft unter kümmerlichsten Bedingungen mehr schlecht als recht
gefristetes Leben durchstehen ließ, war die von früh an mit Hilfe von
Zufallslektüre autodidaktisch entwickelte Fähigkeit, Verse zu machen. In
einem der ihren Lebenslauf schildernden Briefe von 1762 an den Berliner
Ästhetik-Professor Sulzer schreibt sie: „Ich ergriff jede Gelegenheit,
Verse zu machen.“ Es sind Gelegenheitsgedichte, die sie verfertigt,
Gedichte auf Ereignisse und Gestalten des privaten wie auch des
politischen Bereichs (Siebenjähriger Krieg, Fridericus Rex), die ihr
langsam einen Namen machen. Sie dichtet auf Bestellung, gegen zumeist
aus Naturalien bestehende Honorare, und ruft durch ihr bestehendes
Improvisationstalent Erstaunen hervor, was ihr gewisse Förderung
verschafft.
Die entscheidende Wende ihres Lebens kommt, als 1760 ein Freiherr von
Kottwitz auf sie aufmerksam wird, ein von ihrem Können sehr angetaner
edler Gönner, der sie 1761 nach Berlin bringt. Dort wird sie von den
literarischen Zeitgrößen als „Wunderfrau“, als „außerordentliche
Erscheinung“ empfangen, erlangt Zugang zum Hof und zu den höheren
Gesellschaftskreisen. Auch zu einer Audienz bei Friedrich II. kommt es
(in Potsdam), der aber sein Versprechen, für die „Poetin“ sorgen zu
wollen, nicht wahr macht. Erst sein Nachfolger schenkt ihr am Hackeschen
Markt in Berlin ein Haus, das sie 1789 beziehen kann. Tatkräftig nimmt
sich ihrer der anakreontische Lyriker Gleim in Halberstadt an,
zeitlebens ein hilfreicher Unterstützer junger Talente. Er gibt, auf
Subskription, Auserlesene Gedichte der von ihm als „deutsche
Sappho“ Gefeierten heraus (Berlin 1764; Faksimile-Nachdruck Stuttgart
1966), die ihr 2000 Taler einbringen. Nun ist sie „die Karschin“, von
der Sulzer in Gleims Ausgabe ihrer Gedichte sagt: „Ohne Vorsatz, ohne
Kunst und Unterricht sehen wir sie unter den besten Dichtern ihren Platz
behaupten.“ Dieser weitgehenden Überschätzung
zu ihrer Zeit stehen jedoch auch (einzelne)
kritische Stimmen gegenüber. So gesteht ihr Moses Mendelssohn zwar „eine
ungemeine Fertigkeit zu reimen“ zu, meint aber: „Man hätte ihr die Kunst
beibringen sollen, weniger zu dichten und mehr zu prüfen ...“
Am echtesten ist sie in ihren Improvisationen, denen eigenes Erleben
zugrunde liegt, und in ihren erfrischend ungezwungenen Briefen. Ihre
Versuche nach anakreontischen Mustern sind gehaltlich unbedeutend und
formal ohne Profil. Aber sie bleibt bis an ihr Ende eine konstante Größe
im Berlin der Aufklärungszeit, dabei im Privaten beständig von
Materiellen Sorgen bedrängt und mit familiären Problemen belastet. Auch
dem 19. Jahrhundert ist sie präsent. Gut fünfzig Jahre nach ihrem Tode
hat sie Heine in Deutschland, ein Wintermärchen (1844) verewigt,
in dem Traumgespräch mit Barbarossa (Caput XVI), zusammen mit ihrer
Tochter, der Schriftstellerin Karoline Luise von Klen(c)ke, geb. Karsch
(1754-1802) und ihrer Enkelin Helmina von Chezy (1783-1856), die das
Libretto zu Webers Euryanthe schrieb. Und noch
bei Fontäne begegnet man „der
Karschin".
Weitere Werke:
Idyllen. Dem Herrn Wilhelm Bachmann zugeeignet [...]. Halberstadt 1762;
Poetische Hinfalle. Erste Sammlung. Berlin 1764; Oden über verschiedene
hohe Gegenstände. Berlin 1764; Kleinigkeiten. Berlin 1765; Neue
Gedichte. Mitau und Leipzig 1774; Gedichte von Anna Louisa Karschin,
geb. Dürbach. Nach der Dichterin Tode nebst ihrem Lebenslauf
herausgegeben von Ihrer Tochter C.L. von KI., geb. Karschin. Berlin
1792; 21797.
Neuausgaben:
Elisabeth Hausmann (Hg.): Die Karschin. Friedrich des Großen
Volksdichterin. Ein Leben in Briefen. Frankfurt/M.: 1938; – Herybert
Menzel (Hg.): Das Lied der Karschin. Die Gedichte [...] mit einem
Bericht ihres Lebens. Hamburg 1938; – Barbara Beuys (Hg.): Anna Louisa
Karsch. Herzgedanken. Das Leben der „deutschen Sappho“, von ihr selbst
erzählt. Frankfurt/M. 1981; – Gerhard Wolf (Hg.): O, mir entwischt
nicht, was die Menschen fühlen. Gedichte und Briefe von Anna Louisa
Karschin. Berlin (Ost) 1981 u. Frankfurt/M. 1982.
Lit.:
Moses Mendelssohn: Briefe, die Neuste Literatur betreffend. Berlin 1761
(143. Brief) und 1764 (272.-276. Brief). – Heinrich Wilhelm von
Gerstenberg: Briefe über Merkwürdigkeiten der Literatur. 12. Brief,
erste und zweite Sammlung. Schleswig und Leipzig 1766. Neudruck in:
Deutsche Literaturdenkmale des 18. und 19. Jhdts., hrsg. von Bernhard
Seuffert. Heilbronn 1888. S. 84-94. – Johann Gottfried Herder: Eine
Beilage zu den Briefen die Neueste Litteratur betreffend 1767 [...]
Sappho und Karschin, in: Herder. Sämmtliche Werke. Berlin 1877. Hg. v.
Bernhard Suphan. 1. Bd. S. 350-352. – Ders.: Gedichte von Anna Louisa
Karschin [...], in: Erfurtische Nachrichten. 25. Stück v. 8. 5. 1797. S.
201-207; – ADB. Bd. 15. Leipzig 1882. S. 421f. – Adolf Kohut: Die
deutsche Sappho: Anna Luise Karschin [...]. Dresden 1887. – Karl
Goedecke: Grundriß zur Geschichte der Deutschen Dichtung, 3. Aufl. Bd.
IV, I. 1916 (Neudruck 1955), S. 291ff. und S. 1121f. – Anna Valeton: A.L.
Karschin, in: Schlesische Lebensbilder IIl. 1928; – NDB. Bd. 11. Berlin
1977. S. 299f. –Gisela Blinker-Gabler: Deutsche Dichterinnen vom 16.
Jahrhundert bis zur Gegenwart. Frankfurt/M. 1978, S. 135-141. – Silvia
Bovenschen: Die imaginierte Weiblichkeit. Frankfurt/M. 1979, S. 150-157;
– Literatur-Lexika (Kosch, Wilpert u.a.m.).
Harald Kohtz
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