|
Kassner studiert in Wien und Berlin u. a. bei Mommsen, Treitschke,
Schmidt und Harnack Philologie, Geschichte und Philosophie. Er
promoviert 1897 zum Dr. phil. mit dem Thema „Der Ewige Jude in der
Dichtung“. Unter 10 Geschwistern bis zum 20. Lebensjahr aufgewachsen als
Gutsbesitzerssohn, wird K. seine Kindheitswelt nicht nur als bleibende
Erinnerungsmacht, sondern auch als prägendes und gestaltendes
Spurenelement stets mit sich tragen. Zeitlebens bleibt Kassner ein
Heimat- und Weltbürger. Eine lebenslange Kinderlähmung, die ihn im Alter
von 9 Monaten befällt, hindert ihn nicht, sein körperliches
Gefesseltsein in Reisen nach Rußland und Turkestan, Indien und Afrika zu
kompensieren. Bündelt man sein Leben und sein
dichterisch-philosophisches Werk, so war er ein Universalgelehrter und
in seinem Bildungshorizont einer der letzten Zeitzeugen eines zu Ende
gehenden Jahrhunderts. So ist zu verstehen, daß Kassners Werk, das zu
Fragen der Zeit Stellung nimmt, doch überzeitlich orientiert ist, immer
wieder auf Tradition zurückgreift, Tradition verstanden nicht als
Festhalten an erstarrten Prinzipien, sondern als Seinsgrund: „Dem
Menschen der Kompensationen ..., der Brüche und Verdrängungen einer
Psychologie von heute stelle ich entgegen den Menschen der Form, der
Tradition.“
Kassner war noch in eine Generation hineingeboren, die den Menschen als
Ganzes begriff, einer Conditio Humana verpflichtet. Bezeichnend ist, daß
seine Weggefährten Hofmannsthal, Rilke, Valery, Wilde, Gide heißen. Die
Freundschaft mit Rilke hinderte Kassner indessen nicht, ihn 1946 einen
„Vollender narzißtischer Lyrik“ zu nennen. Diese Unerbittlichkeit des
Urteils bei aller Wertschätzung des Dichters zeigt Kassner geistige
Unabhängigkeit und die Unbedingtheit seines Auftrages. Kassner mußte so
reagieren, weil er zu ganz anderen Kategorien des künstlerischen
Menschen kommt. Von der Idee der Physiognomik her, der Deckung von innen
und außen in einer Künstlerpersönlichkeit, gewinnt sein Werk Gestalt.
Dieses Kassner‘sche Weltbild, das sein gesamtes Œuvre durchwaltet, läßt
sich verkürzt auf die Formel bringen: den Menschen der Mitte und des
Maßes wiederzufinden. Rudolf Kassners drängender und suchender Geist
nahm zu allen Fragen der Zeit Stellung. So setzte er sich auch mit dem
Existentialismus auseinander. Es steht außer Frage, daß Kassners
Menschenbild dem Sartres gegenläufig sein muß. Rudolf Kassner, der
Christ ohne Dogma, der Mystiker ohne den Habitus des Mystagogen, der
Weltbürger, der doch immer seiner Kindheitswelt – der mährischen Heimat
– verhaftet blieb, der die Kulturen, Philosophien, Religionen der
Menschheit in sich zu universaler Geistigkeit sublimiert hat, dieser
Mensch der Paradoxie und gleichzeitig des Suchens nach Mitte und Maß
entzieht sich letztlich allem Schablonieren und Kategorisieren. Er war
ein unabhängiger Geist, sensibilisiert für alle Zeitströmungen durch
Erfahrung und Erbe. Jede Zeit hat ihre Propheten. Kassner – Anreger,
Deuter und Mahner – kann es sein für alle Zeit.
Werke
u. a.: Sonnengnade, 1895; Der ewige Jude in der Dichtung, 1896; Die
Mystik, die Künstler u. d. Leben, 1900; Der Tod u. d. Maske, 1902; Der
indische Idealismus, 1903; Die Moral der Musik, 1905; Motive, 1906;
Melancholia, 1908; Von den Elementen der menschlichen Größe 1911, Der
indische Gedanke, 1913; Die Chimäre, 1914; Zahl und Gesicht, 1919; Die
Grundlagen der Physiognomik, 1922; Die Verwandlung, 1925; Die Mythen der
Seele, 1927; Das physiognomische Weltbild, 1930; Buch der Erinnerung,
1938; Der Gottmensch, 1938; Die zweite Fahrt, Mem., 1946;
Transfiguration, 1946; Das neunzehnte Jahrhundert, 1947; Umgang der
Jahre, Mem. 1949; Die Geburt Christi, 1951; Das inwendige Reich, 1953;
Der goldene Drachen, 1957; Der Gottmensch und die Weltseele, aus dem
Nachlaß, 1960; Sämtliche Werke, hrsg. v. E. Zinn, 1969ff.
Wichtigstes Werk über Kassner: Rudolf Kassner zum achtzigsten
Geburtstag, hrsg. v. A. Cl. Kensik u. D. Bodmer, 1953.
Lit.:
H. Pongs: Das kl. Lexikon d. Weltliteratur, Stuttgart, 1967; dtv-Lexikon
d. Weltliteratur, hrsg. G. v. Wilpert, München, 1971; Lexikon d.
deutschsprachigen Gegenwartsliteratur, München 1981; J. Mühlberger:
Geschichte d. deutschen Literatur in Böhmen 1900-1939, München 1981.
Arnfried
Thomas
nach oben
|