Das Bild der
anhaltinischen
Prinzessin,
die in ihrem
vierunddreißigsten
Lebensjahr
als
Katharina
II. den
russischen
Thron
bestieg,
zeigt in der
Geschichtsschreibung
bis zur
Gegenwart
starke
Schwankungen.
Es
verwundert
kaum, daß
die
Kaiserin,
die Rußland
bis zu ihrem
Tode 1796
zur
Hegemonialmacht,
den
Petersburger
Hof zu einem
kulturellen
Mittelpunkt
in Europa
und sich
selbst zur
Schiedsrichterin
in der
kontinentaleuropäischen
Politik
machte,
ebenso
leidenschaftlich
geliebt wie
abgründig
gehaßt
wurde. Mit
ihrem
umfangreichen
schriftstellerischen
Werk war
Katharina
II. dabei
selbst die
beste
Interpretin
ihrer
Absichten in
Rußland und
in Europa.
In ihren
Memoiren,
deren
Abfassung
sie seit
ihrem
fünfundzwanzigsten
Lebensjahr
im ganzen
neunmal in
Angriff
nahm, steht
allerdings
nicht das
Wirken als
Kaiserin,
sondern der
persönliche
Werdegang in
der ersten
Lebenshälfte
im
Vordergrund.
Sophie
Friederike,
die älteste
Tochter des
in
preußischen
Militärdiensten
stehenden
Fürsten
Christian
August von
Anhalt-Zerbst
und seiner
Gemahlin
Johanna
Elisabeth,
wuchs in
bescheidenen,
beinahe
bürgerlichen
Verhältnissen
auf. Der
ehrgeizigen
Mutter,
einer
geborenen
Herzogin von
Holstein-Gottorp,
gelang es
jedoch über
das
weitgespannte
Netz ihrer
verwandtschaftlichen
Beziehungen,
die
Verheiratung
ihrer
Tochter mit
Herzog Karl
Peter von
Holstein zu
betreiben.
Dieser war
seit 1739
als Erbe
seines
Vaters, des
Herzogs Karl
Friedrich
von Holstein
(durch
dessen
schwedische
Mutter und
durch seine
russische
Gattin Anna,
eine Tochter
Peters des
Großen)
Anwärter auf
den
schwedischen
und auf den
russischen
Thron. Um
die
Nachfolge
sicherzustellen,
hatte
Kaiserin
Elisabeth I.
den
vierzehnjährigen
Karl Peter
(seither
Pjotr
Feodorowitsch)
sofort nach
ihrem
Regierungsantritt
1741 aus
Holstein
nach
Petersburg
kommen
lassen. Als
seine
künftige
Gemahlin
wählte sie
die
anhaltinische
Prinzessin
aus. Am 28.
Juni 1744
(nach
russischem
Stil), nur
ein halbes
Jahr nach
ihrer
Ankunft in
Rußland,
trat Sophie
Friederike
bereits zur
griechisch-orthodoxen
Kirche über.
Seither hieß
sie
Jekaterina
Alexejewna
und führte
den Titel
Kaiserliche
Hoheit. Die
Vermählung
mit dem
Thronfolger
fand im
August 1745
in
Petersburg
statt.
Während
Elisabeth I.
in den
kommenden
Jahren ihren
Nachfolger
auf sein Amt
vorzubereiten
suchte,
erkundete
die junge
Großfürstin
auf
ausgedehnten
Reisen das
Land,
erlernte die
russische
Sprache und
entwickelte
eine
persönliche,
nicht durch
die höfische
Welt
vorgeprägte
Beziehung zu
ihren
Untertanen
und deren
religiösen
und
kulturellen
Traditionen.
Das
Verhältnis
zu ihrem
Gatten,
dessen
unzulängliche
geistige und
charakterliche
Fähigkeiten
die
Überlegenheit
Katharinas
nur noch
mehr
betonten,
verschlechterte
sich
zusehends.
Spätestens
mit der
Übernahme
der
Verwaltung
der
Holsteinischen
Angelegenheiten
1755
verbindet
sich
Katharinas
endgültiger
Eintritt in
die Politik,
der sie sich
mit gleicher
Hingabe
widmete wie
ihren
ungezählten
Liebhabern
am Hofe. Für
den Vater
ihres 1754
geborenen
Sohnes Paul
wurde
allgemein
Graf
Saltykow
gehalten,
doch bestand
Peter auf
seiner
Vaterschaft.
Daß dieser
infantile,
kränkliche
und seiner
russischen
Umgebung
vollständig
fremd
gegenüberstehende
Mann nach
dem Tode
Elisabeths
I. 1761 mit
34 Jahren
als Peter
III.
widerspruchslos
zur
Regierung
kam, war
nicht
vorherzusehen
gewesen.
Katharina
benötigte
jedoch nur
ein halbes
Jahr, um die
öffentliche
Meinung zu
ihren
Gunsten zu
wenden. "Les
esprits des
gardes
étaient
préparés",
hieß es
später in
ihren
Memoiren im
Zusammenhang
mit dem
Staatsstreich
vom 28. Juni
1762, als
die
Garderegimenter
die Kaiserin
"dans une
fureur de
joie" als
Selbstherrscherin
proklamierten.
Peter III.,
der sofort
interniert
worden war,
kam acht
Tage später
unter noch
immer
ungeklärten
Umständen
ums Leben.
Die
Herrschaft
Katharinas
II. in
Rußland
(1762 bis
1796) gilt
ebenso wie
die
Friedrichs
II. in
Preußen und
die Josephs
II. in
Österreich
als
repräsentativ
für den
aufgeklärten
Absolutismus.
Tatsächlich
lassen
zahlreiche
wohlfahrtsstaatliche
Reformen,
die Ansätze
einer
umfassenden
Schul- und
Bildungsplanung
und die
Inangriffnahme
einer neuen
Rechtskodifizierung
eine
langfristig
angelegte
Politik
erkennen.
Die
ungewöhnlich
belesene
Selbstherrscherin,
die
gelegentlich
das
Schrifttum
von Bayle,
Voltaire und
Montesquieu
als das
"Gebetbuch"
für ihr
Politikverständnis
bezeichnete,
betrieb in
der
Innenpolitik
zunächst
eine
Reorganisation
der
Zentralbehörden
und sorgte
für eine
genaue
Abgrenzung
ihrer
jeweiligen
Kompetenzen.
Durch das
Manifest vom
15. Dezember
1763, das
den Senat
durch
Einteilung
in sechs
Departements
umgliederte
und
Verwaltungsbeamten
ein größeres
Gewicht
einräumte,
gewann
Katharina
einen
beträchtlichen
Spielraum
gegenüber
den
untereinander
konkurrierenden
Adelsfraktionen.
Zwölf Jahre
später
folgte mit
der
Gouvernementsreform
auch eine
Neuordnung
der
Lokalverwaltung,
die 1782
durch die
Polizei-Ordnung
und 1785
durch die
Gnadenurkunden
für den Adel
und die
Städte
ergänzt
wurden.
Zugleich
wurde
allerdings
mit
Rücksicht
auf den
grundbesitzenden
Adel die
bäuerliche
Leibeigenschaft
verschärft,
deren
Regulierung
immerhin -
im Interesse
einer
effizienteren
Gutswirtschaft
- in
der von
Katharina
1765
mitgegründeten
"Freien
Ökonomischen
Gesellschaft"
diskutiert
wurde.
Soziale
Reformvorschläge
wurden
freilich
ebenso
rigoros
unterdrückt
wie
zahlreiche
Bauern- und
Kosakenaufstände,
die eine
Folge der
Übertragung
der
Leibeigenschaft
auf die
Gebiete der
Kosaken und
der
Angleichung
der Ukraine
an die
großrussische
Sozialordnung
waren.
Mit dem
Ziel, den
Reichtum des
Staates zu
vergrößern,
nahm
Katharina
seit 1762
eine an der
westeuropäischen
Kameralwissenschaft
orientierte
großangelegte
Kolonisationspolitik
in Angriff.
"Wenn wir
die
Ausdehnung
der Länder
unseres
Kaiserthums
in Betracht
ziehen",
begründete
sie ihre
bevölkerungspolitischen
Überlegungen,
"so finden
wir unter
anderem die
vorteilhaftesten,
nützlichsten
Gegenden zur
Besiedlung
und
Bewohnung
durch das
menschliche
Geschlecht,
welche bis
jetzt noch
brach
bleiben,
darunter
keine
geringe
Zahl, die in
ihrem Innern
einen
unerschöpflichen
Reichtum
verschiedener
Metalle
bergen; und
weil der
Wälder,
Flüsse, Seen
und zum
Handel
geeigneter
Meere genug
vorhanden
sind, so ist
auch
genügend
Gelegenheit
geboten zur
Vermehrung
vieler
Manufakturen,
Fabriken und
anderer
Gewerbeanstalten".
Im März 1764
wurden die
Ansiedlungspläne
für das
Wolgagebiet
und das
Gouvernement
Neurußland,
die spätere
Südukraine,
veröffentlicht.
Einwanderungswilligen
Handwerkern,
Kaufleuten
und
Landwirten
wurden Land,
Kredite,
Vorschüsse
zum Bau von
Häusern und
Kauf von
Vieh und
Geräten,
mehrjährige
Abgabefreiheit,
freie
Religionsausübung
und
Selbstverwaltung
zugesagt.
Bis zum
Jahre 1775
folgten
30.000
Personen
- ein
großer Teil
von ihnen
aus Hessen -
der
Einladung
Katharinas.
Die Mehrheit
siedelte
sich entlang
der Wolga
an, wo 63
Lokatoren-
und 41
Kronsiedlungen
gegründet
wurden.
Außenpolitisch
hielt
Katharina am
Ende des
Siebenjährigen
Krieges
(1756 bis
1763), in
dem das
militärische
Potential
Rußlands den
Ausschlag
gegeben
hatte,
zunächst am
Allianzwechsel
Peters III.
zugunsten
Preußens
fest. Ein
1764
erneuertes
Bündnis mit
Friedrich
II. bot das
geeignete
Instrument,
um eine
territoriale
Expansion
auf Kosten
Polens
durchzusetzen.
Hatte der
Friede von
Teschen, der
1779 den
Bayerischen
Erbfolgekrieg
beendete,
bereits
deutlich
gemacht, daß
Katharina in
der Rolle
des
Schiedsrichters
("arbiter
Germaniae")
die
innerdeutschen
Rivalitäten
in ihrem
Sinne zu
nutzen
gedachte, so
ließ sie
Preußen und
Österreich
in den
neunziger
Jahren in
ihrem
kräftezehrenden
Ringen mit
dem
revolutionären
Frankreich
allein und
vollendete
währenddessen
die
Aufteilung
Polens mit
dem Ergebnis
eines
Gewichtszuwachses
Rußlands in
Europa.
Nachdem es
Katharina
gelungen
war, den
Status quo
auch
gegenüber
Schweden zu
behaupten,
hatte die
durch ihre
außenpolitischen
Ambitionen
und mehr
noch durch
ihre
außenpolitischen
Erfolge
isolierte
Kaiserin die
in ihren
Schriften
als
"historische
Ziele"
bezeichneten
territorialen
Erwerbungen
Rußlands im
Westen
weitgehend
erreicht.
Noch
eindeutiger
äußerte sich
ihr
unmißverständlicher
Expansionswille
in der
Auseinandersetzung
mit den
Türken. Es
gelang
Katharina,
sich in zwei
Kriegen 1768
bis 1774 und
1787 bis
1792
gegenüber
dem
Osmanischen
Reich
durchzusetzen
und dabei
Zugang zum
Schwarzen
Meer und zur
Krim zu
erlangen.
Ihre
hegemonialen
Ansprüche
gegenüber
der Türkei
gipfelten im
sogenannten
Griechischen
Projekt, dem
Versuch, die
ungläubigen
Türken ganz
aus Europa
zu
vertreiben
und das
oströmische
Kaiserreich
unter
Führung
Rußlands
wiederzuerrichten.
Katharina
II., die
1744 als
anhaltinische
Prinzessin
nach
Petersburg
kam, hat in
den gut drei
Jahrzehnten
ihrer
Selbstherrschaft
die
Weltgeltung
Rußlands und
des
Russischen
in
erstaunlichem
Maße erhöht.
Eine
abschließende
Bewertung
ihrer
Politik im
einzelnen
hängt dabei
in hohem
Maße von dem
jeweiligen
Blickwinkel
ab.
Außenpolitisch
ungemein
erfolgreich,
blieb die
Kaiserin,
die eine
ausgedehnte
Korrespondenz
mit
führenden
Staatsmännern
und
Schriftstellern
Europas
führte,
einem
rationalen
Aufklärungs-
und
Zweckmäßigkeitsdenken
verpflichtet
war und
ihren
Absolutismus
mit
philosophischen
Überlegungen
zu
untermauern
verstand, im
Innern doch
eine
Gefangene
der
Adelsinteressen
und ihrer
eigenen
Leidenschaften.
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