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Leo Katz hat sämtliche Bedrohungen und Beschwerlichkeiten durchleiden
müssen, die ein Minderheitenschicksal in unserem Jahrhundert zu bieten
hatte. Als Jude war er in der österreichischen Bukowina zunächst
problemlos in den deutschen Kulturkreis integriert worden, hatte seine
Geschichtsstudien 1920 an der Universität Wien mit einer Dissertation
über die Geschichte der Juden im Mittelalter abgeschlossen. 1918 war die
Bukowina Rumänien zugesprochen worden, und viele Bukowiner Juden
befürchteten Diskriminierungen. Aus diesem Grund suchten sie in der
Aussiedlung ihr Heil: Leo Katz gehörte zu diesen Emigranten, die in New
York eine Bleibe zu finden hofften. 1920 war Katz als Fabrikarbeiter in
den USA, 1922 kehrte er nach Europa zurück und betätigte sich in Wien
als Journalist; Mitarbeit an KP-Zeitungen in Österreich und Moskau
gingen einer Übersiedlung nach Berlin (1930) voraus. In Berlin war Katz
Redakteur der Roten Fahne und Mitglied der KPD. 1933 emigrierte
er nach Paris, war von dort aus unterwegs nach Spanien, wo er
Waffenkäufe für die Franco-Gegner tätigte. 1938 sah sich Katz gezwungen,
Europa zum zweiten Mal zu verlassen.
In Mexiko fand Katz ein Betätigungsfeld, weil dort eine beträchtliche
Gruppe deutscher Kommunisten kulturell tätig war. Zusammen mit Ludwig
Renn, Otto Katz, Andre Simone trug Katz zur Schaffung des Verlags
Alemania libre bei, der antifaschistische Literatur förderte sowie ein
Schwarzbuch gegen den Nationalsozialismus edierte. Neben den Romanen von
Anna Seghers (Das siebte Kreuz, 1943) und Franz Carl Weiskopf,
Lion Feuchtwanger erschien 1944 der erste Roman von Katz, Totenjäger,
der von der Kritik in den Exilländern mit viel Anerkennung
aufgenommen wurde. Das hat den Autor wohl in seiner Absicht bestärkt,
ebenso wie in den Totenjägern ein weiteres Fresko von Ereignissen
aus der Südbukowina zu schaffen. Zunächst sollte der neue Roman
Brennende Dörfer heißen, dann kam es zu einer amerikanischen
Erstauflage unter dem Titel Seedtime, schließlich liegt ein
bisher nicht veröffentlichtes Typoskript, die Fassung letzter Hand, vor,
das Sturmsaat heißt. Es geht Katz um ein Thema, das schon zu
Jahrhundertbeginn von einem seiner Landsleute, Marco Brociner, behandelt
worden war: den rumänischen Bauernaufstand des Jahres 1907. Wenn die
Totenjäger zu zeigen bemüht waren, wie sich in Rumänien ein
Widerstand von Bauern und jüdischen Gemeinden gegen den Faschismus
herausbildete, wie dieser Widerstand dazu führte, Terror und
Unduldsamkeit zu beseitigen (dieser Geschichtsoptimismus gehörte mit zum
Programm der Alemania-libre-Gruppe), so sollte der Roman Sturmsaat
zeigen, daß ein von Wien aus inszenierter Antisemitismus auch die
Bauernrevolte des Jahres 1907 beeinflußt hatte.
Leo Katz, der in Mexiko unter dem Pseudonym Joel Amos politische Artikel
publizierte, sich in den Zeitschriften Freies Deutschland und
Austria libre häufig zu Wort meldete, die Theatertätigkeit der
Exilschriftsteller unterstützte, politische Tätigkeiten im Untergrund
mitorganisierte, war aus gesundheitlichen Rücksichten bis 1948 im Exil.
Dann kehrte er nach Wien zurück, wo er sich einen ruhigen Lebensabend
erhoffte. Seine weiterhin linkslastigen Publikationen sind zum Teil in
der DDR erschienen, z.B. der Jugendroman über Spartakus. Von seinen
späteren Romanen ging auf das Lesepublikum kaum mehr eine Wirkung aus,
was wohl ein Grund dafür war, daß die Exilbücher von Katz nicht
neuaufgelegt wurden. Auch eine Sammlung seiner zahlreichen politischen
und kulturgeschichtlichen Aufsätze ist bisher nicht erfolgt. Die
Schwierigkeit, die Exilprobleme einer neuen Generation verständlich zu
machen, mögen den Hintergrund für die geringe Resonanz abgegeben haben.
Wo Katz jedoch der Kritik auffiel, gab es durchwegs Zustimmung und
Anerkennung.
Die Bedeutung des Gesamtwerks von Leo Katz liegt jenseits seiner
politischen Bekenntnisse. Sie hat damit zu tun, daß er eine heute
weitgehend verschwundene Welt von Originalen, die eine naturnahe
Unmittelbarkeit auszeichnete, gestaltete, daß er mit Humor und Satire
die zahlreichen Facetten dieser südöstlichen Buntheit erfaßte, daß er
die verheerenden Folgen einer gezielten Fanatisierung der ethnischen,
konfessionellen Klein- und Kleinstgruppen in Südosteuropa präzise
darstellte und damit Zeitbilder schuf, die auch in ihren Fehldeutungen
symptomatisch, in ihren Wunschbildern verständnisfördernd sind.
Zeitgeschichte als Fiktion und Wirklichkeit ist in allen Erzählungen von
Katz in untrennbarem Ineinanderverwobensein mitgestaltet worden.
Werke:
Totenjäger, Roman, 1944. – Seedtime (Sturmsaat), Roman, 1947. – Die
Grenzbuben, Erzählung, 1951. – Tamar. Erlebnisse aus den Tagen des
Spartacus-Aufstandes, 1952. – Die Welt des Columbus, Roman, 1954. – Der
Schmied von Galiläa, Roman, 1955.
Lit.:
Wolfgang Kießling: Alemania libre in Mexiko, 1974. – Horst Fassel:
Mythos und Pamphlet. Die Distanz zur Wirklichkeit in der Exilliteratur,
in: Exil, II (1982), Nr. 2, S. 48-59. – Horst Fassel: Die Einsamkeit des
Leo Katz oder Die Standhaftigkeit eines Wunschdenkens, in: Die Bukowina.
Studien zu einer versunkenen Literaturlandschaft. Hg. von D. Goltschnigg
u. A. Schwob, Tübingen, 1990, S. 199-214.
Horst Fassel
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