Gustav
Kawerau
wurde als
Sohn eines
Gymnasiallehrers
und späteren
Organisten
geboren. Er
besuchte
zunächst das
Friedrich-Wilhelms-Gymnasium
in Berlin.
Hier
studierte er
von 1863 bis
1866
Theologie.
Nach
anfänglicher
Tätigkeit
als
Hilfsprediger
in Berlin
wurde
Kawerau 1871
Pfarrer der
Landgemeinde
Langheinersdorf
(Krs.
Züllichau),
wo er auch
mit mehreren
wissenschaftlichen
Veröffentlichungen
hervortrat.
Von 1882 bis
1886 hatte
er die
Stelle eines
Professors
und
geistlichen
Inspektors
am Kloster
”Unser
Lieben
Frauen” in
Magdeburg
inne. Am 1.
April 1886
wurde er
Professor
für
praktische
Theologie in
Kiel. Seine
Arbeit auf
diesem
Gebiet war
von Anfang
an
historisch
ausgerichtet
(vgl. dazu
seine
Aufsätze
über die
Trauung und
seine
Studien zu
Luthers
Taufbüchlein
von 1523).
Von 1894 bis
1907 wirkte
Kawerau als
Konsistorialrat
und
Professor
für
praktische
Theologie an
der
Universität
Breslau.
Gleichzeitig
nahm er hier
die Aufgabe
des
Universitätspredigers
wahr und
wurde 1904
Rektor der
Universität.
In diese
Zeit fielen
auch seine
Berufungen
zum
Nachfolger
Julius
Köstlins in
das Amt des
Vorsitzenden
des ”Vereins
für
Reformationsgeschichte”
(1903), zu
dessen
Mitgründern
er gehört
hatte, und
zum
Vorsitzenden
der
”Kommission
zur
Herausgabe
der Weimarer
Lutherausgabe”
(1905). 1907
wechselte er
von Breslau
nach Berlin,
wo er zum
Propst an
der St.
Petrikirche
ernannt
wurde.
Daneben
wirkte er
als
ehrenamtliches
Mitglied des
Oberkirchenrates
und als
Honorarprofessor
an der
Universität
Berlin.
Kawerau
konnte
während
seiner
Berliner
Jahre
zahlreiche
Veröffentlichungen
zur
Reformationsgeschichte
publizieren.
Gleichzeitig
bemühte er
sich um die
Förderung
der
Kirchenmusik
durch die
Mitgliedschaften
in der
Berliner
”Singakademie”
und im
”Schlesischen
Evangelischen
Kirchenmusikverein”.
In seiner
Predigtlehre
und -praxis
stand
Kawerau mit
einem betont
biblisch-apologetisch
ausgerichtetem
Ansatz in
der
Tradition
von T. Beck,
K. Gerok und
M. Kähler.
Es kam ihm
weniger auf
rhetorische
Darbietung
an als
vielmehr auf
eine
biblische
Fundierung
und
Orientierung
am inneren
religiösen
Leben auf
lutherisch-reformatorischer
Grundlage.
Besondere
Bedeutung
erlangten
seine
Forschungen
im Bereich
der
Reformationsgeschichte.
1885/86
edierte er
Luthers
erste
Psalmenvorlesung
von 1513/15
(Wolfenbütteler
Glosse) und
leitete
damit das
Studium des
”jungen
Luther” ein.
1894
veröffentlichte
er innerhalb
des
Lehrbuchs
der
Kirchengeschichte
von W.
Möller den
Band über
Reformation
und
Gegenreformation.
Die als
Standardwerk
geltende
Köstlinsche
Lutherbiographie
bearbeitete
und
vollendete
Kawerau in
fünfter
Auflage
(1903). Er
veränderte
den
Charakter
und den
Aufbau des
Werkes
nicht,
sondern
beschränkte
sich bewußt
auf
Ergänzung
und
Aktualisierung.
Die durch
den Tod von
L. Enders
unterbrochene
Herausgabe
des
Briefwechsels
Luthers
führte
Kawerau bis
zum Band 16
fort.
Außerdem
edierte er
drei Bände
der Weimarer
Lutherausgabe.
Das
Erscheinen
der
Braunschweiger
Lutherausgabe
(1889-1892)
wurde durch
Kaweraus
tatkräftige
Arbeit als
Mitherausgeber
ermöglicht.
Von 1913 an
gab Kawerau
zusammen mit
L.
Zscharnack
das
Jahrbuch für
Brandenburgische
Kirchengeschichte
heraus.
In der
Auseinandersetzung
mit
katholischen
Lutherforschern
(Denifle,
Janssen) tat
sich Kawerau
als
sachlicher
Kritiker
hervor. In
der
Erkenntnis,
daß man sich
”in einem
Flusse
theologischer
Entwicklung”
befinde, in
dem das
”Bekenntnis
zwar eine
Stufe
fortschreitender
religiöser
Erkenntnis”
darstelle,
”aber doch
nur unter
Beimischung
eines
menschlichen
Faktors,
einer der
betreffenden
Zeit
angehörenden
theologischen
Anschauungs-
und
Begriffsform”,
trat er zwar
für die
Bekenntnisverpflichtung
der Kirche
als einer
Bekenntnisgemeinschaft
ein, er
forderte
aber auch
für die
Bekenntnisschriften
eine
Unterscheidung
von ”Geist
und
Buchstaben,
Ewigem und
zeitgeschichtlich
Bedingtem”.
Kawerau
wünschte
daher eine
”freie,
milde, die
Gewissen und
die
individuelle
Entwicklung
schonende
Handhabung
des
Bekenntnisses”.
Als einer
der
bedeutendsten
Prediger
seiner Zeit
und als
akademischer
Lehrer hat
Kawerau auf
die
evangelische
Landeskirche
in Preußen
einen
nachhaltigen
Einfluß
ausgeübt und
Liturgie und
die Pflege
der
Kirchenmusik
intensiv
gefördert.
Als ungemein
produktiver
Kirchenhistoriker
und Forscher
auf dem
Gebiet der
Reformationsgeschichte
war er eine
Autorität.
Lit.:
Neue
Deutsche
Biographie,
11, 1977;
Biographisch-Bibliographisches
Kirchenlexikon,
3, 1992.
Harro
Kieser