„Der müde Wandrer
sitzt am Steg /
Vorüber eilt der
Fluß. / Am Ufer
lehnend, die Hände
gekreuzt / Und badet
den müden Fuß. / Die
Hände so braun und
so braun ist der Fuß
/ Noch brauner ist
das Gesicht. / Wo
kam er nur her, der
müde Gesell? – /
Wahrhaftig, ich weiß
es nicht.“ Hier
philosophiert eine
Dichterin über das
Schicksal eines
heimatlosen
Vagabunden, über
Werden und Vergehen,
über das Leben
schlechthin. Die
Verse haben in ihrer
Seele gebrannt, und
glühend haben sie
sich über das Papier
ergossen – wieder
einmal war ein
großes Werk
vollbracht, war
Literatur geboren
worden: Davon war
die Autorin
überzeugt. Ernst hat
sie ihre Dichtung
gemeint, ernst war
ihr ganzes Wesen –
und wenn die Leser
ihre durchlittenen
Verse, ihre edle
Intention nicht
verstanden und
schallend über ihre
Poesie gelacht
haben, so nahm sie
das in Würde hin:
Friederike Kempner,
die sich selbst
alles andere als
bescheiden die
„schlesische
Nachtigall“ nannte,
war davon überzeugt,
eine der ganz Großen
in der Reihe der
deutschen Dichter zu
sein und nannte sich
in einem Atemzug mit
Goethe und Schiller.
Sie brannte darauf,
zu schreiben, und
der Erfolg schien
ihr Recht zu geben:
Die Leute rissen
sich ihre
Gedichtbände aus der
Hand – und lachten
schallend über das,
was sie darin lasen:
Ihre Verse, die
übertreiben,
falschen Pathos oder
heiligen Zorn an der
unpassendsten Stelle
bringen und oftmals
einfach daneben
zielen, waren
Bestseller. Lange
vor den Wortspielen
von Ringelnatz und
Morgenstern schrieb
Friederike Kempner
in manchmal geradezu
dreistem Epigonentum
urkomische Verse –
allerdings ohne das
jemals beabsichtigt
zu haben. Über die
Art, wie die Leser
ihre Dichtung
aufnahmen, sah die
schlesische
Nachtigall großzügig
hinweg, konnte sie
doch gut vom Erfolg
ihrer Bücher leben.
Daß der auch darin
begründet war, daß
die peinlich
berührte
Verwandtschaft ganze
Auflagen aufkaufen
ließ, um Friederike
nicht völlig der
Lächerlichkeit preis
zu geben, wußte sie
nicht – sie war
geschmeichelt und
erfreut, daß die
Verleger bald darauf
neue, größere
Auflagen ihrer Werke
drucken ließen.
Friederike Kempner
wurde am 25. Juni
1836 in Opatow
(Provinz Posen) als
Tochter
emanzipierter
jüdischer Eltern
geboren, die wenig
später mit der
Familie auf das
Rittergut Droschkau
bei Breslau
umsiedelten.
Friederike und ihre
zahlreichen
Geschwister konnten
dort eine
unbeschwerte
Kindheit erleben.
Mit ihrer Mutter,
die sich als
Gutsherrin
fürsorglich um Arme
und Kranke kümmerte,
ging Friederike
schon im Alter von
15 Jahren in die
Häuser der Gutsleute
und pflegte sie. Die
Armenfürsorge und
Krankenpflege lag
Friederike sehr am
Herzen, und bald kam
ein neues Anliegen
hinzu: Ihre Sorge,
daß Scheintote
lebendig begraben
werden könnte. Sie
hatte als junges
Mädchen einen Toten
gesehen und fand ihn
kaum anders
aussehend als
schlafend – sein
Bild ließ sie nicht
mehr los, und
engagiert setzte sie
sich dafür ein, daß
die Toten bis zu
ihrer Bestattung
lang genug in
Leichenhäusern
aufgebahrt würden,
bis ein Scheintod
ausgeschlossen
werden könnte. Sie
verfaßte eine
Denkschrift „Über
die Notwendigkeit
einer gesetzlichen
Einführung von
Leichenhäusern“, die
sie an allerhöchste
Würdenträger wie Zar
Alexander II. von
Rußland, Napoleon
III. und die
englische Queen
Victoria sandte, die
der Schrift, die
1867 bereits in der
sechsten Auflage
erschien, große
Anerkennung zollten.
Friederikes Leben
verlief ruhig. Sie
blieb unverheiratet
und widmete sich
ganz ihrer Kunst: Um
1860 veröffentlichte
sie die ersten
Gedichte im
Eigenverlag und ein
nie für möglich
gehaltener Erfolg
stellte sich ein.
Rasch vergriffen
sich die ersten
Auflagen, und
Verleger wurden auf
die überaus
geschmeichelte
Dichterin aufmerksam
– die
Verwandtschaft, die
es gut mit
Friederike gemeint
hat, konnte nicht
mehr verhindern, daß
die ungewollt
komische Lyrik der
„schlesischen
Nachtigall“ landauf,
landab zur
Lachnummer wurde.
Angespornt vom
Erfolg, schrieb die
Kempner weiter: Sie
verfaßte Dramen und
Novellen und auch
durchaus ernste
Denkschriften, die
auf soziale
Mißstände aufmerksam
machten. Sie kämpfte
erfolgreich gegen
jede Art von
Vivisektion, gegen
Versuche am
lebendigen Tier. Sie
setzte sich vehement
gegen die
Todesstrafe und die
Einzelhaft in
Gefängnissen ein und
erzielte mit ihrer
Kampagne für
Leichenhäuser einen
großen Erfolg: 1871
wurde in Preußen die
Pflicht zur
Errichtung von
Leichenhäusern und
die Verordnung, Tote
mehrere Tage
aufzubahren, per
Gesetz eingeführt.
Friederike arbeitete
unermüdlich – ein
ganzes Leben
investierte sie in
ihr literarisches
Schaffen.
Friederike Kempner
zog sich nach dem
Tod ihrer Eltern
allein auf ihr Gut
Friederikenhof bei
Breslau zurück, das
sie vom Gewinn aus
ihren Büchern
gekauft hatte. Sie
dichtete weiter –
aber immer wieder
mußte sie sich über
kleine Heftchen
ärgern, die anonym
erschienen und ihre
Lyrik lächerlich zu
machen versuchten.
Natürlich ging die
Parodie der Parodie
schief, aber
Friederike war doch
getroffen und
schleuderte
literarische Blitze
ihrer ganz eigenen
Art gegen die
Neider, die ihr, der
begnadeten
Dichterin, den
Erfolg nicht
gönnten.
Sie starb im Alter
von 67 Jahren, am
13. Februar 1904, an
einem Gehirnschlag –
sie hatte, wie sie
meinte, ihr Haus
bestellt und sich
den Platz unter den
bedeutendsten
Dichtern für die
Ewigkeit gesichert.
Und eine Große in
ihrem ganz
besonderen Genre ist
sie auch gewesen –
wer wollte das
bezweifeln?
Lit.: Ernst
Heimeran (Hrsg):
Unfreiwilliger
Humor. 17. Aufl.
München 1936.
(Daraus Zitat: „Der
müde Wandrer...“) –
Friederike Kempner:
Die sämtlichen
Gedichte der
Friederike Kempner.
Mit einem Nachwort
von Peter Horst
Neumann, Bremen
1964. – Margot
Krohn: Friederike
Kempner, die
„schlesische
Nachtigall“, als
Kämpferin für
Menschenrecht, in:
Jahrbuch der
schlesischen
Friedrich-Wilhelms-Universität
zu Breslau 7 (1962)
S. 233-246. – Arno
Lubos: Geschichte
der Literatur
Schlesiens, 2. Bd.,
München 1967. –
Eva-Susanna Wodarz:
Ich will wirken in
dieser Zeit.
Bedeutende Frauen
aus den historischen
deutschen
Ostgebieten. 52
Kurzbiographien,
Bonn 2000.
Bild:
Kulturstiftung der
deutschen
Vertriebenen
Eva Wodarz-Eichner