„Mit
Verachtung
die
Verächter
strafe ich
der Poesie
Und auf
späteste
Geschlechter
siegreich
übermach ich
sie.
Freilich
macht in
heutigen
Tagen sich
nur Dumm–
und Bosheit
breit.
Schwere
Schuld doch
werden
tragen, die
zu mir nicht
hatten Zeit.
Daß
nicht wer
mein Werk
verderbe,
leiht drum
willig Herz
Nicht
enthaltet
dieses Erbe
euren
Nachekommen
vor!“
An Selbstbewußtsein
fehlte es
dem
dichtenden
Landfräulein
keineswegs.
„Dämon,
Mensch und
Dichter –
Gedichte der
schlesischen
Nachtigall“
nannte sie
ihre
Sammlung des
Jahres 1891,
auf der
Titelseite
stand: „Die
ganze Welt
ist dumm,
Doch Dichter
– sind nicht
stumm!“ Daß
F. K. bis
1903 – kurz
vor ihrem
Tode – acht
Auflagen
dieses
Gedichtbandes
erlebte, lag
keinesfalls
daran, daß
ihre Familie
mehrfach als
Käufer
auftrat, vom
unbeabsichtigten
Lacherfolg
ihrer so
ernst
gemeinten
Verse
peinlich
berührt.
Sehr viel
früher hatte
Paul Lindau
in seiner
Zeitschrift
„Die
Gegenwart“
aus einem
zunächst im
Selbstverlag
von K.
erschienenen
Gedichtband
viele Proben
veröffentlicht
und jeden
humorbegabten
Leser zum
Kauf des
Bändchens
aufgefordert;
allerdings
in einer
Würdigung,
welche die
ernstgemeinte
Absicht der
Dichterin
ironisierte!
Auch Gerhart
H. Mostars
DTV–Taschenbuchausgabe
erlebte
1965/66
unter dem
Titel „Der
schlesische
Schwan – Das
Genie der
unfreiwilligen
Komik“ rasch
hintereinander
zwei
Auflagen.
Eine
Neuauflage
würde sich
lohnen!
Friederike
K. gehört
mit ihren
einfältigen,
doch aber
oft den Kern
treffenden
und
ungewollte
Heiterkeit
erregenden
Versen
„durchaus in
die
Literaturgeschichte
des
ausgehenden
19. Jh.“,
wie ihr
Zeitgenosse,
der Lyriker
Otto Julius
Bierbaum aus
Grünberg, in
einem Essay
schrieb. Die
Schriftstellerin
entstammte
einer
emanzipierten
jüdischen
Familie. Ihr
Vater war
erst
Gutspächter,
dann
Rittergutsbesitzer
in Reichtal
an der
nordschles.
Grenze im
Kreise
Namslau.
Friederike
arbeitete von 1851-1868
in der
Armenfürsorge
und
Krankenpflege.
Danach lebte
sie auf
ihrem
eigenen
Besitztum
Friederikenhof
und widmete
sich der
Schriftstellerei.
Ohne
Bedeutung
sind ihre
Novellen und
Schauspiele,
soweit man
sie nicht
mit ihren
sozialen
Schriften in
Verbindung
bringt.
Diese
Schriften
sind der
Hintergrund,
vor dem der
hohe Ernst
verständlich
wird, den
ihre Verse
beseelen.
Sie war eine
Frau voller
Ideale,
herzensgut,
mitleidig,
hilfsbereit,
die für die
sittliche
Erneuerung
der von ihr
heißgeliebten
Nation
kämpfte. Auf
einzelnen
Gebieten
hatte ihr
mutiges,
unerschütterliches
Auftreten
auch Erfolg.
Eifrig
sammelte und
veröffentlichte
sie Material
über
Scheintote.
Dazu später
ihr Vers:
„Stürmisch
ist die
Nacht, Kind
im Grab
erwacht:
Mutter, wo
bist du?
- Überall
ist's zu.“
Endlich
stirbt das
Kind, Froh
die Engel
sind!“ (gekürzt)
F. machte selbst den
Anfang mit
dem Bau
eines
Leichenhauses
auf ihrem
Grundstück
für die
Dorfgemeinde
Droschkau,
eingeweiht
am 31. Juli
1853. 1867
erschien
ihre
„Denkschrift
über die
Notwwendigkeit
von
Leichenhäusern“
bei W. G.
Korn in
Breslau in
6. Auflage.
Das Echo war
beachtlich.
Zuschriften
kamen von
gekrönten
Häuptern des
In- und
Auslandes,
von geistl.
Würdenträgern
und von
wissenschaftl.
Instituten.
Kaiser
Wilhelm I.
bezog sich
ausdrücklich
auf ihre
Denkschrift
mit der
Anweisung an
die
Regierungsbehörden,
für die
Einrichtung
von
Leichenhäusern
Sorge zu
tragen. 1871
wurde in
Preußen eine
Frist von 5
Tagen
zwischen Tod
und
Beerdigung
eingeführt.
Auch F.'s
Proteste
gegen die
Vivisektion
fanden
Widerhall:
„Ein Mensch
mißbrauchend
die Gewalt
und Stärke,
ein lebend
Herz
zerreißen –
wie? Wer
gleicht denn
hier dem
wilden
Tiere? Ist
es der
Mensch, ist
es das
Vieh?“ 1889
erklärte sie
in einer
Schrift
„Gegen die
Einzelhaft
oder das
Zellengefängnis“:
Alleinsein
kann nur der
Glückliche,
der
Vorurteilsfreie,
ganz allein
sein im
buchstäblichen
Sinne kann
niemand,
ohne zu
verzweifeln
oder den
Verstand zu
verlieren.“
Mit
Gedichten
und
laufenden
Eingaben
bewirkte
sie, daß die
bis dahin
übliche
„Einzelhaft
auf
Lebenszeit“
für
Schwerverbrecher
durch
Ministerialerlaß
abgeschafft
und im
übrigen auf
begründete
Fälle
eingeschränkt
wurde. Zu
positiven
Ratschlägen
für soziale
Reformen
kommt F. K.
in dem
„Büchlein
von der
Menschheit“
(freier
Unterricht
und freie
Berufsausbildung
für alle,
staatl.
Armenfürsorge,
Volksküchen u.a.). Damit war sie in vielem
ihrer Zeit
und ihren
Standesgenossinnen
voraus!
Überlebt
haben ihre
Verse:
„Sonne
niedertaucht
– In das
blaue Meer,
Ganz von
Glut
umhaucht,
Anmut hat
sie sehr“.
Mostar sagt:
„Sie macht's
gerade da
falsch, wo
sie es am
mühelosesten
richtig
machen
könnte und
wo man es am
wenigsten
erwartet,
und da sie
das Falsche
wiederum
doch nicht
„macht“,
sondern es
ihr
„passiert“,
ohne ihren
Willen, ist
sie so
irrsinnig
komisch!“
Lit.:
Walter
Meekauer,
Die
Nachtigall
im Tintenfaß
– Die Erste
Originalgetreue
Sammlung
Schönster
Gedichte Der
Schlesischen
Nachtigall
Friederike
Kempner,
Berlin/Darmstadt/Wien
1956;
Gerhart H.
Mostar,
Friederike
Kempner, Der
schlesische
Schwan, dtv
München, 2.
Aufl. 1966;
Margot
Krohn,
London,
Friederike
Kempner, Die
„schlesische
Nachtigall“,
als
Kämpferin
für
Menschenrecht;
Jahrbuch der
Schles.
Friedrich–Wilhelms–Universität,
VII/1962;
Arno Lubos,
Geschichte
der
Literatur
Schlesiens,
Band II, S.
34 ff. (mit
Lit. Hin
weisen),
München
1967;
Siegfried
Haertel, Die
schles.
Nachtigall
Friederike
Kempner,
Schles.
Rundschau
14. Jg.
1962/63.
Heinrich
Trierenberg