Mit seinem
Geburtsort
Rostock war
Walter
Kempowski
kein
Ostdeutscher
im Sinne der
Herkunft aus
den
historischen
deutschen
Ost- und
Siedlungsgebieten
oder eines
dortigen
Wirkens.
Gleichwohl
gilt es, ihn
an dieser
Stelle zu
würdigen als
einen Autor,
der – anders
als die
meisten
seiner
Generation –
den
deutschen
Osten in
seinen
Werken
keineswegs
ausblendete,
der vielmehr
insbesondere
mit der
umfangreichen
Sammlung und
Auswertung
von
Lebensgeschichten
geflüchteter
und
vertriebener
Ostdeutscher
zu der
längst
überfälligen
Enttabuisierung
der Thematik
von Flucht
und
Vertreibung,
der
Aufarbeitung
ihrer Gründe
und Folgen
beigetragen
hat.
Als eine der
großen
Themengruppen
im Werk
Walter
Kempowskis
kann man
seine
Familiengeschichte
ausmachen:
Familiengeschichte
als
Zeitgeschichte
in der
gesamteuropäischen
Tradition
eines Emile
Zola, der
mit den 20
Bänden
seiner
Rougon-Macquart-Romane
das
Frankreich
der 2.
Hälfte des
19.
Jahrhunderts
geradezu
„überrealistisch“
festhielt.
Kempowski
bietet in
neun großen
Prosawerken
ebenfalls
eine sehr
detailgenaue,
in
erhellende
Einzelheiten
verliebte
Darstellung
des 20.
Jahrhunderts
an Hand
seiner
Familie, der
Kempowskis
aus Rostock
–
vergleichbar
mit Thomas
Mann und
seinem
Lübeck der
Buddenbrooks
und Günter
Grass’
Danzig der
Familie
Oskar
Matzeraths,
des
Blechtrommlers.
Weiteres
Hauptthema
Kempowskis
ist die
Diktatur in
ihrer
härtesten
Ausprägung
im
Gefängnis.
Mit 18
Jahren
musste
Kempowski
damit
„Bekanntschaft“
machen. Nach
seiner
8-jährigen
Haft in
Bautzen
1948-1956
aus
politischen
Gründen
sollte er
einen
eigenen
Zugang zu
dieser
finden,
indem er
seine
Erinnerungen
in
Archivmaterial
detailbesessen
zettelweise
anlegte, um
dann
innerhalb
dieser
Zettelsammlung
Sinnstränge
aufzuzeigen
und
Handlungsprozesse
zu
thematisieren.
Die
autobiographische
Sicht führt
dabei nicht
zu
zwangshaften
Wiederholungen,
sondern zu
einer neuen
Art der
literarischen
Vermittlung,
die dem
Leser
Erklärungen
für das
Geschehene
selber
suchen und
finden, vor
allem aber
auch selber
deuten
lässt. Schon
sein erster
über die
Haft
handelnder
Roman Im
Block
(1969)
benutzt
diese
außergewöhnliche
Betrachtungsweise
und findet
deshalb
zunächst
auch nicht
das volle
Verständnis,
das dann
seinem
Gefängnisroman
Ein
Kapitel für
sich
(1975)
zuteil
werden
sollte. Hier
schildert
Kempowski
den Alltag
in Bautzen
im „gelben
Elend“, dem
berüchtigten
Gefängnis
für
„Politische“
der DDR,
äußerst
komplex. In
Bautzen
saßen
gleichfalls
sein Bruder
Robert – wie
er zu 25
Jahren Haft
verurteilt –
sowie wegen
„Mitwisserschaft“
zu 10 Jahren
Haft
verurteilt
seine Mutter
ein. Auch
deren Sicht
kommt in der
jeweiligen
Diktion zur
Sprache,
ebenso, wie
die
Hamburger
Verwandtschaft
und die
Schwester in
Dänemark
über Briefe
das Wort
erhalten.
Auf diese
Weise
erscheint
die
Haftanstalt
Bautzen dem
Leser nun
kontrastiv
aus der
Innenansicht
und der
Außenansicht
noch
plastischer.
Der Haftzeit
voraus ging
– mit
Tadellöser &
Wolff
(1971) – die
Schilderung
von
Kempowskis
Kindheit und
Jugend vom
Ende der
1930er Jahre
bis 1945,
seinem 16.
Lebensjahr.
Die darauf
folgende
Zeit in der
„Zone“ unter
sowjetischer
Besatzung
beschreibt
er im Roman
Uns geht
es ja noch
gold
(1972), der
mit der
Verhaftung
des
18-jährigen
Walter
endet. Es
folgt der
Roman Aus
großer Zeit
(1978),
der eine
Rückblende
in der
Familienchronik
bietet,
indem er das
Leben seiner
Großeltern
nach der
Jahrhundertwende
ins
Gedächtnis
ruft. In
Schöne
Aussicht
(1981) wird
dann die
Zeit
zwischen
Aus großer
Zeit und
Tadellöser &
Wolff
behandelt,
um dann in
Herzlich
Willkommen
die
Jahre
zwischen der
Übersiedlung
aus der DDR
in die
Bundesrepublik
und das
Lehrerstudium
in Göttingen
darzulegen.
Als
Bestandteile
dieser
weitgespannen
Deutschen
Chronik
sind auch
die drei
Befragungsbände
Haben Sie
Hitler
gesehen?
(1973),
Haben Sie
davon
gewusst?(1979)
und Immer
so
durchgemogelt
(1974)
zu werten.
Mit seiner
Ankunft in
der
Bundesrepublik
stand
Kempowski
vor neuen
Herausforderungen.
Die amtliche
Anerkennung
als
politischer
Häftling
wurde ihm
verweigert,
was ihn nach
eigenen
Angaben
veranlasste,
sie sich
über die
Literatur zu
ersetzen.
Eine
vielleicht
auch
psychologische
Erklärung
für seine
Detailbesessenheit,
seine „Treue
im Kleinen“,
seine
Methode, so
facettenreich
wie möglich
die Realität
zu erfassen,
um mit
dieser
unglaublichen
Komplexität
zu
überzeugen.
In
seinem
Archiv
hortete er
ca. 200.000
Fotos und
eine
umfangreiche
Sammlung von
Biographien
und
Tagebüchern,
darunter
nicht
zuletzt
viele von
Flüchtlingen,
Vertriebenen,
Spätheimkehrern
und
Aussiedlern.
Eine Frucht
dieser
seiner
unermüdlichen
Sammlertätigkeit
ist sein in
den Jahren
1993 bis
2005
herausgegebenes
monumentales
Werk
Echolot. Ein
kollektives
Tagebuch von
1943-1949.
Allein die
Monate
Januar und
Februar 1943
umfassen
vier Bände
dieser
episch breit
angelegten
Chronik, die
von der
Literaturkritik
begeistert
angenommen
wurde. Ein
weiteres
begonnenes
Großprojekt
Ortslinien,
das mit
Fundstücken
unterschiedlichster
Art jeden
Tag der
Jahre 1850
bis 2000 dokumentieren sollte, blieb eine Aufgabe für Nachgeborene.
Unter
den vielen
Preisen und
Auszeichnungen,
die
Kempowski
für sein
umfassendes
Werk als
„deutscher
Chronist“
erhielt,
ragen hervor
der
Lessingpreis
der Freien
und
Hansestadt
Hamburg
1971, der
Niedersachsen-Preis
1978, der
Literaturpreis
der
Konrad-Adenauer-Stiftung
1994 und
noch 2006
der
Hoffmann-von-Fallersleben-Preis
des Landes
Mecklenburg-Vorpommern.
1972 erhielt
er den
Andreas-Gryphius-Förderpreis,
mit dem die
Künstlergilde
Esslingen
Autoren
ausgezeichnet,
deren Werke
deutsche
Kultur und
Geschichte
in Mittel-,
Ost- und
Südosteuropa
reflektieren
und die zur
Verständigung
zwischen den
Deutschen
und ihren
östlichen
Nachbarn
beitragen.
Zu erwähnen
sind ferner
die
Ehrendoktorwürde
der
Universität
Rostock 2002
sowie die
Ehrenbürgerschaft
seiner
Heimatstadt
1994.
Man könnte
Walter
Kempowski
bei aller
Würdigung
seiner
akribischen
Chronistentätigkeit
und
komplexen
Gestaltungskunst
aber noch
nicht ganz
gerecht
werden, wenn
man seine
pädagogischen
Bemühungen,
sein drittes
großes
Thema, außer
Acht ließe.
1957 holte
er das
Abitur im
Westen nach
und
studierte
Pädagogik in
Göttingen.
Das Studium
beendete er
mit der für
sein
späteres
Wirken und
Werk
grundlegenden
Staatsexamensarbeit
Pädagogische
Erfahrungen
im
Zuchthaus,
1959
geschrieben.
Er heiratete
eine
Kollegin,
die
niedersächsische
Pfarrerstochter
Hildegard
Janssen, die
sich mit ihm
als
„Junglehrerehepaar“
1965 an eine
Zwergschule
in Nartum
bei Bremen
versetzen
ließ. Nach
der
Schließung
dieser
Landschule
ging er an
die
Mittelpunktschule
in Zewen und
von 1979 an
als
Lehrbeauftragter
für
Kommunikation
und
Literatur an
die
Universität
Oldenburg.
Seinen
Wohnsitz
behielt er
weiterhin
auf dem
Lande mit
seiner Frau
und den
beiden
Kindern. In
seine
Kinderbücher
Der Hahn
im Nacken
(1973) und
Alle
unter einem
Hut
(1976)
fließen die
pädagogischen
Erfahrungen
ein und im
Porträt
Unser Herr
Böckelmann
(1971)
bringt er
einen
„altmodischen“
Lehrer vor
allem der
älteren
Generation
nahe, wie
der Erfolg
bei den
Eltern
zeigt. 1980
gibt er
sogar
Kempowskis
Einfache
Fibel
heraus, in
der seine
erzieherischen
Überlegungen
aus
Einfühlungspädagogik
und
gelassener,
norddeutsch
kühler
Wirklichkeitsbeobachtung
verfolgt
werden
können.
„Ich bin
78, und es
wird Zeit,
sich zu
verabschieden.
Ich hab
genug getan,
ich war 30
Jahre
Pädagoge,
habe 40
Bücher
geschrieben,
das reicht
allmählich.“
– so der
bereits von
schwerer
Krankheit
gezeichnete
Walter
Kempowski in
einem
Interview,
das er im
Mai 2007
anlässlich
der
Eröffnung
einer ihm
gewidmeten
Ausstellung
Berliner
Akademie der
Künste gab.
Bundespräsident
Horst Köhler
hatte ihn in
der
Eröffnungsrede
als
„Volksdichter“
bezeichnet,
da er
„wie kein
anderer das
Volk selbst
zum Sprechen
gebracht“
habe.
Dass er den
Stimmen
darüber
hinaus auch
Gehör
verschaffte,
wissen nicht
zuletzt die
Vertriebenen
und
Flüchtlinge
zu schätzen.
Ingmar
Brantsch