Als er die
Entwicklungsgeschichte
seines
Faches
aufzeichnete,
hielt Karl
Kerényi
fest, daß es
nach dem
Ersten
Weltkrieg in
Deutschland
einen
”dritten
Humanismus”
gegeben
habe, als
die
klassische
Philologie
”versuchte,
das
historische
Erkennen
wieder zum
menschlichen
Verstehen zu
vertiefen,
doch nur
innerhalb
der
Möglichkeiten
des schon
gebildeten
und gerade
am
Klassischen
gebildeten
europäischen
Menschen.”
Um diesen
europäischen
Menschen und
seine
Bildungsvoraussetzungen
ging es dem
in der
Banater
Hauptstadt
Geborenen.
So
universalistisch
(bzw. auf
gesamteuropäische
Zusammenhänge
ausgerichtet)
die
Perspektive
von Kerényis
Arbeiten
auch war –
in seinen
Selbstdarstellungen
präsentierte
er sich
häufig als
patriotisch
gestimmter
Bürger
Ungarns. Der
Name Kerényi
ist zwar die
magyarisierte
Form des
deutschen
Familiennamens
Kienzel,
aber die
ungarische
Mutter des
Wissenschaftlers
hatte ihm
ein
besonderes
Nationalbewußtsein
auferlegt.
Kerényi, in
dessen
Familie
schwäbisch
gesprochen
wurde,
bezeichnete
das
Ungarische
als seine
Muttersprache.
Seine
wichtigsten
Werke aber
schrieb er
in deutscher
Sprache, und
die Lehrer,
denen er
viel zu
verdanken
hatte, fand
er in
Greifswald
(Johannes
Mewaldt) und
Berlin
(Diels,
Norden,
Eduard
Meyer) oder
in Budapest
(in dem
Indologen
Josef
Schmidt).
Kerényi
verteidigte
1919 in
Budapest
seine
Dissertation
über
Platon und
Longinus:
Forschungen
zur
Geschichte
der antiken
Literaturwissenschaft
und Ästhetik.
Bis 1926
unterrichtete
der
gebürtige
Banater in
Budapester
Gymnasien
Latein und
Griechisch.
Erst ab dem
Jahre 1926
konnte er
als
Privatdozent
an der
Budapester
Universität
tätig sein.
Von 1934 an
und bis 1941
war Kerényi
Professor
für
klassische
Philologie
an der
Universität
Fünfkirchen
(Pécs). 1941
wurde er –
gegen seinen
eigenen
Wunsch –
nach
Szegedin (Szeged)
versetzt.
1943 verließ
er Ungarn
für immer
und ließ
sich im
Tessin
nieder. Von
1948 bis
1966 war
Kerényi
Mitarbeiter
am Züricher
C.G.Jung-Institut.
1962 erhielt
er die
eidgenössische
Staatsbürgerschaft.
Oslo und
Stockholm
hatten ihn
mit
Ehrendoktoraten
geehrt. In
Budapest
wurde er
1989 post
mortem
Mitglied der
Ungarischen
Akademie der
Wissenschaften.
Zwei Jahre
zuvor waren
seine
ungarischsprachigen
Aufsätze und
Artikel
publiziert
worden.
Für den
Wissenschaftler
waren seine
Reisen von
entscheidender
Bedeutung.
Nach seiner
Promotion
folgte ein
längerer
Deutschlandaufenthalt
mit Studien
und
Forschungen
in
Greifswald
und Berlin.
Italienreisen
und schon
1929 ein
erster
Aufenthalt
in Athen
führten
dazu, daß
Kerényi der
traditionellen
Schulphilologie
den Rücken
kehrte und
eigene Wege
einschlug.
Für ihn sind
die Mythen
am besten in
literarischen
Meisterwerken
aufbewahrt
bzw.
widerspiegelt
worden, wo
sich seiner
Meinung nach
auch die
differenziertesten
psychologischen
Deutungen
antiker
Sagen und
Mythen
antreffen
lassen. 1934
war diese
neue Sicht
auf das Erbe
der
griechisch-römischen
Antike mit
ein Anlaß
für Kontakte
zu Thomas
Mann. Mit
seiner Hilfe
wollte
Kerényi
versuchen,
moderne
Literatur in
ihrem
Streben nach
der
Wiederentdeckung
von
Ursprungs-
und
Schöpfungsmythen
zu bestärken
und zu
verpflichten.
Kreative
Mißverständnisse
auf beiden
Seite haben
einerseits
die
Mythenforschung
Kerényis,
andererseits
Thomas Manns
Exegese
historischer
und
religionsgeschichtlicher
Stoffe
gefördert
und bis 1955
einen
fruchtbaren
Gedankenaustausch
veranlaßt.
Mit C.G.
Jung, dessen
Erkenntnisse
Kerényi mit
eigenen
Feststellungen
zu
untermauern
vermochte,
hat ihn eine
Reihe
gemeinsamer
Arbeiten (Das
göttliche
Kind.
Amsterdam
1940; Das
göttliche
Mädchen.
Amsterdam
1941;
Einführung
in das Wesen
der
Mythologie.
Amsterdam/Zürich
1941)
verbunden.
Noch
wichtiger
aber blieben
Beziehungen
zu
Schriftstellern
und die
Kerényischen
Exegesen
literarischer
Werke von
Goethe und
Hölderlin
bis zu
Lawrence und
Hesse,
ebenso immer
wieder von
ungarischen
Autoren (von
Jókai bis
Laszló
Németh).
Zu Kerényis
Grundsätzen
gehörte auch
der, ӟber
alles in der
Welt vom
Gesichtspunkte
des Menschen
aus zu
denken.”
Daher suchte
er die
Begegnung
mit
Menschen,
mit ihrem
Werk und
ihren
Leistungen.
Deshalb die
Reisen,
deshalb der
Dialog, der
ihn mit den
Gedanken von
Bachofen und
Schelling,
ebenso
jedoch mit
seinen
Zeitgenossen
Martin Buber
oder Walter
F. Otto
verband.
Auch die
Mythologeme
wurden aus
der Sicht
des
Historikers
und des
Zeitgenossen
der Moderne
interpretiert.
Dies war
Kerényis
Humanismus,
der ihn sich
auch in die
Literatur
und in die
Erzähltraditionen
der
europäischen
Literaturen
einordnen
ließ. Die
Beschäftigung
mit Apollo,
mit Hermes,
mit Niobe
geht einher
mit einem
Engagement
für den
zeitgenössischen
Menschen,
dem das
Göttliche
als Teil
seiner
Bemühungen
erscheinen
muß, um mit
seiner Hilfe
menschliche
Anliegen –
in neuer
Sicht – zu
interpretieren
und zu
bewältigen.
Als
Religionshistoriker
kann Kerényi
höchstens
der zweite
bekannte
Südosteuropäer,
Mircea
Eliade, zur
Seite
gestellt
werden. Als
streitbarer
Zeitgenosse
hat er alle
übertroffen.
Sein
fundiertes
historisches
und
sprachgeschichtliches
Wissen hat
ihm dabei
geholfen,
Entdeckungen
zu machen,
die anderen
verwehrt
blieben. Ein
homogenes,
seiner
selbst
sicheres
Weltbild, in
dem
Epiphanien
eine
ausschlaggebende
Bedeutung
besaßen und
die
Vollkommenheit
als Ideal
stets
präsent ist,
hat Kerényi,
der die
Heimatlosigkeit
am eigenen
Leib zu
erdulden
hatte, stets
die
Ausgewogenheit
antiker
Lebensideale
nachvollziehen
lassen.
Werke:
Die
griechisch-orientalische
Romanliteratur
in
religionsgeschichtlicher
Bedeutung.
Tübingen
1927. –
Dionysos und
das
Tragische in
der
Antigone.
Frankfurt/M.
1935. –
Apollon.
Studien über
antike
Religion und
Humanität.
Wien 1937,
Amsterdam
1941. – La
religione
antica nelle
sue linee
fondamentali.
Bologna 1939
(deutsch
1940 und
1942). – Das
Ägäische
Fest. Die
Meeresgötterszene
in Goethes
Faust II.
Amsterdam
1941. –
Einführung
in das Wesen
der
Mythologie
(zusammen
mit C.G.
Jung).
Amsterdam/Zürich
1941. –
Hermes, der
Seelenführer.
Das
Mythologem
vom
männlichen
Lebensursprung.
Zürich 1943.
– Hölderlins
Mysterien.
Nachbemerkung
zu
Hölderlins
Hyperion.
Zürich 1942.
– Töchter
der Sonne.
Betrachtungen
über
griechische
Gottheiten.
Zürich 1944.
– (mit
Thomas Mann)
Romandichtung
und
Mythologie.
Zürich 1945
(zweite,
erw.
Ausgabe:
Gespräch in
Briefen.
Zürich
1960). –
Prometheus.
Das
griechische
Mythologem
von der
menschlichen
Existenz.
Zürich 1946.
– Die
Mythologie
der
Griechen.
München-Wien
1958, I-II.
– Auf den
Spuren des
Mythos.
München-Wien
1967. –
Antike
Religion.
München-Wien
1971. –
Werke in
Einzelausgaben.
München/Wien
1966 ff.
Band I-V,
VII-VIII.
Lit.:
Söflund,
Gösta
(Hrsg.):
Opuscula.
(Festschrift
Kerényi).
In: Acta
Universitatis
Stockholmiensis,
Band V,
1968, 243 S.
– Polomé,
Edgar C. (Hrsg.):
Essays in
memory of
Karl Kerényi.
Washington
D.C. 1985,
144 S.
(Journal of
Indo-European
Studies.
Monograph
Series 4).
Horst Fassel