Wer sich
heute ein
Bild von der
Wirkung und
Bedeutung
des
Theaterkritikers
(nicht so
sehr der des
Reiseschriftstellers)
Alfred Kerr
machen will,
braucht sich
nur der
Wirkung und
Bedeutung
eines
Kritikers –
dieses Mal
eines
Literaturkritikers
– unserer
Tage zu
vergewissern,
der von
Marcel
Reich-Ranicki.
Ihn nennt
man ebenso
rühmend wie
abfällig
„Literaturpapst“.
Alfred Kerr
gebührte die
Bezeichnung
„Theater-Papst“.
Dieser
verfügte für
seine
Kritiken
über das
linksliberale
Blatt der
Hauptstadt,
das
Berliner
Tageblatt,
jener ist
seit
Jahrzehnten
in der
bedeutendsten
überregionalen
Zeitung, der
Frankfurter
Allgemeinen
Zeitung
und jetzt
auch im
Zweiten
Deutschen
Fernsehen
zuhause.
Beide fällen
ihre
Urteile,
gestern wie
heute,
souverän,
kenntnisreich
und
subjektiv
und wollen
zugleich für
andere
Kritiker
Maßstäbe
setzen. In
einem
unterscheiden
sich Kerr
und
Reich-Ranicki,
Kerr schrieb
einen
ausgezeichneten,
nur ihm in
seiner
Subjektivität
möglichen
Stil und
kokettierte
auch mit
seiner
Handschrift,
Reich-Ranicki
ist ein
Schreiber
wie
jedermann,
setzt aber
mit der
Notenverteilung
zwischen Gut
und Schlecht
die
klärenden
Akzente.
Kerr wurde
als Sohn
eines
Breslauer
Weinhändlers
geboren und
hieß
ursprünglich
Alfred
Kempner.
Doch gab es
bereits
Friederike
Kempner mit
ihren gut
gemeinten,
schnell
gereimten
und ins
Lächerliche
abgleitenden
Gedichten,
später
spöttisch
der
„Schlesische
Schwan“,
auch die
„Schlesische
Nachtigall“
genannt. Mit
ihr wollte
Alfred Kerr,
sich zu
Höherem
berufen
fühlend und
aus Gründen
seiner nicht
gerade
geringen
Selbsteinschätzung
nichts
gemein
haben, darum
der neue
Name. Immer
wieder hat
er sich
dagegen
wehren
müssen, mit
seiner
angeblichen
Tante, deren
Grab sich
übrigens auf
dem
wiederhergestellten
Jüdischen
Friedhof in
Breslau in
einem
Vorzeigezustand
befindet,
verwandt zu
sein.
So wie
andere vor
ihm – es
seien nur
August
Borsig und
Adolph
Menzel
genannt,
nach ihm
etwa Max
Herrmann-Neisse
und Jochen
Klepper –
zog es den
Breslauer
Kerr als
Zwanzigjährigen
1887 nach
Berlin. Hier
arbeitete er
sich seit
1890 als
Theaterkritiker
empor. Über
ihn schrieb
Georg Zivier,
der ihn als
Jüngerer in
Berlin
miterlebt
hat: „Zensor
seines
Zeitalters,
daheim und
auf Reisen,
Lyriker,
Feuilletonist
und
Theaterkritiker
–
Theaterkritiker
vor allem
und, der
Fama nach,
auch vor
allen“. 1933
ging er über
die Schweiz,
Frankreich
nach England
in die
Emigration.
Als er nach
seinem
ersten Flug
1948 in
Hamburg, in
der damals
britischen
Besatzungszone
landete,
endete hier
sein Leben.
Die Stadt,
in der er 45
Jahre gelebt
und
gearbeitet,
in der er
geglänzt
und, stets
als
Einzelkämpfer,
gestritten
hatte,
Berlin hat
er nicht
mehr
wiedergesehen.
Fünf Jahre
jünger als
Gerhart
Hauptmann
und zwei
Jahre nach
ihm
gestorben,
gehört
Alfred Kerr
nicht anders
als der
Theatermann
Otto Brahm
und der
Verleger
Samuel
Fischer zu
den
Wegbegleitern,
eigentlich
sogar zu den
Männern, die
dem
Dramatiker
zum Erfolg
verhalfen
und nie,
auch bei
weniger
geglückten
Arbeiten
nicht, an
ihm irre
geworden
sind. Ohne
diese drei
soeben
genannten
Namen ist
Gerhart
Hauptmann
nicht
denkbar. Um
so bitterer
war dann die
Enttäuschung,
als der
Emigrant
Alfred Kerr
lesen mußte,
daß der von
ihm geliebte
Dichter, als
Deutschland
im Zeichen
des
Nationalsozialismus
aus dem
Völkerbund
ausgetreten
war, dazu
auf Befragen
Ja gesagt
hatte. Eine
im gröbsten
alttestamentarischen
Stil
gehaltene
Verfluchung
war die
Folge. Nach
1945 wurde
dieser Fluch
ein wenig
abgemildert.
Übrigens
verdanken
auch andere
Dramatiker
Alfred Kerr
Lob und
Förderung;
es seien nur
Henrik
Ibsen, Frank
Wedekind und
Carl
Sternheim
genannt. Zu
Bertolt
Brecht war
er
ursprünglich
auf
kritische
Distanz
gegangen,
und das
heißt, er
hatte ihn
mit
boshafter
Kritik
bedacht,
sich dann
aber in
seinem
Urteil
gewandelt.
Zu denen,
die er gar
zu gern
gegen
Gerhart
Hauptmann
nicht nur
verletzend,
sondern fast
tötend
ausspielte,
gehörte
Hermann
Sudermann.
Gleichzeitig
erwuchs ihm
im Wiener
Kritiker und
Essayisten
Karl Kraus
nicht nur
ein Gegner,
sondern ein
Feind. Kerr
selbst hatte
mit Wien,
woher der
große
Theatermann
Max
Reinhardt,
jetzt in
Berlin,
herkam,
nichts im
Sinn, was
auch dieser
deutlich in
Kerrs
Kritiken zu
spüren
bekommen
hat.
Theaterkritik
war für Kerr
kein
Folgeprodukt,
sollte keine
Nebenrolle
spielen,
nachdem auf
dem Theater
die
Hauptrollen
gespielt
worden
waren. Als
eine eigene
Kunst mit
einem
Eigenwert
sollte
seine,
sollte die
Theaterkritik
verstanden
werden,
gleichrangig
mit
Dramatik,
Epik, Lyrik.
Als
Vierzigjähriger
verkündete
er: „Fortan
ist zu
sagen:
Dichtung
zerfällt in
Epik, Lyrik,
Dramatik und
Kritik. Der
wahre
criticus ist
ein nicht
unzurechnungsfähiger
Dichter“.
Indem er
sich selbst
als den
großen, wohl
einzigartigen
und
einmaligen
Kritiker sah
und
einschätzte,
beschrieb er
sein Tun:
„Der
criticus tut
sich nicht
als
Weltrichter
auf. Er haßt,
was ihn
wurmt. Er
liebt, was
ihn lockt.
Und er sagt
es. Kritik
des Hasses
und der
Liebe. Der
criticus
hält es für
dumm, ein
Gesetzgeber
– doch für
klug, ein
Gesetzfinder
zu sein“.
Als einer,
der die
deutsche
Sprache
geradezu
beneidenswert
gut
beherrscht
hat, liebte
es Kerr
allerdings,
mit
Wortspielen
zu
operieren,
in
Antithesen
sich zu
ergehen,
bisweilen so
knapp zu
formulieren,
daß ein
Satz, ein
Wort nicht
nur zu
charakterisieren,
sondern
auch, wenn
es ihm
geboten
erschien, zu
töten
vermochte.
Er genoß
geradezu
sein
Sprachvermögen
und mußte
sich den
Vorwurf
gefallen
lassen,
nicht frei
von
Eitelkeit
und
Selbstüberschätzung
zu sein.
Ohne daß ihn
Derartiges
zu stören
vermochte,
pflegte er
schon im
Schriftbild
mit den
römischen
Ziffern und
den im
Staccato
hingestanzten
Sätzen
seinen Stil.
Immer
blitzten
Gescheitheit
und nicht so
sehr
schmunzelnde
denn ätzende
Ironie auf.
Vieles auf
dem
zeitgenössischen
Theater wird
nur dank
Kerrs Prosa
und Kritik
überleben.
Es sei sein
Essay über
die
Schauspielerinnen
seiner Zeit
herausgegriffen:
„Zwei
Klassen:
Eine
aristokratische
Linie: Agnes
Sorma, Lina
Lossen,
Elisabeth
Bergner. Und
eine mehr
demokratische
Linie: Else
Lehmann,
Lucie
Höflich,
Käthe
Dorsch“, und
dann werden
die Beweise
für diese
kühne und
richtige
Aussage
nachgeliefert.
Das
gedruckte
Wort hat
heute im
Zeitalter
der vielen
Medien nicht
mehr die
Bedeutung
und
Aussagekraft
wie zu Kerrs
Zeiten, aber
es gibt auch
niemand, der
es Kerr an
künstlerischem
Vermögen und
darin
fundierter
Subjektivität
bis heute in
deutscher
Sprache hat
gleichtun
können.
Den Lyriker
Alfred Kerr
sollte man
lediglich
zur Kenntnis
nehmen, er
hat allzu
oft zu
schnell
Verse
schmieden
wollen.
Anders
verhält es
sich mit dem
Reiseschriftsteller.
In den
zwanziger
Jahren hatte
Kerr in drei
Bänden 1920
und 1928
außer seinen
Theaterkritiken
gerade auch
seine
Reiseprosa
veröffentlicht.
Bewundernswert,
unter
welchen
Strapazen,
ohne daß
diese
durchscheinen,
diese Reisen
quer durch
Deutschland
und über
Deutschlands
Grenzen
hinaus bis
nach
Jerusalem
und New York
unternommen
worden sind.
Bewundernswert
aber vor
allem
wiederum der
Stil seiner
Prosa, und
immer wieder
die Freude
an der
Pointe:
„Italien
ist: wie
Hellas für
Unbemittelte.
Taormina:
Ersatz für
die
Akropolis.
Wie der
Königssee
ein
verbilligter
Fjord ist“.
Auch hier
sein
unermüdliches
Verlangen –
indem er
sich selbst
als
aufmerksamer
Beobachter
und Kritiker
gefordert
und in der
Rolle eines
klugen
Präzeptors
fühlte –,
herauszuragen
und Ich zu
sein.
Bis in die
Emigration
hinein
entschied
sich Kerr
immer wieder
dafür, in
Büchern
festzuhalten,
was durch
und für den
Augenblick
geboren war.
Er wollte
sich
eingereiht
wissen in
die Reihe
der großen,
zu rühmenden
Autoren
deutscher
Sprache.
Gelungen ist
ihm das
nicht. In
unserem
Jahrzehnt
ist eine auf
mehrere
Bände
angelegte
Ausgabe der
Werke mit
kritischen
Anmerkungen
erschienen.
Aber ein
erneuter
Durchbruch
ist Alfred
Kerr und
seiner
meisterlichen
Prosa
trotzdem
nicht
gelungen. Er
bleibt auf
seine eigene
Zeit, das
letzte
Jahrzehnt
des 19. und
die ersten
drei, vier
Jahrzehnte
dieses
Jahrhunderts
bezogen,
geradezu
eingegrenzt.
Ein Großer
in dieser
Zeit. Sein
Fortwirken
ist heute
eher ein
literarhistorisches,
aber wir
sollten uns
mit seiner
zeitgeschichtlichen
Größe aus
vielerlei
Gründen,
nicht
zuletzt ob
seiner
Sprachkunst
beschäftigen
und diese
genießen.
Werke:
Die Welt im
Drama.
Kritiken, 5
Bde., Berlin
1917. – Die
Welt im
Licht.
Reisefeuilletons,
2 Bde.,
Berlin 1920.
– Melodien,
Gedichte,
Paris 1938.
– Sätze
meines
Lebens. Über
Reisen,
Kunst und
Politik,
hrsg. v.
Helga
Bemann,
Berlin 1970.
–
Theaterkritiken,
hrsg. v.
Jürgen
Behrens,
Stuttgart
1971.
Lit.:
Alfred
Kantorowicz:
Alfred Kerr
zum 80.
Geburtstag,
in ders.:
Deutsche
Schicksale.
Neue
Porträts,
Berlin 1949.
– Alfred
Kantorowicz:
Alfred Kerrs
literarischer
Nachlaß, in:
Weimarer
Beiträge 17
(1962). –
Walther
Huder:
Alfred Kerr.
Ein
deutscher
Kritiker im
Exil, in:
Sinn und
Form 18
(1966). –
Hubertus
Schneider:
Alfred Kerr
als
Theaterkritiker,
2 Bde., Bonn
1984.
Nachlaß:
Akademie der
Künste zu
Berlin.
Bild:
Süddeutscher
Verlag
München.
Herbert
Hupka