|
Caroline wurde 1727 geboren als Tochter des Carl Ludwig
Reichs-Erb-Truchseß zu Waldburg und dessen Ehefrau, der Sophie Charlotte
Gräfin von Wylich und Lottum. Der Vater war als Generalmajor in den
diplomatischen Dienst übernommen worden und gehörte „zum engsten
Freundes- und Beraterkreise“ König Friedrich Wilhelms I. Seine Mutter,
die Großmutter der Caroline, war die bemerkenswerte Luise Katharina von
Rautter, die sich mit dem Bau des Großen-und Kleinen-Friedrichs-Graben
(der über Deime und Gilge Pregel und Memel verbindet) ein
unvergängliches Denkmal setzte. Caroline heiratete am 29. April 1744 in
Königsberg/Pr. den Grafen Gebhardt Johann von Keyserlingk (*
1699); es war die dritte Ehe des Grafen, der Güter in Kurland besaß, in
Braunschweigischen Diensten gestanden, seine Ämter jedoch niedergelegt
und sich auf sein Gut Pußkeiten (b. Königsberg) zurückgezogen hatte.
Graf Gebhardt kaufte 1743 von seinen späteren Schwägern die
Rautenburgischen Güter in der Niederung und erhielt 1744 von König
Friedrich II. den Grafentitel. Aus der Ehe mit Caroline gingen zwei
Söhne hervor, die Grafen Carl Philipp Anton (* 1745) und Albrecht
Johann Otto (*1747); zur Erziehung und Unterrichtung der beiden
Söhne wurde Immanuel Kant (1753/54) wöchentlich einmal zu dem nahe
Königsberg gelegenen Truchsessischen Gute Capustigall abgeholt. Graf
Gebhardt kaufte 1755 das Schliebensche Palais auf dem Vorderroßgarten in
Königsberg. Aus dieser Zeit stammt das Bild, das die Gräfin von dem
jungen Kant fertigte. Das Palais bildete während des Siebenjährigen
Krieges (die Russen hatten Königsberg am 22.1. 1758 besetzt) einen
Mittelpunkt der Gesellschaft. Zu den Gästen gehörten auch russische
Offiziere; dem Zauber der schönen Gräfin verfielen General Fermor und
der Gouverneur, General Korff, der seine Verehrung in Versen öffentlich
zum Ausdruck brachte. Noch während des Krieges starb Graf Gebhard (14.
9.1761); er wurde in der Kirche zu Lappienen beigesetzt.
Zwei Jahre später, im Februar 1763, als der Friede zu Hubertusburg
verhandelt wurde, heiratete Caroline einen Neffen ihres verstorbenen
Mannes, den Reichsgrafen Heinrich Christian von Keyserling (so
schrieb er den Namen) aus dem Hause Blieden in Kurland; die Ehe blieb
kinderlos. Der durch Universitätsstudien und Reisen hoch gebildete Graf
stand, zusammen mit seinem Vater, dem (als Auftraggeber der
Goldberg-Variationen Johann Sebastian Bachs bekannten) Reichs-grafen
Hermann Karl von Keyserling, in russischen Diensten. Die Gräfin
begleitete ihren Mann auf Reisen nach Kurland und Warschau; dort starb
1764 der Schwiegervater, was ihren Mann veranlaßte, seinen Dienst zu
quittieren. Das Ehepaar lebte nun teils auf Gütern in Ostpreußen, teils
in Königsberg, wo der Graf die beiden dem Palais benachbarten
Grundstücke kaufte. Er begann mit dem Ausbau des gesamten Komplexes und
ließ im Park am Schloßteich ein „Comoedien-haus“
errichten. Das Palais füllte er „mit kostbaren Möbeln, Bildern,
Büchern und Chinoiserien im französischen Geschmack“. Das Appartement
der Gräfin war „zugleich ein prächtiges Künstler-Attelier“. Kostbare
Equipagen, Lakaien in prachtvollen Livreen, Mohren und Heiducken boten
das Bild einer fürstlichen Hofhaltung. Seit 1769 wohnte das Ehepaar, mit
Ausnahme der Jahre 1774/75, ständig in
Königsberg.
Der Graf und die Gräfin führten ein gastfreies Haus, das zum Mittelpunkt
der Gesellschaft wurde; hier trafen sich hervorragende Vertreter „der
Geburts- und Geistesaristokratie“ aus der Stadt und Umgebung. Fürstliche
Besucher stiegen hier ab, so der Erbprinz von Hessen-Kassel, die
Landgräfin von Hessen-Darmstadt, der russische Großfürst Paul
Petrowitsch oder 1780 der Prinz von Preußen, der spätere König Friedrich
Wilhelm II., der bei den Keyserlings die Aufführung des Schauspiels „Le
chiffre en fleurs“ erlebte, zu dem die Gräfin einen Prolog geschrieben
hatte. Fanden einmal kein besonderer Besuch, Festlichkeit, Hauskonzert
oder Theateraufführung statt, so waren in den 70er Jahren doch täglich
etwa 20 Personen bei Tisch anwesend. Zu den Gästen gehörten nicht nur
Angehörige des Adels, sondern auch des Bürgertums: An erster Stelle ist
hier Immanuel Kant zu nennen. Er hatte stets an der Seite der Gräfin den
Ehrenplatz, den er nur hochgestellten Besuchern überlassen mußte. Zu den
bürgerlichen Gästen gehörten Johann Georg Hamann, „der Magus im Norden“
(den der Graf und die Gräfin höchst persönlich aufsuchten und zu Tische
luden), der Jurist, Stadtpräsident und Schriftsteller Theodor Gottlieb
von Hippel, der Philosoph und Staatswissenschaftler Kraus, der Professor
der Geschichte und Poesie Mangelsdorf sowie der Kriegs- und Domänenrat
Scheffner, um nur einige zu nennen. Hamann, der damals Packhofverwalter
war und in freier Ehe lebte, schreibt: „Dieses Haus ist die Krone des
ganzen Adels, unterscheidet sich von allen übrigen durch Gastfreiheit,
Wohltätigkeit, Geschmack.“ Im Jahre 1787 erkrankte Graf Heinrich; zwölf
Stunden vor seinem Tode (21.11.1787) diktierte er einen Abschiedsbrief
an Freunde und Verwandte; er wurde in der Lappiener Kirche beigesetzt.
Die Gräfin starb vier Jahre später, „von hoch und niedrig sehr
betrauert“; auch sie fand in Lappienen ihre letzte Ruhestätte. Pfarrer
Georg Heinrich Leo zitierte in seiner Gedächtnisrede die Inschrift auf
dem Sargdeckel: „Sie war die Freude derer, die Sie kannten und genießet
die Belohnung guter Thaten, mit welchen Ihr ganzes Leben geschmücket
war.“
Die Gräfin Caroline von Keyserling (so schrieb sie den Namen) war eine
geistreiche Frau, die sich durch eigenes Bemühen ein hohes Maß an
Bildung aneignete, das sie durch den Umgang mit gelehrten
Persönlichkeiten ständig zu erweitern wußte. Als junge Frau übersetzte
sie ins Französische Johann Christoph Gottscheds Erste Gründe der
gesamten Weltweisheit ..., der ihr zum Dank die 6. Auflage des Werks
(1756) widmete. Die Gräfin lieferte auch an Zeitschriften Aufsätze, die
anonym erschienen. Sie interessierte sich aber nicht nur für Literatur
sondern auch für die Naturwissenschaften. Christian Kraus, dem Kant als
Studenten 1777 eine Hofmeisterstelle im Keyserlingschen Hause verschafft
hatte, lernte die „gütige Mütterlichkeit“ der Gräfin kennen und schrieb
von ihr: „Über dem Essen schweigt die ganze Gesellschaft, und sie
spricht mit mir allein unaufhörlich und raten Sie wovon? Vom Euler- und
Newtonschen Lichtsystem, von der Erde, vom Aberglauben und Unglauben,
was von beiden schädlicher sei, und von neuen Entdeckungen und
herausgekommenen Büchern (...) Sie hält sich alle französischen Journale
und tut nichts als lesen. Vorige Tage gab sie mir die vier letzten Bände
vom Journal encyclopédique, einige Mercures de France und die Gazette
litteraire de Deuxponts und die soll ich immer, so wie sie herauskommen,
mitlesen, damit sie darüber mit mir plaudern könne.“ Die Leidenschaft
des Lesens hätte die Gräfin fast das Leben gekostet: Sie schlief bei
brennender Kerze ein, der Vorhang ihres Bettes hatte bereits Feuer
gefangen, als sie von ihrer Cousine geweckt wurde und der Brand gelöscht
werden konnte. – Die Gräfin liebte auch die Musik: Sie hatte Unterricht
im Lautenspiel bei Johann Reichardt, der mit seiner Familie auf dem
Grundstück der Keyserlings seine Wohnung hatte. Zur Abendmusik wurden
Privatmusiker, Stadtmusikanten und selbst Kriegsgefangene versammelt,
eben alles, was nur an guten Kräften in Königsberg aufzutreiben war. Die
Gräfin spielte und sang zur Laute; Reichardts Sohn Johann Friedrich
begleitete das Lautenspiel auf der Geige. In seiner Autobiographie
bestätigt er die Aussagen von Kraus, die Gräfin habe „ganz den
Wissenschaften und Künsten“ gelebt; sie „zeichnete und mahlte und
spielte die Laute mit vielem Sinn und Geschmack“; er nennt sie die
„wunderschöne Gräfin“, „die prächtige königliche Frau“. Bei der
Erziehung ihrer Söhne habe sie „die Systeme strenger Pädagogen und
französischer Schullehrer“ befolgt. – Die Gräfin war auch als Malerin
und Zeichnerin hoch talentiert: Johann Bernoulli, Astronom und Direktor
der Mathematischen Klasse der Berliner Akademie der Wissenschaften, der
1777 zusammen mit Kant an der Mittagstafel saß und die große Sammlung
von Bildnissen, welche die Gräfin gefertigt hatte, kannte, bewunderte
ihre Geschicklichkeit in der Anwendung von Pastellfarben und die
gelungenen Porträts bekannter Persönlichkeiten nach dem Leben, auch sein
eigenes, denn die Gräfin porträtierte auch ihn. In Bernoullis Kurzen
Reisebeschreibungen heißt es von ihr: „Es ist von dieser Dame
bekannt, daß Sie eine vertraute Freundin der Musen und eine
einsichtsvolle Liebhaberin der Wissenschaften ist. Sie ist Verfasserin
verschiedener Schriften und Aufsätze, die aber ohne Ihren Namen
herausgekommen sind. Sie zeichnet und malt nach dem Urtheil der Kenner
vortrefflich sowohl in Pastel als mit Oel- und Wasserfarben; sticht auch
in Kupfer“ Im Rautenburger Archiv befanden sich zwei Mappen mit
Bleistiftzeichnungen, Brustbildern von insgesamt 183 Persönlichkeiten
(„eine Gallerie unserer Freunde“), von denen 83 namentlich bekannt
waren, darunter Frederic Guillaume Prince de Prusse, Guillaume Prince de
Bronswic, Professeur Kant, Stanislas l Auguste, Roi de Pologne, um nur
einige zu nennen. Von diesen Porträts ist soweit bekannt, bisher nur das
Immanuel Kants veröffentlicht worden (35x25 cm). Die Gräfin malte auch
historische Szenen sowie sakrale Gegenstände in Miniatur und kopierte
geschickt Bilder von Berghem, van der Werf und anderen in Pastell. Ihre
Kunstfertigkeiten wurden über die Grenzen Ostpreußens hinaus bekannt:
Auf Vorschlag von Daniel Chodowiecki, des berühmten Miniaturmalers und
Kupferstechers, wurde sie 1786 als Ehrenmitglied in die „Königliche
Preußische Academie der Künste und Mechanischen Wissenschaften“ zu
Berlin aufgenommen. – Immanuel Kant nannte sie in der Anthropologie
eine Dame, „die die Zierde ihres Geschlechts war“. Das Bild des
jungen Kant, ihr kostbares Vermächtnis, hat sie gleichsam unsterblich
gemacht. Die Gräfin Caroline von Keyserling ist - wie ihre Großmutter
– eine der hervorragenden Frauen
Ostpreußens.
Lit.:
Johann Bernoulli's Sammlung kurzer Reisebeschreibungen. Jg. 1783, Bd. 9,
S. 73f.
– G.S. Rötger (Hg.): Nekrolog f.
Freunde deutscher Literatur. Bd. l. 1791. – Hamberger/Meusel: Das
gelehrte Deutschland. 5. Aufl. Bd. 4. 1797. – Christian Gottlieb Jochen
Allgemeines Gelehrten-Lexikon. Fortsetzungen und Ergänzungen v. J.C.
Adelung. Bd. 3. 1810; Bd. 7. 1897. – Benno Bobrik: Immanuel Kant's
Ansichten über das weibl. Geschlecht. In: Altpr. Mtsschr. Bd. 14. 1877,
S. 592-612. – Gottlieb Krause: Beiträge zum Leben von Christian Jakob
Kraus. In: Altpr. Mtsschr. Bd. 18. 1881. S. 53-96; 193-224. – Emil
Fromm: Das Kantbildnis der Gräfin Caroline Charlotte Amalia von
Keyserling. In: Kantstudien. Bd. 2. Hg. v. Hans Vaihinger. Hamburg u.
Leipzig: Voss 1898, S. 144-160.
– Johann Georg Meusel: Lexikon der [...]
verstorbenen deutschen Schriftsteller. Bd. 6. 1906. – Georg Conrad:
Beiträge zur Biographie des ... Heinrich Christian Reichsgrafen von
Keyserling u. seiner zweiten Gemahlin Charlotte Caroline Amelie ...
Gräfin von Keyserling. In: Altpr. Mtsschr. Bd. 48.1991. S. 77-114;
185-220( Lit.-Hinw.). – Christian Krollmann: von Keyserling, Charlotte
Caroline Amelie, Gräfin. In: Altpr. Biographie. 11. Lfg. Bd. I.
Königsberg Pr.: 1941. Gräfe u. Unzer 1941, S. 333 (Lit.-Hinw.). – u.
Kurt Starenhagen: Kant v. Königsberg. Göttingen: Deuerlich (1949) Reg. –
Gerd Brausch: von Rautter, Luise Katharina. In: Altpr. Biographie. 4.
Lfg. Bd. II. Marburg/L.: Elwert 1961, S. 539. - Walter Salinen: Johann
Friedrich Reichardt. Freiburg i. Br., Zürich: Atlantis 1963, 5. 13ff. –
Walter Grosse:Truchseß zu Waldburg, Graf Karl Ludwig. In: Altpr.
Biographie. 6. Lfg. Bd. II. Marburg/L.: Elwert 1965, S. 747. – Erwin
Kroll: Musikstadt Königsberg. Freiburg i.Br., Zürich: Atlantis 1966,
Reg. – Ludwig Ernst Borowski: Darstellung d. Lebens u. Charakters
Immanuel Kants. In: Immanuel Kant, sein Leben in Darstellungen von
Zeitgenossen. Darmstadt: Wissenschaftl. Buchgesellschaft 1968, S. 16,
69, 181. – Kants Werke. Akademie Textausgabe. Unveränderter photomech.
Abdruck ... Bd. VII. Anthropologie in pragmatischer Hinsicht. Berlin: de
Gruyter 1968. S. 262., Anm. – Autobiographie von Johann Friedrich
Reichardt. In: Berlinische Musikalische Zeitung, l. Jg. 1805, Nr. 55,
56, 82. Nachdruck Hildesheim: Olms 1969. – Fritz Gause: Kant und
Königsberg. Leer: Rautenberg 1974, S. 66f. – Karl Vorländer: Immanuel
Kants Leben. Neu hrsg. v. Rudolf Malter. Hamburg: Meiner 1974, Reg. –
Helmut Motekat: Altpr. Literaturgeschichte mit Danzig u. Westpreußen.
München: Schild 1977, Reg. (Bild). – Dt. Biogr. Index. Bd. 2. München:
Saur 1986.
Bild:
Selbstporträt.
Gerd Brausch
nach oben
|