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Im
Mittelpunkt des Lebens und der Arbeit Erich Keysers hat stets das
Schicksal Danzigs und des Weichsellandes gestanden. Schon die Hallenser
Dissertation von 1918 handelte von seiner Vaterstadt: Der bürgerliche
Grundbesitz der Rechtstadt Danzig im 14. Jahrhundert. Seit 1920 am
Staatsarchiv Danzig angestellt (das ihm den Fund zweier wesentlicher
Urkunden- und Aktenbestände verdankte), wurde ihm 1927 die Leitung des
im Entstehen begriffenen „Staatlichen Landesmuseums für Danziger
Geschichte" im Olivaer Schloß anvertraut, das 1939 eine Erweiterung zu
einem „Gaumuseum für westpreußische Geschichte" erfuhr. 1923 war Keyser
an der Begründung der Historischen Kommission für ost- und
westpreußische Geschichte und Landesforschung beteiligt gewesen. Zudem
wirkte er seit 1931 an der Technischen Hochschule in Danzig als
Professor für mittelalterliche Geschichte, historische
Hilfswissenschaften und Deutsche Landesgeschichte. Die Beschäftigung mit
der Geschichte Danzigs, die sich schon früh in Monographien niederschlug
(u.a. in Danzigs Geschichte, 1921, 21928 sowie in einem Bildband in der
von Burkhard Meier herausgegebenen Reihe Deutsche Lande, deutsche
Kultur, 1928, 41942), führte Keyser zur deutschen
Stadtgeschichte. Eine Frucht dieses Interesses, das ihn auch die Leitung
der Forschungsstelle für Stadtgeschichte übernehmen ließ, ist das von
ihm herausgegebene Deutsche Städtebuch geworden, von dem er Band l und
2, Nordostdeutschland und Mitteldeutschland betreffend, 1939 und 1941
vorlegte.
Keyser hat sich vor dem Hintergrund des Kampfes um die Weichsel, wie ein
von ihm 1925 herausgegebener Aufsatzband betitelt war, als politischer
Historiker verstanden, nicht im Sinne einer, wie er betonte, überholten
Beschränkung auf eine Geschichte der Staaten, sondern einer politischen
Stellungnahme im Interesse des deutschen Volkes. Das galt wenigstens bis
1945. Dieser Standpunkt, der dem Volkstumskampf im deutschen Osten nach
dem Ersten Weltkrieg und dem Streben nach einer Revision des Versailler
Friedensvertrages von 1919 entsprang, führte Keyser in eine gefährliche
Nähe zum Nationalsozialismus, der sich dem Lebensrecht des deutschen
Volkes in der entschiedensten Weise anzunehmen schien. Spannungsvoll
verband sich damit ein Gelehrtentum, das sich auf eine strenge
Handhabung der historischen Methode verpflichtet wußte, die auf das
Verstehen der in der Geschichte wirkenden Kräfte abzielte. „Die Macht
räumlicher und völkischer Gegebenheiten, die Wucht geschichtlicher
Tatsachen", so schrieb er im Vorwort zu dem oben erwähnten Band, „ist
noch niemals ungestraft mißachtet worden. Sie hat sich in der Geschichte
des Weichsellandes immer wieder geltend gemacht und wird sich auch in
Zukunft auswirken."
Dementsprechend haben Keyser sehr stark raum- und bevölkerungspolitische
Fragen beschäftigt, denen Teile der deutschen Geschichtswissenschaft
schon seit der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg und verstärkt in den
zwanziger Jahren Aufmerksamkeit schenkten. Nicht nur weil aus den
Ergebnissen dieser Forschungsrichtung oder aus willkürlichen Ableitungen
derselben die nationalsozialistische Gewaltpolitik ihre Rechtfertigung
nahm, hat Keysers an sich verdienstvolle Bevölkerungsgeschichte
Deutschlands (1938), 1943 in der dritten Auflage erschienen, wohl schon
bei vielen zeitgenössischen Lesern einen fatalen Beigeschmack
hinterlassen; der Verfasser, der sich hier zu „einer ausgesprochen
völkisch eingestellten Geschichtsauffassung" bekannte, ließ sein Werk in
eine Rechtfertigung, ja Verherrlichung nationalsozialistischer
Bevölkerungspolitik (auch in der Judenfrage!) auslaufen. In seinem 1931
erschienenen Werk Geschichtswissenschaft hatte er in einem für einen
Landeshistoriker ungewöhnlichen Drang nach Verallgemeinerung sich über
grundsätzliche Fragen seines Fachs klarzuwerden und Orientierung zu
bieten versucht. Heinrich von Srbik monierte in der großen abgeklärten
Überschau seines Alterswerkes Geist und Geschichte (1951) an Keysers
Buch, daß die in ihm vorgenommene Scheidung in Raumgeschichte,
Zeitgeschichte und Bevölkerungsgeschichte die Ideengeschichte und die
politische Geschichte „ungebührlich zurücktreten" lasse, besonders
zugunsten der Landesgeschichte, die er zur Raumgeschichte zähle. Das
Ende des Zweiten Weltkrieges bedeutete für Keyser den Verlust der Heimat
und seiner Familie. In den folgenden Jahren fand er jedoch die Kraft zu
einem Neuanfang im privaten wie im wissenschaftlichen Leben. 1950
erweckte er in Marburg die Historische Kommission für ost- und
westpreußische Landesforschung, wie sie jetzt heißen sollte, zu neuem
Leben und stand ihr bis 1964 vor. Im selben Jahr war er, ebenfalls in
Marburg, an der Begründung des Herder-Forschungsrates und des J.G.
Herder-Instituts beteiligt, das er bis 1959 leitete. Das Deutsche
Städtebuch erschien weiter. Zuletzt schrieb Keyser noch eine
Baugeschichte Danzigs (1972, hrsg. von Ernst Bahr). Die Vernichtung des
deutschen Volkstums im Weichsellande blieb ihm der bitterste Befund.
1950 (im ersten Bande des Westpreußen-Jahrbuches) konnte er noch
ungläubig fragen: „Ist damit auch seiner deutschen Geschichte ein Ende
gesetzt?"
Weitere Werke: Bibliographie
der Schriften Keysers, in: Studien zur Geschichte des Preußenlandes.
Festschrift für Erich Keyser zu seinem 70. Geburtstag, hrsg. von Ernst
Bahr, Marburg (Lahn) 1963.
Lit.: Hermann Aubin: Zu den
Schriften Erich Keysers, in: Keyser-Festschrift (s.o.), S. l -11. - Kurt
Forstreuter: Nachruf auf Erich Keyser, in: Historische Zeitschrift 208
(1969), S. 255-256. - Ernst Bahr: Erich Keyser, in: Neue Deutsche
Biographie 11 (1977), S. 562.
Bild: Festschrift (s. o.)
Peter Mast
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