Im Jahre
1967
notierte
Heinar
Kipphardt
einen Satz,
der als
seine
schriftstellerische
Lebensmaxime
gelten kann:
„Ich
störe, also
bin ich./
Ich höre auf
zu stören,
also war
ich.“
Kipphardt
ist
zeitlebens
ein
Unbequemer
gewesen, der
den Konflikt
mit den
politisch
Mächtigen
nicht
scheute und
der auch
nicht bereit
war, seinem
Publikum
„leichte“
Unterhaltung
zu bieten –
nicht einmal
in
denjenigen
seiner
Theaterstücke,
die als
„Komödien“
firmierten.
Heinar
Kipphardt
wurde im
niederschlesischen
Heidersdorf
(heute
Lagiewniki)
geboren.
Sein aus dem
Sauerland
stammender
Vater
Heinrich
Kipphardt,
der als
Zahnarzt
tätig war,
hatte sich
dort nach
dem Ersten
Weltkrieg
niedergelassen
und seine
spätere
Ehefrau
Elfriede
kennengelernt.
Kurz nach
der Geburt
des einzigen
Kindes zog
die Familie
nach
Gnadenfrei
(heute
Piława Górna),
unweit der
Kreisstadt
Reichenbach
(heute
Dzierżoniów).
In
Gnadenfrei
besuchte
Heinar
Kipphardt
die
Grundschule
und später
verschiedene
Gymnasien in
der
Umgebung.
Kipphardts
Vater, der
engagierter
Sozialdemokrat
war, wurde
bald nach
der
Installierung
der
Regierung
Hitler 1933
verhaftet
und zunächst
im
Konzentrationslager
Dürrgoy bei
Breslau,
danach bis
1937 in
Buchenwald
gefangen
gehalten.
Heinar
Kipphardt,
zum
Zeitpunkt
der
Verhaftung
seines
Vaters elf
Jahre alt,
hat später
dazu
bemerkt,
damit sei
seine
Kindheit
„im
wesentlichen
beendet“
gewesen.
Kipphardts
Mutter, die
nun
materiell
völlig
ungesichert
war, kehrte
vorübergehend
mit dem Sohn
in ihr
Elternhaus
zurück. Die
Erfahrungen
des
Heranwachsenden
bildeten
wohl schon
die
Grundlage
zum
wichtigsten
Thema seines
späteren
literarischen
Schaffens:
Nämlich zu
der
Überzeugung,
dass auch
äußerer
Zwang nicht
von
persönlicher
Verantwortung
entbinde, ja
dass
vielmehr der
Einzelne
stets
gefordert
sei,
Position zu
beziehen.
Nicht
zuletzt die
frühzeitig
ausgeprägte
Neigung
Kipphardts,
sich
Autoritäten
zu
verweigern,
hat dazu
beigetragen,
dass er
immer wieder
die Schule
wechseln
musste. Noch
vor der
Haftentlassung
seines
Vaters
wechselte er
an ein
Gymnasium in
Duisburg, wo
er bei einem
Onkel wohnen
konnte. Als
sein Vater
1937
freikam,
aber auf
Anordnung
der
NS-Behörden
nicht nach
Schlesien
zurückkehren
durfte,
verlegte die
Familie
ihren
Wohnsitz
nach
Krefeld.
Heinrich
Kipphardt
wurde
weiterhin
von der
Gestapo
überwacht
und
beruflich
benachteiligt.
Sein Sohn
konnte
jedoch 1940
das Abitur
ablegen.
Wenngleich
er bereits
erste
Schreibversuche
unternahm,
entschloss
sich
Kipphardt
zum
Medizinstudium
– auch weil
er es für
sinnlos
hielt, in
der
NS-Diktatur
ein
geisteswissenschaftliches
Studienfach
zu wählen.
Der
Medizinstudent
wurde 1942
einberufen
und an der
Ostfront
eingesetzt.
An Renitenz
hat es
Kipphardt
auch als
Soldat nicht
fehlen
lassen, wie
Kameraden
berichtet
haben.
Anfang 1943
hat er zum
ersten Mal
geheiratet
und wurde
bald darauf
Vater. Seine
Kriegserlebnisse
haben später
mehrfach
literarischen
Niederschlag
gefunden. Im
Januar 1945
desertierte
Kipphardt
und fand in
der Nähe von
Siegen
Unterschlupf
bis zur
Ankunft
der
amerikanischen
Truppen.
Kipphardt
schloss
Anfang 1946
in
Düsseldorf
sein Studium
ab und
übernahm
seine erste
Assistenzarztstelle
in Krefeld,
wohin er bei
Kriegsende
zurückgekehrt
war.
Zugleich
begann er,
sein
literarisches
Programm zu
entwickeln:
Literatur
hatte für
ihn stets
einen
politischen
Auftrag, der
auf
gesellschaftliche
Veränderung
abzielte.
Zwischenzeitlich
hatte er
nicht
zuletzt Marx
gelesen, dem
er fortan
weltanschaulich
verpflichtet
blieb.
Im Sommer
1949 ging
Kipphardt
mit seiner
Familie nach
Ost-Berlin –
nicht ohne
Skepsis,
doch
letztlich in
der
Überzeugung,
dass in dem
in
Entstehung
befindlichen
ostdeutschen
Teilstaat
die von ihm
befürworteten,
durchgreifenden
gesellschaftlichen
Veränderungen
und damit
die
endgültige
Abkehr von
den Wurzeln
des
Nationalsozialismus
eher zu
verwirklichen
wären als in
der gerade
gegründeten
Bundesrepublik.
An der
Charité
erhielt er
in der
Psychiatrischen
Klinik eine
Assistenzarztstelle.
Die
Erfahrungen
dort sollten
ihrerseits
nicht ohne
Wirkung auf
sein
schriftstellerisches
Schaffen
bleiben.
In
Ost-Berlin
konnte
Kipphardt
schon bald
beruflich
die Richtung
einschlagen,
die er sich
eigentlich
wünschte.
Das Deutsche
Theater –
nunmehr
Staatstheater
der DDR –
stellte ihn
im Herbst
1950
zunächst als
redaktionellen
und
dramaturgischen
Mitarbeiter
ein. Dies
hatte er
auch dem
Intendanten
Wolfgang
Langhoff zu
verdanken,
der das
renommierte
Haus seit
1946 leitete
und mit dem
Kipphardt in
der
Folgezeit
eine
freundschaftliche
Beziehung
verband.
Inzwischen
zum
Chefdramaturgen
avanciert,
konnte
Kipphardt im
März 1952
sein erstes
eigenes
Stück
inszenieren
und
aufführen (Entscheidungen).
Schon das
folgende
Stück (Shakespeare
dringend
gesucht)
zog sich in
Anbetracht
der darin
satirisch
vorgetragenen
Kritik an
der
künstlerischen
Doktrin des
„sozialistischen
Realismus“
den Argwohn
der
Parteistellen
zu. Ohne die
vorübergehende
Lockerung
des
kulturpolitischen
Kurses der
SED infolge
der
Verunsicherung
der
„Genossen“
durch die
Ereignisse
des 17. Juni
1953 wäre es
wohl kaum
zur
Aufführung
gelangt. So
jedoch wurde
es nach der
Premiere am
28. Juni
1953 das
erfolgreichste
Gegenwartsstück
des
Deutschen
Theaters.
Bedeutsam
für
Kipphardts
weitere
künstlerische
Entwicklung
war die
Begegnung
mit Erwin
Piscator
(1955). Der
um fast 30
Jahre ältere
Piscator,
der mit
seinen
Inszenierungen
bereits in
der Weimarer
Republik
Theatergeschichte
geschrieben
hatte, und
Kipphardt
trafen sich
in ihrer
Überzeugung
von der
politischen
Funktion der
Bühne.
Angesichts
der sich
neuerlich
verschärfenden
SED-Kulturpolitik
geriet
Kipphardt
Ende der
1950er Jahre
wegen
angeblicher
ideologischer
„Versäumnisse“
zunehmend
unter Druck.
Gleichwohl
weigerte er
sich, den
verlangten
Unterwerfungsakt
der
„Selbstkritik“
zu
vollziehen.
Seine
Stellung am
Deutschen
Theater
kündigte er
von sich aus
und nahm im
Herbst 1959
ein Angebot
des
Düsseldorfer
Schauspielhauses
für einen
befristeten
Arbeitsaufenthalt
an.
Kipphardt
hatte
zunächst
nicht vor,
dauerhaft
nach
West-Deutschland
zurückzukehren.
Als jedoch
klar wurde,
dass er in
der DDR –
die er
seinerseits
öffentlich
nicht
angegriffen
hatte –
nicht mehr
würde
künstlerisch
tätig sein
können,
holte er
seine
Familie
nach. Anfang
1961 zog
Kipphardt
nach München
um. Er
begann für
das
Fernsehen
eigene und
Stücke von
anderen
Autoren zu
bearbeiten,
während sich
zugleich
westdeutsche
Bühnen
verstärkt
für seine
Stücke
interessierten.
In dieser
Zeit
entstand das
Stück, mit
dem
Kipphardt zu
einem
weltbekannten
Autor wurde:
In der
Sache J.
Robert
Oppenheimer.
Es wurde im
Oktober 1964
zugleich in
München und
Berlin
uraufgeführt.
Die Figur im
Mittelpunkt
ist der
Atomphysiker
Oppenheimer
(1904-1967),
der seit
1942 das
streng
geheime
amerikanische
Programm zur
Entwicklung
der ersten
Atombombe
geleitet
hatte. Im
Jahre 1954
hatte
Oppenheimer
vor einem
Untersuchungsausschuss
erscheinen
müssen, da
er in der
Atmosphäre
des Kalten
Krieges
verdächtigt
wurde,
Sympathien
für den
Kommunismus
zu hegen und
ein
„Sicherheitsrisiko“
darzustellen.
Das rund
3.000
Manuskriptseiten
umfassende,
in den USA
veröffentlichte
Protokoll
der
Untersuchung
diente
Kipphardt
als
Grundlage
für sein
Stück. Das
Ergebnis
wurde als
Prototyp des
Dokumentartheaters
angesehen,
wenngleich
Kipphardt
selbst
diesen
Begriff
stets
zurückgewiesen
hat.
Gegenüber
Oppenheimer,
der zunächst
sehr
unwirsch auf
die Lektüre
des Stückes
reagiert und
manche
Einzelheiten
kritisiert
hatte,
betonte
Kipphardt,
es sei ihm
künstlerisch
darum
gegangen,
ein
„Konzentrat
der
Wirklichkeit“
herzustellen
und „die
Substanz der
Wahrheit
exemplarisch
darzustellen“.
Das
grundlegende
Thema ist
wiederum die
moralische
Verantwortlichkeit
des
Einzelnen –
auch des
Wissenschaftlers.
In der
Folgezeit
konnte
Kipphardt
als freier
Autor in der
Nähe von
München
leben. Diese
Unabhängigkeit
gab er nur
vorübergehend
auf, als er
1970
Chefdramaturg
der Münchner
Kammerspiele
wurde.
Bereits im
folgenden
Jahr schied
Kipphardt
dort
allerdings
schon wieder
im
Zusammenhang
mit einem
Aufsehen
erregenden
Theaterskandal
aus: Der
Streit um
ein – gar
nicht direkt
von
Kipphardt zu
verantwortendes
–
Programmheft
löste eine
Kampagne
aus, in der
er in
absurder
Weise
beschuldigt
wurde,
terroristische
Gewalt zu
befürworten.
Kipphardt
nahm sein
Leben als
freier Autor
wieder auf
und
veröffentlichte
unter
anderem
seinen
einzigen
Roman (März,
1976).
Parallel
dazu
verarbeitete
er einen
Stoff, der
ihn seit
Anfang der
1960er
Jahre
beschäftigte
und aus dem
sein letztes
und nach
In der Sache
J. Robert
Oppenheimer
erfolgreichstes
Stück werden
sollte.
Hauptsächlich
auf der
Grundlage
der
Vernehmungsprotokolle,
die nach der
Inhaftierung
Adolf
Eichmanns
(1906-1962)
in Israel
entstanden
waren,
schrieb er
Bruder
Eichmann
(1982).
Kipphardt
geht es hier
darum, die
„Eichmann-Haltung“
zu
kritisieren,
„die
Bereitschaft,
im Rahmen
einer
gegebenen
Ordnung
unter
Ausschluss
moralischer
Erwägungen
zu
funktionieren
– und dabei
andere
Menschen
auszugrenzen,
wenn nötig
auch
gewaltsam.“
Genau
diese
Haltung
nämlich ließ
den
harmlos-unbescholtenen
Kleinbürger
Eichmann
nach
Auffassung
Kipphardts
zum
effizienten
Erfüllungsgehilfen
beim
Massenmord
an den
europäischen
Juden werden.
Die
kritische,
sich dem
willigen
Vergessen
entgegenstemmende
Auseinandersetzung
mit der
deutschen
Geschichte
im 20.
Jahrhundert
blieb Heinar
Kipphardts
Thema und
Anliegen bis
zuletzt. Die
Uraufführung
von
Bruder
Eichmann
(1983) hat
Kipphardt
bereits
nicht mehr
erlebt. Er
starb am 18.
November
1982 in
München an
den Folgen
einer
Gehirnblutung.
Werke:
Gesammelte
Werke in
Einzelausgaben,
hrsg. von
Uwe Naumann
unter
Mitarbeit
von Pia
Kipphardt,
Reinbek
1986-1990
(10 Bde.). –
Nachlass im
Deutschen
Literaturarchiv
in Marbach.
Lit.:
Victoria
von
Flemming,
Die Fremde,
in der ich
zuhause bin.
Der
Schriftsteller
Heinar
Kipphardt,
Fernsehdokumentation,
Norddeutscher
Rundfunk
1980. –
Adolf Stock,
Heinar
Kipphardt
mit
Selbstzeugnissen
und
Bilddokumenten,
Reinbek
1987. – Uwe
Naumann u.a.,
In der Sache
Heinar
Kipphardt
(Marbacher
Magazin 60),
Marbach am
Neckar 1992.
– Sven
Hanuschek,
„Ich nenne
das
Wahrheitsfindung“.
Heinar
Kipphardts
Dramen und
ein Konzept
des
Dokumentartheaters
als
Historiographie,
Bielefeld
1993. – Sven
Hanuschek,
Heinar
Kipphardt
(Köpfe des
20.
Jahrhunderts,
Bd. 127),
Berlin 1996.
– diverse
Literaturlexika.
Bild:
Kulturstiftung.
Winfrid
Halder