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Gerhard Kittel wurde in Breslau als Sohn eines in der alttestamentlichen
Wissenschaft hoch geehrten Vaters geboren. Rudolf Kittel (1853-1929)
war 1888 als Professor an die Universität Breslau berufen worden, die er
1898 verließ, um einem Ruf nach Leipzig zu folgen. 1909 erschien die
erste Auflage seiner „Biblia Hebraica“, der heute in der ganzen Welt
benutzten wissenschaftlichen Standardausgabe des hebräischen Alten
Testaments. Gerhard Kittel besuchte das Gymnasium in Leipzig, studierte
in Leipzig, Tübingen und Berlin Orientalistik und Theologie, legte 1912
die Erste Theologische Prüfung in Leipzig ab und wurde 1913 mit einer
Dissertation über „Die Oden Salomos, überarbeitet oder einheitlich?“ in
Kiel promoviert. Die Habilitation erfolgte bereits wenige Wochen später.
Während des Ersten Weltkrieges tat Kittel als Marinefeldgeistlicher in
Cuxhaven Dienst. 1919 konnte er sich nach Leipzig umhabilitieren und
eine Dozentur an der dortigen Universität wahrnehmen, die ihn am
1.4.1921 zum außerdordentlichen Professor berief. Noch im gleichen Jahr
erfolgte der Ruf in das neutestamentliche Ordinariat der Universität
Greifswald. Am 30.7.1926 wurde er dann schließlich – übrigens vor Rudolf
Bultmann – nach Tübingen berufen. Damit hatte er die Wirkungsstätte
gefunden, der er bis zu seinem Tode verbunden bleiben sollte.
Durch seine Studien zur religiösen
Umwelt des Neuen Testaments, insbesondere zum „palästinensischen
Judentum“, erwarb sich Gerhard Kittel bereits frühzeitig einen
bedeutenden Namen. Schon 1927 war er von Julius Kögel aufgefordert
worden, das von Hermann Cremer begründete „Biblisch-theologische
Wörterbuch der neutestamentlichen Gräcität“, das erstmals 1867
erschienen war, in neuer Bearbeitung vorzulegen. Kittel verschloß sich
diesem Auftrag nicht und rief das „Theologische Wörterbuch zum Neuen
Testament“ ins Leben, in dem „alle Vokabeln des Neuen Testaments
behandelt werden, denen irgendeine religiöse und theologische Bestimmung
anhaftet“. Der „Kittel“ bzw. das ThWB ist zur „Summe“ der
neutestamentlichen Wissenschaft des 20. Jhs. geworden. Der erste Band
erschien 1933, der letzte und zehnte Band konnte 1979 von G. Friedrich
vorgelegt werden. Auch wenn sich inzwischen neue Problemstellungen in
der neutestamentlichen Wissenschaft ergeben haben, bietet die
unerschöpfliche Fülle der exegetischen Beobachtungen, historischen
Nachweise und Quellenbelege, die das ThWB auf seinen 9770 großformatigen
Seiten versammelt hat, einen monumentalen Eindruck von der
Leistungskraft der „zahlreichen Fachgenossen“, die zunächst Kittel und
dann Friedrich zu präziser Gemeinschaftsarbeit zu verpflichten wußten.
In der Darbietung des Materials wird das ThWB noch lange unersetzlich
bleiben!
Wer
Gerhard Kittels und seiner Bedeutung für
die neutestamentliche Wissenschaft gedenkt, wird nun aber auch nicht
verschweigen dürfen, welche Schatten seit 1933 auf diese
Gelehrtenbiographie fielen. Als Historiker und Theologe hatte Kittel
schon 1926 geäußert: „Wo Judentum Judentum bleiben will, da kann es
nicht anders als dem Anspruch Jesu den Kampf ansagen. Wo aber Jesu
exousia (= Macht) als Wirklichkeit und Wahrheit anerkannt ist, da hat
das Judentum sein Ende gefunden.“ (Probleme d. palästinens.
Spätjudentums, S. 140) Dieser theologische Ansatz und die Überzeugung,
daß der nationalsozialistische Staat die „Überwindung des Freidenkertums
und der atheistischen Zersetzung des Volkslebens“ bringen müßte (vgl.
Verteidigung, S. 11), führten den Theologen im Mai 1933 zum Eintritt in
die NSDAP und zum Anschluß an die Deutschen Christen, die er allerdings
noch im gleichen Jahr wieder verließ. 1936 wurde Kittel Mitglied des
Sachverständigen-Beirates der Forschungsabteilung Judenfrage des
Reichsinstituts für Geschichte des neuen Deutschlands. An den
„Forschungen zur Judenfrage“ hat er sich regelmäßig und mit teilweise
umfangreichen Beiträgen beteiligt. Es schmerzt noch heute, seine
gehaltvollen und streng sachbezogenen Untersuchungen in dieser wüsten
Umgebung zu erblicken. Als Theologe war Kittel zutiefst davon überzeugt,
daß den Juden im christlichen Staat, als den er das Dritte Reich
mißverstand, nur eine „gottgewollte Fremdlingsschaft“ zukomme. Ein
Radauantisemit war er niemals, gegen Willkür und Grausamkeit gegenüber
jüdischen Mitbürgern hat er sich deutlich ausgesprochen, vielen Juden
hat er persönlich geholfen und schwer daran getragen, als er erfuhr, was
die Nazis unter der „Endlösung der Judenfrage“ verstanden. Noch 1938
berief ihn die internationale „Studiorum Novi Testamenti Societas“ als
einzigen Deutschen in ihre Reihen. Die Theologen Barth, Bonhoeffer,
Niemöller, Bultmann und v. Soden, aber auch Martin Buber und Hans
Ehrenberg als Juden, haben ihm heftig widersprochen.
Nach
dem Kriegsende wurde Kittel durch die französische
Militärregierung in Tübingen inhaftiert und in das Internierungslager
Balingen verbracht, von wo er im Oktober 1946 entlassen wurde mit der
Auflage, in der Klosterbibliothek Beuron seinen Aufenthalt zu nehmen.
Schon im Frühjahr 1947 wurde ihm die Fortführung der Arbeiten an seinem
Lebenswerk, dem ThWB, gestattet. Im Februar 1948 durfte er nach Tübingen
zurückkehren. Der württembergische Bischof Wurm hat für Kittels Position
Verständnis zu wecken gesucht. Ebenfalls bereits 1947 erteilte der
Vatikan dem Tübinger Gelehrten den Auftrag, das von J.-B. Frey
begründete „Corpus Inscriptionum Judaicarum“ zu vollenden. Als Kittel am
11. Juli 1948 in Tübingen starb, hinterließ er der deutschen
theologischen Wissenschaft und seiner Kirche nicht nur das „Theologische
Wörterbuch zum Neuen Testament“, sondern auch die noch heute hart
umstrittene Frage, inwieweit eine christliche Theologie ohne
Antijudaismus möglich ist.
Werke (Auswahl): Die Oden Salomos,
überarbeitet oder einheitlich? (= BWAT 16), Leipzig 1914; Die Probleme
des palästinensischen Spätjudentums und das Urchristentum (= BWANT 3/1),
Stuttgart 1926; Urchristentum, Spätjudentum, Hellenismus, Stuttgart
1926; Die Religionsgeschichte und das Urchristentum, Gütersloh 1932; Die
Judenfrage, Stuttgart 31934; Theologisches Wörterbuch zum
Neuen Testament, fortgeführt von G. Friedrich, 10 Bde. Stuttgart
1933/79; Meine Verteidigung. Neue erweiterte Niederschrift Nov./Dez.
1946 (im Universitätsarchiv Tübingen).
Lit.: G. Friedrich-G. Reyer,
Bibliographie G. Kittel, in: Theol. Literaturzeitung 74, 1949, Sp.
171-175; R. P. Ericksen, Theologian in the Third Reich: The Case of
Gerhard Kittel, in: Journal of Contemporary History 12, 1977, S.
595-622; O. Michel, Art.: G. Kittel, in: NDB 11, 1977, S. 692f.; L.
Siegele-Wenschkewitz, Die Evang.-theolog. Fakultät Tübingen in den
Anfangsjahren des Dritten Reichs. II. Gerhard Kittel und die Judenfrage,
in: E. Jüngel (Hg.), Tübinger Theologie im 20. Jh. (= ZThK. Beiheift 4),
Tübingen 1978, S. 53—80; M. Rese, Antisemitismus und neutestamentliche
Forschung. Anmerkungen zu dem Thema „Gerhard Kittel und die Judenfrage“,
in: Evang. Theologie 39,1979, S. 557-570; L. Siegele-Wenschkewitz,
Neutestamentliche Wissenschaft vor der Judenfrage. Gerhard Kittels
theologische Arbeit im Wandel deutscher Geschichte (= TEH 208), München
1980.
Peter Maser
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