Mit
seinem überdeutlichen Bewußtmachen des Eingespanntsein des
Menschen zwischen Himmel und Erde wird Jochen Klepper zum
Nachfahren der bekannten schlesischen Mystiker und Gottsucher.
Dies findet zum Beispiel in einem Tagebucheintrag während des
Krieges seinen Ausdruck: „Ein unsichtbares Heer ist mit uns
ausgezogen / und bringt uns an den Ort, / den Gott bereitet hat,
/ es sei im Himmel oder auf Erden.“
Als Sohn
eines Pfarrers wurde Jochen Klepper am 22. März 1903 in Beuthen
an der Oder geboren. Mit ihm wuchsen vier Geschwister heran. Es
stand sehr bald fest, daß der älteste Sohn nach der Schulzeit
die Universität Breslau besuchen sollte, um Theologie zu
studieren. Das geschah zeitweise auch in Erlangen. Aus
Gesundheitsgründen mußte er schließlich das Studium aufgeben.
Durch
den Evangelischen Presseverband in Breslau, unter der Leitung
von Dr. Kurt Ihlenfeld, und den Rundfunk, unter dem Indendanten
Friedrich Bischoff, wurde Jochen Klepper ein seinen Anlagen
gemäßes Betätigungsfeld geboten. Aber in den wirren Jahren um
1930 herum durchlebte er Zeiten der Verzweiflung und des inneren
Zwiespaltes.
Im Jahre
1929 lernte er Hannah Stein kennen, die einer vornehmen
jüdischen Familie aus Nürnberg entstammend mit dem 1925
verstorbenen jüdischen Rechtsanwalt Dr. Felix Stein, verheiratet
gewesen war. Hannah Stein brachte ihre Töchter Brigitte und
Renate in die am 28. März 1931 geschlossene Ehe mit. Bei dieser
um 13 Jahre älteren Frau fand Jochen Klepper das entsprechende
Verständnis, um sich als Schriftsteller verwirklichen zu können.
Aber diese Hochzeit führte zur Trennung mit dem Vaterhaus und
zum Weggang von Schlesien.
Jochen
Klepper ging zunächst allein nach Berlin, fand eine Anstellung
im Ulstein-Verlag und schließlich auch eine in Südende gelegene
Wohnung für seine Familie. Hier begann er 1932 mit den
Eintragungen in seine Tagebücher, die 1956 von Hildegard
Klepper, seiner Schwester, mit einem Geleitwort von Reinhold
Schneider unter dem Titel „Unter dem Schatten deiner Flügel“
herausgegeben werden sollten.
Mit
dreißig Jahren veröffentlichte Jochen Klepper seinen ersten
Roman, ein heiteres und beschwingtes Buch von der Oder „Der Kahn
der fröhlichen Leute“. Dieses Werk fand bald eine erfreuliche
Resonanz und kam auch nach dem Kriege in hoher Auflage als
Taschenbuch heraus. In ihm wurde das Leben der Schiffer an der
Oder mit großer Einfühlsamkeit beschrieben.
Die
stark beachtete Biographie des Soldatenkönigs Friedrich Wilhelm
erschien 1937 unter dem Titel „Der Vater – Roman eines Königs“.
Religiöse Lyrik hat der Dichter in dem Band „Kyrie – Geistliche
Lieder“ 1938 herausgebracht, von denen das eindringliche
Adventslied „Die Nacht ist vorgedrungen, der Tag ist nicht mehr
fern“ und das Lied zum Jahresschluß „Der du die Zeit in Händen
hast“ mit vier weiteren Liedern in das Gesangbuch der
Evangelischen Kirche aufgenommen wurden. Ebenso findet man sie
im katholischen „Gotteslob“. In diesem Zusammenhang bleibe nicht
unerwähnt, daß Kurt Ihlenfeld angesichts dieser Seite des
Wirkens Jochen Klepper als „den letzten in der still glänzenden
Reihe von Schlesiens geistlichen Dichtern“ bezeichnete.
Seine
Tagebücher und Aufzeichnungen aus dem Kriege fanden in dem Band
„Überwindung“ ihren Niederschlag, der 1958 wiederum von einer
Schwester Hildegard Klepper herausgegeben wurde. Darin wird über
seine Zeit als Soldat im Jahre 1941 berichtet, die er auf dem
Balkan und in Rußland zubrachte, bis er als Mann einer jüdischen
Frau wegen „Wehrunwürdigkeit“ entlassen wurde. Ein Jahr nach
seiner Heimkehr, am 11. Dezember 1942, schied Jochen Klepper
zusammen mit seiner Frau und deren Tochter Renate in Berlin
freiwillig aus dem Leben, weil diese in ein Vernichtungslager
deportiert werden sollten. Alle Bemühungen, dieses Schicksal
noch einmal abwenden zu können, waren am Tag zuvor gescheitert.
Reinhold
Schneider weiß in seinem Geleitwort zu dem Tagebuch „Unter dem
Schatten deiner Flügel“ zu sagen: „Hat Jochen Klepper innerhalb
unserer Literaturgeschichte seinen bestimmten, aber schmalen
Platz als Dichter von Kirchenliedern und eines religiösen Romans
(„Der Vater“), dann überflutet dieses Tagebuch die Literatur ...
und weist ihn anderen Rängen zu, wo er, wie er es sich wünscht,
Enkel und Ahn sein kann der großen Leidenden am deutschen
Geschick.“
Das
Zerbrechliche hinter allen äußeren Erscheinungen des Lebens
wurde Jochen Klepper beizeiten auf schmerzliche Weise bewußt. Es
war vielleicht so, als wäre er immer nach einem metaphysischen
Selbstverständnis unterwegs gewesen, um zu einer größtmöglichen
Zusammenschau alles Seienden zu gelangen. Das allgemeine
Schicksal der Menschen war ihm nicht gleichgültig und er hörte
niemals auf, nach dem Woher und Wohin zu fragen, weil
schließlich das eigene Leben und seine Sinnerfüllung auch davon
abhängen wird.
Lit.:
Johannes Adler: Jochen Klepper – ein Schlesier, in:
Vierteljahresschrift Schlesien III/1983.
Bild: Kulturbeilage
„Jochen Klepper“
Konrad Werner