Hans von Kluge
gehörte zu jenen hochbegabten Soldaten des deutschen Heeres, die den
Herausforderungen, vor die die Hitlerdiktatur ihren Stand stellte,
nicht gewachsen waren. Nach dem rückblickenden Urteil seines
Stabsoffiziers Rudolf-Christoph von Gersdorff war er „im Grunde ein
vornehmer und einfacher Mann“, der sich auf seinem kleinen Gut bei
Rathenow als „märkischer Bauer“ empfand. „Sein Denken und Handeln
war gradlinig und anständig, er war offen und freimütig.“ Er
verkörperte noch ein Stück Gesittung der älteren Zeit, was sich auch
darin zeigte, daß er 1940 die im Zuge der Kampfhandlungen gefährdete
Kathedrale von Rouen durch persönlichen Einsatz vor der Zerstörung
bewahrte. Gersdorff hält ein Bild von Ende Juli 1944 aus dem
Hauptquartier Kluges, dem Schloß La Roche Guyon an der Seine, fest:
der Feldmarschall mit dem Hausherrn, dem Herzog von La
Rochefoucauld, im Schloßgarten beim Spaziergang: „Es war ein
unvergeßliches Bild, beiden hervorragend aussehenden Männer in der
unvergleichlichen mittelalterlichen Umgebung zu sehen.“
Sohn des
Generalleutnants Max von Kluge (1913 geadelt), war Günther von Kluge
seit 1901 Soldat, bis 1918 vornehmlich im Stabsdienst (1914
Hauptmann). In der Reichswehrzeit wechselten Stabs- und
Truppenstellungen einander ab. 1930 wurde er Oberst,
1933 Generalmajor und 1934
Generalleutnant. In diesem Jahre erhielt er die Ernennung zum
Kommandeur der 6. Division in Münster i. W., als der er das VI.
Armeekorps aufbaute. 1935 wurde er dessen Kommandierender General
(1936 General der Artillerie). Ende 1938 trat er an die Spitze der
Heeresgruppe 6 in Hannover. Zu Kriegsbeginn übernahm er mit deren
Stab die Führung der 4. Armee, mit der er in Polen und in Frankreich
sowie in der Sowjetunion kämpfte. Nach Kriegsbeginn war er
Generaloberst und nach dem Abschluß des Frankreichfeldzuges
Generalfeldmarschall geworden. In der ersten krisenhaften Zuspitzung
des Rußlandfeldzuges im Winter 1941/42 übernahm Kluge, in dessen
operative und taktische Führungsqualitäten Hitler großes Vertrauen
setzte, als Nachfolger des von diesem entlassenen Feldmarschalls von
Bock den Oberbefehl über die Heeresgruppe Mitte, den er bis zu einem
schweren Autounfall, den er im Oktober 1943 erlitt, innehatte. In
dieser herausragenden Stellung mußte Kluge das Interesse der
Widerstandsbewegung gegen Hitler auf sich ziehen, zumal er als ein
Feldherr, der stets mit großem persönlichen Einsatz führte, sich der
Anhänglichkeit der ihm unterstellten Offiziere und einfachen
Soldaten erfreute. Zudem hatte sich schon vor seiner Berufung im
Stabe der Heeresgruppe unter der Führung des Ersten
Generalstabsoffiziers, des Obersten Henning von Tresckow, ein Kreis
militärischer Frondeure zusammengefunden, die nun den Feldmarschall
im Kampfe gegen Hitler zu einem der Ihren zu machen suchten.
Wohl hatte Kluge,
der ein entschiedener Gegner der Nazipartei war, im Laufe des
Rußlandkrieges, dessen barbarische Begleiterscheinungen ihn mit
schweren Bedenken erfüllten, erkannt, daß Hitler im Begriffe stand,
Deutschland in den Abgrund zu führen.Wohl zeigte er sich von der
Persönlichkeit Carl Goerdelers, der sich auf die Vermittlung von
Tresckows hin im Sommer 1942 zu ihm an die Ostfront begeben hatte,
tief beeindruckt. Doch war er von diesem für die Widerstandsbewegung
wirklich gewonnen worden, wie es schien?
Kluge stand wie
vordem unter der Wirkung des „Genies“ Hitler und bewahrte diesem
seine Loyalität; noch zu seinem 60. Geburtstag am 30. Oktober 1942
nahm er von ihm eine Dotation in Höhe von 250 000 Reichsmark an,
obwohl er diese im Kreise seiner Stabsoffiziere selbst ein
„Trinkgeld“ nannte. Weil sich Kluge der Fronde in seinem Stabe
versagte (auch mit dem Argument, daß Volk
und Wehrmacht einem Attentat auf
den „Führer“ und einem Staatsstreich kein Verständnis
entgegenbringen würden), konnte der Besuch Hitlers bei der
Heeresgruppe Mitte am 13. März 1943 nicht zu einem Anschlag auf
diesen genutzt werden. Nachdem das Vorhaben, Hitler auf dem Rückflug
in sein Hauptquartier in Rastenburg in Ostpreußen durch einen in
seine „Condor“-Maschine geschmuggelten Sprengsatz zu ermorden,
ebenso wie der geplante Anschlag von Gersdorffs auf den Diktator am
21. März im Berliner Zeughaus gescheitert war, unternahmen Tresckow
und Gersdorff auf einem Spaziergang mit Kluge im Hauptquartier der
Heeresgruppe in Smolensk abermals den Versuch, ihn auf ihre Seite zu
ziehen. Nachdem er von Gersdorffs Attentatsversuch erfahren hatte,
breitete er „etwas theatralisch“ (von Gersdorff) seine Arme aus und
sagte: „Kinder, Ihr habt mich! Ich bin Euer Spießgeselle.“
Freilich blieb
Kluges Haltung auch im folgenden unsicher. Dabei scheint er Carl
Goerdeler im September 1943 seine Bereitschaft erklärt zu haben, an
einem etwaigen Umsturz (bei dem er im Unterschied zu Goerdeler eine
Beseitigung Hitlers für notwendig hielt) von der Ostfront aus
maßgeblich teilzunehmen. Doch sein Autounfall vom 12. Oktober 1943
enthob ihn vorerst dem Zwange, seine Annäherung an die
Widerstandsbewegung unter Beweis zu stellen.
Als Kluge wieder
verwendungsfähig war, hatte sich die militärische Lage Deutschlands
wesentlich verschlechtert. Am 6. Juni 1944 hatte die alliierte
Landung in der Normandie begonnen, und am 22. Juni war die
sowjetische Sommeroffensive losgebrochen und unter ihren Schlägen
die Heeresgruppe Mitte zertrümmert worden. Hitler dachte daran,
Kluge wieder in seine alte Stellung zu berufen, übertrug ihm aber am
7. Juli anstelle von Feldmarschall von Rundstedt, der nicht mehr an
die Möglichkeit einer Abwehr der Invasion glaubte, den Oberbefehl
über das Westheer (und nach dem Ausfall Rommels infolge eines
Tieffliegerangriffs am 17. Juli zusätzlich noch den über die von
diesem geführte Heeresgruppe B).
Kluge wurde sich
bald über die Ausweglosigkeit der militärischen Lage im Westen klar,
konnte sich aber auch jetzt nicht zu einer definitiven Entscheidung
für die Verschwörer durchringen, die von ihm eine Öffnung der
Westfront und die Wendung seiner Truppen gegen Hitler forderten.
Rommel schien an so etwas gedacht zu haben. Kluge, dessen
persönliche Wirkung bei aller Beliebtheit bei
der Truppe mit derjenigen
Rommels nicht zu vergleichen war, konnte demgegenüber glaubhaft
darauf hinweisen, daß er sich als neuberufener Oberbefehlshaber
seiner Truppen nicht sicher genug fühle und im übrigen die
Möglichkeiten seiner Stellung überschätzt würden. Nachdem ihm am 20.
Juli das Scheitern des Attentats auf Hitler gemeldet worden war,
verweigerte er General von Stülpnagel, dem Militärbefehlshaber in
Frankreich, die Sanktion des in Paris bereits vollzogenen Umsturzes.
Hitler indessen lagen seit Ende Juli Hinweise darauf vor, daß sein
Oberbefehlshaber West (wie auch Rommel) Mitwisser der Verschwörer
gewesen war. Als am 7. und am 8. August ein deutscher Angriff auf
die normannische Stadt Avranches, mit dem der Ende Juli gelungene
Ausbruch der Alliierten aus dem zuletzt enorm vergrößerten
Landungsbrückenkopf in den französischen Raum hatte abgeriegelt
werden sollen, infolge hochgradigen Kräftemangels scheiterte, war es
für Hitler ausgemacht, daß das Mißlingen von Kluge beabsichtigt
gewesen sei. Sein durch neue Ermittlungsergebnisse zu Kluges
Verbindungen mit den Verschwörern genährter Argwohn sah sich durch
ein über zwölfstündiges Verschwinden des Feldmarschalls im Zuge
eines Frontbesuches am 15. August bestätigt, das sich zunächst
einmal dadurch erklärte, daß Kluge in seiner Begleitung Opfer eines
feindlichen Luftangriffes geworden und dabei seine mobile Funkanlage
zu Bruch gegangen war; Hitler glaubte an eine Fühlungnahme mit den
Alliierten, die aber höchst unwahrscheinlich ist. Am 17. August
wurde Kluge seines Amtes enthoben und durch Feldmarschall Model
ersetzt.
Für Kluge war
unzweifelhaft, daß man in Berlin um seine Beziehungen zur
Widerstandsbewegung wußte. Den zu erwarten Folgen mochte er sich
nicht aussetzen. Auch trug er schwer an der Kränkung, die ihm Hitler
mit dem durch die Abberufung offen gewordenen Vorwurf des
militärischen Versagens zugefügt hatte. So machte er seinem Leben
während einer Mittagsrast auf der Heimfahrt nach Deutschland in
Lothringen durch Einnahme von Gift ein Ende. „Das überlebe ich
nicht, das kann ich einfach nicht ertragen, jetzt in dieser
Situation von meiner Truppe weggehen zu müssen und sie ihrem
Schicksal zu überlassen“, hörte man ihn noch kurz vorher vor sich
hin sprechen. Vom Tage zuvor, vom 18. August, datiert ein
Abschiedsbrief an Hitler, in dem er sein militärisches Handeln
rechtfertigte, aber auch von der Größe, der Halttung, dem „eisernen
Willen“ und dem „Genie“ des „Führers“ sprach.
Wendungen, die möglicherweise
seine Familie vor einer drohenden Sippenhaft bewahren sollten. Kluge
beschwor Hitler: „Das dt. Volk hat so namenlos gelitten, daß es Zeit
ist, dem Grauen ein Ende zu machen“, und schloß: „Ich scheide von
Ihnen, mein Führer, der ich Ihnen innerlich näher stand, als Sie
vielleicht geahnt, in dem Bewußtsein, meine Pflicht bis zum
Äußersten getan zu haben.“ Wie Gersdorff im Rückblick bemerkt, hatte
Kluge „die charakterliche und staatspolitische Größe“ gefehlt, „um
sich zum Hochverrat durchringen zu können“, was, wie ihm zugute
gehalten werden muß, für einen Soldaten preußisch-deutscher
Erziehung die Einnahme einer Extremposition bedeutet hätte. Immerhin
ist Kluge nicht – wie etwa die Feldmarschälle von Manstein und Model
– den Verschwörern aus dem Wege gegangen; er hat seine Verantwortung
für Deutschland und das deutsche Volk gefühlt und sich zu ihr
bekannt. Doch vermochte er das Netz, das ihn mit dem Gefühl der
Loyalität unter der Wirkung persönlicher Faszination an Hitler band,
nicht zu zerreißen.
Lit.:
Thilo Vogelsang:
Günther von Kluge. In: Neue Deutsche Biographie 12 (1980), S. 141 f.
- David Irving: Hitler und seine Feldherren, Frankfurt a. M., Berlin
und Wien 1975. - Peter Hoffmann: Widerstand. Staatsstreich.
Attentat. Der Kampf der Opposition gegen Hitler, München 41985.
- Dieter Öse: Entscheidung im Westen 1944. Der Oberbefehlshaber West
und die Abwehr der alliierten Invasion (= Beiträge zur Militär- und
Kriegsgeschichte, hrsg. vom Militärgeschichtlichen Forschungsamt,
Bd. 22), Stuttgart21985. - Rudolf-Christoph von Gersdorff:
Soldat im Untergang, Frankfurt a.M., Berlin und Wien 1977.
Bild:
Hans von Kluge am 7.
Juli 1944. Bildarchiv Stiftung Preußischer Kulturbesitz.
Peter Mast