Der wohl
beste Kenner
der
ungarndeutschen
Literatur
nach dem
Zweiten
Weltkrieg,
János Szabó,
nennt in
seinem
Überblick
Die
ungarndeutsche
Gegenwartsliteratur
(erschienen
im
Sammelband
Unerkannt
und
unbekannt,
deutsche
Literatur in
Mittel- und
Osteuropa,
Hrsg. Carola
L. Gottzmann,
Tübingen,
Francke
Verlag
1991)
Valeria Koch
schlicht und
ergreifend
den “Star
der
ungarndeutschen
Gegenwartsliteratur”.
Damit werden
Erwartungen
geweckt, die
das in drei
schmalen
Lyrikbänden
vorliegende
Werk Valeria
Kochs als
repräsentativ
für die
gesamte
ungarndeutsche
Literatur
nach dem
Zweiten
Weltkrieg zu
erfüllen
hat.
Dabei ist
Valeria
Kochs Weg
alles andere
als typisch
für ihre
Generation
unter den
ungarndeutschen
Autoren. Sie
kam als
Tochter des
Agronomen
und
Schriftstellers
Leo Koch im
ungarnschwäbischen
Dorf
Surgetin/Szederkény
in der
Branau – der
Báránya, dem
Hauptsiedlungsgebiet
der
Ungarnschwaben
um
Fünfkirchen/Pécs
– zur Welt.
Ihr
besonderes
Glück war
es, daß auch
ihre Eltern
(vor allem
der
schriftstellernde
Vater, zu
dem sie ein
besonders
enges
Vertrauensverhältnis
entwickelte)
noch gut
Deutsch
sprachen und
nicht bloß
ihre
Großeltern,
wie dies in
den meisten
ungarndeutschen
Familien der
Fall war,
weil infolge
der
Unterdrückung
zunächst
durch das
faschistische
Horthy-Regime
und dann
durch das
stalinistische
Rákosi-Regime
die
Elterngeneration
kaum noch
Deutsch
sprechen
konnte. In
Fünfkirchen/Pécs
besuchte
Valeria Koch
den
deutschen
Klassenzug
des dortigen
Klara
Leöwey-Gymnasiums,
was
allerdings
eine etwas
schönfärberische
Bezeichnung
war, denn
außer
Deutsch
wurde bloß
noch
Geschichte
und Erdkunde
in deutscher
Sprache
unterrichtet,
so daß die
eigentliche
Unterrichtssprache,
wie in allen
anderen
Schulen
ebenfalls,
Ungarisch
war. Valeria
Koch
entwickelte
Liebe zur
ungarischen
Literatur,
so daß sie
als Autorin
gleichermaßen
im Deutschen
wie im
Ungarischen
ihr
sprachliches
Zuhause
fand. Nach
dem
Gymnasium
studierte
sie zunächst
in Szegedin/Szeged
Deutsch und
Ungarisch,
dann in
Budapest
Philosophie
und
Journalismus.
Sie wurde zu
einer poeta
docta, einer
vielseitig
gebildeten
Autorin,
deren
literarische
Vorbilder
schon –
János
Pilinsky aus
der
ungarischen
und Ingeborg
Bachmann aus
der
deutschen
(österreichischen)
Literatur –
ihre
Sensibilität
für die
Moderne
bezeugen.
Außerdem war
Valeria Koch
eine gute
Kennerin und
auch
Verehrerin
Martin
Heideggers,
mit dem sie
als
Studentin in
Szegedin/Szeged
brieflich
Kontakt
aufnahm.
Bereits als
20jährige
hatte sie
Heideggers
Schrift
Was ist
Metaphysik
auf
Ungarisch in
die Hände
bekommen.
Der große
Philosoph
schickte ihr
eine
deutsche
Ausgabe
dieses
Werkes mit
einer
persönlich
gefaßten
Widmung.
Zehn Jahre
befaßte sich
Valeria Koch
intensiv mit
Martin
Heidegger,
den sie auch
ins
Ungarische
übertrug.
Sie schrieb
schließlich
ihre
Doktorarbeit
über ihn –
und zwar auf
ungarisch
(Deutsch
wurde ihr
nicht
gestattet!).
Sie wies
sich damit
als eine
ungarische
Spezialistin
aus, die für
Heideggers
eigenwillige
Sprache
entsprechende
ungarische
Begriffssprachschöpfungen
zuwege
bringen
mußte. Ihre
über 100
Seiten
starke
Dissertation
Martin
Heidegger
und die Wege
des
Seinsverständnisses
(Martin
Heidegger és
a
létmégertés
útjai) war
somit eine
Pionierarbeit
für die
späteren
Heideggerübersetzer.
Valeria Koch
wurde zu
einer
Existenzphilosophin
Heideggerscher
Prägung, als
Angehörige
einer
nationalen
Minderheit,
in der sich
der Einzelne
stärker
einordnen
muß, mehr
Rücksicht
auf
“Gruppenmeinung”,
auf das Man,
wie
Heidegger es
nennt,
nehmen muß
als
gemeinhin.
Aber
vielleicht
hat gerade
die
Auseinandersetzung
mit diesen
zusätzlichen
gesellschaftlichen
Zwängen
Valeria
Kochs Gespür
für die
Einmaligkeit
des
Individuums,
für seinen
Anspruch auf
Selbstachtung
und
Selbstbestimmung,
für seine
persönliche
Freiheit
jedem
Kollektiv
gegenüber
geschärft.
Ihr
lyrisches
Werk besteht
– niemand
hat sonst im
Nachkriegsungarn
drei Bände
in deutscher
Sprache
veröffentlichen
können – aus
Zuversicht –
Bizalom
1982, Sub
Rosa
1989 und
Wandlungen.
In ihnen
schildert
sie mit
einer für
die
ungarndeutsche
Nachkriegsliteratur
überraschend
differenzierten
Sensibilität
ihren
Werdegang.
“Um klar zu
sehen” heißt
bezeichnenderweise
ein Text des
Jahres 1992:
“Ein fauler
Apfel fiel
vom Baum /
soviel ist
geschehen /
Glücksritterwahn:
das Rad der
Welt /
eigenhändig
drehen.” Das
ist, vier
Jahre nach
dem
demokratischen
Umbruch in
Osteuropa,
eine
illusionslose
Bilanz. Die
eigene
Fäulnis, das
Fehlen von
Demokratie,
Pluralismus
und gesundem
Menschenverstand
bei der
Betrachtung
der
Wirklichkeit
– all das
brachte im
Ostblock die
Wende als
die Summe
eines
Zusammenbruchs,
von Mängeln
verursacht.
Erstickt an
der
Unfreiheit,
an Enge, so
könnte man
den
Untergang
der
sozialistischen
Utopie
umschreiben.
Und von der
Enge kommt
die Angst,
wie die
Anhängerin
der
Existenzphilosophie
Valeria Koch
nur allzugut
weiß. Um die
Angst zu
bannen, ist
es der
Dichterin in
vielen
Gedichten zu
tun. Im
Gedicht
“Bloß der
Fakten
willen”
nimmt sie
die
Ideologie
des “real
existierenden
Sozialismus”
im Kontrast
zu den
Fakten unter
die Lupe und
stellt
nüchtern
fest: “Der
real /
existierende
/
Sozialismus
/ war /
weder real,
/ noch
existent, /
geschweige
denn
sozialistisch”.
Aber gerade
die darin
liegende
Enttäuschung
ist der
Gewinn der
gemeinsamen
Erfahrung
einer ganzen
Generation,
einer in den
“real
existierenden
Sozialismus”
hineingeborenen
Generation.
Feierte zu
Beginn der
70er Jahre
Valeria
Kochs
ungefähr
gleichaltriger
Lyrikkollege,
der
Rumäniendeutsche
Richard
Wagner, noch
enthusiastisch
die
Tatsache,
daß er einer
Generation
angehörte,
die als
erste nichts
anderes
kennengelernt
habe als den
Sozialismus
(im Falle
Rumäniens
auch noch
die
schreckliche
Ceausescu-Variante),
konstatiert
Valeria Koch
illusionslos
in dem
Gedicht
“Mein
Jahrgang”:
“Wie die
beiden
deutschen
Staaten / so
alt und so
gespalten /
... / was
hält uns
zusammen der
Wüstensand /
vielleicht
seit vierzig
Jahren / und
wer von uns
kommt jemals
/ in das
Gelobte
Land.”
Die
Vereinigungseuphorie
ist
verflogen,
was bleibt,
ist das
Benennen der
Illusionen,
denen man
erlag.
“Verbindung”:
“Blut und
Glut / des
stöhnenden
Ostens /
verbindet
immer noch /
dieselbe
Sonne / mit
der blauen
Kühle / des
satten
Abendlandes
/”. Europa
ist nun ein
Ganzes
geworden, in
einer
Vielfalt,
die dem
Osten den
leidenden
aber auch
leidenschaftlicheren
Part
zuweist. So
wie im
Osten, in
Jugoslawien
– und nicht
nur dort –
das Ideal
des
Völkerfrühlings
sich als im
wahrsten
Sinne des
Wortes
mörderischer
Trug
erweist, hat
auch der
Westen sein
Kreuz zu
tragen mit
der
Ausländerfeindlichkeit
und dem
Fremdenhaß.
In
“Nofretete
in der
Berliner
Nacht”
erlebt
Nofretete,
die in
Berlin
nachts
spazieren
geht zur
Geisterstunde,
das Los
ungeliebter
Ausländer.
In
“Reduktion”,
einem
nüchternen
Liebesgedicht,
verzichtet
Valeria Koch
auf jegliche
Symbolik und
Sentimentalität,
indem sie
sich als
Geburtstagsgeschenke
nichts
anderes
wünscht als
“Bloß ein
Glas Wasser
/ einen
Brief / ein
gutes Wort
am Telefon /
und einen
zähen
Kaktus.”
Am Ende aber
aller
Ernüchterungen
steht dann
doch noch
ein Gewinn.
Ein Gewinn
an
Erfahrung,
an Einsicht,
an
Desillusioniertheit,
wenn auch
mitunter um
den Preis
der Poesie.
Dafür
gelingt der
Autorin aber
ein
Durchringen
zur
unvoreingenommenen
Komplexität,
zur echten
Leidenschaft
und zur
“unprogrammierten”
Spontanität
jenseits des
Redens und
Schweigens.
In dem
Gedicht
“Interpersonale
Mehrdeutigkeit”
erkennt sie:
...”Wo alle
Sprachen
versagen /
jagen / rote
Tulpen
wieder Feuer
ins Blut /
schon
verstumme
ich
zweisprachig
/ du kommst
und hast
Mut.” Und
“In
Leidenschaft
unwiderstehlich”
läßt sie
alle
Erklärungen
der
vordergründigen
Logik hinter
sich, wenn
sie von dem
Geliebten
fordert:
“Lieb mich
im Tod /
Lieb mich
auch krank /
lieb mich in
Not / und
ohne Dank.”
Ein
therapeutisches
Verhältnis,
ein
konventioneller
Dank wird
abgelehnt,
die Rückkehr
in den
Alltag
schließt die
Abgründigkeit
der
“höheren”
Logik der
nicht
pragmatisch
zu
reglementierenden
Gefühle zu
guter Letzt
dann noch
ein.
Valeria Koch
eine
Alltagslyrikerin
...? Ja!
Aber in
ihren besten
Texten als
eine
existentiell
Abgründige
–
über ihren
Tod hinaus!
Ingmar
Brantsch