Der Ruhm,
den der
Schriftsteller
Wolfgang
Koeppen in
Deutschland
genießt, ist
beständig,
doch
vergleichsweise
bescheiden
und steht in
keinem
Verhältnis
zur immensen
Bedeutung,
die sein
Schaffen für
die deutsche
Nachkriegsliteratur
besitzt.
Anders als
Heinrich
Böll oder
Günter
Grass, die
sich stets
auch als
Figuren des
öffentlichen
Lebens
begriffen
haben und
mit
politischen
Äußerungen
hervorgetreten
sind, hat
Wolfgang
Koeppen sich
auf das Feld
der
Literatur
beschränkt
und ist als
Person für
Außenstehende
fast völlig
hinter
seinen
Romanen,
Reiseberichten,
Erzählungen,
Aufsätzen
und Skizzen
verschwunden.
Sein
entschiedener,
dabei ganz
unprätentiöser
Individualismus
bedeutete in
der
Konsequenz
einen
Affront
gegenüber
marktüblichen
PR-Mechanismen
und erklärte
damit zum
Teil seine
eingeschränkte
Popularität.
Diese
Haltung ist
indes in
seiner
Herkunft und
Biographie
begründet.
Koeppens
Wiege stand
in der
vorpommerschen
Universitätsstadt
Greifswald,
die zum
Zeitpunkt
seiner
Geburt etwa
25.000
Einwohner
zählte. Er
war das
uneheliche
Kind einer
Frau, die
aus einer
deklassierten
Gutsbesitzerfamilie
stammte, und
eines
Augenarztes.
"Ich hatte
kein
richtiges
Elternhaus",
lautet
Koeppens
knappe
Mitteilung.
1908 kam er
mit seiner
Mutter in
das Haus
seines
Onkels,
eines
Baurats,
zuerst im
westpreußischen
Thorn, dann
im
ostpreußischen
Ortelsburg.
Während
seine Mutter
spottete:
"Wo sich
aufhört das
Kultur, da
sich anfängt
das Masur",
begann der
Achtjährige
hier seine
"Laufbahn
als
Zeitungsleser".
Die
umfangreiche
Bibliothek
des Onkels
weckte sein
Interesse.
Er begab
sich in die
Welt der
Bücher, der
Literatur,
der
Bibliotheken
Roman -
die einzige
Welt
vermutlich,
in der er
sich Zeit
seines
Lebens
wirklich zu
Hause
gefühlt hat.
Wie sehr ihn
die
stimmungsvolle
Atmosphäre
Ostpreußens
prägte und
in ihm
lebendig
geblieben
ist, erfährt
man aus dem
kleinen,
1991
erschienenen
Erinnerungsbuch
Es war
einmal in
Masuren:
"Viele
Landschaften
führen nach
Ortelsburg
oder von
Ortelsburg
weg. Es sind
Alleen alter
Bäume,
Traumpfade,
Wälder und
Seen aus dem
Märchenbuch,
jetzt für
mich."
1919 kehrte
Koeppen nach
Greifswald
zurück, riß
zwei Jahre
später von
zu Hause aus
und heuerte
in Stettin
als
Schiffskoch
auf einem
Dampfer an.
Nach dem Tod
der Mutter
1925
arbeitete er
als
Hilfsarbeiter
am
Würzburger
Theater.
Sein
eigentliches
Ziel aber
hieß Berlin,
das damals
eine
Kulturmetropole
von
europäischem
Rang war.
1928
erfüllte
sich sein
Wunsch: "...
und als ich
mich
zugesellte,
das gelobte
Land
erreichte
vom
pommerschen
Acker her,
vierter
Klasse, mit
Milchkannen
und
Kartoffelsäcken,
und vom
Stettiner
Bahnhof nach
dem
Stadtplan zu
Fuß, auf dem
Weg nach
Eden, da
schien mir
der Tempel
zu strahlen,
wie mein
Verlangen es
mir
verkündet
hatte, ich
lauschte den
Dichtern und
Philosophen,
hörte den
Malern und
Schauspielern
zu,
begegnete
den klugen
Herren der
großen und
mächtigen
Zeitungen...",
heißt es im
Romanischen
Café.
Durch
Vermittlung
Herbert
Iherings
wurde
Koeppen
Feuilleton-Redakteur
des
Berliner
Börsen-Courier,
wo er ab
1933
literarische
Texte
publizierte.
1934 reiste
er nach
Italien.
Besonders
Venedig
beeindruckte
ihn und
wurde zum
Schauplatz
seines
Romanerstlings
Eine
unglückliche
Liebe.
1980 wurde
ein
Venedig-Film
mit Wolfgang
Koeppen
gedreht, in
dem der
Autor sich
an seinen
ersten
Aufenthalt
in der
Lagungenstadt
erinnerte:
Es war eine
Flucht aus
der Zeit,
aus der
Hitler-Zeit.
Noch 1934
folgte er
emigrierten
jüdischen
Freunden in
die
Niederlande,
wo er einen
weiteren
Roman mit
dem Titel
Die Mauer
schwankt
schrieb.
Seine Bücher
wurden von
nicht-nazistischen
Rezensenten
begeistert
aufgenommen.
Wie wenig
sie den
Vorstellungen
der
NS-Ideologie
entsprachen,
zeigt die
Bemerkung
eines
Nazi-Kritikers,
der den
Autor einem
Arbeitslager
anempfahl.
Als der
Zweite
Weltkrieg
immer näher
rückte und
der
Aufenthalt
in den
Niederlanden
schwierig
wurde,
kehrte er
nach
Deutschland
zurück. Dem
1940
erfolgten
Einberufungsbefehl
konnte
Koeppen sich
mit Hinweis
auf seine
literarische
Arbeit und
seine
körperliche
Verfassung
entziehen.
1943 tauchte
er in Bayern
unter. In
dieser Zeit
der
illegalen
Existenz
lernte er
seine 23
Jahre
jüngere Frau
kennen, die
er nach dem
Krieg
heiratete
und die 1984
starb.
Koeppen
blieb nach
Kriegsende
in München
und
veröffentlichte
seit 1948
wieder
literarische
Texte.
Zwischen
1951 und
1954
erschienen
die drei
Romane
Tauben im
Gras,
Das
Treibhaus
und Der
Tod in Rom,
ohne die die
deutsche
Nachkriegsliteratur
undenkbar
ist. Sie
spielen in
der
Besatzungszeit
bzw. in der
Frühphase
der
Adenauer-Ära.
Koeppen
handhabt
virtuos das
moderne
literarische
Instrumentarium,
wie es von
Joyce und
Dos Passos
vorgeprägt
worden war.
So erhob er
das deutsche
Nachkriegsdasein
zum
Modellfall
moderner
Existenz.
Zugleich
schrieb
Koeppen eine
wichtige
Tradition
der
deutschen
Literatur
fort, indem
er
Außenseiter,
Künstler,
Flaneure als
Hauptfiguren
in die
Handlung
einführte.
Danach
verstummte
Koeppen als
Romancier.
1986 verbat
er es sich
schließlich,
weiter nach
einem neuen,
öfter auch
von ihm
selbst
angekündigten
Roman
gefragt zu
werden. Er
ging auf
Reisen: nach
Spanien,
Italien,
Frankreich,
in die
Sowjetunion
und die USA
und verfaßte
darüber
melancholisch
eingefärbte
Berichte. Im
Bewußtsein
der
Öffentlichkeit
setzte er
sich erst
Anfang der
sechziger
Jahre durch,
nicht
zuletzt dank
der
Bemühungen
des rührigen
Marcel
Reich-Ranicki.
1962 erhielt
er den
renommierten
Büchner-Preis,
1965 den
Literaturpreis
der
Bayerischen
Akademie der
Schönen
Künste.
Vereinzelt
nur
erschienen
schmale
Erzählbände,
von denen
das
Romanische
Café
(1972) und
Jugend
(1976) eine
besondere
Bekanntheit
erlangten.
Koeppen hat
nicht nur
eine
großartige
Literatur
geschaffen,
er hat auch
eine
literarische
Existenz
geführt. Das
hat ihn
vermutlich
befähigt,
tiefer als
die meisten
anderen
Autoren in
menschliche
Abgründe zu
schauen und
- mit
einem
sanften
Lächeln -
die denkbar
entschiedenste
Kritik zu
formulieren.
Auch dadurch
hat er
Befremden
ausgelöst.
Über sich
selbst hat
er gesagt:
"Ich liebe
es nicht,
mich auf den
Markt zu
begeben und
zu reden.
Ich bin kein
Mann des
geselligen
Mittelpunkts,
ich bin ein
Zuschauer,
ein stiller
Wahrnehmer,
ein
Schweiger,
ein
Beobachter,
ich scheue
die
Einsamkeit
in der
Menge. Ich
könnte
meinen
Nachbarn als
Nichtstuer,
der Welt als
Rentner
erscheinen
und mir
jeden Morgen
zurufen:
ach, wie
gut, daß
niemand
weiß, daß
ich
Rumpelstilzchen
heiß."
Werke:
Gesammelte
Werke in 6
Bänden.
Herausgegeben
von Marcel
Reich-Ranicki.
1986.
-
Einzelausgaben:
Eine
unglückliche
Liebe,
Roman, 1934.
- Die
Mauer
schwankt,
Roman 1935.
- Tauben im
Gras, Roman,
1951. -
Das
Treibhaus,
Roman, 1953.
- Der
Tod in Rom,
Roman, 1954.
- Nach
Rußland und
anderswohin,
Reisebuch,
1958.
-
Amerikafahrt,
Reisebuch,
1959. -
Reisen nach
Frankreich,
Reisebuch,
1961.
- Die
ernsten
Griechen,
Essays,
1962. -
Die Erben
von Salamis,
Essay, 1962.
-
Gustav
Flaubert,
Reisetagebuch,
1963.
-
Romanisches
Café,
Prosatexte,
1972. -
Jugend, Erz.
1976. -
Morgenrot,
Erz. 1976. -
Es war
einmal in
Masuren,
1991. -
Ich bin gern
in Venedig,
warum, 1994.
Lit.:
Ulrich
Greiner
(Hg.): Über
Wolfgang
Koeppen,
1976. -
Eckart
Oehlenschläger:
Wolfgang
Koeppen,
1987. -
Martin
Hielscher:
Wolfgang
Koeppen,
1988.
Bild:
Süddeutscher
Verlag
München.
Thorsten
Hinz