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Der Landwirt und
Deutschtumspolitiker war der Sohn des Landrats Viktor von Koerber in
Konitz. Seine Jugendzeit verlebte er auf der Insel Rügen, und in Stettin
besuchte er das Gymnasium. Danach erlernte der spätere Politiker auf
größeren Gütern in Pommern, Sachsen und Westpreußen die Landwirtschaft.
Es folgten ein Jurastudium in Heidelberg, Berlin und Greifswald, die
Promotion 1907 in Heidelberg und 1909 die Übernahme des väterlichen
Rittergutes Koerberrode (rd. 750 ha) im Kreis Graudenz. Ersten Weltkrieg
war der Jurist und Landwirt Reserveoffizier bei den Demminer Ulanen. Er
wurde mit dem Eisernen Kreuz 1. 2. Klasse ausgezeichnet und zum
Rittmeister der Reserve befördert. Nach Kriegsende sah er seine
westpreußische Heimat gefährdet und begann sich politisch zu betätigen.
1918 bis 1920 gehörte er der Deutschnationalen Volkspartei an. Zusammen
mit seinen Freunden gelang ihm noch vor Abtretung der betroffenen
westpreußischen Kreise an Polen und gegen zum Teil erheblichen
Widerstand anderer politischer Gruppen wie Zentrum und Sozialdemokratie
die politische Einigung der bürgerlichen Parteien durch Gründung der
„Deutschen Partei – Vereinigung des deutschen Volkstums in Polen", auch
Vereinigung der deutschen Volkstumsbünde oder kurz Volkstumsbund
genannt. Als seine Heimat im Januar 1920 an Polen kam, war der
Koerberroder Gutsherr in Deutschland. Er kämpfte ein halbes Jahr, bis
ihm die Wiedereinreise ins Kulmer Land gestattet wurde. Koerberrode lag
drei nur Kilometer jenseits der neuen Reichsgrenze. Vom Familienbesitz
Koerberrode aus entwickelte er eine intensive Tätigkeit im Graudenzer
Deutschtumsbund. Nordewin von Koerber wurde Aufsichtsratsmitglied der
polnischen Roggenbank und später des Kreditverbandes Weichselgau. Er
sorgte für die Errichtung unabhängiger deutscher Bankinstitute und
Genossenschaften und vorsorglich für die Überführung der bodenständigen
deutschen Versicherungen auf eine italienische Großversicherung mit Sitz
in Dirschau. Ihm ging es um die Erhaltung des Deutschtums im
abgetretenen westpreußischen Landesteil. Daher war er gegen die Wahrung
der im Versailler Vertrag garantierten Optionsmöglichkeit, weil sich
daran in der Regel die Zwangsübersiedlung in das Reich anschloß.
1920 kandidierte
Nordewin von Koerber auf der deutschen Liste ohne Erfolg für den
Warschauer Sejm. Ausweisungsbestrebungen der polnischen Behörden konnte
sich der gelernte Jurist in langwierigen Prozessen widersetzen, die bis
zum Internationalen Gerichtshof in Genf führten. Der
Deutschtumspolitiker war 1923 auch erfolgreich, als er gegen die
Aberkennung seiner polnischen
Staatsangehörigkeit vorging. Als der
Deutschtumsbund 1924 aufgelöst wurde, verlagerte sich die
Deutschtumsarbeit stark auf den „Landbund Weichselgau", eine
berufsständische Organisation, der der Koerberroder Gutsherr vorstand.
Vorsitzender in dieser
Organisation zu sein, bedeutete, das Deutschtum nicht nur nach außen und
gegenüber den Behörden zu vertreten, sondern auch hilfesuchenden
Landsleuten mit Rat und zur Seite zu stehen. Fast immer ging es dabei um
die Existenz des Einzelnen und den Verbleib in der Heimat. 1928 wurde
von Koerber als Kandidat der deutschen Minderheit mit der höchsten
Stimmenzahl aller Mandatsbewerber im damaligen Stimmbezirk Pommerellen
in den Sejm gewählt. Hier wurde er Mitglied der Sejmkommission für
Rechtsfragen. Er engagierte sich als Abgeordneter auch im Block der
nationalen Minderheiten (Ukrainer, Juden, Weißrussen, Deutsche u.a.).
Bei der Neuwahl 1930 wurde die deutsche Liste im Kr. Graudenz aus
formalen Gründen gestrichen. Es wurden in Polen, vor allem infolge einer
Wahlkreisänderung, statt 19 und fünf nur noch fünf deutsche
Sejmabgeordnete und drei deutsche Senatoren gewählt. In der
Weltwirtschaftskrise, die sich bekanntlich stark auch auf die
Landwirtschaft im Zwischenkriegspolen auswirkte, half der Abgeordnete
von Koerber Wege zu finden, um die deutschen Bauern 1930 auf dem
Höhepunkt der Agrarkrise nicht untergehen zu lassen. Das Deutsche Reich
kaufte damals in Danzig zu erträglichen Preisen aus Polen nach dort
exportierte deutsche Agrarprodukte. Als Polen seine sogenannte
Agrarreform zu Lasten des deutschen Grundbesitzes 1929 einleitete, was
einer Enteignung gleichkam, und damit verbunden die Fortsetzung der
Entdeutschung des Landes, trat von Koerber dem mit besonderem Einsatz
entgegen. Dabei gelang es ihm auch, die für Koerberrode vorgesehene
Enteignungsfläche von 500 Hektar auf 150 zu reduzieren, weil das Gut
durch intensive Bewirtschaftung zu einem anerkannten Musterbetrieb
geworden war. Nordewin von Koerber war ohne Rücksicht auf die damit
verbundenen Gefahren für sich und seinen Besitz überall tätig, wo er
seinen Landsleuten eine Hilfe sein konnte. Er gehörte der deutschen
Kreditkommission für Pommerellen an, war Mitglied im Aufsichtrat der
Deutschen Volksbank und im Vorstand der Deutschen Schulvereinigung. Nach
dem deutsch-polnischen Nichtangriffspakt von 1934 wurde die Deutsche
Vereinigung gegründet und Nordewin von Koerber Vorsitzender für Stadt
und Kreis Graudenz. Wer für das Deutschtum eintrat, mußte mit
Behinderungen und auch mit gegen ihn angestrengten Gerichtsverfahren
rechnen. So wurden gegen Nordewin von Koerber in den Jahren 1934 bis
1939 sechzehn gerichtliche Verfahren eingeleitet, die alle mit Hilfe
polnischer Anwälte zu Freisprüchen führten. Das Grenzzonengesetz von
1937 war endlich eine Handhabe für die Behörden, Nordewin von Koerber im
Frühjahr 1939 aus der Heimat auszuweisen. Nachts und ohne Gepäck verließ
er Koerberrode, um einer Verhaftung zu entgehen. Seine Angehörigen
wurden im Sommer 1939 ausgewiesen, zusammen mit der Familie seines
Oberinspektors Karl Siebert. Eine polnische Kommission übernahm die
Zwangsverwaltung des Gutes.
Bei Kriegsausbruch 1939
betrat Nordewin von Koerber mit den ersten deutschen Truppen wieder
seine engere Heimat. Er wurde Landwirtschaftsoffizier beim
Wehrbezirkskommando in Graudenz, zuletzt als Major d.R., und erhielt
verschiedene Sonderaufträge in anderen Teilen Westpreußens. Dazu gehörte
es, aus Westpreußen verschlepptes Zuchtvieh, entführte Pferde und
Gerätschaften aufzuspüren und auch die Akten des Landratsamtes Graudenz,
die Herdbücher und anderes zurückzuführen. Sein Tod kam für alle
überraschend, als er beim Brand des Wohnhauses der ältesten Tochter in
Altblumenau bei Lessen/Kr. Graudenz zusammen mit der Feuerwehr die
Löscharbeiten leitete und dabei tödlich verunglückte. Die Beerdigung
fand am 18. Februar 1943 statt. Trotz Sturms und eisiger Kälte
begleiteten mehr als 1000 Landsleute Nordewin von Koerber zur letzten
Ruhestätte, der Erbbegräbnisstätte der Familie. Er wurde mit
militärischen Ehren am Ende der langen Koerberroder Eichenallee
beigesetzt, während fast zur gleichen Zeit einer der vier Söhne in
Rußland den Heldentod fand. Sein alter Freund Ervin Hasbach, bis 1939
als Vertreter der deutschen Minderheit Senator in Warschau, hielt die
Grabrede.
Lit.:
Nordewin von Diest-Koerber, Gerhart Meißner und Hans-Jürgen Schuch: Die
Stadt und der Landkreis Graudenz, Osnabrück 1976. - Wilfried von Koerber:
Das Rittergut Koerberrode, in: Der Westpreuße Nr. 3/80. - Hans-Jürgen
Schuch: Nordewin von Koerber, Deutschtumspolitiker - Landwirt - Jurist -
Sejm-Abgeordneter, in: Der Westpreuße Nr. 6/85. - Von Reval bis
Bukarest. Statistisch-Biographisches Handbuch der Parlamentarier der
deutschen Minderheiten in Ostmittel- und Südosteuropa 1919- 1945; Bde. l
und 2, hrsg. von Mads Ole Balling. Kopenhagen 1991.
Bild: Nordewin von
Koerber um 1940.
Hans-Jürgen Schuch
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