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Der Name des Ostpreußen
Walter Kollo ist nicht nur zu einem Inbegriff des „Volksliedes der
Berliner Großstadt“ geworden, sondern er gehört für mehrere Jahrzehnte
zu den klingendsten Namen der deutschen Unterhaltungsmusik überhaupt. Er
verstand es wie kaum einer, mit eingängigen Melodien die verschiedenen
Epochen des Zeitgeistes einzufangen. Waren es in der Kaiserzeit die
beliebten Possen mit Gesang und Tanz, so waren es in den 1920er Jahren
die Revue-Musiken. Die Stimmungen des Tages traf er mit vielen Chansons,
Couplets und Liedern so, daß diese zu Schlagern wurden und als
„Evergreens“ weiterblühen. Auch für den noch jungen Tonfilm arbeitete er
am Ende seines Wirkens. Der gehobenen Unterhaltung hat Walter Kollo mit
seinen vielen Operetten zahlreiche unvergessene Melodien geschenkt.
Kollo wurde als Elimar
Walter Kollodzieyski im ostpreußischen Neidenburg geboren. Sein Vater,
Karl K., ein wohlhabender Kaufmann, gab ihn in eine kaufmännische Lehre,
aber der Drang zur Musik war stärker. Er entschloß sich, Musik zu
studieren, obwohl sein Vater ihn wegen seiner Berufswahl enterbte. Dank
der Unterstützung der Mutter konnte er an das Konservatorium zu
Sondershausen. Die ursprüngliche Neigung zur Kirchenmusik machte bald
seiner Begabung für die Unterhaltungsmusik Platz. Bereits 1899
erschienen die ersten humoristischen Lieder und Couplets. Es folgte eine
Anstellung als Korrepetitor und Kapellmeister am Luisentheater in
Königsberg. Er heiratete die Chansonniere Mizzi Josetti, ihr
eigentlicher Mädchenname war Marie Preuß, welche ihm 1904 einen Sohn,
Willi, schenkte, der in den 20er Jahren sein Mitarbeiter und gleichfalls
ein bekannter Komponist werden sollte. Über Stettin, dort begegnete er
erstmals Paul Lincke, kam er nach Berlin, wo er zunächst am Kabarett
tätig war, seinen Namen um das ,,-dzieyski“ verkürzend. Es entstanden
eine Fülle von Chansons, Couplets und Liedern, so das populäre „Immer an
der Wand entlang“. Die ersten Bühnenerfolge ließen nicht lange auf sich
warten: „Roland von Berlin“ (1907), in dem Claire Waldoff sein „Schmackeduzchen“-Lied
sang und damit über Nacht berühmt wurde. „Ali ben Mokka“ (1907), „Meyer
aufm Hängeboden“ (1909), „Sein Herzensjunge“ (1911). Man wurde auf sein
Talent aufmerksam, herzhafte und eingängige Melodien zu Texten zu
finden, die das Leben der einfachen Berliner widerspiegelten. Als ein
Wahrzeichen der Berliner Unterhaltungsmusik dieser Jahre sind uns sein
„Untern Linden, untern Linden“ aus Filmzauber (1911 m. W. Bredschneider),
„Das war in Schöneberg im Monat Mai“ und „Die Männer sind alle
Verbrecher“ aus „Wie einst im Mai“ (1911) erhalten geblieben. Dieses
Werk machte Kollos Namen auch am „Broadway“ bekannt, wo es noch während
des 1. Weltkrieges, 1917, unter dem Titel „Maytime“ herauskam und später
auch verfilmt wurde. Als die Form der Posse ihre Geltung verlor, wandte
er sich mehr der Operette und dem Lustspiel mit Musik zu. Es seien aus
diesen Jahren „Drei alte Schachteln“ (1917), „Sterne die wieder
leuchten“ (1918) genannt. Hatte Walter Kollo als Mitbegründer der GEMA
im Jahre 1915 schon das kaufmännische Erbe seines Vaters unter Beweis
gestellt, so zeigten sich seine organisatorischen Fähigkeiten besonders
durch die Gründung eines eigenen Verlags gegen Ende des 1. Weltkrieges,
sowie auch in der Übernahme mehrerer Theaterdirektionen: 1920 Theater in
der Kommandantenstraße, 1921 Theater am Schiffbauerdamm, 1922 Kabarett
„Potpourri“. Die Inflation beendete jedoch diese Theatertätigkeiten.
Einen neuen Aufschwung
brachten die großen „Musikpaläste“ mit ihren Revuen. Hermann Haller
(1871-1943), der den „Admiralspalast“ übernahm, holte sich Walter Kollo
als Komponisten. Der unerhört produktive Kollo beteiligte sich mit
„Drunter und drüber“ (1923), „Noch und Noch“ (1924), „Achtung Welle
505!“ (1925), „An und Aus“ (1926) und „Wann und Wo“ (1927). Aber auch
zahlreiche Operetten zeigen die große Arbeitsleistung. Genannt seien
„Marietta“ (1923), „Die Frau ohne
Kuß“ (1924), „Drei arme kleine
Mädels“ (1927), zu denen sein Sohn Willi
die Gesangstexte verfaßte. Dazu kamen zahlreiche Schlager,
Operetten-Einakter, Couplets,
Chansons, Tanzlieder u. a..
War in den Operetten,
die in den 30er Jahren entstanden, die zündende Wirkung seiner Melodien
nicht mehr so stark spürbar, so ist eine Verfeinerung seiner
Arbeitsweise, eine Zuwendung zu einem gehobenen Stil in Richtung
Spieloper auszumachen, wie „Majestät läßt bitten“ (1930), „Derfflinger“
(1933), „Ein Kaiser ist verliebt“ (1935), „Das Schiff der schönen
Frauen“ (1940) erkennen lassen. Der Wunsch, auf dem Sophien-Friedhof in
der Nähe Albert Lortzings beerdigt zu werden, zeigte seine Verehrung für
diesen großen Meister, dessen Schaffen ihm in der schlichten
Natürlichkeit und in der Frische der Erfindung wohl ein großes Vorbild
gewesen war. Walter Kollo war gleich Lortzing einer der wußte, was seine
Zeit verlangte und einer, der es ihr geben konnte. Er verstarb nach
kurzer Krankheit am 30. September 1940 in Berlin. Die Musik Walter
Kollos ist eine Symbiose der „schlichten Geradheit des alten,
derb-gemütlichen Ostpreußens“ und der „vitalen Betriebsamkeit der
kosmopolitischen Großstadt Berlin“. Walter Kollo übertrifft mit der Zahl
seiner wirklich populären, zu „Volksliedern der Berliner Großstadt“
gewordenen Titel noch die Dauererfolge Paul Linckes und der anderen
Berliner Unterhaltungskomponisten. Ein klingendes Denkmal schuf Willi
Kollo seinem Vater mit einem in eigener Produktion gedrehten Tonfilm,
der das Leben und Wirken Walter Kollos zeigt. Der Film, ein berlinisches
Zeitbild, erhielt seinen Titel auf einen Marsch Walter Kollos aus der
Revue „Drunter und drüber“: „So lang noch untern Linden...“.
Lit.: Otto Schneiderheit:
Operette A-Z, Berlin 1983; Otto Schneiderheit: „Gassenhauer für Berlin.
Vor 100 Jahren wurde Walter Kollo geboren.“ in: et cetera, 1977 S. 3-6,
enth. Werkverzeichnis; Edmund Nick in: „Die Musik in Geschichte und
Gegenwart; Riemann Musiklexikon; Franz-Peter Kothes: „Die theatralische
Revue in Berlin und Wien 1900-1938 – Typen, Inhalte, Funktionen“,
Wilhelmshaven 1977; Gisela Höhle in: „Große Berliner aus dem Osten“,
Katalog zur Ausstellung im Deutschlandhaus Berlin 1987.
Helmut Scheunchen
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