Joachim Konrad, am 1. Juni 1903 in Breslau geboren,
evangelischer Pastor und Professor der Theologie, ein Mann
des 20. Jahrhunderts, hat der nationalsozialistischen
Diktatur als glaubensstarker Christ und als Gegner zuwider
gehandelt. Er ist für das Recht und die geschichtliche
Wahrheit entgegen allen modischen Zeitströmungen als
Fürsprecher in christlicher Verantwortung eingetreten. Das
20. Jahrhundert mit seiner unmenschlichen Grausamkeit und
dem Verrat an der zwischenmenschlichen Toleranz wurde ihm
zum Schicksal. Und man erinnert sich des gleichaltrigen
Landsmanns und gleich ihm Student der evangelischen
Theologie in Breslau, Jochen Klepper, dessen Leben 1942 als
Tragödie geendet hat. Im heutigen Breslau erinnert sich
niemand mehr des großen Schlesiers, weil die neuen Einwohner
nicht wissen, wer Joachim Konrad, dieser tapfere Deutsche
gewesen ist, und auch seine Landsleute und darüber hinaus
das Vaterland Deutschland vergewissert sich nicht dieses
beispielhaften Lebenslaufs.
Joachim Konrad, Sohn einer schlesischen Pastorenfamilie,
hatte in Breslau, Göttingen, Berlin und Marburg studiert,
promovierte in evangelischer Theologie und in Philosophie
und trat im Bauerndorf Michelau, zwischen Brieg und Grottkau
gelegen, 1931 seine erste Pfarrstelle an. Sein Bestreben war
auf die Universitätslaufbahn gerichtet. 1933 wurde er in
Breslau als Dozent Mitglied der Theologischen Fakultät. Zwei
Jahre später jedoch wurde ihm durch die Politik der
Nationalsozialisten die Lehrbefugnis entzogen, denn die
ersten Verhöre wegen
seiner Zugehörigkeit zur Bekennenden Kirche und seines
Gegensatzes zu den regimetreuen Deutschen Christen waren
amtlicherseits vollzogen worden. Aber es kam noch schlimmer.
Im Jahre 1938 bemächtigte sich erneut der Staatsapparat
seiner, zumal in der Kirchengemeinde Michelau der Kantor als
Spitzel fungierte und Anstoß an den Predigten des Pastors
nahm. Die Geheime Staatspolizei, das Gericht und schließlich
der Gauleiter der NSDAP entschieden über ihn. Ein geplantes
und bereits aufgesetztes Flugblatt gegen den
nationalsozialistischen Autor des Buches „Der Mythus des 20.
Jahrhunderts“, Alfred Rosenberg, wurde zur Begründung für
die Ausweisung aus Schlesien und für das Redeverbot im
ganzen Deutschen Reich genannt. Dazu schreibt Joachim
Konrad: „Der Kirchenkampf ging hart weiter. Das war die
erste Vertreibung aus meiner geliebten Heimat.“.
Die
Orte der Zuflucht lagen in Brandenburg und Ostpreußen, bis
zum Sommer 1939 eine neue Verhandlung über den Fall Joachim
Konrad in der Berliner Zentrale der Geheimen Staatspolizei
(Gestapo) stattfand. Es geschah unmittelbar vor dem
Kriegsbeginn. Die Rückkehr nach Schlesien wurde Joachim
Konrad gewährt, und die Erlaubnis, wieder predigen zu
dürfen, auf einen Umkreis von 50 km zur Gemeinde Michelau
beschränkt, wurde erteilt. Dies machte es glücklicherweise
möglich, daß sich der Michelauer Pastor um eine
Pastorenstelle in der Elisabethkirche zu Breslau, der
Hauptkirche des Protestantismus in Schlesien, mit Erfolg
bewerben konnte. Im Januar 1945 wurde er, gleichsam in
letzter Stunde der zur Festung Breslau erklärten und seit
Mitte Februar von der Roten Armee der Sowjetunion
eingeschlossenen Stadt, Stadtdekan von Breslau.
„Die
riesige Kathedrale St. Elisabeth und der große Gemeindesaal,
in dem sechs- bis achthundert Menschen Platz fanden, genügte
mir zum Reden“, heißt es in einer Niederschrift. „Meine
Aufgabe war mir klar: wie kannst du deine Gemeinde auf das,
was kommen muß, mit Predigten und Vorträgen vorbereiten, daß
sie nicht seelisch zusammenbricht? Und die Breslauer
spitzten die Ohren, auch wenn nun mit einer getarnten
Sprache gesprochen werden mußte, denn noch immer wurde ich
von der Gestapo abgehört. Was ich zu sagen hatte, ging durch
die groben Maschen ihres Netzes hindurch. Ich sprach von
Schicksal und Schuld, von Dämonie und Verblendung, von
Hybris und Angst, von der Gnade und Vorsehung Gottes und der
Ruhe auf der Flucht. Die Gemeinde verstand, wovon hierbei
die Rede war.“
In
seinen Erinnerungen hat der jüdische Musiker Konrad Latte,
der zuvor den Pastor der Elisabethkirche über die
Deportation der durch die Verschleppung der Eltern elternlos
gewordenen Töchter des Breslauer Rechtsanwalts Dr. Lasker
informiert hatte, über eine der Predigten berichtet, mit
folgendem Zitat: „Unter uns leben Menschen, Deutsche wie
wir, die die Obrigkeit gekennzeichnet und ausgestoßen hat.
Der Gedanke dieser Kennzeichnung ist nicht neu. Schon
einmal, vor ungefähr 400 Jahren, war unser Volk so tief
gesunken. Tun wir nicht so, als wüßten wir nicht, wer heute
von dieser Ausstoßung betroffen ist. Es sind die Besten
unter uns.“ Im weiteren Bericht der Erinnerung schreibt
Konrad Latte über den Prediger: „Und dann erzählt er, wenn
auch ohne Namensnennung, von der Flucht und Verhaftung der
Lasker-Mädchen so bewegt und deutlich, daß alle, die sie
kannten, begreifen mußten, von wem die Rede war. Daran, wie
Christen solchen verfolgten Menschen begegnen, fuhr der
Pastor fort, erkenne man, ob sie aus ihrem Glauben wirklich
lebten, den Glauben der Brüderlichkeit und der
Nächstenliebe. ,Täuscht Euch nicht!‘, rief er der Gemeinde
zu, ,Gott läßt seiner nicht spotten!‘„
Joachim Konrad, der auch das dichterische Wort beherrschte –
1949 veröffentlichte er den Gedichtband „Ruf der Heimat“ –
hatte als aus Schlesien Verbannter eine „Apokalyptische
Messe“ verfaßt und den Text in handabgezogenen Exemplaren
weitergegeben, darin die auf Adolf Hitler gemünzten Zeilen:
„König von Babel, dich wägt Gottes Waage/ Und er hat dein
Tun zu leicht befunden./ Die heiligen Rechte gelten
unumwunden./ Weh deinem Wahn! Gezählt sind deine Tage“.
Über
die April- und Maitage 1945 im eingeschlossenen Breslau
schrieb Joachim Konrad: „Die schrecklichen Ostertage und
-nächte mit ihren pausenlosen Bombenangriffen, wir sahen
starr und entsetzt eine Kultur von siebenhundert Jahren in
Flammen versinken. Die Selbstmordepidemie griff um sich. ,Wo
sollen wir hin? Diesseits der Oder nicht! Jenseits auch
nicht! Am besten in die Oder!‘ Der Wahnsinn des totalen
Krieges, dem Breslau und seine Bewohner geopfert werden
sollten, um die Frist des bereits in der Kapitulation
begriffenen ,Tausendjährigen Reiches‘ und seiner Bonzen noch
um ein paar Tage zu verlängern?“ Am 4. Mai gingen mutig
entschlossen zwei evangelische Kirchenmänner, die Pastoren
Ernst Hornig und Joachim Konrad, und die beiden Katholiken,
Weihbischof Joseph Ferche und Kanonikus Joseph Kramer, in
den Bunker des Kommandanten General Hermann Niehoff, um als
Sprecher der Bevölkerung das Ende des Kampfes zu fordern und
umgehend den Entschluß zur Kapitulation anzuraten. Nach zwei
Tagen war der General, nachdem um eine zweite Unterredung
nachgesucht worden war, zur Kapitulation bereit. In der
Nacht zuvor hatte der nationalsozialistische Gauleiter Karl
Hanke in einem Fieselerstorch die Stadt fluchtartig
verlassen, von einem Flugplatz abhebend, der durch
gewaltsame Zertrümmerung von Stadtteilen auf seinen Befehl
hergerichtet worden war.
Fürsorgend blieb Stadtdekan Joachim Konrad als Fels in der
allgemeinen Rechtlosigkeit, unter der die Deutschen jetzt zu
leiden hatten, bis zum Ausweisungsbefehl im Sommer 1946 in
der Stadt. Am 30. Juni 1946 hielt er die letzte in deutscher
Sprache vorgetragene Predigt, deren Text vorliegt. „Ich
glaube, erst in Abschiedsstunde läßt es uns ganz klar
erkennen, was uns Heimat bedeutet. Das Land unserer Väter
und Kinder, das Land, dessen Charakter unser Wesen geprägt
hat, das uns leiblich und seelisch ernährt hat, das Land,
dessen Häuser und Straßen, Felder, Berge und Wälder uns
ansprechen und anheimeln, wie sonst nie eine Landschaft,
weil wir darin seit Generationen verwurzelt sind. ... Wir
waren und sind in unseren schwersten Stunden allein auf Gott
geworfen und wissen nun aus einer schicksalhaften Gewißheit:
Dieser Grund trägt! Wir haben es erlebt, was es heißt,
Kirche unter dem Kreuz zu sein, und haben darin einen
unaussprechlichen Reichtum gefunden. Davon können und wollen
wir nicht mehr lassen, und dort liegt unsere Mission“.
Joachim Konrad wollte nach der Vertreibung seine gewaltsam
unterbrochene Universitätslaufbahn fortsetzen und begann an
der Universität Münster als außerordentlicher Professor,
1951 erhielt er die Würde eines Ehrendoktors. Vier Jahre,
von 1950 bis 1954 leitete er als Ministerialrat das Referat
für die Angelegenheiten der evangelischen Kirche in der
Regierung von Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf, von 1954
bis zur Emeritierung lehrte er als Professor für praktische
Theologie an der Universität Bonn. Als Autor der Bücher „Die
evangelische Predigt“, dies ein Standardlehrbuch, und
„Sozialethische Themen auf der Kanzel“, 1963 und 1973
erschienen, hatte er sich einen Namen gemacht. Gleichzeitig
wirkte er als Universitätsprediger, der für die
Gottesdienste in der Bonner Schloßkirche verantwortlich war.
In dem Nachruf eines Schülers hieß es über ihn: „Politik auf
der Kanzel war ihm zuwider, obwohl er selbst einen Band
politischer Predigten veröffentlicht hatte. Martin Luther
zitierte er am liebsten auf Latein, doch Johannes Calvin kam
nicht zu kurz. Konservativ wie er war, trug er zum Talar die
alte lutherische Halskrause, aber seine Predigten waren
alles andere als altmodisch.“ Es wurde vor allem daran
erinnert, daß er in die Rheinische Landeskirche, zu der er
jetzt gehörte, „die besonderen Erfahrungen, die er in der
Zeit des Kirchenkampfes in Schlesien gemacht hatte,
eingebracht habe“ und „nach der Predigtlehre Joachim Konrads
sind Ursprünglichkeit, Wahrhaftigkeit, Verantwortungsernst
und Bezeugungskraft die wesentlichen Maßwerte der personalen
Funktionen einer Predigt.“
Als
Universitätslehrer wurde er als „rechtslastig“ angegriffen,
denn er widersprach nicht nur dem Ungeist der sogenannten
68er Revolte, sondern hatte sich in der „Gemeinschaft
evangelischer Schlesier“ als deren Vorsitzender von 1959 bis
1973 engagiert. Er bezog Stellung, als es um das Recht auf
die Heimat ging und Denkschriften hoch im Kurs standen, die
dieses in Frage stellten. „Deutsche Schuld an den Polen und
Juden belastet unsere Ansprüche auf unsere seit 700 Jahren
angestammte Heimat sehr. Aber Schuld kann nicht durch neue
Schuld wieder gutgemacht werden. Sie kann auch nicht durch
einen Blankoverzicht auf alles Recht annulliert werden,
sondern sie kann auf der politischen Ebene nur auf dem Wege
einer rechtlich geordneten Auseinandersetzung und
Verständigung beigelegt werden ... Für mich selbst kann ich
verzichten, aber es wäre doch ein Mißverständnis auch des
Geistes christlicher Versöhnung, wenn man sich auf einen
gemeinsamen Rechtsverzicht einließe und das unter
Vergewaltigung des Rechtsanspruchs anderer täte und sie
damit beraubte“. Diese Sätze stehen in dem Heft „Zur
kirchlichen Heimat-Debatte“ unter dem Titel „Audiatur et
altera pars (Man muß auch die andere Seite hören)“.
Als
er 1953 auf dem 4. Bundestreffen der Schlesier in Köln
sprach, hatte er sich das Thema gesetzt „Die schlesische
Toleranz. Geschichtliches Erbe und politische Idee“, eine
seitdem gern auszugsweise zitierte Rede. Indem auf den
schlesischen Majestätsbrief des österreichischen Kaisers
Rudolf II. und des preußischen Königs Friedrich des Großen
Regierungspraxis verwiesen wird, ruft Joachim Konrad die
religiöse Wurzel der schlesischen Toleranz in die Erinnerung
mit dem Blick auf die „gemeinsame Christlichkeit. Das
betrifft vor allem das Verhältnis der Konfessionen
zueinander. ... Schlesien war ein Land der Begegnung und des
friedlichen Miteinanders sehr verschiedener Elemente, ein
Grenz- und Brückenland. Es hat seine Einheit in sehr
wechselvollen Geschicken und unter besonders harten
Zerreißproben sich erobern und behaupten müssen. Es hat
darin seine Eigenart und seinen Charakter im Sinne einer
echten, in religiöser Tiefe verwurzelten Toleranz gefunden
und bisher behaupten können.“
In
einem Rückblick auf das bittere und bedrückende Jahr 1945
erinnerte Joachim Konrad an den Winter dieses Jahres, als
man „aus angesengten Balken ein Trümmerkreuz“ gezimmert
hatte. „Das Trümmerkreuz von St. Elisabeth wird längst
zersägt sein. Was es uns damals bedeutet hat, habe ich in
Versform festzuhalten gesucht“, die Zeilen wurden in Gestalt
eines Kreuzes gesetzt: „Wir als die Schuldigen/ Und die
Geschlagenen,/ Wir haben aus Trümmerholz ein Kreuz
errichtet/ Und sind aus Trümmern unter seinen Schutz
geflüchtet:/ Und haben rauchgeschwärzte Balken zum Symbol
geschichtet,/ Erbarmung zu flehen/ Für unsere Sünden./ Mit
unserem Kreuze/ In Deinem zu stehen,/ In Todesgründen/ Dein
Licht zu erspähen/ Und Dir zu huldigen/ Als die Getragenen“.
Das war auch des Theologen Glaubensbekenntnis, von Gott, dem
Herrn, in seinem irdischen Leben getragen zu sein, geborgen
und behütet.
Am
15. April 1979, es war Ostersonntag, der Tag der
Auferstehung Christi, ein geradezu symbolischer Tag für den
gläubigen Diener Gottes, ist Joachim Konrad gestorben. Noch
einmal sei an Jochen Klepper, den gleichaltrigen Schlesier
erinnert, Joachim Konrad wie Jochen Klepper, beide im
Glauben zu Hause und beheimatet.
Bild:
Stiftung Ostdeutscher Kulturrat
Herbert Hupka