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Den prägnantesten Aufschluß über die Position des Dramatikers, Erzählers
und Essayisten Paul Kornfeld innerhalb der expressionistischen Bewegung
gewährt auch heute noch dessen 1918 erschienene Abhandlung Der
beseelte und der psychologische Mensch. Die hier vorgetragenen
Ansichten des Endzwanzigers sind von programmatischer Bedeutung für
seine eigenen Bühnenwerke, für das expressionistische Drama überhaupt
wie für die damalige Schauspielkunst. Die grundlegend veränderten
Ansprüche an letztere hat Walter von Hollander 1917 wohl nicht zufällig
mit Blick auf Kornfelds 1913 verfaßte Tragödie Die Verführung
herausgestellt: „Hier ist eine Diktion, ein Pathos, dem man nicht ohne
weiteres
glaubt und das dennoch wahr ist, ein
Pathos, für das noch die Zungen und Glieder geschult werden müssen.“
Kornfelds Manifest zielte aber darüber hinaus auf eine Neuformulierung
des Verhältnisses von Kunst und alltäglicher Wirklichkeit: „Letzter Sinn
aller Kunst, dem Menschen vorzuführen, wie alle Wirklichkeit nur Schein
ist und hinschwindet vor dem wahren menschlichen Dasein. Ja alle
Wirklichkeit ist nur Irrtum, da ja die Beseeltheit die Wahrheit ist.“
Das ist aus der gehobenen Verfassung heraus verkündet, in der sich
Kornfeld nach der Frankfurter Uraufführung seines Bühnenerstlings Die
Verführung 1917 befand. Für sein Leben und Schaffen insgesamt
stellten derartige Erfolge die Ausnahme dar. Jeder im Prag vor der
Jahrhundertwende Geborene, der literarische Ambitionen hegte, war in
spezifischer Weise mit dem berühmten Prager Kreis verbunden, dem Autoren
von der Bedeutung eines Max Brod, Kafka oder Werfel angehörten. Paul
Kornfeld, dessen Vater Fabrikant und dessen Urgroßvater ein angesehener
Rabbiner gewesen waren, stieß in diesem Zirkel auf die unverhohlene
Antipathie Brods, dessen Einfluß bekanntlich groß war und der
beispielsweise Franz Werfel massiv förderte. Nach eigenen Angaben
verließ Kornfeld 1914 Prag und ging nach Frankfurt, um der „Stimmung
einer überhitzten und vorwiegend destruktiven Intelligenz“ zu entkommen;
doch wohl auch, um den Anfragen aus dem Elternhaus nach seiner Promotion
und dem Eintritt in den väterlichen Betrieb zu entgehen. In die
Frankfurter Zeit fiel nicht nur der dichterische Durchbruch als
Bühnenautor, sondern auch die Heirat mit Fritta Brod 1918 (geschieden
1926), deren Bedeutung für Kornfelds einzigen Roman Blanche oder das
Atelier im Garten unverkennbar ist. Max Reinhardt holte Kornfeld
1925 als Dramaturg nach Berlin, Gustav Härtung in der gleichen Funktion
1927 nach Darmstadt. Hier kam es zum Eklat, als Kornfeld nach einem
Gastspiel der „Habima“, eines seit 1916 bestehenden hebräischen
Theaterensembles, den deutlich rassistisch geprägten Einwänden der
örtlichen Kritik konterte. Er demissionierte 1928 und siedelte erneut
nach Berlin über, wo er bis 1932 für die Zeitschrift Das Tagebuch 37
(teils wegweisende) Beiträge schrieb. Verhängnisvoll sollte für ihn
die Rückkehr nach Prag Ende 1932 zum 80. Geburtstag seines Vaters
werden. Verlockt von der Möglichkeit, seinen ersten (und einzigen) Roman
schreiben zu können, arbeitete er hier von 1933 bis 1941 an dem erst
1957 bei Rowohlt erschienenen (und von Kurt Kusenberg gekürzten)
Blanche-Konvolut. Gelegenheiten zur Ausreise schlug er noch 1938
aus. 1941 wurde er von den Nazis in das KZ Lodz abtransportiert, wo er
1942 umgekommen ist.
Zumindest von der Problemstellung und den Formtypen her ist Kornfelds
literarisches Werk, dessen Schwerpunkt das Drama bildet, zweigeteilt.
Den hochexpressionistischen Tragödien Die Verführung und
Himmel und Hölle (1919) mit ihrer aus einer schonungslosen
Zeitkritik resultierenden Forderung nach dem neuen beseelten Menschen,
nach einem neuen Drama überdies und einer neuen Schauspielkunst sowieso
folgte schon 1922 in der Komödie Der ewige Traum die
unmißverständliche Abkehr von den hochfliegenden Idealen des
Expressionismus. Zwei Jahre später wurde die neue Parole in der Komödie
Palme oder der Gekränkte umschweiflos am Anfang des Stückes
ausgegeben: „Nichts mehr von Krieg und Revolution und Welterlösung! Laßt
uns bescheiden sein und uns anderen, kleineren Dingen zuwenden.“ Der
Wechsel von der Tragödie zur Komödie als adäquate formal-strukturelle
Entsprechung zur thematischen Abwendung von den hochgespannten
Menschheitsvorstellungen und der Hinwendung zu einer neuen
Bescheidenheit ist nicht etwa endlich der „wahre“ Kornfeld. Vielmehr ist
nur die zweite Seite des gleichen Mannes sichtbar geworden. Tragödie und
Komödie zusammen ergeben erst den ganzen Menschen und Dichter Paul
Kornfeld. Wem an einem Gesamtbild gelegen ist, müßte die Tragödie Die
Verführung und die Komödie Palme oder der Gekränkte zusammen
lesen (und die Theater sollten sie an zwei Abenden aufeinander folgen
lassen). Denn Bitterlich in der Verführung stellt die
hochgestimmte Verfassung des Beseelten aus, wie sie das Manifest von
1918 leidenschaftlich propagierte. Dieser Protagonist verkörpert
Kornfelds scharfe Absage an den vorausliegenden Naturalismus und damit
ohne Abstrich an alle realistische und psychologische Dramatik. Palme
hingegen nimmt sich aus wie das Satyrspiel, das in der Antike der
Tragödie folgte. Der hypochondrische Titelheld führt unablässig vor
Augen, wie eine selbstquälerische und geradezu leidenssüchtige Psyche
ständig von ihm durchaus als schmerzhaft empfundene Kränkungen
provoziert, aufgrund ihrer ichzentrierten Konstitution aber zu keinerlei
Änderung dieses Zustands in der Lage ist. Die von Bitterlich dauernd
betonte Änderungsbedürftigkeit des Menschen wird vom ganz und gar nicht
zu ändernden, ununterbrochenen Gekränktsein Palmes durch lauter
Alltäglichkeiten ironisch gebrochen. Dennoch gilt (und das verweist
gleichfalls auf die Zusammengehörigkeit beider Phänomene): Der einen
Verfassung fehlt die Komik nicht, der anderen ebensowenig die Tragik.
Im Unterschied zu den immerhin auswahlweise berücksichtigten Dramen ist
Kornfelds Erzählprosa bislang von der Forschung wie von der Leserschaft
unbeachtet geblieben. Es dürfte auch nicht weiter verwundern, daß es nie
eine Gesamtedition seiner Werke, ja nicht einmal eine herkömmliche
Sammelausgabe gegeben hat. Ebensowenig ist derzeit eine
Einzelveröffentlichung von ihm im Buchhandel vorrätig.
Weitere Werke:
Legende. Berlin: S. Fischer 1917. – Sakuntala des Kalidasa. Ein
Schauspiel. Berlin: Rowohlt 1925. – Kilian oder Die gelbe Rose. Eine
Komödie in 3 Akten. Berlin: Rowohlt 1926. – Smither kauft Europa.
Komödie. Berlin ca. 1928 (Bühnenmanuskript bei Oesterheld). – Jud Süss.
Tragödie in 3 Akten und einem Epilog. Berlin 1930 (Bühnenmanuskript bei
Oesterheld).
Lit.:
Paul Kornfeld: Revolution mit Flötenmusik und andere kritische Prosa
1916-1932. Hrsg. und kommentiert von Manon Maren-Grisebach. Heidelberg:
Lambert Schneider 1977. – Bernhard Diebold: Paul Kornfelds Hybris und
Demut. In: Anarchie im Drama. Frankfurt/M. 1921, S. 274-290. – Siegfried
Jacobsohn: Strindberg, Wedekind, Kornfeld. In: Die Weltbühne, 20. Jg.
(1924), S. 408-411. – Wolfgang Groezinger: Der Roman der Gegenwart. Die
Macht der Bindungen (Zu „Blanche...“). In: Hochland 50 (1957-58), S.
175-183. – Herbert Ihering: Von Reinhardt bis Brecht. Bd. 1. Berlin 1958
und Bd. 2. Berlin 1959. – Manon Maren-Grisebach: Weltanschauung und
Kunstform im Frühwerk Paul Kornfelds. Diss. Hamburg 1960. – Dies.: Paul
Kornfeld. In: Expressionismus als Literatur. Hrsg. von Wolfgang Rothe.
Bern 1969, S. 519-530. – Margarita Pazi: „Smither kauft Europa“. Über
eine unbekannte Komödie von Paul Kornfeld. In: Orbis litterarum 29
(1974), S. 133-159. – Dies.: Zu Paul Kornfelds Leben und Werk.
Tagebücher aus seiner Frankfurter Zeit 1914-1921. In: Jahrbuch der
deutschen Schillergesellschaft Bd. XXVII (1983), S. 59-85.
Bild:
Paul Kornfeld um 1925. Nach einer Photographie (vermutlich von Nini und
Carry Heß, Frankfurt/M.)
Walter Dimter
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