Das
vergangene
Jahrhundert
war das
bisher
ideologischste
in der
Geschichte
der
Menschheit.
Es ist kaum
vorstellbar,
was einzelne
Menschen,
Gruppen und
auch ganze
Völkerschaften
unter den
unmenschlichen
Ideologien
des
Totalitarismus
zu leiden
hatten.
Richtete
sich im
rechtsextremen
Nationalsozialismus
die
Verfolgung
vor allem
gegen die
Juden und
die
slawischen
Völker, so
waren es im
linksextremen
Stalinismus
vor allem
die
Deutschen
und die
muslimischen
Völker, die
als
„bestrafte“
Völker aus
ihrer Heimat
verbannt und
in Sibirien
und
Zentralasien,
aller Rechte
beraubt,
Zwangsarbeit
zu
verrichten
hatten.
Nach dem
Zusammenbruch
des
Sowjetimperiums
ist das
Schicksal
der
Vertriebenen
und
Verbannten,
der
Zwangsausgesiedelten
und des
Rechtes auf
die Heimat
Beraubten
kein
tabuisiertes
Thema mehr.
Es ist sogar
so etwas wie
eine
eigentständige
russlanddeutsche
Nachwende-Memoirenliteratur
entstanden,
der es in
ihren besten
Leistungen
gelungen
ist, trotz
allem
Entsetzlichen
nicht den
Glauben an
das Gute im
Menschen –
gleich
welcher
Nationalität
– zu
verlieren
und dabei
auch nicht
in
Larmoyanz,
Selbstmitleid
oder gar
selbstgerechtem
Heldentum zu
versanden.
Ilona
Wagners
Mein Lächeln
für Sibirien,
Friedrich
Emigs
Drei Flüsse,
drei Leben,
Jakob
Schmals
Den Kelch
bis zur
Neige
geleert
und auch
Ernst
Kontschaks
Erinnerungen
aus dem
hohen
Norden,
seinem
Zwangsaufenthalt,
stehen hier
Pate für
literarisch
bewältigte
Rückblicke
auf
dramatische
Erlebnisse.
Ein
Kinderschicksal
in der Angst
und Enge der
Verbannung
im Norden
Sibiriens
schildert in
37 stark
autobiographisch
geprägten
Prosatexten
Nelli Kossko.
Der
Erzählungsband
Die
geraubte
Kindheit
ist eine
Auseinandersetzung
mit dem
Leben als
Kind eines
der von
Stalin
bestraften
Völker.
„Auf ewige
Zeiten nach
Sibirien
verbannt“,
wird die
kleine Emmi
nach
strapaziöser
Reise mit
ihrer Mutter
von einer
gutmütigen
Russin, die
selber drei
Kinder hat
und deren
Mann an der
Front gegen
die
Deutschen
kämpft,
aufgenommen.
Nach Hause
kommend
verliert der
Mann die
Fassung, als
er erfährt,
dass
Deutsche
unter seinem
Dach wohnen.
Doch auch er
beruhigt
sich
allmählich,
als er
sieht,
welchen
Belastungen
seine beiden
deutschen
Mitbewohnerinnen
ausgesetzt
sind. Später
wird er
sogar die
halberfrorene
Emmi, die
sich
verlaufen
hat, in eine
Decke
hüllen.
Die grausame
Welt der
Erwachsenen
wird Emmi
erst richtig
bewusst, als
aus den
Reihen der
eigenen
Landsleute
eine
Denunziantin
ihre
Schicksalgenossen
an die
Geheimpolizei
verrät, bis
diese selber
als
ehemalige
Gestapo-Mitarbeiterin
entlarvt und
noch höher
in den
Norden
verbannt
wird. Auch
in der
Dorfschule
haben es die
Kinder des
bestraften
Volkes
zunächst
schwer. Sie
werden als
„Fritzen“,
das
russische
Zerrbild des
hässlichen
Deutschen,
gehänselt,
bis die
humanistisch
gebildete
und auch von
Natur aus
wohlwollende
Lehrerin
Ludmilla
Petrowna
ihnen
Hilfestellung
gibt, indem
sie erklärt,
dass auch
der Vater
des
Kommunismus,
Karl Marx,
Deutscher
gewesen sei.
In dem
Prosatext
Mein Freund
Karl Marx
versteht es
Nelli Kossko,
sogar der
schwierigen
Situation
Humor
abzugewinnen,
denn nun hat
Emmi mit
Marx eine
Waffe in der
Hand, mit
der sie sich
wehren kann,
mit der sie
aber auch
über das
Ziel
hinausschießt,
als sie
behauptet,
ohne den
Deutschen
Marx gäbe es
auch die
glorreiche
Sowjetunion
nicht.
Vor allem in
diesen
Momenten
versteht es
Nelli Kossko,
die
Situation
mit feinem,
oft auch
hintergründigem
Humor dem
Leser
vor Augen zu
führen,
liegen die
eigenwilligen
Stärken des
Buches. In
der Person
der Lehrerin
gelingt
Nelli Kossko
mit viel
Einfühlungsvermögen
die
Beschreibung
der
schwierigen
Gratwanderung
einer
Pädagogik im
Stalinismus.
Der Alltag
im
Totalitarismus
wird
lebensecht
und ohne
einer
Schwarz-Weiß-Malerei
zu verfallen
mit kindlich
offenem
Blick
geschildert.
Die
geraubte
Kindheit
(2004)
bildet den
ersten Teil
der Trilogie
Die
Quadratur
des Kreises.
In seiner
Fortsetzung,
Am
anderen Ende
der Welt
(2004), wird
der fernere
Lebensweg
der Autorin
stellvertretend
für viele
Hunderttausend
Russlanddeutscher
beschrieben.
„Dieses
Buch ist
kein Blick
zurück im
Zorn, aber
in
ehrfürchtigem
und
demütigem
Gedenken an
unsere
schuldlos in
den Tod
gehetzten
Eltern und
Großeltern
und ihre
Qualen“,
so Nelli
Kossko in
der Widmung.
Mit Wo
ist das Land
… folgte
2007
der
abschließende
Teil der
Trilogie.
Die in
Marienheim
bei Odessa
geborene
Nelli wurde
als
siebenjähriges
Mädchen in
den
Warthegau
evakuiert,
bei
Kriegsende
dann in das
Gebiet
Kostroma
verschleppt,
bald darauf
an den wegen
seiner
Straflager
berüchtigten
ostsibirischen
Fluss
Kolyma.
Allen
Schwierigkeiten
zum Trotz
gelang es
ihr, ein
Germanistikstudium
in
Swerdlowsk
aufzunehmen
und
anschließend
an
pädagogischen
Hochschulen
der Region
zu
unterrichten.
Nach der
1975 mit
Ehemann und
zwei
Töchtern
erfolgenden
Ausreise in
die
Bundesrepublik
arbeitete
sie bei der
Deutschen
Welle in
Köln als
Übersetzerin
und
Sprecherin.
Nelli Kossko
machte sich
auch als
Verlegerin
einen Namen.
So gab sie
von 1995 bis
2001 die
russischsprachige
Zeitschrift
Ost-Express
heraus, die
sich an die
Russlanddeutschen
und
russischen
Juden in
Deutschland
richtete.
Neben der
Trilogie
Die
Quadratur
des Kreises
verfasste
sie
zahlreiche
kulturpolitische
Aufsätze. Zu
ihrem 70.
Geburtstag
erhielt
Nelli Kossko
die goldene
Ehrennadel
der
Landsmannschaft
der
Deutschen
aus Russland
für ihre
ehrenamtliche
Tätigkeit,
nicht
zuletzt auch
für die
Gründung des
Frauenclubs
Aussiedler
helfen
Aussiedlern,
der als
Brücke
zwischen
Einheimischen
und
Aussiedlern
im Umkreis
von
Altenkirchen
in
Westerwald,
ihrer neuen
Heimat seit
2001,
wertvolle
Integrationsarbeit
leistet.
2008 erhielt
sie aus der
Hand des
rheinland-pfälzischen
Innenministers
das
Verdienstkreuz
am Bande des
Verdienstordens
der
Bundesrepublik
Deutschland.
Ingmar
Brantsch