In einem
Vorwort zu
Adam
Kriegers
„Neuen
Arien“
schrieb H.
J. Moser
1958, daß
dieser Band
„in jedem
musikfreudigen
deutschen
Haus wieder
zu den
Lieblingen
zählen
sollte“.
Obwohl
„dieser
erste
Klassiker
des
deutschen
weltlichen
Liedes“ vor
nun schon
150 Jahren
„wiederentdeckt“
wurde,
obwohl
seitdem
Musikwissenschaftler
auf die
einzigartige
Stellung
hinweisen,
die er mit
seinen zu
Schlagern
des 17.
Jahrhunderts
gewordenen
Generalbaßmonodien
in der
Geschichte
des
deutschen
Liedes
einnimmt:
Von Adam
Kriegers
Musik und
seinem Leben
ist heute
kaum etwas
in weitere
Kreise
gedrungen.
Ganz
unbekannt
ist Adam
Krieger
freilich
nicht, aber
wem ist
schon bewußt,
daß sich mit
dem
schlichten
Lied „Nun
sich der Tag
geendet hat“
eine Aria
Kriegers als
geistliche
Kontrafraktur
bis heute im
Evangelischen
Kirchengesangbuch
erhalten
hat.
Denken wir
350 Jahre
zurück. Als
Adam Krieger
(Krüger) in
der kleinen
Stadt
Driesen im
Netzebruch
als Sohn der
Anna geb.
Baldewek und
des „Churf.
Sächs,
gewesenen
Feldhauptmann“
Gregorius
Krüger aus
Waldruhberg
(Neumark)
geboren
wurde, tobte
noch der
Dreißigjährige
Krieg. Die
Mark
Brandenburg
erlitt
schwere
Verwüstungen,
Wirtschaft
und Kultur,
Bildung und
Sitten
verkamen
(besonders
bei den oft
arbeitslosen
Musikern).
Unter diesen
Umständen
wuchs das
größte
Liedtalent
seiner Zeit
heran. Für
das
musikgeschichtliche
Phänomen,
daß dies
ausgerechnet
in dem
„sonst recht
kunstfernen
Ostzipfel
... der Mark
Brandenburg“
geschah,
findet H. J.
Moser einen
einzigen
Grund:
Driesen
liegt im
nordöstlichen
Grenzbereich
des
Schlesiertums,
das so reich
an
Musikbegabungen
ist.
Adam Krieger
verdankt
seine
gediegene
humanistische
Bildung
vielleicht
schon dem
Nachlassen
der
Kriegshandlungen.
Er wurde
Singknabe
der
kurprinzlichen
Kapelle in
Dresden und
setzte seine
musikalische
Ausbildung
bei dem
großen
Organisten
Samuel
Scheidt in
Halle fort,
möglicherweise
als
Fahrschüler
von Leipzig
aus, wohin
er 1650 mit
16 Jahren
ging.
Leipzig, von
selbstbewußtem
Bürgertum
und
Universität
geprägt, war
die
Musikmetropole
des
Deutschen
Reiches.
Krieger hat
dort
offenbar nie
regulär
studiert.
Vielmehr
berichtete
er 1657
rückblickend:
Ich habe
„den
Leipzigern
mit meiner
Musik ämsig,
treu,
fleißig,
auch in die
fünff Jahr
ohne
Entgeldt
gedienet“.
Wir wissen
von
zahlreichen
Gelegenheitskompositionen,
von denen
nur einige
gediegene
Grablieder
für
angesehene
Bürger
erhalten
sind. Zu
öffentlichen
Feiern
führte
Krieger von
sich auch
große Werke
auf.
Insgesamt
ging der Zug
der Zeit
jedoch von
der
Vielstimmigkeit
(mehrchörig)
zur modernen
italienischen
Monodie. Daß
man den
21jährigen
1655 als
Nachfolger
Johann
Rosenmüllers
zum
Organisten
der Nikolai
Kirche
machte,
belegt die
allseitige
Anerkennung
seines
Könnens.
Außer um den
Orgeldienst
muß er sich
auch um die
Figuralmusik
gekümmert
haben. Von
dieser
Tätigkeit
sind uns nur
2
Kirchenkantaten
geblieben.
Die Größe
des Verlusts
auf diesem
Gebiet
beweist die
Psalmkantate
„An den
Wassern zu
Babel saßen
wir und
weinten“,
ein
Schmuckstück
der
Kirchenmusik
des 17. Jhs.
Adam Krieger
war zwar
kein
immatrikulierter
Student.
Seine
weltlichen
Lieder
spiegeln
aber ein
Leben im
studentischen
Freundeskreis.
Wir wissen
von einem
Collegium
musicum, „so
das ,Cymbalische
Reich‘
genennet“,
das Krieger
leitete. Es
wird vor
allem von
Studenten
gebildet
worden sein,
aber auch
vornehme
Musikliebhaber
sollen ihm
angehört
haben. Dort
führte man
wahrscheinlich
auch die
solistischen
Lieder
Kriegers
auf. Um den
gesamten
Kreis mit
einzubeziehen,
komponierte
er drei-
bzw. fünf
stimmige
Instrumentalritornelle
als
Zwischen-
und
Nachspiele,
wie es vor
ihm schon
gelegentlich
praktiziert
worden war.
Sie
entsprechen
in Länge und
Bau häufig
den Liedern,
teils sind
sie aus
ihren
Motiven,
teils
kontrastierend
zu ihnen
entwickelt.
Da Krieger
die meisten
seiner
Liedtexte
selber
dichtete,
worin ihm
Johann
Hermann
Schein und
Heinrich
Albert
Vorbild
sind, müssen
auch sie
kurz
besprochen
werden. Als
die
Musikwissenschaft
die Lieder
im 19.
Jahrhundert
„wiederentdeckte“,
wies sie
auch auf die
außerordentliche
Qualität der
Lyrik hin,
die den
Durchschnitt
der
Lieddichtungen
ihrer Zeit
übersteigt.
Die
berühmten
Liederschulen
der 1.
Hälfte des
17. Jhs.,
die
Hamburger um
Johann Rist
und die
Königsberger
um Simon
Dach und
Heinrich
Albert,
wurden von
Kriegers
Lyrik
weitgehend
abgelöst.
Von
Germanisten
ist dieser
Hinweis
bislang nur
wenig
beachtet
worden.
Kennzeichen
der Dichtung
ist, daß sie
entgegen der
Mode nicht
mit
verstaubter
Mythologie
aufgeputzt
wird und
sich nicht
in immer
gesuchteren
Metaphern,
Bildern und
Vergleichen
erschöpft.
Ihre Themen
stammen aus
dem
studentischen
Leben: die
Freundschaft,
die
deutschen
Weine, das
Junggesellenleben
– und die
Liebe
natürlich.
Mit
Geschmack
und immer
wachem Witz
gelangen
Krieger
nicht gerade
tiefgehende,
aber immer
echt und
erlebt
wirkende
Gedichte.
Ohne die
übliche
italienische
Galanterie
und den
gelehrten
Tonfall
erreichten
sie
außerordentliche
Volkstümlichkeit.
Kriegers
größte
Begabung lag
in der
Liebesdichtung.
Von
Sehnsucht
und
Liebesschmerz
– seine
bevorzugten
Themen, die
ihm am
kräftigsten
und
innigsten
geraten –
bis zum
kecken
Übermut
entfaltet
sich ein
großer
Facettenreichtum.
Manche
Nuance des
Gefühlsausdrucks
findet
sich bis
Robert
Schumann
nicht mehr
im deutschen
Lied.
Kriegers
Liedsammlungen,
sowohl der
erste Band
von 1657 als
auch der
zweite von
1667, tragen
den Titel
„Arien“ bzw.
„Neue
Arien“. Man
muß diese
Bezeichnung
eher als
Sammeltitel
auffassen
denn als
Gattungsnamen.
Darunter
werden
ebenso kurze
Strophenlieder
wie
kantatenhafte
Formen,
Solostücke
genauso wie
fünfstimmige
Ensembles
mit
Generalbaßbegleitung
verstanden.
Mit der
italienischen
Aria hat die
Kriegersche
Generalbaßmelodie
meistens
nichts zu
tun. Der
Grundtyp des
streng
symmetrisch
periodisierten
Strophenliedes
wirkt sich
im Gegenteil
bis in die
großen,
durchkomponierten
Formen aus.
Weil
Kriegers
Melodiebildung
textbedingt
ist, weicht
er von
dieser
Strenge ab,
wo eine
Textstelle
einen
besonderen
Akzent
trägt. In
dem
originellen
„Zusatz“, in
dem nichts
weiter als
das
Schlaraffenleben
von
Junggesellen
ausgemalt
wird,
begegnet uns
die
vollkommene
Symmetrie
des
Strophenliedes.
Geschickt
nutzt
Krieger
andererseits
z. B. die
wechselnd
stark und
schwach
ausklingenden
Zeilen der
Strophen,
die jeweils
in den durch
unterschiedliche
Zeilenlänge
reizvollen
Kehrvers
münden:
Ein Trunk,
ein Sprung,
ein Schwert,
ein Pferd,
ein Herz,
ein Scherz
recht frei,
ein Freund,
ein Feind,
ein Lieb,
ein Hieb,
ein Klang,
ein Schwang
dabei;
wem das
gefällt in
dieser Welt,
der komm in
unsre Reih,
und mach es
mit auf
Schritt und
Tritt,
recht
fröhlich
ohne Scheu.
Er überdehnt
einzelne
Perioden,
aufs Ganze
gesehen
wahrt er
aber selbst
in diesen
20zeiligen
Strophen die
Symmetrie
des
Strophenliedes.
Sehr bewußt
komponierte
Verzierungen
und
Durchbrechungen
des Metrums
verschmelzen
den
Melodieverlauf
nahtlos mit
der
Ausdruckskurve
des Textes.
Sogar die
kantatenhaft
breit
angelegte
Klage
„Adonis Tod“
wird in der
Spannung von
Symmetrie
und
textbedingter
Abweichung
aufgebaut.
H. J. Moser
gibt diesem
und dem
ebenso
ausdrucksstarken
Solostück
„Fleug,
Psyche,
fleug“ das
seltene
Prädikat
„genial“.
Über Adam
Kriegers
weiteres
Leben ist
wenig zu
sagen. Als
er sich 1657
mit
kurfürstlicher
Fürsprache
um das
vakante
Thomaskantorat
bewarb, war
er der erste
Musiker
Leipzigs.
Weil er sich
aber nicht
bereit und
für fähig
erklärte,
auch den
Unterricht
der
Thomasschüler
zu
übernehmen,
wählte der
Rat der
Stadt
Sebastian
Knüpfer.
Krieger, der
in diesem
Jahr bereits
eine Tochter
des
Kurfürstenpaares
im
Clavichordspiel
unterwiesen
hatte, ging
als
Kammercembalist
vollends an
den Hof des
wettinischen
Thronfolgers.
Ob er dort
Kontakt zu
Heinrich
Schütz
hatte, dem
großen,
alten
Anreger der
modernen
deutschen
Musik,
wissen wir
nicht.
Krieger
blieb Zeit
seines
Lebens in
Leipzig und
anderen
deutschen
Städten ein
gefragter
Mann. Viele
Jahre waren
es nicht
mehr. 1666
starb er
erst
32jährig in
Dresden.
Noch
Jahrzehnte
später
rühmten
kompetente
Musikkenner
wie der
Kantatendichter
Erdmann
Neumeister
und der
Musiktheoretiker
Wolfgang
Caspar
Printz seine
Lieder.
Der frühe
Band „Arien“
ist schon
lange
verschollen.
Eine größere
Anzahl der
Lieder wurde
in anderen
Quellen
wiedergefunden.
Ihre Texte
stammen
teilweise
nicht von
Krieger und
haben recht
unterschiedliches
Niveau. Für
die nach
seinem Tod
erschienenen
„Neuen
Arien“
jedoch, die
teilweise
schon in der
Leipziger
Zeit
entstanden
sind, ist
die Einheit
von Text und
Musik
geradezu ein
Kriterium
für Kriegers
Autorschaft.
Das Neue an
seinen
Liedern war
die
motivisch
entwickelte,
ausgeprägt
melodische
Linie, die
von
beweglicher,
vielfältiger
Harmonik
gestützt
wurde. Durch
die heute
etwas
befremdlichen
Ritornelle
fanden die
Lieder ihren
Platz in den
damals sich
ausbreitenden
musikalischen
Gesellschaften.
Mehr als
diese beiden
Liedsammlungen,
von denen
die 2.
Auflage der
„Neuen
Arien“ 1676
um zehn
Arien
vermehrt
wurde, ist
von Kriegers
Liedkompositionen
merkwürdigerweise
nicht
bekannt.
Außer in
mehreren
Neuauflagen
waren sie
als
geistliche
Kontrafakturen
in
evangelischen
Gesangbüchern
des 17./18.
Jhs., in
zahlreichen
Klavier- und
Lautentabulaturen
und
Liederhandschriften
wie dem
Liederbuch
des
Studenten
Closius, wo
ihnen
derbere
Texte
unterlegt
sind, weit
verbreitet.
Man sang und
hörte sie
bei Fürsten
und
Handwerkern,
auf den
Gassen und
in den
Bürgerhäusern.
Noch aus der
fragmentarischen
Überlieferung
läßt sich
heute der
Wert und die
überdurchschnittliche
Rolle
Kriegerscher
Generalbaßlieder
erkennen, so
daß man Adam
Krieger als
den Meister
des neuen
deutschen
Liedes vor
Franz
Schubert
bezeichnet.
Besser als
alle
musikwissenschaftliche
Beschreibung
kann uns
auch
gegenwärtig
seine Musik,
die uns in
Notenausgaben
und auf
wenigen
Schallplatten
mühelos
erreichbar
ist, einen
Zugang
vermitteln.
Lit.:
Kretzschmar,
Hermann:
Geschichte
des Neuen
deutschen
Liedes, I.
Teil (Kleine
Handbücher
der
Musikgeschichte,
Bd. IV, 1),
Leipzig
1911; Moser,
Hans Joachim
(Hrsg.):
Adam
Krieger.
Arien,
Denkmäler
deutscher
Tonkunst, 1.
Folge,
Neuauflage,
Wiesbaden-Graz
1958; Ders.:
Musikgeschichte
in hundert
Lebensbildern,
Wiesbaden
(1958), S.
219-225;
Osthoff,
Helmut: Adam
Krieger,
Leipzig
1929,
Nachdr.
Wiesbaden
1970; Ders.:
Adam
Krieger, in:
Die Musik in
Geschichte
und
Gegenwart,
Kassel 1961.
Bernward
Speer