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In einem selbstbiographischen Abriß (zur Mappe „Sansara“) berichtet
Alfred Kubin: „Ich wurde am 10. April 1877 in Leitmeritz, einer kleinen
Stadt Nordböhmens, geboren. Über die beiden ersten Jahre meiner Kindheit
schweigt meine Erinnerung vollkommen. Doch ungefähr bis tief ins dritte
Lebensjahr zurück mögen vage Erinnerungen an Spielzeug, grüne
sonnendurchflutete Lauben und an das schmale, blasse Gesicht meiner
Mutter reichen. – Meinen Vater, einen ehemaligen Jägeroffizier, der nach
dem 66er Feldzug als Geometer in den Staatsdienst eintrat, traf ich zum
erstenmal in Salzburg; er hatte seine junge Familie für zwei Jahre
verlassen müssen, um im fernen Dalmatien seinen Dienst zu erfüllen.“
Zwischen dieser 1911 veröffentlichten Lebensbeschreibung und dem
Bekenntnis des Fünfundsiebzigjährigen zu Eingang des Bändchens
„Abendrot“ – „Meine Kindheit verlebte ich in den Salzburger und
Pinzgauer Bergen, doch bis heute und in wachsender Sehnsucht zieht es
mich nach der Landschaft der böhmischen Heimat“ – liegt ein
umfangreiches Lebenswerk, das längst weltgültig geworden ist. Die
väterlichen Vorfahren stammen aus Nordböhmen und Brüx, die Mutter ist
eine geborene Kletzl, deren Vater k. u. k. Stabsarzt war und aus Brünn
stammt. Aus Kubins autobiographischen Skizzen aus verschiedenen Jahren
erfahren wir mehr als aus den nicht allzu umfangreichen und häufigen
äußeren Wiederbegegnungen mit der böhmischen Heimat von seiner
untergründigen, ihn immer wieder bannenden Verbundenheit mit ihr. Ein
Traum, wenige Wochen vor seinem Besuch in Leitmeritz, nach
vierzigjähriger Abwesenheit, bringt ihm mit der frohen Kindheit ein
Schützenfest auf der Elbinsel ins Bewußtsein zurück. Und als er dann
dorthin wirklich kommt, ist er erstaunt, „mit welcher fast
photographischen Schärfe die Bilder des Lebens im Unbewußten bewahrt
werden“. Im Traum war ihm freilich entsprechend den anderen
Größenordnungen der kindlichen Vorstellungswelt alles größer
vorgekommen.
Von 1880-1884 lebte Kubin in Salzburg, ab 1885 in Zell am See. 1891-1892
besuchte er die Kunstgewerbeschule in Salzburg. Danach war er bis 1896
bei einem Onkel in Klagenfurt in Fotografenlehre. Nach kurzem Wehrdienst
1897 und Nervenkrisen, darunter einem im Jahr davor erfolgten
Selbstmordversuch am Grab seiner Mutter, begann Kubin seine
künstlerische Ausbildung, zunächst von 1898-1901, in der privaten
Kunstschule Schmidt-Reutte und in der Klasse Gysis an der Kunstakademie
in München. Erste Erfolge brachten 1902 eine Ausstellung bei Bruno
Cassierer in Berlin und die Veröffentlichung von Zeichnungen bei Hans
von Weber in München mit fantastischen Darstellungen, die als sogenannte
„Weber-Mappe“ die Berühmtheit, ja Weltberühmtheit des Künstlers
begründeten. Nach der Heirat mit Hedwig Gründler, geb. Schmitz, 1904 (t
1948), erwarb Alfred Kubin das Barockschlößchen Zwickledt bei Wernstein
am Inn, oberhalb von Passau in Oberösterreich, in dem er bis zu seinem
Tode lebte. Beim ersten Aufenthalt in Paris 1906 kam er mit Odilon Redon
zusammen. 1909 trat er der „Neuen Künstlervereinigung München“ bei, 1912
wurde er Mitglied des „Blauen Reiters“. Außer einer weiteren Reise nach
Paris, kurzen Aufenthalten in Böhmen, einer Reise auf den Balkan wirkte
Kubin die meiste Zeit in seinem österreichischen Domizil. In den Jahren
1930-1940 verbrachte er die Sommer im Böhmerwald, mit reichem
motivlichem Ertrag. Zu den besonderen Ehrungen, die ihm zuteil wurden,
gehörten die Mitgliedschaft der Preußischen Akademie der Künste Berlin
(1930), die Ernennung zum Professor (1937), zum Ehrenbürger der Stadt
Linz (1947), die Mitgliedschaft in der Bayerischen Akademie der Schönen
Künste (1949), der Österreichische Staatspreis für bildende Kunst
(1951), die Ehrenmitgliedschaft der Künstlergilde (1951), der
Ulisse-Preis der Biennale Venedig (1952), der Internationale Preis für
Zeichnungen der Biennale São Paulo (1952).
Die zahllosen Zeichnungen, Hunderte von Lithographien, eine große Reihe
lithographischer Folgen und die Illustration vieler Bücher der
Weltliteratur – wobei sich Kubin immer ihm angemessene Stoffe aussuchte
– weisen diesen Künstler als den fruchtbarsten und einfallsreichsten
Illustrator der Weltliteratur im 20. Jahrhundert aus. Er hat in der
Frühzeit sich vor allem mit der Welt des Übersinnlichen, des Absurden,
nicht zuletzt unter dem Einfluß des Philosophen Otto Weininger und der
Psychoanalyse, beschäftigt. Zu vielen seiner auch gewagteste
Perversionen künstlerisch verarbeitenden Darstellungen kann gesagt
werden, daß ihm nichts Menschliches fremd gewesen sei. Über eine fast
abstrakte Epoche hinaus (um 1905), besonders die fantastischen, fast
ganz den Gegenstand verlassenden Temperabilder, hat sein im wesentlichen
expressiver Stil, oft im barocken Wirrwarr gekräuselter zeichnerischer
Linien, die sich dann doch zu einem bildhaften Kosmos ordnen, immer
wieder die Schattenseiten des Lebens aufgesucht, aber auch die Welt des
Märchens, der Skurrilität und des Humors. Kubin hat Einflüsse
verschiedenster Künstler, von der Renaissance und dem Manierismus bis zu
Goya, Delacroix, Daumier, Dore, Ensor und Redon, um nur diese zu nennen,
verarbeitet, aber sehr früh zu einem ganz eigenen Stil gefunden, der, in
der Grundlage expressiv, bald episch gesänftigt, bald aufgewühlt und
exstatisch sich ausbreitete.
Längst ist in die Kunstgeschichte, aber auch in die Literatur die
Nomenklatur von „kubinisch“ und „kubinesk“ (etwa in Entsprechung zu
„hoffmannesk“) eingegangen. Kubins Kunst und geistige Welt ist mit
tausend Fäden der Gegenwart und der Vergangenheit verbunden, seine
Meisterschaft reiht sich an die der größten deutschen und
abendländischen Zeichner, seine Stoffe umfassen die Bibel ebenso wie E.
A. Poe oder Dostojewski. Was seine seismographische Bedeutung und seine
Sehergabe in der heutigen Welt gelten, haben längst zahlreiche Dichter
beschrieben, unter ihnen nicht zuletzt der Freund Hans Carossa. Hermann
Hesse bekannte 1928: Kubin sei „inmitten unserer blöden Unterhaltungs-
und Industriekunst ... einer von den wenigen, die ich als Brüder und
meinesgleichen irgendwo verborgen sitzen weiß, in ihre Spiele verloren,
leidend aber fruchtbar, niemals käuflich, außerhalb des Tages und des
Schwindels“.
Kubin ist weltoffen und weltverhaftet. Er ist aber sehr deutsch, nicht
zuletzt in seiner gelegentlichen stilistischen Nachfolge der Meister der
Donauschule. Man braucht ihn nicht einzugrenzen. Aber wie bei einem
Rilke, einem Stifter liegen seine Wurzeln in der böhmischen Heimat. Das
hat er selbst bekannt, das ist immer wieder eindringlich, so von Ernst
Jünger, vor allem in seinem Essay „Staubdämonen“ dargestellt worden.
„Er stellt eine Chronik dar, als deren Quellen das Knistern im Gebälk,
die Risse im Mauerwerk und die Fäden der Spinnwebe zu betrachten sind.“
Kubin hat das Österreich des Untergangs und den Untergang Österreichs
immer wieder faszinierend gezeichnet, nicht zuletzt, um Österreichs
Bedeutung für die Welt sichtbar zu machen. Als am Schluß des Zweiten
Weltkrieges um die Gegend seines Wohnorts gekämpft wurde, saß er über
den Prosadichtungen des mit einem Elternteil aus Böhmen stammenden Georg
Trakl, eines aus der Reihe seiner Geistesverwandten. Mit seinem Roman
„Die andere Seite“ (verfilmt unter dem Titel „Traumstadt“), 1908
geschrieben, 1909 veröffentlicht, brachte Kubin in der Vorausschau von
Diktatur und Verfallswelt voll überquellender makaberer Fantasie den
ersten eigentlichen surrealistischen Roman, etliche Jahre vor den
Romanen Franz Kafkas, mit dem er sich – wie mit anderen Angehörigen des
Prager Kreises – öfters traf. Übrigens waren die ersten Zeichnungen zu
dem Roman „Die andere Seite“ zunächst für den Roman „Der Golem“ von
Gustav Meyrink bestimmt, der aber als Schreiber von Fortsetzungen dem
ungeduldigen Kubin nicht rasch genug arbeitete, so daß sich dieser zu
einem eigenen Roman entschloß, den er dann ergänzend selbst
illustrierte. Einen wesentlichen Teil des Schaffens Alfred Kubins nimmt
die Welt seiner Heimat Böhmen ein. Zahllos die Motive und die Einfälle,
angefangen von Illustrationen zu des Prätorius' „Rübezahl“ (1927) bis zu
Zeichnungen zu Franz Werfel und Franz Kafka und vor allem den großen
Bildfolgen.
Von 1930 bis 1940 verbrachte Kubin seine Sommer im Bayrischen und im
Böhmerwald. Meistens war er in Waldhäusern bei den Freunden Koeppel. Mit
dem Zeichner und Sammler Ludwig Rosenberger in Lakenhäuser verbanden ihn
gemeinsame Interessen und die Liebe zur Landschaft Stifters. Diese
Waldsommer des heimatlichen Bereiches fehlen dem Greis, wie er immer
wieder betont. Im „Tätigkeitsbericht“ vom Jahre 1943 schreibt er:
„Wenn nicht Wald, Seeufer, Wiesen seit je meine Tummelplätze gewesen
wären, kaum glaube ich, daß mir dann als reifem Menschen der Böhmerwald
in seiner Ursprünglichkeit so unvergeßliche Eindrücke gebracht hätte,
wie ich sie in der Folge von 35, zum Teil auch mit Texten versehenen
Tafeln, den Phantasien im Böhmerwald, nun anderen vermitteln möchte.“
Diese im wesentlichen 1935 entstandene, erst 1951 veröffentlichte Reihe
grandioser, düsterer Blätter mit dickem Strich ist ein Stück Folklore,
hinter deren Begebenheiten sich ebenso wie hinter den Naturerzählungen
dieser Mappe das Dämonische, Hintergründige erhebt, das dann in dem
scheinbar ganz idyllischen, letzten Blatt „Gesperrte Straße“ unheimliche
Wirklichkeitsbedeutung für unser Schicksal nach 1945 erhält, Ausdruck
auch der Trauer, daß dem Künstler der Zugang zu seinem Heimatland
verwehrt bleibt. In zeichnerisch großartiger Verbindung ist die ganze
Mappe gestaltet, Zeichnungen, handgeschriebener Text und Bildertitel.
Mit einem Blatt ist das Thema des „Kobold Stilzel“ noch einmal wuchtig
aufgegriffen, das im Gewirr des dichten Kräuselstrichs und gezeichneten
Gewirr von Landschaft, Menschen und dem aufhockenden Böhmerwaldgeist die
ganze barocke Fabulierfreude, Skurrilität und Zwielichtigkeit der
Geschichten von Hans Watzlik wiedergibt. Die Mappe der 11 Lithographien
zu Hans Watzliks Volksbuch „Stilzel der Kobold des Böhmerwaldes“ war
1930 in Eger im Verlag der literarischen Adalbert-Stifter-Gesellschaft
gesondert erschienen, zu Watzliks 50. Geburtstag.
Ernst
Schremmer
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