Die Stadt Bielitz, in der Walter
Kuhn als Sohn eines
Gewerbelehrers geboren ist,
bildete mit einem Kranz
deutscher Dörfer eine
Sprachinsel in polnischem und
schlonsakischem Umfeld. Sie
gehörte zum österreichischen
Teil Schlesiens und wurde nach
dem Ersten Weltkrieg dem neu
entstandenen polnischen Staat
eingegliedert. So wurde Kuhn
früh mit Problemen des
deutsch-polnischen Verhältnisses
konfrontiert. Nach dem Abitur in
seiner Heimatstadt nahm er in
Graz ein Technikstudium auf, das
er 1927 in Wien mit dem
Ingenieurexamen abschloss.
Während dieses Studiums war Kuhn
bereits heimatkundlich aktiv und
unternahm Fahrten zu deutschen
Siedlungen in Galizien,
Wolhynien und Kongreßpolen.
Gleichzeitig hörte er
Vorlesungen in Volkskunde und
publizierte über die Geschichte
und Gegenwart der Deutschen im
Osten. Auch wenn das Interesse
an den letzteren nach dem Ersten
Weltkrieg allgemein zunahm,
konnte der junge Bielitzer nicht
wenig bis dahin Unbekanntes
mitteilen.
Aufgrund seiner
Veröffentlichungen wurde Kuhn in
die „Studienstiftung des
deutschen Volkes“ aufgenommen,
die ihm ein Zweitstudium in
Volkskunde und Geschichte
ermöglichte, das er 1931 in Wien
mit der Promotion abschloß. Im
folgenden Jahr fand er eine
Anstellung beim „Deutschen
Kulturbund für
Polnisch-Schlesien“ in
Kattowitz, wo er seine
wissenschaftlichen Studien
fortsetzen konnte. Es ging ihm
um eine ganzheitliche Auffassung
der deutschen Sprachinseln, bei
der Methoden der Volkskunde,
Soziologie, Siedlungsgeschichte
und weiterer Disziplinen zur
Geltung kamen. Besondere
Beachtung fand er mit seinem
Werk „Deutsche
Sprachinselforschung.
Geschichte, Aufgaben, Verfahren“
(1934), dessen Erscheinen
wesentlich dazu beitrug, daß
Kuhn 1936 ohne Habilitation auf
eine Professur für „Deutsche
Volkskunde und ostdeutsches
Volkstum“ an der Breslauer
Universität berufen wurde. Durch
die Einbringung neuer
Themenfelder wie
Siedlungsforschung und
Sachkultur gab er der dortigen
Volkskunde frische Impulse, und
sein Wirken, zu dem
volkskundliche Exkursionen mit
Studenten gehörten, wurde von
der Universität entschieden
anerkannt. Gegenüber den
rassenideologischen Auffassungen
der Nationalsozialisten blieb
Kuhn in seinen Publikationen
immun. Mit den Historikern
Hermann Aubin, Ludwig Petry und
Heinrich Appelt sowie dem
Geographen Herbert Schlenger
hatte er in Breslau in gleichem
wissenschaftlichen Geist tätige,
dem Osten zugewandte Kollegen,
mit denen er auch noch nach dem
Zweiten Weltkrieg
zusammenarbeitete.
Nach Kriegsteilnahme und
englischer Gefangenschaft
erhielt Kuhn 1947 an der
Universität Hamburg einen von
Hermann Aubin vermittelten
Lehrauftrag für Volkskunde. Die
Sprachinseln, denen zuvor sein
besonderes, auch die Stützung
ihres Deutschtums erstrebendes
Interesse gegolten hatte, waren
teils schon durch die von Kuhn
abgelehnte Umsiedlungspolitik
unter Hitler, teils durch die
Vertreibungen tragisch
untergegangen. So konzentrierte
sich der Gelehrte jetzt auf die
Geschichte der deutschen
Ostsiedlung, was zum Erscheinen
seiner „Siedlungsgeschichte
Oberschlesiens“ (1954) und des
zweibändigen Standardwerkes
„Geschichte der deutschen
Ostsiedlung in der Neuzeit“
(1955/57) führte. Danach nahm
die Siedlung des Mittelalters
immer mehr Raum in seinen
Veröffentlichungen ein, die mit
Schlesien und Polen Schwerpunkte
besaßen, über diese Gebiete aber
vielfach hinausgingen.
Im Jahre 1955 war Kuhn endlich
eine auf ihn zugeschnittene
Professur für
„Siedlungsgeschichte und
Volkstumsforschung namentlich
Ostdeutschlands“ am Hamburger
Historischen Seminar übertragen
worden. Als Extraordinarius
konnte er hier aber leider nicht
die Breitenwirkung erzielen, die
wünschenswert gewesen wäre –
erst kurz vor seiner
Emeritierung (1968) erhielt er
das Recht zur Abhaltung von
Hauptseminaren und
Staatsprüfungen. In seinen
quellenorientierten Übungen
scharte er gleichwohl eine
Gruppe von ihm eng verbundenen
Schülern um sich, aus deren
Kreis nicht wenige
Dissertationen zu ostdeutschen
Themen hervorgingen.
Seinen Lebensabend verbrachte
der Gelehrte in Salzburg. Als
bedeutendster Historiker der
deutschen Ostsiedlung anerkannt,
setzte er unermüdlich seine
Veröffentlichungstätigkeit fort.
Mit seinem umfangreichen
Spätwerk „Geschichte der
deutschen Sprachinsel Bielitz
(Schlesien)“, erschienen 1981,
kehrte er noch einmal in
besonderer Weise zu seinen
prägenden Anfängen zurück.
In seinen stets sorgfältig
erarbeiteten Veröffentlichungen
war Kuhn mit Erfolg um
Objektivität bemüht, obgleich er
ein starkes emotionales
Interesse an seinen Themen
besaß. Wie er auch beim Abschied
von seinen Hamburger Schülern
erklärte, bestand dieses in der
Liebe zu unserem Volk.
Lit.: Hugo Weczerka:
Verzeichnis der
Veröffentlichungen Walter Kuhns
1923-1978, in Zeitschrift für
Ostforschung 27 (1978), S.
532-554. – Ders.: Verzeichnis
der Veröffentlichungen Walter
Kuhns seit 1979, in: Zeitschrift
für Ostforschung 32 (1983), S.
169-172. – Gotthold Rhode in
Zusammenarbeit mit Hugo Weczerka:
Zum Tode von Walter Kuhn
(1903-1983), in: Zeitschrift für
Ostforschung 32 (1983), S.
161-168. – Brigitte
Bönisch-Brednich: Volkskundliche
Forschung in Schlesien. Eine
Wissenschaftsgeschichte, Marburg
1994. – Jakob Michelsen: Von
Breslau nach Hamburg.
Ostforscher am Historischen
Seminar der Universität Hamburg
nach 1945, in: Rainer
Hering/Rainer Nikolaysen
(Hrsg.): Lebendige
Sozialgeschichte. Gedenkschrift
für Peter Borowsky, Wiesbaden
2003, S. 659-681 [einseitig].
Bild: Zeitschrift für
Ostforschung 32 (1983), vor S.
161.
Norbert Angermann