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Ignaz
Kuranda sollte sich, wie sein Vater und Großvater, im
Antiquariatsbuchhandel betätigen, verließ jedoch 1834 seine Heimatstadt
und ging nach Wien. Hier hörte er philosophische Vorlesungen und suchte
Kontakte zu berühmten Dichtern, u. a. Franz Grillparzer und Nikolaus
Lenau. In diese Zeit fielen auch seine ersten literarischen Versuche,
die in den Zeitungen „Bohemia“ und im „Telegraph“, dessen
Theaterkritiker er von 1836 bis 1838 war, erschienen. Auf einer im
Auftrag des Verlegers durchgeführten Reise nach Stuttgart lernte er
Ludwig Uhland, Gustav Schwab und David Friedrich Strauß kennen; in Paris
machte er die Bekanntschaft mit Heinrich Heine. In der Folgezeit war er
in Brüssel als Korrespondent der „Augsburger Allgemeinen Zeitung“ tätig
und hielt Vorträge über deutsche Literatur. Er kam hier in Berührung mit
flämischen Gruppen. 1841 gründete er die Wochenschrift „Die Grenzboten“
zur Pflege der wechselseitigen Beziehungen zwischen Flamen und
Deutschen. Schon im folgenden Jahr mußte Kuranda die Redaktion seiner
Zeitschrift nach Leipzig verlegen. Sie befaßte sich nun vorrangig mit
der Innenpolitik Österreichs und den Beziehungen des Kaiserreiches zu
den anderen Mitgliedern des Deutschen Bundes. Sie war in dieser Zeit das
einzige Sprachrohr der liberalen Österreicher. Neben der Leitung der
„Grenzboten“ und zahlreichen Reisen durch Mitteleuropa studierte Kuranda
in Leipzig Geschichte und Staatswissenschaften und erwarb den
akademischen Grad eines Dr. phil. Als 1848 in Frankreich die
Februar-Revolution ausbrach, sah er die Zeit gekommen, in Wien politisch
tätig zu werden. Aus diesem Grunde überließ er im Sommer die Redaktion
der „Grenzboten“ Julian Schmidt und Gustav Freytag. Von der Universität
Wien wurde er in den Fünfziger-Ausschuß des Frankfurter Vorparlaments
delegiert, das ihn beauftragte, in Prag die Parlamentswahlen
vorzubereiten. Bei den tschechischen Nationalisten hatte Kuranda keinen
Erfolg, wurde aber von der Gemeinde Teplitz in Böhmen in das
Paulskirchenparlament gewählt. Im Spätsommer des gleichen Jahres kehrte
er nach Wien zurück, wo er die Zeitung „Ostdeutsche Post“ gründete, in
deren Leitartikeln er sein politisches Programm formulierte. Er sprach
sich für die Einführung der konstitutionellen Monarchie im
Habsburgerreich aus. Das Deutschtum war für ihn der Garant der Freiheit,
das nichtdeutsche Element dürfe in Österreich nicht die Vorherrschaft
erlangen. Deswegen lehnte er alle föderalistischen Bestrebungen in der
Donaumonarchie ab. Österreich sollte, da die Bildung eines großdeutschen
Reiches nicht möglich sei, einen Zoll- und Wehrverband mit dem übrigen
Deutschland bilden. Als mit dem durch den Deutsch-Österreichischen Krieg
von 1866 erfolgten Zerfall des Deutschen Bundes seine politischen
Hoffnungen sich als illusorisch erwiesen hatten, stellte er im Juli 1866
das Erscheinen der Zeitung ein. Er wandte sich nun in verstärktem Maße
seiner parlamentarischen Arbeit als Abgeordneter der Verfassungspartei
zu, die er seit dem Jahre 1861 im niederösterreichischen Landtag und im
Reichstag, zeitweise auch im Wiener Stadtrat, vertrat. 1872 wurde er
Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde in Wien und wegen seiner
Förderung jüdischer Studien Vizepräsident der Israelitischen Allianz. Im
gleichen Jahr wurde er zum Ritter des Leopoldsordens erhoben, ohne daß
er von dem damit verbundenen Adelsprädikat Gebrauch machte, und 1881 zum
Ehrenbürger der Stadt Wien ernannt. – Ignaz Kuranda gehörte als
Herausgeber der „Grenzboten“ und der „Ostdeutschen Post“ zu den
Wegbereitern des politischen Liberalismus in Österreich.
Lit.:
ADB 5l; Baumgartner, M.: Kurandas „Ostdeutsche Post“ und die deutsche
Frage von 1859-1863. Diss. Wien 1948; Franz, G.: Liberalismus. Die
deutsch-liberale Bewegung in der habsburgischen Monarchie. 1955.
Harro Kieser
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