Friedrich Lam
wurde am 13. Mai 1881 in dem Zipser Städtchen
Kesmark als Sohn des Rechtsanwalts Dr. Friedrich Lam
geboren. Seine Ahnenreihe läßt sich bis auf
Sebastianus Ambrosius Lam (1554-1600)
zurückverfolgen, diesen einst berühmten Humanisten
im ehemaligen Oberungarn, der nicht so sehr als
Verfasser geistlicher Lieder, sondern vielmehr als
eifriger Schriftsteller der damaligen theologischen
Literaturpolemik im europäischen Blickwinkel stand.
Die Vorliebe für wissenschaftliche Forschung,
Literatur und alles Schöngeistige hatte Friedrich
Lam entschieden seinem Großvater mütterlicherseits,
Hugo Payer, zu verdanken. Dieser zunächst Lehrer,
später Bankdirektor und Verfasser des gediegenen
bibliografischen Werkes „Bibliotheca Carpathica“,
genoß großes Ansehen und leitete die Erziehung des
früh verwaisten Fritz, wie der Dichter in seiner
Kindheit und in Freundeskreisen noch im Alter
genannt wurde. Und da der liebe Großvater eine recht
beachtliche Bücherei besaß, entwickelte der ihm
anvertraute junge Lam sehr bald einen
außergewöhnlichen Leseeifer und lieh so manches Buch
auch seinen Spielgefährten aus. Was aber Fritz und
seine Kameraden an begehrenswertem Lesestoff nicht
im Hause des Großvaters vorfanden, stand ihnen
gewöhnlich in der reich ausgestatteten
Lyzealbibliothek zu Verfügung. Wie sehr Friedrich
Lam diese glückliche Zeit schätzte, wie sehr er
seinem Großvater für Erziehung, Anregungen und
allerlei Erlebnisse zeitlebens dankbar blieb, davon
zeugt seine Dichtung auf Schritt und Tritt; in so
manchem Gedicht hat er der ehrwürdigen Gestalt des „Großi“
ein poetisches Denkmal gesetzt.
Aus der Stille
und Geborgenheit des Elternhauses führte Lams Weg in
die Welt hinaus. Nach dem Besuch der Volksschule
(1887-1891) und des Gymnasiums der Vaterstadt
(1891-1899) widmete sich Lam dem Studium der
Philologie auf der Universität in Budapest. In den
Jahren 1899 bis 1903 vertiefte er sich in die
Geheimnisse und Probleme der Germanistik und
Romanistik; besonders die sprachwissenschaftlichen
und literaturgeschichtlichen Vorlesungen Gustav
Heinrichs vermittelten ihm wertvolle Einsichten und
Kenntnisse. Mit der Dissertation „Die Geschichte des
deutschen Theaters in Raab (Györ)“ erwarb er summa
cum laude den Doktortitel.
Lam übte seinen
Lehrberuf als Neuphilologe an mehreren höheren
Schulen Ungarns aus: in Fünfkirchen (1904-1906), in
Erlau (1907-1908), an einem Gymnasium für Mädchen in
Raab (1908-1935) und zuletzt an einer Oberrealschule
in Budapest. In den Sommerferien führten ihn Reisen
nach Österreich, Deutschland, Frankreich, Italien,
nach der Schweiz und immer wieder einmal in seine
Zipser Heimat, der seine ganze Liebe gehörte –
besonders dem trauten Städtchen Kesmark und den
Wäldern und steilen Gipfel der Hohen Tatra. Auch die
Vermählung mit einer Berufskollegin, will sagen: der
glückliche Ehebund mit seiner Lebensgefährtin,
spornte ihn zu immer neuem Schaffen an, was in
zahlreichen Anerkennungen seinen überzeugenden
Ausdruck fand.
Er wurde
Fachberater und später Fachinspektor für Französisch
an den höheren Schulen der Hauptstadt, ferner
Ehrenmitglied zahlreicher wissenschaftlicher
Akademien und Kulturinstitute. Als er 1938 in den
Ruhestand trat, wurde ihm noch der Amtstitel eines
Oberstudiendirektors verliehen. Und er blieb auch
weiterhin rastlos tätig, physisch rüstig und geistig
regsam, bis er am 27. Dezember 1955 im Alter von 74
Jahren – fern seiner Zipser Heimat, nach der er sich
zeitlebens gesehnt und die er 1937 zum letzten Male
besucht hatte – plötzlich für immer von uns Abschied
nahm.
In fremder
Umwelt, aber in dem zu jener Zeit dem Deutschtum
zugeneigten und kulturell eng verbundenen Ungarn
hatte Friedrich Lam seine Wahlheimat gefunden. Und
wie mancher Schweizer oder Elsässer mit zwei
Sprachen, der deutschen und französischen,
aufwächst, so erscheint es wohl verständlich, daß
Lam das Madjarische vollkommen beherrschte und in
dieser Sprache gewandt zu schreiben fähig war; seine
wissenschaftlichen Studien sind sogar zu größten
Teil madjarisch verfaßt. Aber in der Dichtung ist er
seiner deutschen Muttersprache treu geblieben.
Die ersten
Gedichte Friedrich Lams erschienen in Zeitungen und
Zeitschriften, und zwar in der Kesmarker
„Karpatenpost“, im „Zipser Boten“ und in der „Zipser
Heimat“, aber bald auch in der „Wiener
Illustrierten“, im „Sonntagsblatt“, in der „Neuen
Post“ und in den einst viel gelesenen Zeitschriften
„Stern und Blumen“, „Badenia“, „Moderne Welt“ und
anderen.
Von seinen
Gedichtsammlungen ist zunächst „Zipser Treue“ (1921)
zu nennen. Das Bändchen enthält lyrische Gedichte,
die seine Heimat besingen und die durch die
Ereignisse von 1918 veränderten Verhältnisse
geißeln, d. h. die tschechische Aggression und den
skrupellosen Dünkel der neuen Machthaber anprangern
und der Lächerlichkeit preisgeben. Doch finden wir
in der ersten poetischen Blütenlese Lams außer den
Zeitgedichten auch schon alle jene Motive, die uns
in viel stärkerem Maße seine nächste Gedichtsammlung
bietet: „Popperwasser“ (Verlag Paul Sauter in
Kesmark, 1924). Darin wird vor allem das Bild seiner
Vaterstadt in den Blickwinkel gerückt: das 1460-1470
erbaute Thököly-Schloß, das aus dem 16. Jahrhundert
stammende Rathaus, die barocke alte Holzkirche, die
ehemaligen Lehrer des Gymnasiums, der Schloßberg und
Jerusalemberg, die Popper mit ihrem „Fluder“ und der
seichte Leibitzbach, der Meesepark und das
traditionelle Kesmarker Schützenfest. Viele Gedichte
verherrlichen die schöne Landschaft, besonders das
schroffe Felsengeklüft der Tatra. Während Balladen
düstere Stoffe und Heimatsagen behandeln, erfreuen
einige Mundartgedichte durch heitere Episoden. Doch
auch subjektive Reflexionen und stimmungsvolle
Genrebildchen erlangen überzeugenden Ausdruck. Es
ist nicht verwunderlich, daß die Gedichte der
Sammlung „Popperwasser“ seinerzeit in der alten
Heimat freudigst begrüßt, viel gelesen und sehr
geschätzt, vor allem aber bei den verschiedensten
Anlässen vorgetragen wurden. Es dürfte kein Zipser
Dichter vor Lam jemals so viel Anklang und einen
solchen Widerhall bei jung und alt gefunden haben.
Weniger bekannt
dagegen wurde sein Bändchen „Marie“ (1925). Mit
Unrecht. – Was war denn Ursache der Verkennung? Lag
es am Sujet oder an der Form? Oder störte manche
Kreise, daß Lam zum katholischen Glauben wechselte?
Seine Gedichtsammlung behandelt in 50 Sonetten das
Marienleben. Damit weist sich Lam auch als
formgewandter religiöser Dichter aus.
Aber mit diesen
drei Gedichtsammlungen ist noch lange nicht alles,
was der Dichter veröffentlicht hat, genannt; wir
müssen uns jedoch mit Andeutungen hier begnügen. Es
gibt einige Erzählungen von Lam, deren Handlung in
seiner deutschen Heimat spielt, doch überaus groß
ist die Anzahl seiner Feuilletons,
Buchbesprechungen, literarischen und
theatergeschichtlichen Abhandlungen. Er schrieb über
Ferdinand Raimunds Bedeutung für das deutsche
Theater in Raab, den Romantiker Clemens Brentano,
Charles Baudelaires berühmte Gedichtsammlung „Les
Fleurs du mal“ (Blumen des Bösen), eine grundlegende
Studie über das Schrifttum der Gründler in der
Unterzips und den berühmten Röntgenologen Bela
Alexander als Zipser Mundartdichter, ferner einen
Essay über die Zips im Romanwerk des bekannten
ungarischen Schriftstellers Maurus Jókai u. a. m.
Und Friedrich Lam war außerdem ein sehr produktiver
und gewandter Übersetzer. Hier ist nicht nur an den
(mit Heinrich Weißling) ausgezeichnet übersetzten,
erst 1958 – somit nach dem Tode des Dichters – in
Berlin erschienenen umfangreichen
antimilitaristischen Kriegsroman „Die Liebe der
Armen“ (Szegények szerelme) von Peter Veres zu
denken. Vielmehr gilt es, an seine Übersetzungen aus
der ungarischen Lyrik zu erinnern. Lam übersetzte,
was Rang und Namen hatte – nach seiner eigenen
Angabe rund 1.800 Gedichte.
Im Gedichtband
„Unvergessene Heimat“ (1966; Stuttgart) hat Dr.
Aurel Emil Emeritzy mit viel Liebe Gedichte aus dem
Nachlaß von Friedrich Lam zusammengefaßt, den er
sichtete und aus 926 hochdeutschen und 20
mundartlichen Gedichten eine gute Auswahl von 186
Gedichten traf. Nach den Datierungen dürften diese
Gedichte von 1933 bis 1939 vom Autor geschrieben
worden sein. Es ist anzunehmen, daß in den
Bücherschränken vieler Landsleute dieser wertvolle
Band zu finden ist.
Ein Zeichen, daß
Friedrich Lam heute wieder in seiner Zipser Heimat
geachtet wird, ist der Friedrich-Lam-Lesewettbewerb,
der seit 1998 vom Karpatendeutschen Verein in der
Region Oberzips unter Leitung des
Regionalvorsitzenden Bela Wagner durchgeführt wird.
Wagner ist selbst Lehrer in Kesmark und läßt jedes
Jahr in den Volksschulen in Poprad, Kesmark,
Hopgarten und Zipser Neudorf von den Schülern
deutsche Texte in Poesie und Prosa in drei
Alterskategorien im Wettbewerb vortragen. Es werden
Texte aus der heimatlichen und der deutschen
Literatur ausgewählt. Die Sieger nehmen dann an
einem Bezirkswettbewerb teil. In den letzten Jahren
beteiligten sich daran auch die Gymnasien in zwei
Kategorien. Die Sieger erhalten ein schönes Diplom
mit einem Bild von Friedrich Lam und Buchpreise aus
der deutschen Literatur. Dieser Wettbewerb erfreut
sich einer immer größer werdenden Beliebtheit,
nahmen doch im Jahre 2003 schon über 90 Kinder daran
teil. Es ist ein gutes Beispiel, wie an die
Überlieferung deutscher Kultur in einer Region
angeknüpft werden kann, um im besten Sinne
Sprachpflege zu üben.
Bild: Privatarchiv des Autors.
Hans
Kobialka