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Genialität und Elend des livländischen Dichters Jakob Michael Reinhold
Lenz erhellen sich beispielhaft an seinem Verhältnis zu Goethe.
„Seltsamstes und indefiniblestes Individuum“ nennt ihn der Weimaraner in
den Paralipomena zu seiner Autobiographie Dichtung und Wahrheit.
Im ausgeführten Text, im11. und vor allem im 14. Buch, finden sich dann
jene Äußerungen Goethes über Lenz, welche allzulang die allmählich sich
festigende Einsicht blockierten, daß wir in Lenz den aufschlußreichsten
Vertreter des „Sturm und Drang“ zu sehen haben. Am Anfang stellt Goethe
noch „ähnliche Gesinnungen“ fest. Bald aber schneidet Lenz (im
Unterschied zu Klinger) schlecht ab: „Lenz jedoch, als ein
vorübergehendes Meteor, zog nur augenblicklich über den Horizont der
deutschen Literatur hin und verschwand plötzlich, ohne im Leben eine
Spur zurückzulassen.“ Schwierig freilich bleibt der Pfarrersohn aus dem
Baltikum auch für den an ihm Interessierten, der sich um eine
differenzierte Sichtweise bemüht. Allein der Verlauf seines Lebens und
sein Selbstverständnis unterscheiden Lenz auffällig von den anderen
Stürmern und Drängern, die allesamt über kurz oder lang annehmbare bis
glänzende Karrieren machten. Lenz fehlte hierzu im Grund jeglicher
Impuls. Als sein ebenso engstirniger wie ehrgeiziger Vater (1759
Oberpastor in Dorpat, seit 1779 Generalsuperintendent für ganz Livland
in Riga) ihm befahl, bis Michaelis 1771 das Theologiestudium an der
Königsberger Universität abzuschließen, entzog sich Lenz dieser
Anweisung. Als „Mentor“ der beiden Barone Friedrich Georg und Ernst
Nikolaus von Kleist reiste er bereits im Frühjahr 1771 nach Straßburg.
Anfang Juni begegnete er hier Goethe und stieß zum Kreis um den
Aktuarius Salzmann. Die folgenden knapp fünf Jahre in und um Straßburg
stellten insgesamt – die bei ihm unausbleiblichen Schwankungen durchaus
in Rechnung gestellt – die erfreulichste und zugleich die produktivste
Zeit seines 41 Jahre währenden Lebens dar.
Symptomatisch läßt sich gerade an dieser hellen Phase ablesen, in
welchem Ausmaß Diskontinuität, Zufall, Fixierung und der allumfassende
Goethebezug Lenz' Leben und Schaffen bestimmten. Nicht in schrittweiser
Entfaltung, sondern in einem gewaltigen Schub gelangten in einem
einzigen Jahr vier zentrale Werke unterschiedlicher Ausrichtung zum
Druck. 1774, also im Erscheinungsjahr von Goethes Sensations- und
Erfolgsroman Werther, wurden die beiden Komödien Der
Hofmeister oder Vorteile der Privaterziehung und Der neue Menoza
oder Geschichte des cumbanischen Prinzen Tandi, ferner die
grundlegende theoretische Abhandlung Anmerkungen übers Theater
und schließlich die wichtigen Übertragungen Lustspiele nach dem
Plautus gedruckt. Alle anonym! Als ihr Verfasser galt gemeinhin
Goethe. Unter dieser Vorgabe fanden sie breite Zustimmung. Sobald Lenz‘
Autorschaft feststand, ließ der Stimmungsumschwung nicht lange auf sich
warten. Lenz‘ Goethe-Verhältnis aber tendierte unverkennbar zur
Festlegung. Bereits im verschollenen Aufsatz Über unsere Ehe
versuchte Lenz nach Goethes Auskunft in Dichtung und Wahrheit
ihre beiden Talente auf partnerschaftliche Ebene zu heben. In der
erhaltenen dramatischen Satire Pandämonium Germanicum von 1775
liegt uns Lenz‘ Sicht der gleichen Konstellation dergestalt vor: er
hechelt zu Beginn des Stückes dem „Bruder Goethe“ auf den Gipfel nach,
den dieser problemlos erklimmt. Im Frühjahr 1776 brach Lenz von
Straßburg aus nach Weimar auf, um ganz in Goethes Umkreis zu sein. Nach
diversen Irritationen kam es bereits am 26. November desselben Jahres
zum Skandal, Goethe lakonisch als „Lenzens Eseley“ in seinem Tagebuch
hielt. Höchstwahrscheinlich handelte es sich dabei um ein Pasquill, das
Goethe derart erbost hatte, daß er beim Herzog die Ausweisung Lenz‘
durchsetzte. Dessen Abreise erfolgte am 1. Dezember 1776. Für die
restlichen Jahre seines Lebens sind – von wenigen Lichtblicken abgesehen
– nur noch Katastrophen unterschiedlichen Ausmaßes zu registrieren: Beim
Pfarrer Oberlin im elsässischen Waldersbach brach die – schon früher
vereinzelt zum Vorschein gekommene – Geisteskrankheit aus. Herder machte
wohl den aussichtsreichsten Versuch einer bescheidenen Konsolidierung
seiner bürgerlichen Verhältnisse zunichte, indem er 1779 Bewerbung
Lenzens um eine Stelle an der Rigaer Domschule nicht befürwortete. Die
übrigen Freunde aus der Straßburger Zeit wandten sich gleichfalls von
ihm ab. Nach einem erneuten Fehlschlag, in St. Petersburg als Lehrer
oder Soldat unterzukommen, begab sich Lenz im Sommer 1781 nach Moskau.
Hier hielt er sich mit Hilfe einiger Gönner und durch Honorare für
Übersetzungen aus dem Russischen über Wasser. In der Frühe des 4. Juni
1792 fand man ihn tot auf einer Moskauer Straße. Sein Grab ist
unbekannt.
Bis heute besitzen wir keine kritische Gesamtausgabe der Lenzschen
Texte. Lenz selbst hat keines seiner Stücke jemals auf einer Bühne
gesehen. Die Soldaten, sein bedeutendstes Drama (1776
erschienen), wurden von den zeitgenössischen Rezensenten nicht beachtet.
Sein im gleichen Jahr geschriebener Prosatext, der Fragment gebliebene
Briefroman Der Waldbruder, wurde erst 1797 von Schiller in den
Horen veröffentlicht.
Dichtern, nicht den beamteten Germanisten, ist auch die adäquate
Rezeption Lenz‘ vor allem im 19. Jahrhundert zu danken; denn so
einflußreiche Fachvertreter wie Goedeke, Hettner oder Erich Schmidt
schlossen sich Goethes schon zitierter Einstellung an. Georg Büchner
hingegen setzte Lenz das bis heute unübertroffene Denkmal kongenialen
Verständnisses in seiner gleichnamigen Erzählstudie. Gegen Ende des
Jahrhunderts erinnerten die Naturalisten, nicht zuletzt Gerhart
Hauptmann, an ihn als ihren maßgeblichen Vorläufer. Seit Bertolt Brechts
Hofmeister-Bearbeitung ist Lenz‘ Bedeutung auch einer breiteren
Öffentlichkeit nahegebracht worden. Eine neue Dimension hat Lenzens
Rezeptionsgeschichte mit der 1965 uraufgeführten Oper in vier Akten
Die Soldaten (nach seinem gleichnamigen Schauspiel) von Bernd Alois
Zimmermann erreicht.
Werke:
Die derzeit umfangreichste Werkausgabe: Jakob Michael Reinhold Lenz:
Werke und Briefe in drei Bänden. Hrsg. von Sigrid Damm, München/Wien
1987 (Band 1: Dramen, Band 2: Prosadichtungen und Schriften. Band 3:
Gedichte und Briefe).
Lit.:
Curt Hohoff: Jakob Michael Reinhold Lenz in Selbstzeugnissen und
Bilddokumenten. Reinbek bei Hamburg 1977 (rm 259). – Eckart
Oehlenschläger: Jakob Michael Reinhold Lenz. In: Benno von Wiese (Hg.):
Deutsche Dichter des 18. Jahrhunderts. Ihr Leben und Werk. Berlin 1977,
S. 747-781. – Sturm und Drang. Ausstellung im Frankfurter Goethe-Museum.
Hrsg. von Christoph Perels. Frankfurt/Main 1988.
Bild:
Lenz. Bleistiftzeichnung um 1777. Privatsammlung, Schweiz.
Walter Dimter
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